Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 1

Den Betrachtungen einzelner Verse sind hier wie auch in folgenden Psalmen einleitend einige den ganzen Psalm betreffende Gedanken vorangestellt. Die Psalmdichter lebten in Gottesfurcht vor ihrem himmlischen Herrn und Gebieter. Sie haben vielfältige Glaubenserfahrungen gemacht, die sie, vom Heiligen Geist inspiriert, als Gottes Wort an alle, die an den einen wahren Gott glauben, zu geistlichem Nutzen weitergegeben haben. Der erste Psalm beschreibt den Gottesfürchtigen und den Gottlosen als nicht miteinander zu vereinbarende Gegensätze. Als in geistlicher Hinsicht völlig verschiedene Menschen stehen sie in einem ganz unterschiedlichen Verhältnis zu Gott. Hervorgerufen ist dies durch den Glauben und die Gottesfurcht der Einen und durch den Unglauben und die Gottlosigkeit der Anderen. Die Einen gehen ihren Weg in Frieden mit Gott durch diese Welt in eine ewige glückselige Zukunft. Unterdessen kennt Gott sie und jeden ihrer Schritte (Vers 6a). Die Anderen kennen Gott nicht, deshalb können sie vor Ihm im Gericht nicht bestehen, und ihr Weg wird vergehen (Verse 5 und 6). Im Unterschied zu ihnen besitzen die Gottesfürchtigen durch den Glauben das, was ihrem Dasein als Menschen den Gott gemäßen Sinn und das Seiner Sache dienende Ziel verleiht. Aber die Gottlosen, die dem allein wahren Gott der Heiligen Schrift die Anerkennung versagen und sich selbst nicht als solche, die gegen Ihn gesündigt haben, demütigen wollen, laden ewige Schuld und Strafe auf sich. Sie verweigern dem Schöpfer die Ihm zukommende Ehre und erfahren nie etwas von dem Glück des Friedens und der Gemeinschaft mit Gott. Als Gottlose sind sie ohne Gott in dieser Zeit und Welt. Sie bleiben im Einflussbereich Satans, des Feindes Gottes. Die Gottesfürchtigen dagegen unterwerfen sich Gottes Wort als der allein gültigen Leitlinie ihres Lebens. Sie wissen sich vor Gott verantwortlich. Als Christen sind sie gerne gewillt, dem Vorbild Seines Sohnes Jesus Christus nachzueifern. Es geht ihnen in ihrem Leben um die glücklich machende Zustimmung ihres Herrn und Gottes; mit Freude und Dankbarkeit erleben sie Seine Güte. Auf die hier im ersten Psalm zur Sprache kommenden Grundsätze greifen die Psalmen in der Folge häufig zurück.

Die Verse 1 und 2 beschreiben den Gottesfürchtigen als einen glücklichen Menschen, der sein Leben dem Willen Gottes entsprechend zu Seiner Ehre führt. Mit Bedacht meidet er es, unter den Einfluss solcher zu kommen, die Gottes Ansprüche leugnen und ohne Ihn leben wollen. Seine Gesinnung und seine Denkweise, die sich in der rechten Art seines Verhaltens niederschlagen, entsprechen den Grundsätzen der Heiligen Schrift; von ihr lässt er sich ständig beurteilen und korrigieren (Ps 119,1.97f.105; Eph 4,17–24 und 5,15–17). Gegenüber von Menschen aufgestellten Wissensgrundlagen und Denkansätzen, auch wenn sie einen korrekten Eindruck machen und auf den ersten Blick harmlos oder moralisch neutral erscheinen mögen, wird er immer auf der Hut sein (Ps 119,9.101; Spr 4,26f; Kol 2,8). Immerzu rechnet er mit der Neigung des menschlichen Herzens, sich von Gott zu lösen und frei nach eigenem Dafürhalten handeln zu wollen, und darüber hinaus weiß er um den Hang des Menschen zum Hochmut und zur Sünde.

Sowohl innerlich als auch äußerlich hält sich ein Gottesfürchtiger von allem Unheilvollen, Unheiligen, Unlauteren sowie von Dunklem und Unklarem fern. Er meidet den Umgang mit „falschen Leuten und mit Hinterlistigen“ (Ps 26,4). Denn aus anfangs scheinbar harmlosen Beziehungen entstehen leicht üble Verstrickungen und Abwege. Es ist unmöglich, auf krummem Weg und falscher Bahn zu sein und zugleich im Licht Gottes zu wandeln (1. Joh 1,6.7; Joh 8,12; Jak 4,4). Die eigenen Schritte vor Gott zu erwägen, ist jederzeit geboten, denn ohne es zu merken, kann man „auf den Pfad der Gottlosen“ kommen und mit fortgerissen werden (Spr 4,14). Man wird nicht lange auf einem „Weg der Sünder“ sein können, ohne selbst in Sünde zu fallen. Kompromisse können nie die rechte Wahl sein. Die klare Entscheidung für das Gute ist immer vorzuziehen (2. Kor 6,14–18). Standfestigkeit auf dem richtigen Weg kennzeichnet den verantwortungsbewussten Gläubigen. Zudem sollte beachtet werden, dass es in allen Fällen nicht nur um die eigene Bewahrung geht, sondern vor allem um die Ehre des Herrn und neben diesem auch um den Einfluss, den das eigene Verhalten auf andere hat.

