Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 115

Dem HERRN allein kommt göttliche Verehrung zu, und niemand im Himmel und auf der Erde hat Anspruch auf eine solche Ehre, wie sie Ihm, dem Schöpfer, gebührt. Höchste Ehrerbietung geziemt sich auch gegenüber Seinen Worten und angesichts der Taten göttlicher Machtentfaltung von Anfang der Schöpfung an. Für alle erkennbar, hat der HERR Sein Wesen als Licht und Liebe in weiser Barmherzigkeit offenbart, sowohl durch die Aufrechterhaltung des Rechts und des Guten als auch durch unzählige nutzbringende Gaben an die Menschen. Wer dies mit Ehrfurcht und Dankbarkeit anerkennt, den segnet Er. Souveräne Freiheit in dem, was Er will und tut, ist eines der Kennzeichen Seiner göttlichen Majestät. Ihn zu „preisen von nun an bis in Ewigkeit“ (Vers 18), ist die alles Zeitliche überdauernde Aufgabe derer, die Seine Herrlichkeit erkennen und in diesem Licht ihre Stellung vor Ihm mit Demut richtig einschätzen. Ihnen gelten die Verheißungen des HERRN. Doch um in den Genuss der angekündigten Segnungen zu kommen, müssen Gottesfurcht und gläubiges Vertrauen gegenüber den Offenbarungen Seines Namens vorhanden sein. Wer den Götzen dieser Welt vertraut und nebenbei von ihnen Nutzen erhofft, schließt sich selbst von den Segnungen aus. Echter Glaube an den unsichtbaren alleinigen Gott lehnt die Ersatzgötter der Menschen ab. Wahrer Glaube hat mit ihnen nicht das Geringste zu schaffen. Der überaus starke Gegensatz zwischen dem wahren Gott und den Götzen darf nicht kleingeredet werden. Die richtige Einschätzung der Unvereinbarkeit schlägt sich auch im persönlichen Verhalten des Gottesfürchtigen einem Götzendiener gegenüber nieder. Wer Gottes Wort ernst nimmt, wird diesen unüberbrückbaren Gegensatz erkennen lassen. Außer dem allein wahren Gott ist niemand anzubeten. Dem Götzen und dem, was ihm gleich ist, muss jede Anerkennung verweigert werden. Einem Menschenwerk, das Gott ersetzen soll, gebührt nichts anderes als Abscheu (Jes 44,9–20).

Bei der Anbetung Gottes muss menschliches Tun und Wollen zurücktreten. Etwas vom Menschen Stammendes kann dem göttlichen Anspruch auf wahre, heilige Verehrung nicht genügen. Der Anbetende darf keine eigenen, menschlichen Belange im Auge haben. Das in vieler Hinsicht bevorrechtigte Volk Israel und sein Priestertum konnten durch Ableisten des ihnen vorgeschriebenen Gottesdienstes keinen Verdienst erlangen, es handelte sich eher um Pflichterfüllung. Gott ist der Höchste und alle Ehre gebührt Ihm. Von Gottes Ehre darf nichts weggenommen und anderen gegeben werden. Der Psalmdichter hütete sich davor, an sich selbst und an seine eigene Ehre zu denken (Vers 1). Doch derjenige, der von Gott geehrt wird, der ist in Wahrheit geehrt. Diese Ehre wurde Jesus Christus zuteil, als Er auferweckt wurde und den Platz zur Rechten Gottes einnahm (Eph 1,20). Überhaupt ist es schändlich, sich selbst Ehre zu verschaffen (Joh 5,44; 7,18; Apg 12,23; 14,14f). Wer ausschließlich Gottes Ehre sucht, vergisst sich selbst. Dies hat Jesus vollkommen verwirklicht, obwohl Er „es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein“ (Phil 2,6). Er gab Sich Selbst als Opfer hin, um Gott zu ehren und zu verherrlichen (Joh 12,28; 13,31f). Durch das Opfer Christi am Kreuz ist das Wesen Gottes auf die herrlichste Weise ans Licht getreten. Darum ist Jesus Christus höchster Ehre würdig (Phil 2,9–11). „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist, zu empfangen die Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Segnung“ (Offb 5,12).

