Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 118

Mit Psalm 118 endet die Reihe der Psalmen, die, beginnend mit Psalm 111, besonders zum Lob und zum Rühmen des HERRN auffordern. Die Gläubigen sind zum Loben und Danken ausersehen. Dazu sind sie durch den Heiligen Geist und ein Leben mit dem Herrn vorbereitet, sie haben die Offenbarung Seines Namens in ihr Herz aufgenommen. Die Erfahrung, durch Seine Güte aus harten Erprobungen gerettet worden zu sein, hat sie in ihrem Vertrauen auf den HERRN bestärkt (Vers 18). Auf diesem Weg haben sie die allen Widrigkeiten überlegenen Mittel kennengelernt, die Er zu ihren Gunsten und zu ihrer Bewahrung einsetzte. Sie wissen sich deshalb auf Seiner Seite und freuen sich auf den endgültigen Sieg des Guten über das Böse. Sie sind von Ihm als Gerechte anerkannt und legen mit Jubel Zeugnis ab von der Güte und den mächtigen Taten des HERRN. In der Mehrzahl der Verse des Psalms spricht ein Einzelner über das im Glauben Erlebte. Indessen ist sein Bericht auch auf Israel zu beziehen, allerdings nur auf die Gottesfürchtigen im Volk, die ihre Geschicke auf den HERRN und Seine Güte zurückführen.

Die Verse 22 bis 26 beziehen sich auf Christus, der den gläubigen Juden hier als von Gott gesandter Messias und Erlöser angekündigt wird. Durch Ihn kommen die Rettung und der Sieg. Darauf folgt dann ein immerwährender Tag unter göttlichem Segen für Sein irdisches Volk, mit andauerndem Wohl und Heil im zukünftigen Reich Christi auf der Erde. Dann genießen die Gottesfürchtigen aus Israel, die an Ihn geglaubt haben, in Frieden und Freude die Gemeinschaft mit Ihm, ihrem Messias und König. Während der jetzigen Zeit des Christentums weilt der Herr Jesus im Himmel. Er wird in der Zukunft auf diese Erde zurückkehren (Vers 26; Apg 3,21), wie Er es damals Seinen Jüngern angekündigt hat: „Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Mt 23,39).

Die Verse 1 bis 4 sind der Erinnerung an Gottes Güte gewidmet. Wer den HERRN kennt, hat Anlass, Ihn für die erwiesene Gnade zu preisen (Psalm 117). Schon bevor der Mensch es selbst wahrnimmt, beginnt die Gnade in seinem Leben zu wirken. Göttliche Vorsehung lässt ihn durch Wort oder Schrift von den göttlichen Dingen Kenntnis nehmen, sei es durch Zugehörigkeit zu einer christlichen Familie oder im Umgang mit gottesfürchtigen Menschen in seiner Umgebung. So ist es auch für einen Juden immer ein Vorzug, zu Israel oder sogar zum Haus Aaron gezählt zu werden (Verse 1 bis 4; Ps 115,12f). Aber für uns gilt heute: Die Gelegenheiten, die Gnade in Anspruch zu nehmen, müssen persönlich wahrgenommen werden, damit eine lebendige persönliche Beziehung zu Gott entstehen kann. Die Echtheit dieser Verbindung zeigt sich unter anderem darin, dass der Betreffende sie als ein Gnadengeschenk erkennt, das durch das Wort und die Güte Gottes bewirkt ist. Dazu gehört auch, dass er seine Überzeugungen bekennt und dem Herrn dafür von Herzen dankbar ist. „Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil“ (Röm 10,10). Die Überzeugung und das Bekennen des Glaubens müssen übereinstimmend vorhanden sein.

