Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 93

Die Eingangsworte des Psalms reden vorausschauend von der Tatsache, dass der HERR in der Zukunft als Regent auf diese Erde herabkommen und Seine Herrschaft antreten wird in Seinem zukünftigen Reich. Bisher ist Gott nicht als ständiger, sichtbar regierender Herrscher auf der Erde hervorgetreten. Doch dann übt Er Selbst offenkundig und in direkter Weise alle Macht auf der Erde aus. Alles in dieser Welt ist Ihm dann zu Füßen gelegt (Verse 1 und 2). Die Handhabung des Rechts und alle Regierungsmaßnahmen gehen von dem Herrn Jesus Christus aus, der Sich als der HERR, der ewige Gott, offenbart und Sich dabei als der vollkommen Gerechte erweist (Mt 22,44; 24,30; 26,64; 1. Kor 15,25; Offb 11,15). So ist gewährleistet, dass die Rechtsprechung zurückkehrt zur Gerechtigkeit (Ps 94,15; Jes 59,16–20). Im Tausendjährigen Reich wird die Gerechtigkeit herrschen (Jes 32,1), im ewigen Zustand wird sie dauerhaft auf der Erde wohnen (2. Pet 3,13), und sie entspricht dem Wesen Christi, des Gerechten (Ps 45,7.8; Jes 53,11), dies wird Er überall zur Geltung bringen (Jes 2,4; Mich 4,2.3). Dass das Gute und Wahre in der Vollendung der Zeiten durch Gottes Macht zur Durchsetzung kommen wird, haben die Gottesfürchtigen aufgrund der Heiligen Schrift seit jeher geglaubt und erhofft (4. Mo 23,19; Jes 52,7).

Bisher ist die Überlegenheit des Guten durch böse Mächte fortwährend in Frage gestellt worden. Auch wegen der zunehmenden, oft ungehinderten Ausbreitung allgemeinen Verderbens wird der Sieg des Guten immer wieder bezweifelt. Doch durch die Aufrichtung der Regentschaft Christi auf der Erde wird die Wahrheit vom Sieg des göttlich Guten unter Beweis gestellt werden. Dazu wird Er für alle sichtbar mit majestätischer Hoheit vor der ganzen Welt in Erscheinung treten. „Er hat sich umgürtet mit Stärke“ (Vers 1). Dann steht fest: „Gott ist König der ganzen Erde“ (Ps 47,8.9; 104,1f; Jes 63,1f; Dan 7,13.14). Dies bedeutet, dass alle Gewalten, die sich gegen Gott gestellt haben, entmachtet sind. Deren bisherige Möglichkeiten, verderbenden Einfluss auszuüben, sind dann weggenommen. Der gewisse Freiraum für ihre üblen Betätigungen, den Gott ihnen bisher abwartend überließ, ist dann weggefallen. Vernichtet sind die machtvollen Strömungen, die auf geistigem, religiösem und moralischem Gebiet die Stimme gegen Gott erhoben haben und von den meisten Menschen vorgezogen wurden (Vers 3; Offb 19,19.20). Satan beabsichtigte stets, die Rechtsnormen des ganzen Erdkreises ins Wanken zu bringen und Gottes Pläne betreffs dieser Erde und ihrer Bewohner zunichtezumachen (Vers 1b; Ps 95,3.4; 96,10; Offb 16,13.14; 17,14). Aber Gottes Stimme und der Hauch Seines Mundes werden genügen, um der so gewaltig erscheinenden Macht des Bösen in der Zukunft ein Ende zu setzen (Vers 4; Ps 29,3f; 65,6–8; 89,9.10; Apg 4,24–28; 2. Thes 2,8).

