Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 135

Der Psalm ist ein Loblied auf den herrlichen Namen des HERRN. Auf den Ruhm Seines Namens kommt der Psalmdichter mehrmals zu sprechen. Er preist Ihn als den ewig Seienden und die höchste Majestät. Er rühmt Seine Güte und Sein Erbarmen, Seine Souveränität und Macht als Schöpfer und Retter. Jerusalem wird als Sein Wohnort bezeichnet. Von dort aus wird Ihm ein vollkommenes Lob entgegengebracht werden (Verse 2 und 21). Die Feststellung, dass Er in Jerusalem wohnt und dass von dort ein ständiges Lob Seines Volkes ausgeht, ist ein prophetischer Hinweis auf Sein zukünftiges irdisches Reich, das in Israel seinen Mittelpunkt hat. Von dort aus wird Er herrschen und alles auf der Erde zum Guten wenden. Von Ihm, dem höchsten Richter, geht die Rechtsprechung aus, denn Er übt dann die Regierungsgewalt über die ganze Welt aus. Niemand kann Ihm die Anerkennung verweigern. Nichts schmälert mehr Seinen Ruhm und kein Misston mischt sich unter das Lob. Der Götzenkult und jede Art von Gegnerschaft sind fortan für immer beseitigt. Dieser Psalm nimmt an manchen Stellen Bezug auf andere Teile der Schrift, z.B. die Bücher Moses und andere Psalmen. Die Textstellen, die er wiedergibt, wurden damals offenbar schon lange zum Lob des HERRN benutzt. Er ist es, der von allem Anfang an jedes Geschehen in der ganzen Schöpfung und unter den Völkern lenkt, damit als Ergebnis der Zeitläufe Seine Ratschlüsse und Verheißungen in Erfüllung gehen. Dass die Gläubigen den Namen Gottes deshalb rühmen, beweist, dass sie der Heiligen Schrift glauben. Sie sehen manche Verheißungen und Teile der Prophezeiungen schon zu ihrer Zeit durch geschichtliche Entwicklungen bestätigt. Doch die Erfüllung der Voraussagen vollendet sich, wenn in der Zukunft die Oberhoheit des HERRN vor den Augen der Menschheit offenbar wird. Dass Gottes erwähltes Volk Ihn schon jetzt gut kennt, ist aus dem vorliegenden Psalm ersichtlich. Sie loben und preisen den HERRN als ihren Schöpfer, darüber hinaus jedoch als ihren Erlöser, der sie aus der Menge der Menschen erwählt und erkauft hat (5. Mo 32,6).

Der Aufruf des ersten Verses richtet sich an die Knechte des HERRN: „Lobt den Namen des HERRN!“. Was sie als Ausdruck Seines vollkommenen Wesens erkannt und als Offenbarungen Seiner Herrlichkeit und Heiligkeit gesehen haben, sollen sie rühmend und lobend vor Ihn bringen (2. Mo 34,7.8; Ps 1031–2; Ps 105,3, 111,2–9). Der Heilige Geist möchte, dass sie als Knechte des HERRN ein gemeinsames Lob bringen, in das alle ohne Vorbehalt einstimmen. Bei gemeinschaftlicher Anbetung geht es nicht um eigene Erfahrungen oder persönliches Wissen und Wollen, auch nicht um spezielle Erkenntnisse, sondern um die für alle Zeiten gültige Erkenntnis des Wesens Gottes und Seines wunderbaren Namens, der hoch erhaben über allem steht. Der Einzelne ist beim gemeinsamen Anbeten ein Diener wie die Übrigen. Indessen rechnet es sich jeder als ein hohes Vorrecht an, gemeinschaftlich mit anderen den allein wahren Gott anbeten zu dürfen. Mit allen vereint, steht er „im Haus des HERRN“ und in seinen Vorhöfen (Vers 2; Ps 134,1f), an dem von Gott dazu bestimmten Ort. Die Anweisungen für den Gottesdienst tun das Ihre, um die zum Loben Seines Namens herbeikommenden Anbeter in Harmonie zu vereinen. Dass alle in Liebe zu Gott und in Demut vor Ihm dort versammelt sind und sich Seiner Güte und der Gemeinschaft untereinander erfreuen, ist ein Werk des HERRN in ihnen (Vers 3). Es ist ein Zeichen mangelnder Gottesfurcht, wenn sie nicht mehr regelmäßig die Gelegenheiten zur Anbetung aufsuchen und nicht mehr mit geistlicher Freude daran teilnehmen (Ps 54,8; 96,2.3). Dann lassen sie außer Acht, dass sie von Gott erwählt worden sind, damit sie Ihm als Sein Eigentum allezeit freudige Anbetung bringen (Vers 4; 5. Mo 7,6; Ps 105,6). Dann hat man kein Empfinden mehr für die Gegenwart des Herrn, und die Liebe zu Ihm ist erkaltet. Die Stätte der Anbetung hat ihre Bedeutung verloren und wird bald ganz aus dem Blickfeld geraten, wie es sich im Falle Israels und noch weit mehr in der Christenheit gezeigt hat.

