Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 144

Der Psalm enthält eine Vielzahl von Zitaten aus vorhergehenden Psalmen, die hier zu einem einheitlichen Ganzen zusammengefügt sind und dabei teilweise umgestaltet wurden. Es handelt sich um Gedankengänge und wörtliche Aussagen aus den Psalmen 8, 18, 33, 39, 89, 104 und Psalm 128. In ähnlicher Form wie in Ps 18 kommen hier Wünsche und Sorgen des frommen Königs Israels zum Ausdruck. Im Glauben an den HERRN breitet David seine Befürchtungen im Gebet vor Ihm aus. Dabei liegt ihm die Sorge für sein Volk und sein Land besonders am Herzen. Ein wichtiges Anliegen ist die Überwindung der Feinde Israels, darüber hinaus auch die gute Entwicklung der Jugend, Verschonung von Krankheit und gute Erträge der Landwirtschaft. Der König gesteht ein, dass ein günstiger Fortgang auf allen Gebieten letztlich nicht von seiner Tüchtigkeit als Heerführer und von seinen Regierungsmaßnahmen abhängt, sondern von der Gnade und dem Segen des HERRN. Die Wohlfahrt des Volkes hat ihre tiefere Ursache darin, dass der HERR Israels Bundesgott ist. Auf Sein rechtzeitiges, wohlwollendes Eingreifen bleiben sie immer angewiesen. Der gute Erfolg ist nicht einem Menschen, sondern Ihm allein zuzuschreiben. „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“ (1. Kor 1,31; Jer 9,22.23), und Ihm gebührt alle Ehre. Ihn mit Freudigkeit zu loben und Seine Güte zu besingen, ist für David eine allem anderen vorangehende, ehrenvolle Aufgabe, denn sein Gott bedeutet ihm alles.

Mit einem Lobpreis über die in der Vergangenheit erfahrene Hilfestellung des HERRN nimmt der Psalm seinen Anfang. Nicht die wehrhafte Stadtbefestigung kann dem König sicheren Schutz gewähren, und ebenso wenig sein geschicktes Umgehen mit den Waffen. Selbst die beste Kriegsausrüstung garantiert nicht den Sieg. Entscheidend sind vielmehr die Macht und die Weisheit des HERRN und Seine Geneigtheit, den Verlauf der Kämpfe zu Gunsten des Königs zu lenken (Verse 1 und 2; 1. Sam 17,45–47; Ps 18,3.7.15.35f.51; 59,18). Im Vertrauen auf Gott hatte der König David unter den Stämmen Israels Autorität gewonnen und eine starke Machtposition gegenüber den angrenzenden Völkern erlangt (Vers 2b; 2. Sam 21,15–22;). Er schrieb es Gott zu, dass er diese Ziele erreicht hatte, und sein Wille blieb auf dem erfolgsgekrönten Weg unverändert dem Herrn unterworfen. Darum gefiel es Gott, ihm noch Größeres gelingen zu lassen. Es stand nicht von Anfang an fest, dass sich Sieg an Sieg reihen würde. Auch im späteren Verlauf mussten die Absichten des frommen Königs in ständiger Übereinstimmung mit Gottes Willen bleiben, und gerade hierin bewährte er sich als ein treuer Glaubender (Ps 91,1ff).

David hatte die wunderbare Größe Gottes kennengelernt; für ihn stand fest, dass mit ihr keine menschliche Macht zu vergleichen ist. Beim Anschauen Seiner Majestät war er sich der eigenen Schwachheit und Hinfälligkeit als Mensch bewusst geworden. Er hielt sich für unwürdig dafür, dass der HERR seiner Person eine so außerordentliche Beachtung schenkte (Verse 3 und 4; Hiob 14,1f; Ps 8,5, 39,6; Heb 2,6). Diese demütige Haltung als schwacher, unbedeutender Mensch gegenüber der Erhabenheit des ewigen Gottes kennzeichnet auf bemerkenswerte Weise die Gottesfurcht Davids. Trotz des stark gewachsenen Ansehens des Königtums und der erheblichen Ausweitung seines Machtbereichs gestattete er sich keine überheblichen Gedanken. Er blickte nicht auf sich und seine Erfolge, sondern auf Gott, dessen Majestät alle Vorstellungen unendlich überragt. Die Überzeugungen seines Glaubens und die Erkenntnis Gottes hatten diese vorbildliche Einstellung hervorgebracht. David war ein weithin anerkannter Herrscher, Feldherr und Staatsmann geworden, doch diese Entwicklung führte er darauf zurück, dass der HERR Kenntnis von ihm genommen und eine unerhörte Wende zum Besseren für Volk und Land herbeigeführt hatte. Er fand in der eigenen Person nichts, was den HERRN dazu veranlasst haben könnte. Gott hat an dem Beispiel Davids, auch eines Abrahams, bewiesen, dass Seine Gnade einen unauffälligen Menschen benutzen kann, um Außerordentliches zu bewirken. Indessen sind ein fester Glaube und eine demütige Gesinnung unabdingbare Voraussetzungen für solche Fortschritte. Über das Irdische hinausgehend, werden die Treuen, die Ihm in ihrem Leben auf der Erde gedient haben, von Gott geehrt und in der Ewigkeit belohnt werden. Sie haben das, was Gott ihnen an Gaben und Kräften geschenkt hat, an erster Stelle für Ihn und Seine Sache verwandt. Das haben sie getan in der Schwachheit des menschlichen Leibes, dessen vergängliches Dasein einem Lufthauch gleicht. Das Menschenleben geht dahin wie ein vorübergehender Schatten (Vers 4).