Des Weiteren trifft Vers 1 die Feststellung, dass der Gottesfürchtige „nicht sitzt auf dem Sitz der Spötter“. Ein Spötter nimmt nichts ernst, ihm ist nichts heilig, hemmungslos zieht er alle Dinge ins Lächerliche. Das Maßlose einer Haltung, die sich über alles hinwegsetzt, führt rasch zur Versündigung. „Der Übermütige, Stolze – Spötter ist sein Name – handelt mit vermessenem Übermut“ (Spr 21,24). Eben dieses hat den Fall Satans mit verursacht. Seither sucht der Feind Gottes und der Menschen das Göttliche lächerlich zu machen und benutzt dazu die Spötter. Solche Gesellschaft kann für den Gottesfürchtigen nicht in Frage kommen.

Zu den klaren Merkmalen eines Gottesfürchtigen zählt, dass er „seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht“ (Vers 2; Ps 40,9; 112,1; 119,162; Jos 1,8; Lk 11,28; Kol 3,16). Die Heilige Schrift ist die Richtschnur und die Lebensgrundlage des Gläubigen, der Wille Gottes sein Lebensinhalt. Er braucht das Wort Gottes ständig so notwendig wie das tägliche Brot. Der Gläubige sollte nicht einen Tag verbringen, ohne in der Heiligen Schrift gelesen zu haben. Dadurch bleiben seine Gedanken in Verbindung mit Gott. Nur unter der Einwirkung des Wortes und des Heiligen Geistes kann er „im Gesetz des HERRN wandeln“ (Ps 119,1.35). Zur Belohnung wird Gott ihm die Augen öffnen, so dass er Wunder schaut in Seinem Gesetz, das heißt im ganzen Wort Gottes (Ps 119,18). So nimmt er Gottes Gedanken in sich auf, er wird sie verstehen lernen und sich selbst und alles Übrige im Licht des Wortes Gottes recht erkennen. Ständiges Nachsinnen über die Heilige Schrift macht innerlich gesund (vgl. 2. Tim 1,13f) und kräftigt den Glauben. Der unermüdliche Leser des Wortes steht unter dem Einfluss der gütigen, belehrenden und mahnenden Stimme des allein wahren Gottes. Dies prägt seine Lebensführung, so dass er zu einem lebendigen Zeugen für seinen Herrn wird. Die eine Seite des persönlichen Standpunktes und Zeugnisses ist die konsequente Trennung vom Bösen (Vers 1), die andere Seite die völlige Hinwendung zu Gott (Vers 2). Wahre Glückseligkeit setzt beides voraus, sie bedarf des einen wie des anderen gleichermaßen.