In Wiederholung von Aussagen anderer Psalmen zitiert der Dichter in Vers 5: „Denn ich weiß, dass der HERR groß ist, und unser Herr groß vor allen Göttern“ (Ps 86,8; 89,7; 95,3; 96,4). Von niemandem außer dem HERRN kann das in Anspruch genommen werden, was die angeführten Bibelstellen und die Verse 6 bis 13 des vorliegenden Psalms über Ihn berichten. Unvergleichlich groß ist unser himmlischer Herr. Uneingeschränkt handelt Er nach Seinem Willen „in den Himmeln und auf der Erde“, das will sagen, in dem Sichtbaren dieser Welt und in den für Menschen nicht zugänglichen Bereichen außerhalb der sichtbaren Schöpfung (Vers 6; Ps 33,9–15; 115,3.16). Der Unumschränktheit Seines Willens und Seines Wohlwollens entspricht das unendliche Ausmaß dessen, was Ihm zur Verfügung steht. Die Reichweite Seiner Macht ist unbegrenzt. „Denn bei Gott wird kein Ding unmöglich sein“ (Lk 1,37). Niemand anders kann Ähnliches von sich sagen. Alles, was sich gegen Seinen Willen auflehnt, ist dem Untergang verfallen. Auch im Gericht bestätigt sich die alles überragende Macht Gottes.

Gott übt Einfluss auf die Wetterlage in allen Erdteilen aus. Auch auf diese Weise behält er das Schicksal der Völker in Seiner Hand (Vers 7; Ps 104,13f; Hiob 38,22f; Jer 10,13; Apg 17,24–28). Nach Seinem Dafürhalten fördert Er durch die Witterung einen Landstrich oder ein Volk. Das Leben des einen erhält Er, und das eines anderen unterwirft Er einer Züchtigung oder beendet es. Allem, was besteht oder vor sich geht, bestimmt Er den Ort und die Zeit. Um Israel aus Ägypten zu befreien, offenbarte Er vor alters Seine Macht als der Begründer und der Erhalter Seines Volkes, indem Er Schicksalsschläge geschehen ließ, die ausschließlich die Ägypter trafen. Zeichen und Wunder dieser besonderen Art lassen Seine Gerechtigkeit und zugleich Seine Allmacht ans Licht treten. Dabei kam damals einerseits die Bevorzugung Seines Bundesvolkes und andererseits die Ungerechtigkeit und Ohnmacht der Ägypter an den Tag (Verse 8 und 9; Ps 78,51–53). Beim Einzug Israels in das Land Kanaan, das der HERR Seinem Volk als Erbteil zugesprochen hatte, trat erneut Seine Macht als Richter und Gebieter über alle Nationen hervor. Er ist es, der alle Geschicke lenkt und über den Ausgang von Kriegen entscheidet (Verse 10 bis 12). Gegen Seine Beschlüsse kann sich kein Widerstand halten, keine Macht kann sich Ihm gegenüber durchsetzen. Er benutzt kriegführende Nationen mit ihren Machtmitteln und Plänen als bloße Werkzeuge Seiner unsichtbaren Hand. In den von Vers 8 an erwähnten Ereignissen trat Er immer als Sachwalter und Bundesgott Israels auf. Doch neben diesem übersah der gerechte Gott keineswegs ihre Verschuldung und die ihrer Gegner.

