Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 116

Die Erfahrung des Psalmdichters ist, dass man sich auf Gott verlassen kann, nicht dagegen auf Menschen. Denn Wahrhaftigkeit, Treue, weisen Rat und durchgreifende Hilfe in der Not kann man von ihnen nicht unbedingt erwarten. Sichere Hilfe für jeden Tag und Rettung für die Ewigkeit vermag nur Gott zu gewähren. Diese Gewissheit gehört zu den Besitztümern des Glaubens, sie gibt dem Glaubenden auch in aussichtsloser Lage Ruhe für seine Seele und schützt ihn vor dem inneren Zusammenbrechen. Wenn alle Stützen versagen, lernt der Gläubige, ganz auf Gott angewiesen zu sein und „den Becher der Rettungen“ allein aus Seiner Hand anzunehmen. In Augenblicken der Bestürzung empfindet er die Nähe des Herrn und gewinnt die nötige Kraft zum Überwinden der Tiefpunkte unter starker Belastung. Im Glauben gestärkt, richtet er das Herz ganz auf den HERRN und erlebt die Gemeinschaft mit Ihm deutlicher und intensiver als je zuvor. Das findet Ausdruck in den Worten: „Ich liebe den HERRN“ (Vers 1). Es ist die Antwort des Herzens auf die Liebe, mit der Sich der HERR dem Bedrängten zuneigt und sein dringendes Flehen hört. Durch die Stärkung von oben und die Rettung aus der Not hat der leidende Schwache die Liebe erlebt, die Gott zu uns hat (1. Joh 4,16). „In diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,37). Nichts kann den Glaubenden von der Liebe Gottes trennen. Nichts anderes und kein anderer als nur Er soll sein Herz einnehmen. Für Gott, der die Liebe ist, muss es eine Freude sein, von dem, den Er erlöst und errettet hat, geliebt zu werden. Die Liebe Gottes veranlasste den Psalmisten zur Anbetung des HERRN. Aus Liebe zu Ihm ordnete er sein Denken und Handeln Seinem Willen unter. Als Diener des Herrn liebte er Sein Wort; er wünschte die Gedanken Gottes zu verstehen und zu befolgen. Seine Zuneigungen galten Gott und die Liebe zu Ihm bestimmte seine Ziele und seinen Einsatz. Für jeden Tag seines Lebens hatte er sich vorgesetzt, Ihn in allen Angelegenheiten anzurufen. Im Glauben breitete er seine Sorgen und sein Vorhaben vor dem HERRN aus, der Sein Ohr zu ihm geneigt und ihn errettet hatte (Vers 2; Ps 31,23.24; 40,2f).

Die Verse 3 und 4 berichten, dass furchtbare Umstände den Psalmdichter an den Rand des Todes gebracht hatten (Ps 18,5.6; 55,5f; 88,4–7). Doch er kannte Den, der „die Fesseln des Todes“ lösen und von dem Scheol erretten kann. Der Name des HERRN bedeutete für ihn Gnade, Rettung, Gerechtigkeit und Leben (Verse 4 und 5; 2. Mo 34,6; Ps 103,4; 112,4), und seine Rettung bestätigte die Wahrheit der Zusagen der Heiligen Schrift (Vers 6). Nicht vergeblich hatte er an den Namen des HERRN geglaubt und Ihn um Hilfe angerufen. Denn er wandelte „durch Glauben, nicht durch Schauen“ (2. Kor 5,7). Auch im Hinblick auf die Zukunft verließ er sich auf den HERRN Selbst und auf Seine Zusagen. Unbedingtes Vertrauen, Dankbarkeit und Liebe in seinem Herzen hatten die Gemeinschaft mit Gott inniger werden lassen. Sein Gebet war ein aufrichtiges Rufen zum HERRN gewesen, ohne zweifelnde Nebengedanken und eigene Überlegungen. Nicht seine Vernunft hatte ihn dabei gestärkt, sondern sein einfältiger Glaube. Das war der Hintergrund Seines Hilferufs: „Bitte, HERR, errette meine Seele!“ (Vers 4). Solche Herzenseinfalt war dem HERRN wohlgefällig (Vers 6; Ps 22,25; 40,18). In seiner Schwachheit war der Psalmist stark im Glauben.

Nachdem die Gefahr abgewandt ist und die furchtbare Belastung ein Ende gefunden hat, kehrt der Errettete sozusagen aus der Sphäre des Todes in die des Lebens zurück und kommt wieder zur Ruhe (Vers 7; Ps 13,6). Es ist zugleich ein Ruhen in Gott. Das Ruhen der Seele in Seiner Nähe hat Gott durch Fügungen erreicht, die den Frommen zunächst in harte Bedrängnis brachten. Aber der schwer Geprüfte macht Ihm deswegen keinen Vorwurf, sondern sagt zu seiner Seele: „Der Herr hat wohlgetan an dir“ (Vers 7). Er ist überzeugt, dass der Weg des HERRN der beste ist, denn Er hat seine Seele vom Tod errettet, seine Augen von Tränen und seinen Fuß vom Sturz (Vers 8; Ps 30,12f; 56,14; 68,21). Die weiteren Lebensjahre, die ihm nun von Gott gewährt worden sind, und die wiedererlangte äußere und innere Ruhe, auch die Kräfte, die Gott ihm neu geschenkt hat, möchte er verwenden, um vor dem HERRN zu wandeln (Vers 9), in Gemeinschaft mit Ihm, in Gehorsam und Dienstbereitschaft unter Seiner Gnade. Die Liebe zu Ihm treibt ihn an, den Weg zur Ehre des HERRN und im Aufblick zu Ihm zu gehen. Im Glauben möchte er vor Seinen Augen und unter Seinem Schutz bleiben.

Die Worte des Psalmdichters sind der Ausdruck festen Vertrauens auf Gott (Vers 10; 2. Kor 4,13). Wenn er in der schlimmen Lage, die ihn aufs Äußerste bedrängt hatte, sein Vertrauen weggeworfen hätte, dann hätte er in Verzweiflung geschwiegen. Es ist klar, dass ein Verzweifelter nicht von Glauben und Vertrauen reden kann. Der Dichter hingegen durfte bekennen: „Ich glaubte, darum redete ich. Ich bin sehr gebeugt gewesen“ (Vers 10). Wenn jemand über Geistliches spricht, ohne dass ein lebendiger Glaube in ihm in Tätigkeit ist, dann werden seine Worte sehr bald den Herrn verunehren. Wie könnte er vor anderen einen Glauben bezeugen, der durch seine Haltung widerlegt wird? Über geistliche Dinge sollte nur in der Kraft wahren Glaubens belehrend geredet werden. Ist diese Kraft nicht vorhanden oder der Glaube nicht tatsächlich wirksam, dann fehlt auch die Leitung durch den Heiligen Geist und das Wort Gottes. Der Apostel Paulus zitiert in 2. Kor 4,13 den Vers 10 des vorliegenden Psalms und schreibt dazu, dass derselbe Geist des Glaubens auch ihn bei dem, was er vortrug, anleitete und kräftigte. Denn Paulus war wie der Psalmdichter vom Tod bedroht worden und vertraute in dieser Not allein auf Gott, der ihn aufzuerwecken vermochte und ihn lebendig darstellen würde (2. Kor 4,14). Wie in dem Psalmdichter, so wirkte in dem Apostel ein lebendiger Glaube in geistlicher Kraft und bestimmte seine praktische Haltung. Beide hatten die geistliche Kraft, sich über die augenblicklichen, ihr Leben bedrohenden Umstände zu erheben. Beide ehrten Gott dadurch, dass sie sich in ihrer Not nicht auf anderweitige Hilfe verließen, sondern auf Gott allein. In ebenso fester Glaubenshaltung begegneten einst die Reformatoren der heftigen Bedrohung durch Widersacher. In der Kraft des Heiligen Geistes und gestärkt durch Glauben überwanden sie alle Gegenströmungen und wurden zu kraftvollen Zeugen für die göttliche Wahrheit. Wer nicht ausschließlich den Verheißungen Gottes und Seiner Liebe vertraut, wird tatenlos auf günstigere Umstände hoffen und anderwärts nach Rettungsankern suchen, die er für verlässlich hält. Von Menschen wird er oft enttäuscht werden und bestürzt feststellen, dass sie ihn getäuscht und in der Sache versagt haben (Vers 11). Kein Mensch kann Gottes Hilfe ersetzen. Selbst gutgemeinte, sachkundige Worte bleiben menschlich. Das Versprochene lässt sich oft nicht einhalten (Jer 9,4–6; Röm 3,4). Außerdem darf kein Mensch behaupten, ausschließlich die Wahrheit zu reden. Der Einzige unter den Menschen, der nur die Wahrheit redete, war der Herr Jesus. Nur Er hat das Recht, von sich zu sagen: Ich bin die Wahrheit (Joh 14,6), und niemand kann abstreiten, dass Er die Wahrheit selbst ist.

Die tiefgründige, von Herzen kommende Danksagung der Verse 12 bis 14 zeigt, dass der Psalmdichter das Ausmaß seiner Rettung und die Größe der Gnadengeschenke des HERRN zu schätzen wusste. Woher könnte der schwache Mensch ein Gegengeschenk nehmen, was den göttlichen Wohltaten auch nur einigermaßen entspräche, so dass er es Gott als Anerkennung bringen könnte? Darum ruft der Dichter aus: „Wie soll ich dem HERRN alle seine Wohltaten an mir vergelten?“ (Vers 12). Einen bis zum Rand gefüllten Korb mit Geschenken, die ihm zur gegenwärtigen Rettung und zum ewigen Heil ausschlugen, hatte der HERR ihm gereicht, Ihm blieb nur das Zugreifen im Glauben und der Genuss des vortrefflichen Inhalts (Vers 13). Dankerfüllt nahm er diesen „Becher der Rettungen“ entgegen. Er durfte sicher sein, dass ihm die göttlichen Gaben nicht wieder genommen wurden. Als persönliches, unverlierbares Teil hatte Gott ihm das Beste zuerkannt (2. Sam 7,18–29; Ps 16,5f; 23,1–6). Das gab ihm immerfort Anlass zum Lob des HERRN und zugleich die Kraft, vor dem HERRN zu wandeln, und darüber hinaus die Gewissheit, einst für immer „im Land der Lebendigen“ zu sein (Vers 9; Ps 27,13). Gerne folgte er der Pflicht, den geschuldeten Dank zu bringen, den er dem HERRN als Gelübde versprochen hatte (Vers 14; Ps 65,2). So fließt das von Gott Empfangene in der Anbetung zu Ihm zurück. Dies ist angenehm vor Gott, zugleich ist es ein gutes Vorbild für die versammelten Gläubigen, in deren Mitte der Dichter Gott seinen Dank ausdrückte und wo er von den vielen Beweisen der Güte Gottes berichten wollte (Ps 22,26; 56,13f; 66,12–16; 111,1; vgl. Heb 10,22; 1. Pet 2,5).

