Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 55

In diesem Psalm ringt eine edle, aufrichtige Seele damit, dass sie sich täglich zwangsläufig in einem unreinen, in verschiedener Hinsicht unmoralischen Umfeld bewegen muss und dass es nicht einfach ist, ein heiliges, für Gott abgesondertes Leben zu führen. Es mangelt oft an innerer und äußerer Ruhe, um die nötige Erholung zu finden, und es bleibt kaum eine Möglichkeit, von den täglichen Belastungen Abstand zu gewinnen. In der Umgebung des Bedrängten ist auf gar nichts Verlass, er sieht dort grobe Unordnung, die er nicht beseitigen kann. Solche, denen er vertraute, haben ihm schwere Enttäuschungen bereitet (Verse 13 bis 15). Er fühlt sich bedrückt und leidet unter der täglichen Belastung (Vers 18). Dennoch scheint es nach dem Willen Gottes der Weg zu sein, den er im Vertrauen auf den HERRN weiterzugehen hat (Vers 23). In der Tat ist er im Endergebnis nicht enttäuscht worden, denn der Herr hat ihn aus dem ständigen Kampf erlöst und ihm Frieden geschenkt (Vers 19). Auch Jesus Christus hat auf dem Weg über diese Erde quälende Umstände kennengelernt und litt sehr darunter. Er hatte die andauernde Feindschaft gottloser Menschen mit ihrer Heuchelei und mit ihrem abgrundtiefen Hass zu ertragen. Dahinter stand unverkennbar die Macht und Bosheit Satans. Die Seele des Herrn Jesus muss dies als ein Waten durch tiefen, schmutzigen Schlamm empfunden haben. Die Sünde, die er in den Herzen sah, war Ihm ekelhaft. Auch die ringsumher sichtbaren Folgen der Sünde betrübten Ihn zutiefst.

In Vers 2 legt der Psalmdichter seine niederdrückenden täglichen Erlebnisse in flehendem Gebet Gott vor. Er ist in so vertrauter Übereinstimmung mit seinem Gott, dass er völlige Offenheit nicht zu scheuen braucht. „Schüttet euer Herz vor ihm aus!“ ruft der Dichter in Ps 62,9 uns allen zu. Dabei werden unsere Gedanken und Gefühle, die wir Gott vortragen, nicht immer wohlüberlegt sein, und möglicherweise bringen wir andere, an unseren Schwierigkeiten mitschuldige Personen nicht so rücksichtsvoll vor Ihn, wie es geschehen sollte. Aus diesen Gründen wird sich David zu der Bitte veranlasst gesehen haben, dass Gott sich nicht vor seinem Flehen verbergen möge (Vers 2). Er gibt unumwunden zu, dass seine Gedanken durch den Kummer ungeordnet umherschweifen und mehr ein Grübeln und Stöhnen sind als eine klare Aussage (Vers 3; Ps 56.9; 119,176). In solcher Gemütsverfassung dürfen wir dennoch unseren Kummer ohne Furcht und im vollen Vertrauen auf Gottes Verständnis vorbringen. „Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Sinn des Geistes ist, denn er verwendet sich für Heilige Gott gemäß“ (Röm 8,27). Ein Kind wird auch ohne wohlgesetzte Worte von seinem Vater verstanden, wie viel mehr dann die Kinder des himmlischen Vaters. In großer Not brachte der Herr Jesus Selbst Sein Flehen „mit starkem Schreien und Tränen“ vor Gott dar und wurde erhört (Heb 5,7). Auch Er wurde mit bodenlosem Hass und in wütendem Zorn angefeindet. Ihre Person war das Ziel des Unheils, das ihre Gegner ersannen (Vers 4; Ps 56,2). Todesangst und Erschrecken waren die Folge. Der Dichter war von Furcht und Schaudern ergriffen (Verse 5 und 6; Ps 116,3). Mit Recht fürchtete er, dass ihm Grauenvolles bevorstand.