Daran wird sich ein Leben des Glaubens in Gemeinschaft mit Gott anschließen. Das Vertrauen auf Ihn wird sich bewähren und die Güte Gottes wird erlebt werden. Ist der Gottesfürchtige in die Enge getrieben und unter Druck geraten, dann lernt er, sich mit seiner Angst und Not an den Herrn zu wenden, und ruft um Hilfe. Darauf wird er erfahren, dass Gottes Treue verlässlich ist und ihn aus der beengenden Situation heraus in einen weiten Raum führt (Vers 5; Ps 18,18–20; 31,8f; 119,32.45;). Durch die äußere und die innere Befreiung wird die Hilfsbereitschaft des Allmächtigen erlebt (Vers 6; Heb 13,6). Ein feindlicher Mensch mag über bedeutende Machtmittel verfügen. Gott gegenüber sind sie jedoch nicht nennenswert, auch dann nicht, wenn die ganze Macht Satans sich dahinter verbergen würde (1. Mo 15,1; Jos 1,9; Ps 27,1; Jes 51,12; Röm 8,31ff). Zuletzt wird der Bedrängte mit Genugtuung auf seine Hasser sehen, ohne dass er sich selbst hätte verteidigen müssen (Vers 7; Ps 54,6.9; 92,12; 112,8). In bedrohlicher Lage werden natürliche Hilfsmittel und hilfsbereite Menschen gerne in Anspruch genommen. Doch sollte nie versäumt werden, „bei dem HERRN Zuflucht zu suchen“ (Verse 8 und 9). Unbedingtes Vertrauen ist nur Ihm entgegenzubringen. Er ist den besten und klügsten Helfern vorzuziehen (Ps 146,3). Bewerten wir das Können und die Hilfsquellen eines Menschen ebenso hoch oder höher als das, was Gott zu Gebote steht, dann verunehren wir den Herrn.

Die Verse 10 bis 14 stützen den Gedanken, dass der Psalmdichter, wenn er in der Einzahl von sich selbst spricht, dennoch die Mehrzahl des Volkes meint. In der Regel sind natürlich nicht „alle Nationen“ notwendig, um einen Einzelnen zu umzingeln oder zu umringen. Auch kann er als Einzelner die Völker wohl kaum vertilgt haben, als er im Namen des HERRN handelte (Verse 10 bis 12). Entsprechend wird auch der Inhalt der Verse 13 und 14 als die Züchtigung und die nachfolgende Rettung des gottesfürchtigen Teils des Volkes aufzufassen sein, zugleich auch als eine prophetische Voraussage der Hilfe des Messias für das Volk, wenn Er erneut auf diese Erde herabkommt. Jedenfalls redet der Dichter von Kriegszeiten, als ihre Feinde sie derart eingekreist hatten, dass jeder Fluchtweg versperrt war. Die Lage war hoffnungslos, der Sieg schien den Feinden zu gehören (Verse 10 bis12; Ps 17,8–13). Doch der Name des HERRN wiegt deren Übermacht auf. Seine Hilfe macht Israel und seinen Anführer stärker als die gewaltige Schlagkraft der Gegner. Der Name des HERRN ist Angriffs- und Verteidigungswaffe zugleich. In noch kommender Zeit ist der HERR für den gläubigen Überrest Israels eine unerschöpfliche Hilfsquelle. Er Selbst wird ihnen zur unüberwindlichen Stärke und im Endergebnis zur wunderbaren Rettung und zum Siegeslied werden (Verse 13 und 14; 2. Mo 15,2; Jes 12,2; 25,9). Zur Zeit des Psalmdichters hatte die Stoßkraft eines feindlichen Angriffs Israel empfindlich getroffen und zurückgeworfen (Vers 13; Ps 129,2; vgl. Sach 12 und 14). Aber die auflodernde Wucht des feindlichen Vordringens sank in sich zusammen, ähnlich einem Dornenfeuer mit seinen zwar hohen Flammen, aber geringer Auswirkung (Vers 12; Jes 33,12; 43,17). Mit der Kraftfülle des Namens des HERRN kann sich keinerlei Machtanhäufung messen (Offb 19,13–16). Was sich Ihm in den Weg stellt, verfällt der endgültigen Vertilgung. Allen aber, die auf Seiner Seite stehen und dies durch ihr Vertrauen beweisen, gehört für immer der Sieg. Der Siegesruhm gebührt allein Seinem Namen, daher finden menschliche Verdienste und der Erfolg der Heerführer hier keine Erwähnung.

