Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 129

Vom Beginn seines Bestehens an war Israel als Volk fast ununterbrochen den Angriffen zahlreicher Feinde ausgesetzt (Verse 1 und 2). Israels Vergangenheit ist eine Geschichte der Untreue und zugleich der Treue Gottes. Die Angreifer werden hier als üble Bedrücker und Schläger, als Gottlose und Hasser Zions charakterisiert, die jedoch letzten Endes dem verdorrten Gras gleichkommen (Vers 6; Ps 37,2). Dem Dichter ging es offenbar um das Lob der Treue des HERRN, dessen Auge über die Jahrhunderte hinweg unablässig über Israel gewacht hatte und die Feinde nicht über Sein Volk triumphieren ließ. Mehrmals schien angesichts der Übermacht und der Bosheit der hasserfüllten Gegner der Untergang Israels besiegelt zu sein, doch der HERR blickte sowohl auf das Elend des Volkes als auch auf die Ungerechtigkeit der Aggressoren. Als die Angegriffenen bereits wehrlos dalagen und die Feinde ihren Rücken pflügten, richtete der HERR sie wieder auf und duldete nicht, dass sie als die Unterlegenen liegenblieben (Verse 1 bis 3; Jer 2,2.3; 31,20; Hos 2,17; 2. Kor 4,8.9).

Das legt den Gedanken nahe, dass diese Worte in ihrer Tragweite über Israel hinausgehen und hinweisen auf die Person, die als in einer Krippe geborenes kleines Kind von Herodes verfolgt wurde. Gab es irgendeine Ursache für all den Hass, den ihm die Menschen entgegenbrachten? Warum ist der Herr der Herrlichkeit freiwillig von seiner Jugend an ein Sklave der Menschen gewesen (Sach 13,5)? Tat er es nicht deshalb, weil Er in göttlicher Liebe gekommen war, um als Stellvertreter für Sein schuldiges Volk zu sterben und es zu erlösen (vgl. Rossier)? Welche Furchen auf Seinem Rücken hat wohl die Geißelung durch Pilatus hinterlassen (Joh. 19,1; Lk 24,44)?

In Jes 51,22.23 wird beschrieben, wie der HERR die Rechtssache Seines Volkes in die Hand nimmt, ihre aussichtslose Lage ins Gegenteil wendet und die Feinde zu Bestraften macht, die Israel gnadenlos unterjocht hatten, es entwürdigt hatten und misshandelten. An den meisten Völkern, die in der Vergangenheit Israel bedrängt haben, hat Er schon Gericht ausgeübt. „Er hat das Seil der Gottlosen durchschnitten“ (Vers 4). Ein Hieb Seiner mächtigen Hand genügte, um die Fesseln Israels zu zertrennen und Sein Volk aus der Gewalt grausamer Feinde zu befreien. Scheinbar hoffnungslos preisgegeben, kam Sein Volk dennoch nicht um. Israel wurde ein sichtbares Zeichen für alle Welt, dass der Allmächtige Seinem Volk die Treue hält und nicht zögert, die Gewalttäter zur Rechenschaft zu ziehen. Die Hasser Israels wurden niedergeschlagen, sie waren ihrem Unglück überlassen (Vers 5; Ps 66,12; 124,6.7; Jes 9,3.4).

Was für Israel eine gnädige, rettende Zuwendung war, führte andererseits zur gerechten Bestrafung ihrer Feinde. Die vorher brutal und siegessicher unter Missachtung alles Rechts vorgegangen waren, müssen die Flucht ergreifen. Sie sind von Gott geschlagen und weichen beschämt zurück (Verse 5 und 6; Ps 6,11; 21,9f; Jes 29,7.8; 37,27–29.36; Hes 17,24). Sie gleichen dem dürren Gras, das auf Dächern wächst, solange Feuchtigkeit vorhanden ist, das jedoch bei einsetzender Trockenheit sehr bald verdorrt. Noch rascher, als es aufgeblüht war, sinkt es kraftlos dahin. Das Emporkommen und das Hinschwinden nutzloser Grasbüschel gibt ein treffendes Bild dafür ab, wie ein Gewaltherrscher und sein Gefolge erstaunlich rasch großen Einfluss gewinnen können und zu scheinbarer Bedeutung gelangen. Aber nach einer kurzen Blütezeit büßen die Tyrannen ihre Macht wieder ein: „In einem Augenblick sterben sie; und in der Mitte der Nacht wird ein Volk erschüttert und vergeht, und Mächtige werden beseitigt ohne Menschenhand“ (Hiob 34,20; Ps 37,2; vgl. Dan. 2,31–35). Was von ihrer Größe und ihren Machtmitteln übrigbleibt, lohnt das Zusammenlesen und Bündeln nicht, so wie der Schnitter und der Garbenbinder es nicht als lohnend ansehen, sich um die verdorrten Grasbüschel auf dem Dach zu bemühen. Ein Vorübergehender würdigt das Wertlose keines Blickes, und noch weniger wünscht er ihm ein Aufleben (Verse 7 und 8). So kläglich endet das, was zum Schaden der Sache Gottes und Seines Volkes und unter Missachtung Seines Rechts unternommen wird. Dagegen ist den bedrängten Gottesfürchtigen aus Israel der Segen im Namen des HERRN sicher.

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