In den Versen 5 bis 8 bittet David darum, dass der HERR Seine gewaltige Macht als Schöpfer offenbaren möge, um Israels Feinde zu vernichten, die zugleich Feinde Gottes waren (Ps 18,7–15; 104,32). Ihre Niederschlagung bedeutete Davids und Israels Rettung (Vers 6; Ps 64,8f). Wenn Gott einschritt durch das Erscheinen Seiner Majestät, dann hieß dies nichts anderes, als dass die Widersacher nun vor Gott, ihrem Richter, standen und bestraft wurden. Der Knecht Gottes dagegen wurde mit umfassender Befreiung aus der Not belohnt. Der Schwache wurde durch Gottes Beistand zum Sieger. Die ‚Fremden‘, die Völker in der Umgebung Israels, waren nicht nur eroberungslustig und beutegierig gegen David und sein Volk in den Krieg gezogen; sie hatten sich gleichzeitig gegen deren Bundesgott erhoben. Sie waren Götzendiener, die den HERRN verachteten und sich durch nichtiges, prahlerisches Reden, durch Falschheit, Meineid und Lüge kennzeichneten. Sie waren „Söhne der Fremde“ (Verse 7 und 8; Ps 124), die den allein wahren Gott nicht kannten und Ihm fremd gegenüberstanden (Ps 18,44–46). Bei seiner Bitte konnte sich David auf die Segenszusage des HERRN zugunsten Seines gehorsamen Volkes in 5. Mo 28,1–14 stützen. Diese Zusage findet in der Zukunft noch eine weitere Erfüllung, wenn die Völker der Erde zu der Erkenntnis gezwungen werden, dass der Bundesgott Israels der Herr der ganzen Erde ist. Sein Name bleibt dann für immer mit Israel verbunden, und Seine Herrlichkeit offenbart sich an Seinem irdischen Volk.

Die Verse 9 bis 11 schildern noch einmal die Tiefen der Not, in die der König durch die „Söhne der Fremde“ gekommen war (Verse 7 und 11). Die Macht Gottes war es, die ihn ihrem mörderischem Schwert entriss (Verse 10 und 11; Psalm 18,18.49–51). Der Allmächtige hatte Sich zu Seinem Knecht David in der wunderbaren Weise bekannt, die Er ihm und dem nachfolgenden Königsgeschlecht Davids in Psalm 89,4f für immer zugesagt hat. Der Sieg Davids war ein erneuter Beweis dafür, dass Gott Seine Verheißungen stets erfüllt. David antwortete darauf mit einem neuen Lied (Vers 9; Psalm 33,2–4), das Gottes Treue und Macht rühmte und Freude und Dank für die Rettung zum Ausdruck brachte. Nach den Versen 10 und 11 zu urteilen, bezieht sich das Siegeslied zunächst auf die damalige Rettung Davids. Im Weiteren gibt das herrliche Eintreten des HERRN den zukünftigen Königen aus dem Geschlecht Davids die Gewissheit, dass sie mit derselben Bundestreue Gottes rechnen können.

Die Verse 12 bis 15 haben die Zukunft im Blick. David wandte sich an die Güte Gottes und bat um den Erhalt und das weitere Wohlergehen Israels. Der HERR möge dem Volk gesunden Nachwuchs schenken (Vers 12; Ps 128,3) und seine Ernährung durch gute Erträge der Landwirtschaft sicherstellen (Verse 13 und 14; Ps 65,14; 72,3ff; 1. Kön 8,22–26). Davids Bitten erwecken den Eindruck, dass er die kommenden Notzeiten durch äußere Feinde und infolge der Untreue des Volkes bereits voraussah, wie sie vor langer Zeit schon durch Mose vorausgesagt worden waren (5. Mo 28,15ff). Denn die nachfolgende Geschichte des Volkes kennt viele Berichte über Hungersnot und schwere Mangelerscheinungen auf allen Gebieten. Sie waren hervorgerufen durch den Niedergang des Volkes auf moralischem Gebiet und weil sie von Gott abgefallen waren. Als Strafe dafür folgten Zerstörungen durch hereinbrechende feindliche Mächte, denen die Mauern der befestigten Städte und die Grenzwachen nicht standhalten konnten. Danach erfüllten die Klagen über Gefallene und das Wehgeschrei der Verwundeten und Wehrlosen das Land (Vers 14; 3. Mo 26,14–17). Aus Liebe zu Seinem irdischen Volk hat Gott ihnen rechtzeitig eindringliche Warnungen zukommen lassen. Zum Abschluss dieses Psalms jedoch verheißt das Wort dem Volk statt der Kriege und der Notzeiten große Wohlfahrt und glückliche Verhältnisse unter der Bedingung, dass der HERR von ihnen anerkannt und das Gesetz befolgt wird und dass sie in der Abhängigkeit von Ihm bleiben. Wenn sie dem HERRN gehorchen, wird Er ihnen die Fülle des Segens zukommen lassen, die Er einem treuen, gottesfürchtigen Volk in 5. Mo 28,1–14 zugesichert hat (Vers 15; Ps 33,12; 128,1).

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel