Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 37

Mit kurzen Worten umschreiben der dritte und der vierte Vers den Inhalt des Psalms; er wird treffend als die Lebensweisheit der Frommen charakterisiert. Der Gottesfürchtige wird auf den HERRN vertrauen und im praktischen Glauben an den HERRN leben. Ungeachtet aller Widrigkeiten soll er fortfahren, Gutes zu tun, und mit Besonnenheit ein ruhiges Leben führen. Dabei wird er dem HERRN die Treue bewahren und seine Freude in Ihm und in den geistlichen Dingen suchen. Er muss Sorge tragen, dass er die Aufgabe, die ihm zufällt, an dem Ort, an den er gestellt ist, redlich erfüllt. Dann wird die Güte und Freundlichkeit Gottes ihm nichts vorenthalten von dem, was er bedarf (Ps 16,5–7; 73,25–28; Jes 58,13f; Mt 6,32–34; 1. Joh 3,22).

Der Psalm fordert wiederholt dazu auf, die gegenwärtigen Umstände nicht überzubewerten, sondern den Blick auf die dem Glaubenden verheißene gesegnete Zukunft zu richten. Besitzer des Landes (Vers 22), das heißt alles dessen, was Gott für den, der Seinem Wort gehorcht, bereit hält, werden letztlich die Sanftmütigen sein, die zum Frieden, zur Demut und Zurückhaltung neigen und auf den HERRN hoffen. Seine Frommen sind die von Gott Gesegneten, es sind die Gerechten, die Seinen Weg bewahren (Vers 34). Sie sind aufrichtig und lassen sich nichts zuschulden kommen. Obwohl der Psalm mehrmals auf zukünftige Segnungen hinweist, will er nicht die Belohnung zum Ansporn für die korrekte Haltung machen. Vielmehr soll der Ausblick auf eine überaus gesegnete Zukunft den Gottesfürchtigen dazu bringen, sein Recht und sein Glück nicht in dem zu suchen, was der gegenwärtige Zeitlauf bietet. Betrachtet der Gläubige die Vergänglichkeit und das Wertlose der ihn umgebenden Dinge im Licht des zukünftigen, ewig unveränderlich Wertvollen, dann schätzt er sie richtig ein nach den Maßstäben des Wortes Gottes. Er wird Abstand halten von Schädlichem, und das wird seinem inneren Frieden und der Besonnenheit dienen. Der Blick wendet sich von menschlichen Vorstellungen weg und wird nach oben auf den Herrn gelenkt, aus dessen Hand man immer nur das empfängt, was gottgemäß und wahrhaft nützlich ist. Wer der Leitlinie dieses Psalms folgt, wird gesegnet werden. Der Herr wird ihm Weisheit für alle Entscheidungen geben und ihm zeigen, was ewigen Wert hat. Dies verhilft dazu, Gefahren zu erkennen, geduldig zu werden und die richtigen Erwartungen zu hegen.

Die Verse 1 bis 9 enthalten eine Anzahl grundsätzlicher Regeln, die den Gläubigen zur rechten inneren Einstellung und zu gottesfürchtigem Verhalten anleiten. Beim Einhalten dieser Grundregeln sind die Feststellungen der Verse 10 und 11 nützliche Begleiter; sie stellen das Ergebnis des guten Lebensweges dem Resultat eines schlechten Weges gegenüber. Im Ganzen gesehen, regelt ein aufmerksames Befolgen der ersten elf Verse des Psalms weithin das Leben des Gläubigen zur Ehre Gottes, und dann wird es zum Nutzen und zum Zeugnis für die Menschen dienen, mit denen man es zu tun hat, und gleichzeitig zur eigenen Bewahrung und Segnung. Vers 1 belehrt darüber, dass es nur schadet, wenn wir uns über das Böse und die Übeltäter ereifern und dabei zornig werden. Möglicherweise hatte unsere Entrüstung eher die Makellosigkeit des eigenen Standpunktes ans Licht stellen sollen. Oder hatten wir gemeint, den Zorn Gottes über das Übel vorwegnehmen zu müssen? Auch ist man in Gefahr, dass die Empörung das Maß übersteigt, um bald darauf sinn- und kraftlos zu verebben (Verse 1 und 2; Spr 24,19f). „Zürnt, und sündigt nicht“! sagt Eph 4,26. Und der Herr Jesus warnt davor, dass wir uns selbst zu Richtern machen (Mt 7,1). Wenn aber bloßer Unwille oder Neid das Motiv der Kritik ist, dann geht es in Wirklichkeit um irdische Dinge, um Besitz oder um Selbstgerechtigkeit (Ps 73,3). „Würde Gott das nicht erforschen? Denn er kennt die Geheimnisse des Herzens“ (Ps 44,22). „Dein Herz beneide nicht die Sünder, sondern beeifere sich jeden Tag um die Furcht des HERRN“ (Spr 23,17). Haben wir in dem Herrn unser Genüge? Oder halten wir in Wirklichkeit Ausschau nach anderen Dingen? Wie das Gras vergeht, „so wird auch der Reiche in seinen Wegen verwelken“ (Vers 2; Jak 1,11).

Wir sind gehalten, uns dem Guten zuzuwenden, sowohl in unseren Überlegungen als auch in der Tat, und sollen die guten Gelegenheiten nutzen, die sich bieten (Gal 6,9; 2. Thes 3,13). Das trägt bleibende Früchte (Vers 3; 2. Kor 9,8f). Oft bemühen wir uns, unsere Umstände auf eine von Gott unabhängige Weise zu verbessern. Dann fehlt es an Vertrauen und an der Geduld, darauf zu warten, dass Er uns das Nötige zukommen lässt. Den Wohnort und die Arbeitsstelle sollte man nicht leichtfertig wechseln. Gott befahl dem Isaak: „Bleib in dem Land, von dem ich dir sage. Halte dich auf in diesem Land, und ich werde mit dir sein und dich segnen“ (1. Mo 26,1–4). Welcher Art sind unsere Ziele? Was fürchten wir oder was erhoffen wir? Der Gottesfürchtige schaut auf den Herrn, bittet Ihn um Führung und befiehlt Ihm den weiteren Weg an (Verse 4 und 5; Spr 3,6 und 16,3). Eine notwendige Entscheidung fällen zu müssen, kann zur bedrückenden Last werden, doch hier erhält der geduldig auf Ihn Vertrauende die Zusage: „Er wird handeln!“ Wenn uns Unrecht geschehen ist, dann sollten wir die Angelegenheit dem Herrn und Seinem Urteil überlassen und auf Sein Einschreiten warten, das in Vers 6 zugesagt wird (Klgl 3,25.26). Dies hält der Glaube für höhere Weisheit als alle anderen Vorschläge. Statt in Zorn zu geraten, mahnt Vers 7: „Vertraue still dem HERRN und harre auf ihn! Erzürne dich nicht!“ – auch wenn Er scheinbar zögert. Dass jemand Gelingen hat, ist kein Beweis für die Richtigkeit seines Handelns. Auch werden böse Anschläge nicht sofort bestraft. Aber zur bestimmten Zeit in der Zukunft wird Gott das Böse richten. Wenn es uns um Seine Ehre geht, dann wird Er die unsrige nicht außer Acht lassen. Starke Erregung verleitet nur zu rasch zu einem Unrecht (Vers 8; Eph 4,26.31). Es kann nicht unsere Aufgabe sein, das Recht mit Gewalt durchzusetzen. Beweisen wir in alledem Glauben und Ausharren, dann geben wir damit unserer Überzeugung Ausdruck, dass die Zeit der Gott gemäßen Verteilung aller Güter und Werte heranrückt. Die Sanftmütigen, die sich in der Jetztzeit vom Zorn und von der Selbsthilfe zurückgehalten haben, werden sich dann „ergötzen an Fülle von Frieden“ (Verse 9 bis11; Ps 25,12.13; 119,165). Dies im Glauben zu erwarten und darin bis zum Ende auszuharren, kann mit Not und Mühe verbunden sein. Doch zum Glauben gehört auch das Ausharren (Jak 1,3f).

Die Verse 12 bis 22 befassen sich mit den Übeltaten gottloser Rechtsbrecher, denen Gott mit ewigem Gericht antworten wird. Hierzu bildet das unvergängliche Teil der Gerechten einen auffälligen Gegensatz. Vers 22 fasst das Ergebnis des Ganzen in einer Prophezeiung zusammen: Die von Gott Gesegneten, die Gerechten, „werden das Land besitzen, und die von ihm Verfluchten werden ausgerottet werden“. Eindeutiger kann das Urteil nicht ausfallen, es ist Gottes Stellungnahme zu den vielfältigen Ungerechtigkeiten, Nachstellungen, Gewalttaten und Betrügereien der Gottlosen, die nach menschlichem Empfinden oft so lange auf sich warten lässt. Solche Ungeduld ist dem kurzfristig ausgerichteten menschlichen Denken eigen; denn sehr Vielen ist nur das Nächstliegende wichtig. In dringender Notlage mangelt es in verstärktem Maß an der Fähigkeit, in Ruhe mit Besonnenheit darüber hinauszuschauen. Der Herr aber lacht über den Gottlosen, der da so wütend und furchterregend gegenüber dem wehrlosen Gerechten auftritt, „denn er (der Herr) sieht, dass sein Tag (der Gerichtstag des Gottlosen) kommt“ (Verse 12 und 13; Ps 2,4; Jes 2,12). In Vers 14 gehen die Gottlosen mit Schwert und Bogen gegen „den Elenden und den Armen“ vor, um die zu fällen, „die in Geradheit wandeln“. Gott aber kennt die Zukunft. Er sieht den Bogen der Angreifer bereits zerbrochen und „ihr Schwert in ihr eigenes Herz dringen“ (Vers 15). In Wirklichkeit bestätigt sich der Grundsatz, dass jede Sünde ihre Verurteilung und Bestrafung von Anfang in sich trägt.