Unter solcher Bedrohung möchte man so schnell wie möglich die Flucht ergreifen, um irgendwo in der Stille Ruhe zu finden. Der alles beherrschende Gedanke ist, dem vernichtenden Sturm, dem drohenden Unheil, zu entkommen. So meint man denn, die Taube mit ihren Flügeln sei im Vorteil und in menschenleerer Wüste wäre man am ehesten in Sicherheit (Verse 7 bis 9). Wer diesen Wunschvorstellungen gefolgt ist, hat sehr bald die Ängste einer Taube und das Elend der Wüste kennenlernen müssen. „O dass ich in der Wüste eine Wanderer-Herberge hätte, so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen wegziehen! Denn sie sind allesamt Ehebrecher, eine Rotte Treuloser“ (Jer 9,1); so klagte der Prophet, und doch musste er bleiben, wo er war, denn dort hatte er Gottes Auftrag zu erfüllen. Im kraftraubenden Widerstand gegen den Verfall der Ordnungen und gegenüber dem Bösen ausharren zu müssen, kann dem Betroffenen das Äußerste abverlangen. Der Herr Jesus hat dies erlebt: „Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt; doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott“ (Jes 49,4; Ps 69,10). „Jesus aber antwortete und sprach: O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Bis wann soll ich bei euch sein? Bis wann soll ich euch ertragen?“ (Mt 17,17). Auch als Er gebunden und verurteilt wurde, ist der Herr Jesus nicht zurückgewichen, sondern bot Seinen Rücken den Schlagenden und die Wangen den Raufenden. Seine Rechtssache überließ Er Gott (Jes 50,5–9; 1. Pet 2,23). Statt Entlastung durch die Flucht erreichen zu wollen, ist es um der Sache Gottes willen oft notwendig, zu leiden (Mt 5,10; 1. Pet 3,13–17) und darin dem Beispiel des Herrn Jesus zu folgen. Die dazu nötige Kraft kann nur der Herr geben.

Eine andere Möglichkeit, von dem Druck frei zu werden und den Angriffen zu entgehen, sah der Psalmdichter darin, dass Gott die Bösen vernichtete und ihre Pläne durchkreuzte (Verse 10 bis 12). Doch das Gericht über das Böse und die Vergeltung dafür standen ihm nicht zu; es war Gottes Sache. Da es ja bereits von Gott beschlossen war, in der Zukunft die Herrschaft des Guten auf der Erde durchzusetzen und das Böse auszurotten (Ps 2 und 21), war es durchaus denkbar, dass Gottes Regierungsmacht jetzt schon eingriff und die herrschenden schlimmen Umstände beseitigte. David verfügte zu der Zeit offenbar nicht über die dazu notwendigen Machtmittel. Indessen verflüchtigen sich Gewalttat und Unheil, Frevel, Sittenlosigkeit und Bedrückung normalerweise nicht wie von selbst, eher breiten sie sich weiter aus (Jes 32,6–8). Den bösen Bestrebungen war nicht zu wehren, und das Übel war in Stadt und Land allgegenwärtig. Der Rechtschaffene stand hilflos der Macht der Gottlosen gegenüber und die Seele der Gutgesonnenen litt darunter. In solcher oder ähnlicher Situation mahnt uns die Heilige Schrift, das Beispiel Jesu nicht aus dem Auge zu verlieren: „Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet, indem ihr in euren Seelen ermattet“ (Heb 12,3). Wir dürfen nie unseren Gedanken und Schritten freien Lauf gestatten. Wir müssen die Angelegenheit dem Willen des Herrn anheimstellen. Dabei ist es notwendig, dem Bösen gegenüber innerlich das klare Urteil und die feste Haltung Davids zu bewahren.

Als ob der schlimmen Dinge nicht genug wären, hatte David noch einen besonders schwer zu verwindenden Schlag zu ertragen (Verse 13 bis 16). Sein Freund und Vertrauter war auf die Seite der Feinde übergewechselt und hatte ihn verraten (2. Sam 15,12.31; Ps 41,10; Jer 9,4; Mt 10,36). Eine gleichermaßen abscheuliche Schlechtigkeit musste der Herr Jesus von Seiten des Verräters Judas erfahren und wurde dadurch „im Geist erschüttert“ (Joh 13,21ff). In Davids Umgebung gab es offenbar kaum noch etwas, worauf er sich hätte verlassen können, alle Stützen waren zerbrochen, alles in dieser Welt war ins Wanken geraten. Wir leben heutzutage noch innerhalb eines Geflechts verschiedenster öffentlicher Ordnungen und können uns daher nur schwer vorstellen, wie überaus bedrückend es ist, in nächster persönlicher Umgebung, am Wohnort, im Staat und im Rechtswesen, selbst im Gottesdienst, und wohin immer man blickt, nur noch Zerstörung und Trümmer wahrzunehmen. Für dieses Unheil waren damals anscheinend weder Nachlässigkeit noch Kriegsfolgen verantwortlich zu machen, sondern bestimmte verderbte Menschen im Innern des Landes, die dem Bösen völlig verfallen waren (Vers 16). Nach dem Urteil des Psalmdichters gebührte ihnen der sofortige Tod. Aber diese Bestrafung will und kann er nicht selbst vollziehen, sondern überlässt sie den Fügungen Gottes (4. Mo 16,28–35). Wie auch Mose in weit zurückliegender Zeit, war er überzeugt, dass das Gericht Gottes nicht ausbleiben werde. Tatsächlich richteten sehr bald nach ihrem Verrat sowohl Ahitophel als auch der Verräter Judas sich selbst. Der Tod überfiel auch den rebellierenden Königssohn Absalom (Vers 16).