Der Psalmdichter beendet mit Vers 14 den Bericht über die ihn bedrängenden Auseinandersetzungen mit Feinden. Er wendet sich in Vers 15 den „Zelten der Gerechten“ zu, deren Wohlfahrt und Frieden durch den HERRN gesichert sind. Sie sind froh und glücklich, dem Tod auf wunderbare Weise entronnen zu sein, wie es einst ihre Vorfahren am Roten Meer erlebten. Sie preisen mit Jubel die Rettung durch die mächtige Hand des HERRN (Verse 15 bis 18; 2. Mo 15,3ff; Jes 30,30). Die Rechte des HERRN ist zugunsten der Sache Gottes und der Gläubigen erhoben und wird den Sieg behalten (Ps 89,14.22–24). Über die damaligen Geschehnisse hinausgehend, befassen sich Vers 15 und die folgenden Verse allem Anschein nach mit der Zukunft. Auch in noch kommender Zeit werden mächtige Taten des HERRN zur Niederwerfung der Feinde und des Bösen führen. Es ist das Werk Seiner Hand, das sich mit gewaltiger Macht erhebt, um Gericht auszuüben (Vers 16). „Deine Hand wird finden alle deine Feinde, finden wird deine Rechte deine Hasser“ (Ps 21,9; 45,5). Weil Gott Wohlgefallen an Seinem Volk hat und es liebt, ist Seine Rechte erhoben, und Er wird den Bedrängten Recht verschaffen (Ps 44,4; 60,7; Jes 59,16–21). Der Arm ist Jesus Christus, der Messias Israels (Jes 40,10.11; 51,5.9; 52,10; 53,1; 63,5f). Für alle, die in jener noch zukünftigen Zeit an Ihn glauben, bedeutet Sein Name Leben, das unvergänglich ist und dem Tod nicht unterworfen ist (Vers 17; Jes 25,8). Diese Gläubigen sind dazu ausersehen, die Taten des HERRN zu erzählen und Seinen Namen in ewigem Lob zu erheben. Der Einzelne sowie die Gesamtzahl des gläubigen Überrests aus Israel werden eingestehen, dass der HERR sie hart gezüchtigt hat. Doch mit großer Dankbarkeit können sie hinzufügen: „Aber dem Tod hat er mich nicht übergeben“ (Vers 18; Jes 38,16; 2. Kor 6,9). Ehe sich des HERRN Heiligkeit und Gerechtigkeit mit den Übriggebliebenen aus Israel offenkundig verbinden kann, muss eine harte Züchtigung zu ihrer Läuterung über sie kommen (Mt 24,16–22). Doch sie besitzen auch die Zusage, dass die Gerichtszeit abgekürzt werden wird und dass die zu Ihm Umkehrenden daraus gerettet werden (Jes 28,28; 57,15–19; Jer 10,24; 30,7f; Röm 9,27–29). Dann sind sie in ihren Herzen eins mit ihrem Messias (Jes 53,4–6). „Die Tore der Gerechtigkeit“ (Vers 19) werden weit geöffnet sein für ihren Einzug. Fortan sind sie in glücklicher Gemeinschaft mit Ihm vereint.

Die geöffneten Tore der Gerechtigkeit gewähren freien Zugang in die heilige Nähe Gottes (Vers 19; Jes 26,2). Alles Unreine und Böse, alles nicht Geheiligte muss draußen bleiben und ist dem Gericht verfallen. Der Überrest aus Israel, die Gläubigen aus dem Volk, werden mit Freuden durch diese Tore eingehen, um bei ihrem König und Messias zu sein. Die Liebe zu Ihm, der auch ihr Erlöser ist, zieht sie zu Ihm hin in Seine Gemeinschaft, um Ihm Lob und Ehre zu bringen. Für diejenigen aus Israel, die Ihn weiterhin nicht anerkennen, bleiben die Tore geschlossen. Gott Selbst hat die Bedingungen für den Zutritt in Seine Gegenwart festgelegt; sie sind für alle Zeiten in Seinem Wort offenbart. Gerechtigkeit wird aus Gnade von Ihm empfangen (Vers 21; Jes 12,2; 54,17b; 60,21). In den Besitz ihres Erbteils und aller weiteren Segnungen gelangen sie durch Christus, den Messias.

In den Versen 22 und 23 ist von einem Stein die Rede, den die Baufachleute als ungeeignet verworfen haben. Im Widerspruch zu deren Urteil hat der HERR den nach menschlichem Urteil wertlosen Stein zum Eckstein (oder: Hauptstein) gemacht. Dieser ungewöhnliche Vorgang bringt den Dichter zum Erstaunen, und die Person des Erwählten ist ihm wunderbar (Vers 23; Mk 12,11). Auch der Prophet Jesaja spricht von diesem Eckstein: „Darum, so spricht der Herr, HERR: Siehe, ich gründe einen Stein in Zion, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, aufs Festeste gegründet; wer glaubt, wird nicht ängstlich eilen“ (Jes 28,16). Das Neue Testament belehrt uns darüber, dass hier und in Jesaja Prophezeiungen über dieselbe Person vorgestellt werden, nämlich über den Herrn Jesus Christus. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden“ (Vers 22; Lk 20,17). „Denn es ist in der Schrift enthalten: Siehe, ich lege in Zion einen Eckstein, einen auserwählten, kostbaren; und wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“ (1. Pet 2,6). Der Apostel Petrus hält Israel und seinen Obersten und Ältesten vor, dass sie Jesus Christus, den Nazarener, gekreuzigt haben und dass Gott Ihn auferweckt hat aus den Toten. Petrus fügt anklagend hinzu: „Dieser ist der Stein, der von euch, den Bauleuten, verachtet, der zum Eckstein geworden ist“ (Apg 4,10.11). Auch Paulus nennt den Herrn Jesus Christus den Eckstein (Eph 2,20). Und der Herr Jesus Selbst sagt zu den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes: Habt ihr nie in den Schriften gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden. Von dem Herrn her ist er dies geworden, und er ist wunderbar in unseren Augen“ (Mt 21,42).

Christus ist der für Gott unendlich kostbare Stein, für den die Führer der Juden zurzeit Jesu keine Verwendung hatten. Im Gegenteil in ihren von Hass und Neid getragenen Erwägungen und trotz unüberhörbarer Warnungen verwarfen sie Ihn und achteten Ihn für nichts (Jes 53,3). Statt der Person Jesu, des Auserwählten Gottes, wählten sie einen berüchtigten Rechtsbrecher zur Freilassung aus und ließen Jesus kreuzigen (Mt 27,16–23). Und doch ist Jesus die Person, worauf der Glaube ruht. Er allein ist der vollkommen Bewährte, der dies in unvergleichlich schweren Prüfungen und in Gott gemäßem Verhalten bewiesen hat. Darum wurde Er von Gott auferweckt, und darum ist Er der aufs Festeste gegründete Stein. Wer sich auf Ihn verlässt und Ihm vertraut, wird niemals enttäuscht werden. Durch Ihn und in Ihm gewinnt der Gottesfürchtige die Festigkeit seines Glaubens. In Ihm sind die Gläubigen untereinander verbunden und haben einen Zusammenhalt, der auf keine andere Weise als nur durch den „Eckstein“ und den Heiligen Geist geschaffen werden kann (Eph 2,19–22). Jesus ist auch der nicht wankende Grundstein für jedes geistliche Bauen unter menschlicher Verantwortung (1. Kor 3). „Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über jeden Namen ist“ (Phil 2,9). Er hat Ihm den höchsten Platz vorbehalten: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße“ (Ps 110,1; Eph 1,20–23). Er, der von den Bauleuten verworfene Stein, der von jedermann Verachtete, „Er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein“ (Jes 49,7; 52,13). „Von dem HERRN ist dies geschehen; wunderbar ist es in unseren Augen“ (Vers 23). In diesen Ausruf werden alle einstimmen, die Ihn lieben. Es ist eine Entscheidung der Liebe Gottes und Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit, Jesus Christus zu verherrlichen und Ihm den höchsten Platz zu Seiner Rechten zu geben. Dieser Ihm allein vorbehaltene Platz entspricht der wunderbaren Vollkommenheit Seiner Person (Mt 26,64; Mk 16,19; Röm 8,34).