Mehrere Beispiele brutalen Unrechts stehen in diesen Versen für jede andere Untat auf dieser Erde. Gott hat Sein Urteil darüber bereits gefällt; das bedeutet so viel wie schon vollzogen, obgleich sich dies bisher der menschlichen Wahrnehmung entziehen mag. Im Gegensatz zu dem göttlichen Strafvollzug lesen wir nun von Gottes liebevoller Hinwendung zu den Gerechten. Er versorgt und stützt sie (Verse 16 und 17). An jedem ihrer Tage auf Erden beobachtet Er sie aufmerksam. Fürsorglich hat Er ihr ewiges Erbteil bereits geplant und für sie sichergestellt (Vers 18; Ps 33,18f; Jes 33,15f und 57,1f). Seine Liebe stärkt ihre Seelen, damit sie in Zeiten schwerer Prüfungen nicht den Mut verlieren. Sie werden keinen Mangel an Lebensnotwendigem haben (Vers 19). Nicht umsonst haben sie sich in Glauben und Geduld geübt. Die Gottlosen dagegen werden ihre Ziele niemals erreichen. Sie haben sich in ihrem Leben ihren Begierden und der Gewinnsucht hingegeben; sie sind nicht davor zurückgeschreckt, Unrecht zu tun. Sie haben Gott und Seine Kinder als ihre Gegner behandelt und Sein Wort verachtet. Im Endergebnis bleibt ihnen nichts als nur die immerwährende Strafe. Sie kommen um, „schwinden hin wie Rauch“ und werden als Verfluchte ausgerottet werden (Verse 20 bis 22; Ps 1,6; 92,10). Im Gegensatz zu ihnen hat der Gerechte barmherzig gehandelt und dem Bedürftigen ausgeholfen (Vers 21; Ps 112,4f; 3. Mo 25,35–38; 5. Mo 15,7f; Lk 6,35f); er darf des göttlichen Segens sicher sein.

Die Verse 23 bis 29 zeigen, wie sehr der treue Gott Seine Frommen liebt, wie Er sie stützt und bewahrt, bis sie das Ziel in Seinem Land erreicht haben. Er begleitet die Gerechten, die Ihm die Treue halten und festen Sinnes ihren Weg gehen. In Anerkennung ihrer Treue befestigt Er ihre Schritte, denn an ihrem Weg hat Er Wohlgefallen (Vers 23; Jes 26,2f; 2. Kor 1,21; 1. Pet 5,10). Gott nimmt den Gottesfürchtigen bei der Hand wie ein Vater sein Kind. Wenn der Gerechte fällt, richtet Gott ihn wieder auf. In Seinem Erbarmen lässt Er den Schwachen nicht hilflos daliegen; Er ergreift ihn rechtzeitig, wenn der Bedrängte zu versinken droht. Jeder Gefahr begegnet Er mit liebevoller Fürsorge. Der Gottesfürchtige findet bei Ihm immer Halt und Stütze (Vers 24; Spr 24,16; Mich 7,8; Mt 14,31; Lk 22,32). Jederzeit umsorgt der himmlische Vater die Gerechten, so dass ihnen nichts mangelt. Weil sie sich gerecht und barmherzig gezeigt haben, erfahren sie nun die Hilfe Seiner gütigen und segnenden Hand. Was die Gebefreudigen weggegeben haben, erstattet ihnen der Reichste aller Geber (Verse 25 und 26; Ps 112,5). Indem sie das Böse meiden und das Gute tun, beweisen die Frommen ihre Wachsamkeit, und dass sie auf dem Weg des Rechts sind (Vers 31). Daher ist ihnen ewiges Wohnrecht in dem Land des HERRN zugesichert. „Denn der Herr liebt das Recht und wird seine Frommen nicht verlassen; ewig werden sie bewahrt“ (Vers 28; Ps 11,7; 33,5; Jer 6,16; 1. Pet 1,5). Diese Gerechten werden das Land für immer besitzen, sie werden ewig leben im Reich des HERRN (Vers 29; Ps 25,13). Gottlose hingegen werden mit ihren Nachkommen in Seinem zukünftigen Reich nicht gefunden werden.