Mit den höhnenden Worten „Wo ist denn ihr Gott?“ (Vers 2) stellten einst die Götzendiener die Existenz des Gottes Israels in Frage (Ps 42,4; 79,10; Joel 2,17). Sie suchten jede Art der Offenbarung Gottes zu leugnen. Sie bestritten Sein Dasein und damit verweigerten sie Ihm jede Ehre (2. Pet 3,3f). Die heutigen Gottesleugner unterscheiden sich nicht von ihnen. Als der Schöpfer steht Er über jedem Dasein. Er wohnt in den Himmeln außerhalb dieser Schöpfung, und dies schon, bevor es die Zeit gab. Er hat Sich sowohl in der Schöpfung offenbart als auch durch Seine Wege mit Israel und mit den übrigen Völkern der Erde (Röm 1,18–21 in der Schöpfung). Am Ende dieser Tage hat Er zu uns geredet in Seinem Sohn, in Christus. Auch durch die Heilige Schrift offenbart Er Sich den Menschen. Ähnlich wie der sichtbare Himmel, dessen Grenzen nicht auszumachen sind, ist Er über alle Begrenzungen erhaben. In absoluter Freiheit handelt Er nach Seinem unumschränkten Willen und Wohlgefallen (Vers 3; Ps 33,10.11; 135,6; Jes 40,18; 46,10; Dan 4,32). Am Ende der gegenwärtigen Epoche der Menschheitsgeschichte wird die Majestät des Allmächtigen offenbar werden. Dies werden die Gottesleugner beschämt wahrnehmen müssen. Ihre Weigerung, dem allein wahren Gott die Ehre zu geben, die Ihm gebührt, entspricht der Haltung Satans und hat das ewige Gericht zur Folge.

Die Gottesleugner empfinden, dass in den Vorstellungen der Menschen über den Beginn und das Ende des Zeitlichen ein Vakuum entsteht, das erklärungsbedürftig ist, und suchen es auszufüllen durch möglichst plausible Gedankengebäude, zu denen man aufschauen kann. An diese Vorgabe gebundene Teilgebiete der Wissenschaft bemühen sich mit großem Aufwand, das benötigte Beweismaterial für die Lehre zusammenzutragen, dass sich das Ganze der sichtbaren Welt aus dem Nichts entwickelt habe. Ihre Theorie ist „ein Werk von Menschenhänden“ (Vers 4; Ps 135,15ff; 5. Mo 4,28; Jes 44,9ff; Jer 10,3; Hab 2,18f). Das entstandene Gedankengebilde entspricht den materialistischen Wunschvorstellungen vieler, die sich willig davor niederwerfen und ihm gerne ihr volles Vertrauen entgegenbringen. Insofern tun sie nichts anderes als die Götzendiener früherer Zeiten. Logischerweise müssten die schöpferischen Vorgänge, die diese Theorie enthält, reproduzierbar und in der Praxis darstellbar sein. Doch wie bei den Götzen alter Prägung, die sich nicht selbst darstellen und weder reden noch hören können, fehlt es bis heute an Beweisen für die Wahrheit der Behauptungen. Über den Plan und die Kraft, welche die Entwicklung der Welten vorangetrieben haben sollen, wissen die Erfinder der Evolutionstheorie nichts Glaubwürdiges zu sagen. Sie sind in Wirklichkeit in Theorie und Praxis so hilflos wie ihre Machwerke (Verse 5 bis 8). Denn ‚wie der Mensch, so seine Götter'. Ihre Gedankengebilde erscheinen wie eine großangelegte Täuschung. Ein von Gott abgeirrter Mensch gleicht sich unwillkürlich mehr und mehr dem an, was er als Ersatzgott erwählt hat (Vers 8; Jer 2,5). Seine Würde als von Gott in Seinem Bilde erschaffenes Lebewesen büßt er ein, indem er sich selbst für ein bloßes Zufallsprodukt hält, das nichts weiter als Materie ist. Er liebt es, in seinen Anschauungen ungebunden zu sein, denn dabei sieht er sich keinem über ihm stehenden Schöpfer verpflichtet, auch nicht in moralischer Hinsicht. Je mehr sich solche freiheitlichen Anschauungen ausbreiten, desto stärker wird der Verfall der moralischen Werte fortschreiten. Von dem allein wahren Gott, der „allen Leben und Odem und alles gibt“ und der dem Menschen das Gewissen gab, weiß der Mensch dann nichts mehr (Apg 17,25). Der verfeinerte Götzendienst der gegenwärtigen Welt unterscheidet sich dem Grundsatz nach nicht von dem primitiven Kult früherer Zeiten. Wie dieser die Menschen getäuscht hat, so führen auch die modernen Götzen die Menschen in die Irre (Jes 2,20–22; 44,9ff; 1. Joh 5,21).