Die großen Ereignisse, die die Menschheit erschüttern und verändernd auf den Lauf der Weltgeschichte einwirken, ändern nichts an den Beschlüssen Gottes, und genauso wenig verändert sich Sein Name: „HERR, dein Name währt ewig“ (Vers 13). Er ist und bleibt „der selige und alleinige Machthaber“ (1. Tim 6,15). Er bleibt Sich Selbst treu, „denn er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2. Tim 2,13). Der unwandelbare Gott ist ewig Derselbe (Ps 102,13; Heb 13,8). Er ist der „Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist noch der Schatten eines Wechsels“ (Jak 1,17). Als Mose den HERRN nach Seinem Namen fragte, antwortete Er: „Ich bin, der ich bin“... „das ist mein Name auf ewig, und das ist mein Gedächtnis von Geschlecht zu Geschlecht“ (2. Mo 3,14.15; Hos 12,6). Außer Ihm gibt es niemand, dem ein solcher Name zukäme. Kein anderer Name verbürgt Unveränderlichkeit und absolute Vollkommenheit. Er allein ist der gerechte Richter und Gesetzgeber (Vers 14; Ps 9,5; Heb 10,30; Jak 4,12). Seine Gerechtigkeit und Seine Rechtssprüche sind ewig unverändert gültig. Sie sind gegenüber jeder Person gleichbleibend: „Da ist kein Ansehen der Person“ (Kol 3,25). Dieselbe göttliche Gerechtigkeit wendet Er auch gegenüber Israel an, wenn das Volk gesündigt hat und Er es demütigen muss (Vers 14; 5. Mo 32,35–40; Ps 119,75). Indessen bleibt auch Gottes Barmherzigkeit Seinen Knechten gegenüber immer dieselbe, so dass Er „es sich gereuen lassen“ wird, wenn sie zu Ihm umkehren (Vers 14b; Jer 42,10; Hos 11,8.9). Sein Volk kann sich immer auf Sein Wort berufen und sich auf Seine Güte verlassen.

Abgesehen von einigen kleinen Abweichungen entsprechen die Verse 15 bis 18 dem Ps 115,4–8. Wie die damalige Menschheit sich gerne vor Machwerken aus leblosem Material niederbeugte und von ihnen Hilfe erwartete, so sind viele auch heute geneigt, menschlichen Erfindungen eher zu vertrauen als dem Wort Gottes. Die modernen Götzen sind ebenfalls schillernd. Manche Medien erwecken den Anschein, hören, sehen und reden zu können. Das Nachdenken und das Urteil über das Gesehene und Gehörte erledigen sie weitgehend unbemerkt für die Zuhörer und Zuschauer. Ihr starker Einfluss nimmt denen, die sich ihnen hingegeben haben, nach und nach die Fähigkeit weg, selbst die Dinge richtig wahrzunehmen, sie recht zu beurteilen und dies zu formulieren. Das ist eine unbewusste Selbsterniedrigung und im Ergebnis eine Verbildung, die in der Hilflosigkeit endet. Zugleich ist es Täuschung und Selbstbetrug (1. Kor 3,18). Der Vers 18 dieses Psalms stellt fest, dass die, die den Götzen Vertrauen entgegenbringen, ihnen gleich werden. Dieses Urteil bewahrheitet sich an allen, die statt dem wahren Gott zu dienen, den von Menschen gemachten Ersatzgöttern ergeben sind. Der Mensch gleicht sich dem an, was er fälschlicherweise verehrt, obwohl es ihm furchtbar schadet. Erstaunlich ist, dass die Mehrzahl der Menschen an solchen Ersatzgöttern seit jeher sehr interessiert ist. Nachdem sie sich zunächst neugierig mit ihnen beschäftigt haben, wird ihr Augenmerk darauf fixiert und sie verfallen deren Gedankengängen. Sie sinken zu dem Tiefstand der Götzen hinab und können sich über deren Niveau nicht mehr erheben. Der Götze ersetzt weitgehend ihre eigene Persönlichkeit, sie nehmen unbemerkt sein Wesen an. Für die göttliche Wahrheit sind sie dann kaum mehr erreichbar.

Die Verse 19 bis 21 fordern das Haus Israel, das Haus Aaron, das Haus Levi und alle Übrigen, die Gott fürchten, dazu auf, von Zion aus den HERRN, der in Jerusalem wohnt, zu preisen und zu loben (Jes. 12,6). So bleiben sie und ihre Nachkommen in segensreicher Verbindung mit Ihm. Die Gottesfürchtigen kennen den allein wahren Gott, wie Er in diesem Psalm beschrieben wird. Sein Wesen und Sein Wort sind es, woran sie sich orientieren. Durch ihren Glauben sind sie in eine lebendige und bleibende Beziehung zu Ihm gekommen. Sie besitzen Seine Verheißungen, die in der Zukunft in Erfüllung gehen werden, wenn der HERR in Jerusalem Seine Wohnung auf der Erde genommen hat und Sein Reich errichtet (Ps 118,1–4; 132,13f; 134,3). In ewigem Frieden werden sie Ihm dann ein nicht endendes Lob bringen. Doch jetzt schon rühmen alle, die an Ihn glauben, die Majestät Gottes, Seine Allmacht und Seine über alles erhabene Hoheit. Sie erfreuen sich der geistlichen Gemeinschaft mit Ihm, die sie zusammen mit Gleichgesinnten genießen.

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