Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 14

Vorab ist einiges zum Gesamtinhalt des Psalms zu bemerken. Er wendet sich, wie überhaupt das Alte Testament, ursprünglich an das Volk Israel. Diesen Sachverhalt bestätigt der siebte Vers. Indessen sind die übrigen Verse so gehalten, dass sie auf die Menschen aller Zeiten und Gegenden angewandt werden können. Der Dichter beschreibt unter der Leitung des Geistes Gottes eine Zeit, in der die völlige Abwendung von Gott zum wichtigsten Charaktermerkmal des Großteils der Menschheit geworden ist. Die Erinnerung daran, dass Gott das Dasein jedes menschlichen Einzelwesens hervorgerufen hat und es während der Lebenszeit erhält, ist ausgemerzt, dies auch unter dem Einfluss von Philosophien, Ideologien und falscher Religion. Der allein wahre Gott ist aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängt worden, sie bilden sich ein oder haben sich überzeugen lassen, dass es Ihn nicht gebe. Unter der allgemeinen Gottlosigkeit und der letztlich daraus folgenden schrankenlosen Verderbtheit werden die vereinzelten Gottesfürchtigen außerordentlich zu leiden haben. Der völlig verkommene moralische Zustand der Welt hat dann einen Gipfelpunkt erreicht, der das gerichtliche Einschreiten Gottes notwendig macht. Was Israel betrifft, wird der HERR erneut herniederkommen zugunsten der Gläubigen, die Ihn als ihren Messias und Retter erwarten, und sie aus großer Drangsal erretten.

Im dritten Kapitel des Römerbriefs benutzt der Apostel Paulus diesen Psalm, um den verderbten Zustand der Menschen zu beschreiben, die von Gott abgefallen sind. Wenngleich es dazu bestimmte, sehr auffällige Anzeichen schon in frühester Zeit gab (1. Mo 6,5f), werden im Lauf der Weltgeschichte die Menschen aller Völker und Kulturen sich mehr und mehr in der radikalen Ablehnung des allein wahren Gottes einander angleichen und miteinander vereinen (Vers 3; vergl. Ps 12). In der Ablehnung des einen wahren Gottes werden zuletzt alle übereinstimmen und dies einander als das Richtige bestätigen. In der Folge ist es geradezu eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich ein gemeinsames Oberhaupt geben in dem,Menschen der Sünde', dem „Sohn des Verderbens, der widersteht und sich erhöht über (oder: erhebt gegen) alles, was Gott heißt oder verehrungswürdig ist“ (2. Thes 2,3.4). Von sich selbst behauptet dieser Machthaber, „dass er Gott sei“. In unüberbietbarer Anmaßung beansprucht er höchste Autorität. Für ihn gibt es keine Verantwortlichkeit einem Höheren gegenüber. Das Gleiche denkt auch die von ihm angeführte, praktisch und geistig beherrschte Menschheit allgemein von sich: „Wer ist unser Herr?“ (Ps 12,5). Dazu sagt hier Gottes Wort: „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott!“ (Vers 1). Die weiteren Worte des ersten bis dritten Verses reden daraufhin nicht mehr von einzelnen Toren, sondern von der großen Menge der Menschen als einer Gesamtheit von Toren, denn „sie haben Böses getan, sie haben abscheuliche Taten verübt; da ist keiner, der Gutes tut“ (Vers 1b; Röm 3,10–12).

Die Wahrheit und die Gerechtigkeit im uneingeschränkten, absoluten Sinn haben ihre Quelle in Gott. Getrennt von Ihm kann daher keine moralische Ordnung dauerhaften Bestand haben. Sittenverderbnis, böse Taten und mangelnde Einsicht sind die Folge der Abkehr von Ihm (Verse 2 und 3; Mt 7,17–20 und 12,33f), und Gottlosigkeit bewirkt Gesetzlosigkeit und Sittenlosigkeit. Gottes Wort beschönigt nichts, wenn es um einen verdorbenen Zustand in Herz und Gewissen und um gottloses Verhalten geht (Röm 1,24–32; 3,10–18). Nicht allein die Taten, sondern auch das innere Wesen gottloser Menschen ist für Gott ein Abscheu, ein Gräuel. Es handelt sich in diesem Psalm nicht nur um abwegige Verirrungen des Verstandes und seiner Gedankengebilde, sondern vor allem um die Gottlosigkeit des Herzens, des moralischen Inneren des Menschen. Denn wenn das Herz wirklich Wahrheit und Gerechtigkeit wollte, dann würde der Verstand das Seinige zur Durchführung beitragen. Der eigentliche Mangel ist nicht im falschen Gebrauch des Denkvermögens zu suchen; das Übel liegt vielmehr im tiefsten Innern des Herzens, das von dem allein wahren, heiligen und gerechten Gott los sein will, weil es die Abhängigkeit von Ihm und die Verantwortlichkeit Ihm gegenüber verabscheut. Es wendet sich gezielt gegen Ihn, es leugnet Ihn und die Person Seines ewigen Sohnes Jesus Christus. Das gottlose Herz glaubt nicht, dass die Bibel Alten und Neuen Testaments Sein Wort ist. Der Gedanke an einen persönlichen Gott als Schöpfer und Regenten der Welt erzeugt in dem bösen Innern des Herzens Gegnerschaft und Ablehnung Gottes.

Verschiedentlich spricht die Heilige Schrift davon, dass der HERR vom Himmel hernieder schaut auf die Menschenkinder, das heißt auf die ganze Welt (Vers 2; 1. Mo 6,5; 11,5; 18,21; Jes 59,15f). Der jeweilige Gipfelpunkt des Bösen, der in den gerade angeführten Bibelstellen beschrieben wird, gab Gott jedes Mal besonderen Anlass zum Hinschauen und Urteilen. Alle Ereignisse und sündigen Bestrebungen sind dem Allmächtigen im Voraus bekannt. Aber Er lässt den Menschen Zeit, zur Besinnung zu kommen. Wiederholt schreitet Er erst beim Überhandnehmen der Sünde ein, so in den oben angeführten Einzelfällen, und bei solcher Gelegenheit tritt der Grund für Sein Einschreiten klar zu Tage. Die zur Zeit der Sintflut, des Turmbaus zu Babel und Sodoms einsetzenden verheerenden Gerichtsschläge hätten eigentlich die Menschen damals und nachwirkend bis heute zur Einsicht und Umkehr veranlassen müssen (Mt 24,38–44; 2. Pet 2,5ff). Doch in der Regel bleiben sie im Ganzen gesehen unbelehrbar und unbeugsam auf dem bösen Weg. Klugheit und Einsichtsfähigkeit sind ihnen abhandengekommen. Mit Bedacht gewollter Widerstand gegen Gott hat dies zuwege gebracht, so dass sie es vorziehen, umzukommen, anstatt ihre verderbten Wege zu bereuen. Kehrt jedoch ein Einzelner um und sucht Gott, dann ist der gerechte und gnädige Gott bereit, diesen Einsichtigen zu retten (Verse 2 und 3; 1. Mo 6,8). Gott prüft jeden Menschen, aber das Ergebnis zeigt, dass nicht ein einziger Mensch ohne Sünde ist (Vers 3; Röm 3). Nur durch Gottes Gnade und allein durch den Glauben an den Herrn Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, kann ein Mensch gerechtfertigt werden und erreicht die Herrlichkeit Gottes (Röm 3,22–25).

Die Verse 4 bis 7 befassen sich mit verfolgten gottesfürchtigen Gläubigen aus Israel; sie werden hier ein gerechtes Geschlecht genannt (Vers 5). Der HERR bezeichnet sie in Vers 4 als „mein Volk“, Sein Besitztum. Er ist ihre Hilfe und will unter ihnen wohnen und wandeln. Auf sie konzentriert sich in der noch zukünftigen Endzeit mit ihren Gerichtsschlägen die Feindschaft der Gottlosen, die keine Erkenntnis haben und den HERRN nicht anrufen (Vers 4; Ps 79,7; Jer 10,25; Mich 3,3). Durch Hass verblendet, sind sie nicht willens und nicht fähig, das Wirken des HERRN unter den Gerechten Seines Volkes zur Kenntnis zu nehmen (Vers 5). Die Verstocktheit der Gottlosen dauert an, bis sie durch die Gerichtsschläge des Herrn gezwungen werden, Seine Gegenwart wahrzunehmen. Sie sind dann als Toren überführt, obwohl sie doch mit Verstand begabt und mit Urteilsvermögen versehen worden sind, so dass sie Gott hätten erkennen und Sein Wirken verstehen können. Jeder Mensch vermag Zutrauen zu seinem Schöpfer zu gewinnen und kann Ihn aufsuchen. Das ist das wertvollste Erkennen und das beste Vertrauen, das Menschen haben können. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass jemand, der sein Vertrauen auf Gott setzt, von anderen eher Spott erntet. Dieser Hohn der Gottlosen trifft in Wirklichkeit zugleich Gott Selbst (Vers 6). In dem HERRN und in Seinem Volk, den Gläubigen, sehen die Gottlosen den gleichen Gegner. Das Volk Gottes wird daher vor der Vereinigung mit Gottlosen gewarnt: „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen. Denn welche Genossenschaft hat Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit?“ – „Darum geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab, spricht der Herr“ (2. Kor 6,14.17). Häufig ist es die konsequente Trennung vom Bösen, die Ablehnung und sogar Hass zur Folge hat und die Gottlosen gegen das Volk Gottes aufbringt.

Satan, der Feind Gottes und der Menschen, verfolgt es mit größtem Unwillen, dass trotz seiner Macht und seiner verführerischen Umtriebe als Endergebnis des Weltgeschehens ein Volk zur Ehre des Namens Gottes übrigbleibt. Dabei handelt es sich einerseits um das himmlische Volk der wahren Christen und andererseits um einen zum HERRN umkehrenden Teil des Volkes Israel, der sich am Ende des jetzigen Zeitalters bilden wird (Zeph 3,12–17; Röm 9). Mit den Worten des Verses 7 werden diese Gläubigen die Erfüllung der Verheißungen ihrer Propheten durch den Messias herbeisehnen. Ihre Gegner, vor allem Satan, werden dann mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen müssen, dass der endgültige Sieg nicht ihnen gehört, sondern Christus (Ps 9,20.21). Jetzt noch in der Zukunft liegende Geschehnisse werden dies anzeigen. Das erste Ereignis ist, dass die gläubigen Christen in den Himmel aufgenommen werden (1. Thes 4,13–18), und das Nächste ist, dass göttliche Gerichtsschläge die ganze Erde treffen. Daraufhin kommt durch die Wiederkunft Christi, des Messias, „aus Zion die Rettung Israels“ (Röm 11,26–29). Zur Freude derer aus Israel, die zum Glauben an Ihn umgekehrt sind, wird Er die Gefangenschaft Seines Volkes wenden (Vers 7; 5. Mo 30,3; Jer 30,18; Amos 9,14). „Dies ist das Geschlecht derer, die nach ihm trachten, die dein Angesicht suchen – Jakob“ (Ps 24,6; Jes 65,8–10). Offenkundig ist Gott inmitten dieses „gerechten Geschlechts“ gegenwärtig. Dann ist für den Feind der Grenzpunkt seiner gegen Gott gerichteten Unternehmungen gekommen. Auch die Weissagung des Psalms 125 geht in Erfüllung: „Die auf den HERRN vertrauen, sind wie der Berg Zion, der nicht wankt, der in Ewigkeit bleibt. Jerusalem – Berge sind rings um es her: So ist der HERR rings um sein Volk, von nun an bis in Ewigkeit“.

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