Die Verse 9 bis 11 sind ein Aufruf, auf den HERRN zu vertrauen und bei Ihm Hilfe und Schutz zu suchen. Der Gläubige kennt keinen Beistand, der Ihm zu vergleichen wäre. Noch weniger verlässt er sich auf die eigenen Kräfte oder gar auf Götzen. Weil der Gläubige den HERRN kennt als den Gott der Güte und Wahrheit, rechnet er auf Seine Treue und Hilfsbereitschaft, die sich auf vielfältige Weise in den Wegen Gottes mit den Gläubigen offenbart haben. Dieses Vertrauen ehrt Gott und ist vor Gläubigen und Ungläubigen ein Zeugnis für Seinen Namen. Das gehört zu den Resultaten des Lebens eines Gottesfürchtigen (Ps 33,18–22; 118,5–9). Die Aufforderungen der Verse 9 bis 11 richten sich an die Glaubenden; sie sind nach Gottes Plan durch das Wirken Seines Geistes in eine enge Beziehung zu Ihm gekommen und haben von Ihm spezielle Aufgaben und Vorrechte empfangen. Die Verbindung zu Ihm hat sie dazu gebracht, sich abhängig von Ihm zu wissen. Sie sind auf Seine Hilfe angewiesen und sind Seiner Liebe und Fürsorge sicher. Ihr Vertrauen wird sich in den Notlagen ihres Lebensweges bewähren, und ihr Gott wird sie nicht enttäuschen. Daraufhin danken sie dem Herrn für ihre Glaubenserfahrungen. Ganz anders steht es mit den vielfältigen Enttäuschungen, die sich aus der Unsicherheit menschlicher Hilfsquellen ergeben.

Die Gottesfürchtigen aus Israel und seiner Priesterschaft und solche, die sich dem irdischen Volk Gottes angeschlossen und den wahren Gott fürchten, sind Gottes Freunde und Vertraute, sie sind die Träger Seiner Verheißungen für die Zukunft. Er beweist die Wahrheit Seiner Zusagen und lässt sie die Erfahrung machen, dass Er sie liebt und an sie denkt (Vers 12). Ihnen beizustehen und sie jetzt und in der Zukunft zu segnen, ist von Gottes Seite fest beschlossen. In Seinem Plan für die Zukunft der Gläubigen aus dem Volk Israel und dem Haus Aaron nehmen die Vorhersagen über ihre Segnung einen bemerkenswerten Raum ein (Verse 12 bis 15; Ps 112,1–6; 128,1–6; Jes 35; 60,13; Offb 11,18). Der verheißene Segen wird in der Zukunft verwirklicht durch Christus, ihren Messias (Jes 9,1–6). Die vordem als Glaubende geringgeschätzt wurden, werden zukünftig reich beschenkt mit Gottes Gaben, sie werden vollkommen glücklich sein (Vers 14; Jes 49,18ff; 54,1ff; Sach 10,7.10). Jeder Einzelne von ihnen wird wahres Glück und den Frieden Gottes in einem neuen, ungleich besseren Lebensraum genießen.