Vers 3 beschreibt göttliche Segnungen als eine Belohnung dafür, dass der Gottesfürchtige die beiden vorhergehenden Verse als Lebensregeln befolgt und dass ihm dies wirkliche Herzenssache ist. Sein ganzer innerer Mensch bekennt sich dazu und sein Verhalten bekundet es. Dabei bleibt er nicht bei äußerer Gesetzesfrömmigkeit stehen. Wie in einigen anderen Stellen der Schrift ist hier der Baum das Sinnbild für einen Menschen (Ps 52,10 und 92,13–16; Mt 7,17). Für das gesunde Wachstum eines Baumes ist sein Standort besonders wichtig. Der richtige geistliche Standpunkt ist: „gewurzelt und auferbaut in ihm und befestigt in dem Glauben, so wie ihr gelehrt worden seid“ (Kol 2,7; vgl. Joh 15,5). „Und er wird sein wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt...; und sein Laub ist grün, und im Jahr der Dürre ist er unbekümmert, und er hört nicht auf, Frucht zu tragen“ (Jer 17,8). Mit der himmlischen Quelle verbunden (Ps 36,10; Jer 2,13), bleibt der diesem Bild entsprechende Gottesfürchtige in Übereinstimmung mit der Schrift auf Gottes Wegen. Daraus erwachsen geistliche Früchte, und diese lassen die Kraft des geistlichen Lebens in ihm sichtbar werden. Nur der Geist Gottes vermag eine gute, bleibende Frucht hervorzubringen, die zur Ehre Gottes ist (Gal 5,22). Dem Fruchttragen eines Baumes geht eine längere Zeit des Wachstums voraus. Ehe der Baum soweit gediehen ist, dass er eine Menge von Früchten trägt, sind es vorerst nur wenige an günstiger Stelle. Indessen ist in Vers 3 der Gedanke vorherrschend, dass jemand, der in der Abhängigkeit von seinem Gott innerlich heranwächst, mit Sicherheit bald Frucht bringen wird. Das ist dann „seine Frucht“, obwohl Gott den „Baum“ gepflanzt und ihm das Wachstum geschenkt hat. Dass hier die Kraft des Heiligen Geistes am Werk ist, zeigt sich nach einer gewissen Zeit unter anderem in der Regelmäßigkeit und der zuverlässigen Qualität des Ertrags. Dieses Bleibende, das Stetige und Beständige, das die Wirkungen des Heiligen Geistes charakterisiert, wird in Vers 3 dadurch veranschaulicht, dass das Blatt eines solchen „Baumes“ nicht verwelkt. Jedes Werk des Heiligen Geistes geschieht für die Ewigkeit und zur Ehre Gottes, deshalb überdauert es auch in letzter Konsequenz die Zeit. Wäre es anders, dann könnte nach göttlichen Maßstäben von einem wahrhaft guten und bleibenden Ergebnis nicht die Rede sein. Von einem segensreichen Gelingen des Lebenswerkes gottesfürchtiger Menschen liest man in den biblischen Berichten über das Leben von Joseph, Mose, Josua, David, Paulus und vielen anderen. Offensichtlich wirkte Gott in ihnen und durch sie, denn die Ergebnisse ihres Glaubenslebens übersteigen in der Auswirkung bei weitem das einem Menschen Mögliche. Das gilt in noch viel höherem Maß für das Werk des Herrn Jesus, des Sohnes Gottes auf der Erde (Joh 17,4; Apg 10,38f).

In den Versen 4 bis 6 werden die Gottlosen im Vergleich zu den Gottesfürchtigen gesehen. Die Unterschiede treten sehr deutlich hervor. Letztlich ohne Bestand und während ihres Lebens ohne sicheren Halt, verwehen die Gottlosen wie die vom Wind fortgetragene Spreu. „Auf der Waage gewogen und zu leicht erfunden“ (Dan 5,27 und 2,35; Psalm 62,10; Hos 13,3) werden im zukünftigen Gericht Gottes diejenigen, die Ihn verachtet und Seinem Wort nicht geglaubt haben (Joh 5,23f). Sie sind für Gott wertlos und für Seine Ziele so nutzlos wie die Spreu des Getreides, selbst wenn sie nach menschlichem Urteil in ihrem Leben Beachtliches geleistet haben. Am Gerichtstag Gottes wird der in unserer menschlichen Gesellschaft üblichen Vermischung von Weizen und Spreu ein Ende gesetzt werden. Die Gott nicht gehorcht haben, werden dann für immer von den Gerechten getrennt und ins ewige Feuer geworfen werden (Mt 3,11.12). So endet „der Weg der Gottlosen“ (Vers 6). Sie können vor Gott, ihrem Richter, nicht bestehen (Psalm 5,6f; Dan 12,2). Sein gerechtes Walten wird an dem Tag des zukünftigen Endgerichts in Seinem Urteilsspruch über jedes Menschenleben ans Licht treten. Der Schuldspruch wird das Verhalten Ihm und Seinem Wort gegenüber berücksichtigen, gemäß der Gesinnung jedes Einzelnen, und den Taten des Gottlosen entsprechend. Die Gerechten werden ihre Belohnung in Gottes Nähe erhalten, in dem Licht einer vollkommen neuen, herrlichen Umgebung. „Sagt vom Gerechten, dass es ihm wohl ergehen wird; denn die Frucht ihrer Handlungen werden sie genießen. Wehe dem Gottlosen! Es wird ihm schlecht ergehen; denn das Tun seiner Hände wird ihm angetan werden“ (Jes 3,10.11; s.a. Mal 3,18; Röm 2,5f). Der Weg derer, die ohne Gott und ohne Christus zum Ziel kommen wollen, führt in die ewige Finsternis, in das ewige Feuer (Off 20,15). Den irrigen Weg des Unglaubens hat jeder von ihnen selbst gewählt, und an dessen Ende beginnt das Gericht mit der ewigen Strafe. Der Herr Jesus ruft bis jetzt jedem zu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12).

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