Das für die Durchführung aller Ratschlüsse Gottes entscheidende Werk ist durch Christus Jesus bereits vollendet. Nach Seinem Erdenweg und Seiner Kreuzigung ist Er auferstanden, und Gott hat Ihn über alles erhöht. Er sitzt zur Rechten Gottes (Heb 1,13; 10,12.13). „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm“ (Joh 13,31). In Herrlichkeit wird Er öffentlich hervortreten, wenn „der Tag, den der HERR gemacht hat“, anbricht (Vers 24). Zur Einführung dieses Tages wird der Herr Jesus auf die Erde zurückkehren, um hier Sein Reich aufzurichten (Mk 14,62; Ps 110,2; Dan 7,13.14; Apg 1,11). Vom Anbruch dieses Tages an wird die Entwicklung aller Dinge auf der Erde durch das Wirken des Sohnes Gottes gekennzeichnet sein. Von da an ist nichts mehr menschlichem Wirken oder der Willkür des Bösen überlassen. Die Überlegenheit Gott gemäßer Verhältnisse ist überall wahrzunehmen. Wohlfahrt und ungestörtes Gelingen des Guten sind gesichert. Das Anbrechen des Tages des HERRN und die damit verbundene Freude aller Anbeter Gottes und aller Gottesfürchtigen wird in den Versen 24 bis 26 angekündigt.

Die Gläubigen unter den Juden erwarten Ihn in der kommenden Endzeit als Messias und Erlöser. Sein Wiederkommen bedeutet für sie die Befreiung aus großer Not und den Beginn der ihnen verheißenen Segnungen mit Ihm in Seinem irdischen Reich, nachdem die Widersacher vernichtet sind und alles Verderbte beseitigt ist (Mt 3,12). Dann sind sie als das Volk Gottes auf der Erde anerkannt und genießen Seine Liebe. Die Rettung und das seit langem erbetene Glück sind zur Wirklichkeit geworden (Vers 25). Oft hatten sie die bange Frage an den HERRN gerichtet: „Wie lange, Herr?“ (Jes 6,11; Sach 1,12–17), auch die Frage: „Bis wann?“ (Ps 74,10; 79,5; vgl. Ps 44,10–27). Doch dann erfolgt die Antwort, und der Segen „vom Haus des HERRN aus“ kann ihnen ungehindert zufließen (Vers 26). Die Verzögerung des angekündigten Heils und Segens für das ganze Volk war die Folge von Israels Verhalten in vergangener Zeit seinem HERRN und Messias gegenüber. Der Herr Jesus beklagt, dass Seine vielen Bemühungen um sie vergeblich gewesen waren. Darum hatte Er sie sich selbst überlassen und gesagt: „Ihr werdet mich nicht sehen, bis die Zeit kommt, dass ihr sprecht: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Lk 13,35). Als der Herr Jesus auf der Erde war, hatte nur ein kleiner Teil des Volkes Ihn als den verheißenen Messias anerkannt (Joh 1,11; 5,43). Die Schar, die Ihm damals nachfolgte, lobte Gott freudig mit lauter Stimme „wegen aller Wunderwerke, die sie gesehen hatten, indem sie sagten: Gepriesen sei der König, der da kommt im Namen des Herrn! Friede im Himmel und Herrlichkeit in der Höhe!“ (Lk 19,37f; Mt 23,39). Der Herr Jesus hatte den Juden bereits damals angekündigt, dass Er wiederkommen und dann als König und Messias anerkannt werden würde. Dieses Kommen zur Einführung des Tages des HERRN steht jetzt noch aus. Der Herr Jesus Selbst hat durch Seine Erklärungen die vorliegenden Verse des Psalms 118 erläutert. Sie enthielten eindeutig Seine Bestätigung, dass Er der in diesem Psalm angekündigte Messias ist (Joh 12,12–16).

