Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 13

Zu Beginn richtet der Psalmdichter eindringliche Fragen an den Herrn, und mit kurzen Worten schildert er die Not seiner Seele. Obwohl sein Notschrei einem Zweifel an der Güte des HERRN nahekommt und fast herausfordernd klingt, ist er dennoch nicht ein Ausdruck von Verzweiflung. Auch von Selbstmitleid ist nichts zu bemerken. Er scheut sich nicht, sein grübelndes Überlegen und die inneren Kämpfe im Gebet offen darzulegen. Er fühlt sich allein gelassen und sieht keinen Ausweg. Hat der Herr ihn vergessen oder einfach sich selbst überlassen, hat Er ihn gar dem Feind preisgegeben? (Vers 2; Hab 1,2). Im Ringen um das rechte Verständnis der ihm schwer begreiflichen Fügungen trägt der Dichter seine Gedanken vor. Im Grunde setzen jedoch seine Fragen voraus, dass Gott für ihn ist und dies auch kundgeben wird. Nur der Gläubige, der um das unwandelbare Wohlwollen seines Gottes weiß, wird so vertraut mit Ihm sprechen wie David. Er wusste, dass er ohne Gottes Gegenwart und Wohlwollen ums Leben gekommen wäre. Aber wann endlich wird Gott sich ihm zuwenden? Hatte nicht Sein Zögern die tiefen Besorgnisse vermehrt? War die Kraft seines Glaubens etwa unerschöpflich? Wie sollte er weiterhin auf die Barmherzigkeit Gottes hoffen, da er schon so lange ohne Antwort geblieben war? Obwohl David zweifellos bereit war, sich den Fügungen Gottes zu unterwerfen, fühlte er sich durch die anhaltende Prüfung ausgezehrt, zermürbt und traurig (Ps 44,24–27; Jes 40,27 und 49,14f). Unterdessen verhöhnten ihn seine Feinde (Vers 3; Ps 25,2; 74,10f). Eine ähnliche Erfahrung machte der Herr Jesus: „Alle, die mich sehen, spotten über mich; sie reißen die Lippen auf, schütteln den Kopf: Vertraue auf den HERRN! – Der errette ihn, befreie ihn, weil er Gefallen an ihm hat!“ (Ps 22,8.9).

Es war nicht Gottes Ziel, dass David unter seinem Elend zusammenbrach und zum Tode entschlief (Vers 4), so dass sein Feind den Sieg behalten hätte (Vers 5). Ebenso wenig hatte Gott etwas von dem im Sinn, was David Ihm fragend vorhielt und worüber er grübelte und seufzte. Doch dabei blieb David nicht stehen, sondern tat das Richtige in solcher Lage; er breitete seinen Kummer vor Gott aus mit der Bitte: „Erleuchte meine Augen“ (Vers 4). Aus der Dunkelheit seiner schweren Prüfung suchte er das Licht Gottes. „Der in Finsternis wandelt und dem kein Licht glänzt, vertraue auf den Namen des HERRN und stütze sich auf seinen Gott“ (Jes 50,10). Bei solchem Leid brauchen wir wie Esra Augenblicke Seiner Gnade, „damit unser Gott unsere Augen erleuchte und uns ein wenig aufleben lasse“ (Esra 9,8). Wir tun gut daran, wenn wir wie diese Männer Gottes die Gegenwart Gottes aufsuchen und den Herrn vor Augen haben (Ps 16,8). Sein Licht wird uns erfreuen und uns durch die Gemeinschaft mit Ihm neuen Mut geben (Verse 5 und 6; Hiob 33,26–28), „damit niemand wankend werde in diesen Drangsalen“ (1. Thes 3,3).

David verfiel nicht in den Fehler, über die Fügungen Gottes zu murren. Trotz lang anhaltender Erprobung erlahmte er nicht im Gebet und im Aufsuchen der Gegenwart des HERRN, obwohl die Antwort von oben längere Zeit auf sich warten ließ. Er machte nicht den Fehler, zu einer raschen, überstürzten Selbsthilfe zu greifen, sondern vertraute auf Gottes Güte und Seine immer währende Liebe zu denen, die Ihn fürchten (Vers 6). Und der HERR bekannte sich zu dem Glauben Seines Knechtes. Er hatte ihn nicht vergessen. Unsere Bitten gelten häufig irdischen Belangen und unseren Befürchtungen. Doch um höherer Ziele willen muss Gott uns des Öfteren die Erfüllung von solchen Bitten verwehren. Unser Vertrauen auf Gott sollte dadurch nicht enttäuscht werden, denn „wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“ (Röm 9,33). Auf diese Verheißung setzte David alle Hoffnung. Darum wollte er sich schon vorab über die Rettung freuen und den HERRN loben, obwohl er zum Zeitpunkt des Gebets die Art und das Ausmaß der Hilfe noch nicht beschreiben konnte. Sein zusammenfassendes Urteil über die zahlreichen Erprobungen mit all ihrer Not lautete: „denn er hat wohlgetan an mir“ (Vers 6). Er wusste, dass die Prüfungen dazu dienten, seine Augen zu erleuchten, das heißt, ihm vermehrt göttliche Weisheit im Verstehen der Wege des HERRN zu schenken und ihn die Herrlichkeit Gottes sehen zu lassen (Ps 63,3–5; Joh 11,40).

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