Als einer der Frommen war sich der Psalmdichter bewusst, dass sein Tod kostbar war in den Augen des HERRN (Vers 15; Ps 16,10; 72,13f: Jes 57,1f). In keinem Fall gibt Gott das Leben der Frommen den Umständen preis. Für den Gottesfürchtigen ist der Tod die Vollendung seines Lebenslaufes, und dies zu einem Zeitpunkt, den Gott festgesetzt hat. Dieser Abschluss tritt niemals zufällig ein, er ist immer von dem Herrn gewollt. Gott hat die Frommen aus der Menge der Menschen für Sich ausgewählt und begleitet jeden Schritt ihres Lebens. Sie sind die Frucht der Erde, die aus der großen Zahl der Menschen für Ihn übrigbleibt und die Er für Sein ewiges Reich wie einen Ertrag erntet. Sie sind die Gegenstände Seiner Ratschlüsse und Seiner Liebe. Um ihretwillen lenkt Er die Geschicke, denen sie sich in ihrem Leben gegenübergestellt sehen. Jeder Fromme darf darauf rechnen, dass sich sein Lebenslauf unter der ständigen Aufmerksamkeit Gottes abwickelt und einem Plan unterliegt, der nicht von irgendwelchen Mächten oder Umständen durchkreuzt werden kann. Die Aussage des Verses 15 macht die Auferstehung zum Leben notwendig und setzt sie voraus, denn andernfalls würde das für Gott so Kostbare verloren gegangen sein. Der Tod des Frommen ist das Ablegen des vergänglichen irdischen Leibes und der Übergang aus dem Erdendasein nach der Auferstehung in ein Leben, das der Verherrlichung Gottes dient und ewiges Heil und ewige Seligkeit bedeutet. „Glückselig die Toten, die im Herrn sterben, von nun an! Ja, spricht der Geist, damit sie ruhen von ihren Arbeiten, denn ihre Werke folgen ihnen nach“ (Offb 14,13). Der zitierte Vers erklärt, dass der Herr den Tod Seiner Frommen als Übergang benutzt, um sie in eine neue Umgebung und Bestimmung einzuführen, zu ihrer immerwährenden Freude und zu ewigem Glück in Seiner Gegenwart.

Einem so gütigen HERRN wollte der Psalmdichter jetzt und hinfort dienen. Als Sein Knecht bringt er Ihm die geschuldete Verehrung und den Gehorsam gerne entgegen. In Ehrfurcht beugte er sich nieder vor Seiner Majestät (Vers 16; Ps 86,16; 113,1). Zu solcher Hingabe drängten ihn die Liebe zu dem HERRN und die Dankbarkeit dafür, dass Er seine Fesseln gelöst hatte. Auch der Apostel Paulus sah es als die höchste Ehre an, ein Knecht Jesu Christi zu sein, in allem wollte er sich als Gottes Diener erweisen (Röm 1,1; 2. Kor 6,4). Indem der Psalmdichter sich als „Knecht, der Sohn deiner Magd“ bezeichnet, betont er sowohl seine Zugehörigkeit zum HERRN als auch seine Abhängigkeit von Ihm. Er verdankte Ihm die Freiheit und das Leben (Verse 3 und 8 mit Vers 16b), somit gehörte sein Leben dem HERRN. „Wisst ihr nicht, dass... ihr nicht euer selbst seid? Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden; verherrlicht nun Gott in eurem Leib!“ (1. Kor 6,19f). Dem Herrn zu dienen schließt ein, Ihm einen wahren und würdigen Gottesdienst darzubringen, denn „wer Lob opfert, verherrlicht mich“ (Ps. 50,23; vgl. 116,17). Dazu gehört auch die Dankbarkeit: „Mögen sie den HERRN preisen... und Opfer des Lobes (oder: Dankopfer) opfern und mit Jubel erzählen seine Taten!“ (Ps 107,21.22; vgl. Heb 13,15). Dass der Psalmdichter eine große Dankesschuld empfand, wird durch die Wiederholung des 14. Verses in Vers 18 hervorgehoben. Offenbar freute es ihn, dass er Gott auf rechte Weise danken konnte, um Seine Liebe zu erwidern (Lk 13,13). Der rechte Ort dafür war die Versammlung der Gottesfürchtigen an der Stätte, die der HERR dafür bestimmt hatte, „in den Vorhöfen des Hauses des HERRN, in deiner Mitte Jerusalem. Lobt den HERRN!“ (Verse 18 und 19; Ps 96,8; 100,4). Im gemeinsamen Danksagen an dem durch Gottes Wort bestimmten Ort tritt auch heute die von Gott gewollte geistliche Einheit der Gläubigen zutage.

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