Die Verse 27 bis 29 kündigen an, dass die Gläubigen aus Israel in der zukünftigen Endzeit Jesus Christus als ihren HERRN und Gott anerkennen werden, indem sie in Bezug auf Seine Person bezeugen: „Der HERR ist Gott“ und: „Du bist mein Gott“ (Verse 27 und 28). Er ist der Gott, der die Welten gemacht hat und erhält, und daher auch der Gott der ganzen Erde. Doch ist Er in besonderer Weise der Gott Israels, jedenfalls des gläubigen Überrests. Mit ihnen ist und bleibt Er in Seiner Bundestreue verbunden und steht ihnen zur Seite. Kein anderes Volk der Erde hat ein Königsgeschlecht, das von dem HERRN erweckt wurde, um den Messias und göttlichen Herrscher des zukünftigen Reiches Gottes auf der Erde hervorzubringen. Wer aus Israel in jener zukünftigen Zeit der Heiligen Schrift und deren Verheißungen vertraut, sehnt den kommenden Messias und König herbei. Von Ihm, ihrem Bundesgott, erwarten sie das wahre Licht. Schon als Er zum ersten Mal unter ihnen erschien, war Er „das wahrhaftige Licht, das, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet“. Aber die Mehrzahl der Menschen erfasste das Licht nicht und blieb in der Finsternis (Joh 1,5.9). Doch das „Licht hat über ihnen geleuchtet“. „Das Volk, das in Finsternis sitzt, hat ein großes Licht gesehen – Licht ist ihnen aufgegangen“ (Mt 4,16; Jes 9,1). Aber als ganzes Volk haben sie es nicht als das ihnen von ihrem HERRN und Gott gegebene Licht erkannt und angenommen. In kommender Zeit aber haben die Übriggebliebenen aus Israel das Glaubensbekenntnis: „Der HERR ist Gott, und er hat uns Licht gegeben“ (Vers 27). Durch Gottes Gnade werden sie dann einsehen, dass Jesus Christus, der einst in Jerusalem verklagt und gekreuzigt wurde, das Licht zu ihrer Rettung ist an dem Tag, den der HERR, das heißt Christus Selbst, gemacht hat. Die Kraft ihres Königs und Messias ist es, die alle Verhältnisse zum Guten wenden wird, so dass sie fortan zur Verherrlichung Gottes sind. Auch ihr Inneres wird Er verwandeln: „Ich werde ihnen ein Herz geben und werde einen neuen Geist in euer Inneres geben“ (Hes 11,19). „Danach werden die Kinder Israel umkehren und den HERRN, ihren Gott, und David, ihren König, suchen; und sie werden sich zitternd zu dem HERRN und zu seiner Güte wenden am Ende der Tage“ (Hos 3,5). Dann werden sie Ihm bereitwillig und von Herzen Opfer bringen (Vers 27), sie werden Ihn preisen und erheben als den Gott des Volkes Israel, der trotz ihrer Untreue ihnen die Treue hielt, Seine Verheißungen wahrmacht und sie segnet. Sie gestehen ein, dass ihre Herzen damals böse waren und dass sie als Volk Jesus, den ewigen Sohn Gottes, verachtet und verworfen haben (Jes 1,4; 53,2–10). Dennoch lässt Gott Seine Güte nicht von ihnen weichen, sondern bleibt bei Seiner Zusage: „Einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großem Erbarmen will ich dich sammeln“ (Jes 54,7). „Preist den HERRN! Denn er ist gut, denn seine Güte währt ewig“ (Vers 29).

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