Gottes Macht bestimmt über das Fortbestehen der Erde und über den Lauf der Zeiten, nicht aber der Feind Gottes und der Menschen. Auch laufen die Entwicklungen dem Schöpfer der Erde nicht davon. Dies wird mit dem Beginn der Regierung Christi in der Welt offenkundig werden. Dann offenbart Er Sich als Gott, der HERR, in der Person Seines Sohnes Jesus Christus, den Er dazu an einem bestimmten Tag der Zukunft „wieder in den Erdkreis einführt“ (Heb 1,6). Von da an wird Ihn niemand mehr als ewigen Sohn Gottes und Sohn des Menschen in Frage stellen. Niemand wird dann noch bezweifeln, dass der Thron Gottes, der für immer feststeht, nun auch auf der Erde seine Darstellung gefunden hat (Vers 2; Dan 2,44; Offb 11,15). Der HERR allein ist der Ewige und Allmächtige (Mich 5,1). Das Ganze der Schöpfung besteht durch Ihn, den Sohn Gottes, und in der Kraft Seiner Person (Kol 1,15–17). Er legt für alles den Anfang und das Ende fest. Er ist ewig Derselbe (2. Mo 3,14.15; Heb 13,8). Darum ist allein auf Ihn und Sein Wort vollkommener Verlass. Ihm allein gebührt völliges Vertrauen und uneingeschränkter Glaube (Vers 5; Joh 8,14–19.40.45). Die Pflicht, Ihm Ehre zu bringen und an Ihn und Seine Zeugnisse zu glauben, schuldet Ihm jeder Mensch. Wer Ihm nicht glaubt, verletzt Seine Ehre und zieht sich ewige Strafe zu. Die Forderung, Seinen Namen mit allem, was er beinhaltet, anzuerkennen, besteht gegenüber allen Menschen. Denn Er ist der Schöpfer, und alles Erschaffene, was einen Anfang nahm, geht auf Seine Kraft und Weisheit und auf Seinen Befehl zurück. Sein Anspruch auf absolute Oberhoheit kann durch keine andere Macht in Frage gestellt werden. Für Ihn gibt es weder eine Gefahr noch eine Bedrohung. Sein Thron ist unumstößlich, Seine Heiligkeit ist unantastbar und Sein Wort ist unauflöslich.

Der zweite Teil des Verses 5 lautet: „Deinem Haus geziemt Heiligkeit“. Dass Gott Zeugnis über Sich und Sein Wesen gibt, wodurch man Ihn kennenlernen kann, und dass Er ein Haus bereitstellt, worin Menschen Gemeinschaft mit Ihm haben können, ist ein Ausdruck Seiner Gnade (Vers 5). Wer die Nähe Gottes sucht, muss die Ansprüche Seiner Majestät und Seiner Heiligkeit und die Wahrheit Seines Wortes anerkennen. Zu bedenken ist, dass der Thron Gottes auf der Erde nicht weniger majestätisch ist als der ewige Thron Gottes im Himmel. Und Sein Heiligtum auf der Erde ist nicht weniger heilig als Seine Wohnung im Himmel (Ps 11,4; 29,9b; 3. Mo 10,3). Er erwartet von den Ihm Nahenden, dass sie wissen, wie man sich im Haus Gottes zu verhalten hat (1. Tim 3,15) und dass Unreines und Unheiliges von Seinem Haus ferngehalten werden muss (Vers 5b). Ungläubige haben in Seinem Haus keinen Platz, denn Gott will unter solchen wohnen und wandeln, die Ihm zu geistlichen Söhnen und Töchtern geworden sind und durch Sein Werk der Gnade als Geheiligte vor Ihm stehen (1. Kor 6,11). Licht hat mit der Finsternis nichts Gemeinsames. Wer sich im Tempel Gottes aufhalten will, muss sich in Gottesfurcht „von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes“ gereinigt haben, und das bedeutet, Abstand genommen zu haben von allem, was mit der Heiligkeit Gottes nicht zu vereinbaren ist (Mk 11,15ff; 2. Kor 6,14–7,1; Offb 21,27). Jeder Gläubige darf Gott nahen aufgrund des Opfers Christi, aber praktisch gesehen müssen wir immer wieder „geheiligt werden durch die Wahrheit“ (Joh 17,17; Eph 5,26). Jemand, der in Wahrheit Gott liebt, liebt auch die Heiligkeit. Wer Ihm nach eigenen Vorstellungen nahen und in Seinem Tempel, Seinem Haus, sein will, handelt vermessen, er verkennt das Wesen Gottes. Absonderung vom Bösen und Hinwendung zu Gott ist eine Haltung, die zunächst jeder Einzelne Ihm schuldet, die aber in gleicher Weise den gemeinsamen Gottesdienst kennzeichnen muss. Ein korrektes Urteil über das Böse und die Bloßstellung des Falschen sind noch nicht tatsächliche Absonderung, solange man sich nicht wirklich davon entfernt hat, sowohl dem Herzen nach als auch äußerlich. „Stehe ab von der Ungerechtigkeit!“ (2. Tim 2,19.21). Gott will die Trennung vom Bösen, was es auch kosten mag. Er kann keine Gemeinschaft mit jemandem haben, der sich nicht von der Sünde getrennt hat. Seine Gegenwart ist mit dem Bösen nicht vereinbar. Seine Heiligkeit ist unverletzlich, sie muss gewahrt bleiben; „denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“ (Heb 12,28.29; 5. Mo 4,24).

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