Sein Reden und Schweigen wird den Gerechten ausweisen als jemand, der zu den Geliebten des HERRN zählt, denn der Gottesfürchtige „spricht Weisheit aus, und seine Zunge redet das Recht“. Dies rührt daher, dass „das Gesetz seines Gottes in seinem Herzen ist“, es ist die Weisheit des HERRN (Verse 30 und 31; Ps 40,9; 119,13; Spr 2,6.7; Jer 31,33; Mt 11,25), die Weisheit von oben. Das Herz, der Mund und der Wandel des wahrhaft Frommen stimmen miteinander überein. Wer sich „auf den Steigen des Rechts“ bewegt (Spr 8,20), weil er das Recht Gottes liebt, zeigt bereits in der Gegenwart etwas davon, was in der Ewigkeit in Vollkommenheit sein Teil ist. Die Gedanken und die Schritte des Frommen werden durch das Wort Gottes gelenkt, das in seinem Herzen ist. Er lässt sich nicht durch Eigenwillen, Vorurteil und Begierden leiten, sondern handelt gemäß dem „Gesetz seines Gottes“. Deshalb wanken seine Schritte nicht, in Geradheit geht er den Weg Gottes mit Entschiedenheit.

In den Versen 32 bis 38 geht es noch einmal um das Gegensätzliche beim Vergleich des Weges der Gottlosen mit dem Weg der Gerechten. Dabei wird herausgestellt, was diese einander entgegenstehenden Wegrichtungen in Ewigkeit voneinander trennen wird. Der Gottlose findet sein Teil in der ewigen Verdammnis, während der Gerechte „im Gericht bestehen“ wird (Ps 1,5; 112,3) und dem Verderben entgeht. Gott wird ihn retten, sowohl aus aller derzeitigen Gefahr als auch vor dem ewigen Tod und Gericht (Verse 32 und 33). Wer vorwiegend um die Dinge dieser Welt besorgt ist, sich aber um das Heil seiner Seele nicht kümmert, verachtet die Angebote der Gnade Gottes und verliert alles. Wer aber den Zusagen des HERRN und des Wortes glaubt und gottesfürchtig seinen Weg geht, der wird auf dem Weg des Lebens aufwärts ins Licht zu ewigem Besitztum geführt, er entgeht dem Scheol unten (Spr 15,24). Er wird die Vertilgung der Gottlosen erleben (Vers 34; Ps 91,7.8; 112,8). Während er für ein glückliches zukünftiges Leben bestimmt ist und es genießt, wird einst von den Errungenschaften des Gottlosen nirgends mehr etwas zu finden sein. Von denen, die hier nur auf das sahen, was vor Augen ist, wird in dem zukünftigen Reich Christi nichts mehr gesehen (Verse 35 und 36; Ps 49,11–13; Jes 5,8; 51,7.8).

Aber „die gepflanzt sind im Haus des HERRN, werden blühen in den Vorhöfen unseres Gottes“ (Ps 92,8–14). Nicht der, der sich auf unredliche Weise Macht und Besitz aneignete, wird für immer ein glücklicher Besitzer sein, sondern der aufrichtige Fromme, der redlich zu leben sucht und ein „Mann des Friedens“ ist. Er hat ein unvergängliches Besitztum im Reich Gottes zu erwarten. Für ihn gibt es eine sichere Zukunft, während die Übertreter ins ewige Verderben gehen (Verse 37 und 38; Spr 24,19f). Das Eingreifen Gottes zugunsten der Gottesfürchtigen und zur Verurteilung der Gottlosen ist ein deutlicher Beweis der Aufrechterhaltung göttlicher Gerechtigkeit, indem Er nämlich die Unbußfertigen mit ihren Sünden ins Gericht bringt und Seine Frommen segnet. An dem persönlichen ewigen Schicksal jedes Einzelnen wird dies offenkundig werden (Verse 39 und 40). Deswegen heißt es hier: Achte auf den Unsträflichen und auf seine aufrichtige, gerechte Haltung! (Vers 37; Hiob 42,10f; Ps 34,20; 73,17). Seine Rettung ist ebenso sicher wie vollkommen. Wie der HERR im jetzigen Leben die Schutzwehr und Stärke der Gerechten in ihren Bedrängnissen war, so sicher wird Er ihnen in der Zukunft ewigen Frieden gewähren. In Ewigkeit werden die Erlösten des HERRN Seine Güte genießen und sich in Ihm erfreuen (Ps 107,1.2).

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