Der HERR, „der Himmel und Erde gemacht hat“ (Vers 15), wird vor aller Augen in Erscheinung treten lassen, in welch göttlich großer Weise Er zu segnen vermag. Unter Seiner Lenkung wird die gereinigte, neu geordnete Erde weit mehr an Gütern und Wohltaten zu bieten haben, als man sich jetzt vorstellen kann. Alle üblen Einflüsse, vor allem Satan und seine Götzen, sind beseitigt, sie können nichts mehr verderben. Die Maßnahmen unter der Regierung des HERRN werden beste Ergebnisse haben. Fortan machen alle Lebensumstände deutlich, dass die Welt Ihm gehört. Die dann Lebenden sind Ihm unterworfen und werden das ihnen Anvertraute in Seinem Sinn verwenden. Die Schöpfung insgesamt offenbart dann das Wesen Dessen, der sie gemacht hat, und in allem zeigt sich, dass Er nun Sein Ziel erreicht hat, den Menschen eine Fülle von Gutem zu geben (Vers 16; Ps 8,4–10; Jes 45,16–18). Die Segnungen sind beständiger Natur, sie sind nicht wie bisher dem schwankenden Verhalten des Menschen zugemessen, sondern bleiben dem Wesen Gottes gemäß unveränderlich.

Der Psalmdichter und mit ihm die übrigen Gottesfürchtigen halten es für ihre vornehmste Aufgabe, den HERRN in Ewigkeit zu preisen. Tote, „die zum Schweigen hinabfahren“, sind dazu weder geeignet noch in der Lage (Vers 17; Ps 6,6; 118,17; Jes 38,17–19). Gottesfürchtige wissen aus der Heiligen Schrift, dass der HERR in Ewigkeit ein Volk haben wird, das Ihn lobt (Vers 18). Wenn aber die Gottesfürchtigen nach ihrem Ableben wie alle anderen Menschen im Tod bleiben würden, kämen sie als Anbeter Gottes nicht mehr in Betracht. Doch nach den Zusagen der Schrift werden alle, die zu Gottes Volk zählen, nicht im Tod bleiben, so dass ihr Lob nicht endet, sondern sich in Ewigkeit fortsetzt. Das gilt sowohl für das irdische Volk Gottes, Israel, als auch für das himmlische Volk Gottes, die Versammlung. Es entscheidet sich im irdischen Leben, ob ein Mensch zum Anbeter Seines Namens geworden ist oder nicht. Diese Entscheidung hat endgültigen Charakter. Darum gilt die Feststellung: Wer Gott hier (auf der Erde) nicht lobt, wird ihn hernach (in Ewigkeit) nicht loben. Geistlich Tote haben kein Leben aus Gott, daher können sie keine Anbeter sein. Sie haben dies ja auch nie gewollt. Aber die durch Glauben zum Leben Gekommenen sind ausersehen und befähigt (Hab 2,4), Gott anzubeten. Ihres ewigen Heils sind sie gewiss; sie sind vor dem Verderben bewahrt und verdanken ihr Leben Gott. Jetzt schon möchten sie ihr Dasein zur Verherrlichung Seines Namens verwenden. Sie halten es für die angenehmste aller Aufgaben und die schönste aller Pflichten, Ihn zu loben. Das ist ihr persönlicher Dienst, den sie vereint mit allen Erlösten und im völligen Einklang mit ihnen in Ewigkeit ausüben. Ihr Gott und HERR wird sie auferwecken und sie ewig segnen. Dann werden ihnen die Offenbarungen des herrlichen Wesens Gottes, die sie hier schon kennengelernt haben, Anlass zu ewiger Anbetung sein.

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