Was seinerseits zu tun war, das versäumte David nicht: Er flüchtete sich ins Gebet (Verse 17 bis 20). Den verheerenden Missständen wich er nicht aus, obwohl sie ihn stark belasteten. Doch bezüglich des Übels und des Schutzes seiner Person rechnete er auf die Hilfe Gottes; darin fand er inneren Frieden. Vor Ihm legte er seine Last nieder und das machte seine Seele frei. Die Bedrohung seiner Person war nach wie vor sehr ernst zu nehmen. Doch er blieb getrost: Gott würde den Feinden schon deshalb mit Gericht antworten, weil Er der unveränderlich gerechte und treue Gott ist (Ps 74,12; Hab 1,12f). Die feindlichen Gottlosen hatten sich beim Beharren im Bösen äußerst hartnäckig gezeigt (Vers 20). Ihre Unbeugsamkeit und Härte war es, die ihr eigenes Schicksal besiegelte. Ihre Schuld war eindeutig. Ohne es zu ahnen, standen sie vor ihrem Richter. Vergleichbare Verhaltensmerkmale fanden sich auch bei den Obersten der Juden, den Pharisäern und Schriftgelehrten, als sie den Herrn Jesus verurteilten, um Ihn zu kreuzigen.

Die Verse 21 und 22 beschreiben das Heimtückische in der Handlungsweise des gottlosen Verräters und Verführers (vgl. Verse 14 und15; Ps 28,3; 62,5). Dessen hinterhältige Machenschaften gleichen der List des Teufels. Für David war es bitter, dass sein aufrichtiger Charakter und seine Arglosigkeit derartig missbraucht wurden. Ein ihm eng verbundener Berater, auf dessen Treue er unbedingt angewiesen war, hatte ihn schmählich hintergangen. Das war der Gipfel der Untreue und ein grober Vertrauensbruch. David rügte, dass diesem Verräter offenbar nichts heilig war. Die Unwahrhaftigkeit, die sich hinter gespielter Freundlichkeit und gefälligen Worten versteckt hatte, widerte ihn an. Einem gezogenen Schwert hätte er eher begegnen mögen. Alle diese verschiedenartigen Prüfungen bestand David durch seinen Glauben. Was auch immer ihm begegnete, brachte er vor seinen Gott. Das war für ihn eine selbstverständliche Reaktion, weil er die Belastungen aus Gottes Hand nahm. Sie waren ihm von Gott zugewiesen und zu einem nur Gott bekannten Zweck bestimmt. Indessen war David trotz der Härte der Umstände nicht entmutigt. Sollte es soweit kommen, dass er niedergestreckt dalag, dann würde Gott seine Hand stützen und ihn aufrichten (Ps 27,13f; 37,24; 62,3). Niemals würde Gott zulassen, dass der Gerechte wankt und zu Fall kommt (Ps 66,9; 121,3; 1. Kor 10,13). Wie David es selbst seit jeher gehalten hatte, so empfiehlt er es jedem seiner Leser: „Wirf auf den HERRN, was dir auferlegt ist“ (Vers 23; 1. Pet 5,7). Er war immer bereit, sich unter die mächtige Hand dessen zu demütigen, der ihm die Prüfung beschieden hatte. David lebte durch Glauben, dadurch gewann er die Kraft, die Last jedes neuen Tages zu tragen. Die Menschen, die sich zu Werkzeugen des Bösen hergaben, übergab er der Verurteilung und Bestrafung durch die Hand Gottes (2. Sam 17,14; Ps 109,6ff). Sie hatten sich vor allem Gott gegenüber versündigt. Erst in zweiter Linie hatten sie sich gegen ihn und andere vergangen. Der Strafe Gottes, die sie treffen würde, hatte er nichts hinzuzufügen. Die vielen Prüfungen, die er zu durchstehen hatte, gaben David Gelegenheit, seine vorbildliche Gesinnung zu beweisen. Unbeirrt hielt er den Weg des Glaubens ein: „Ich aber werde auf dich vertrauen“ (Vers 24).

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