Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 140

Feindselige Menschen führen hier Böses gegen den Psalmdichter im Schilde. Mit einem großen Aufgebot an Hass, Verleumdung und Arglist suchen sie den Gottesfürchtigen auf die Seite zu schaffen. Sie sind dabei, mit Gewaltanwendung gegen ihn vorzugehen. Der verderbten Gesinnung und Mordgier dieser Gottlosen stehen der Glaube des Beters und sein Vertrauen auf den HERRN gegenüber. Seine Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit bilden einen krassen Gegensatz zu ihrer Ungerechtigkeit. Gerne nimmt er das Erbarmen für sich in Anspruch, das der HERR den wehrlosen Elenden und rechtlosen Armen zusichert (Ps 35,10; 147,6). Durch Glauben ist er überzeugt, dass der gerechte Gott auf sein Flehen hören und ihn in Schutz nehmen wird. Der Psalm berichtet davon, wie vieles Satan in Bewegung setzt, um die Gläubigen unter Druck zu setzen, ihnen zu schaden und nach Möglichkeit falsche Reaktionen auszulösen. In besonderem Maß wird dies während der großen Bedrängnis der noch zukünftigen Endzeit der Fall sein, wenn die Gläubigen des Überrests Israels sich den üblen Machenschaften und der Gewalt ihrer Feinde ausgesetzt sehen werden. Umringt vom Bösen, werden die Glaubenden ihre Zuflucht bei dem HERRN als ihrer einzigen Hilfsquelle suchen und auch finden. Der Feind hingegen wird wie seit jeher dafür sorgen, dass der Pfad des Volkes Gottes mit Netzen, Fallen und Schlingen besät ist, um sie zu Fall zu bringen (Vers 6). Unaufmerksamkeit führt dazu, dass das böse Vorhaben unerkannt bleibt und Fallgruben übersehen werden. Eine lasche Haltung hat zur Folge, dass teuflisches Gift nicht als Gefahr angesehen wird, und Lauheit verharmlost oft das Schädliche. Aber die Treuen im Glauben bleiben wachsam, und der HERR wird sie bewahren. Nichts ist imstande, sie von dem Herrn zu trennen und von Seiner Liebe zu scheiden (Röm 8,38f).

Bemerkenswert ist, dass der vorliegende Psalm in der Zielsetzung und in manchen Aussagen Ähnlichkeit mit Ps 7 und mit den Ps 58 und Ps 64 hat. Dort werden ebenfalls Widersacher des Dichters und ihre Machenschaften beschrieben. Die vier Psalmen haben gemeinsam, dass zum Schluss das Endergebnis der Auseinandersetzung vorgestellt wird, und dabei wird deutlich, dass der HERR der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhilft und den Lauf der Dinge zum Guten wendet. Er kommt den schwer geprüften Gottesfürchtigen zu Hilfe, während die Gottlosen vom Gericht ereilt werden. Der vorliegende Psalm hat auch mit den nachfolgenden Psalmen manches gemeinsam.

In den Versen 2 bis 6 werden üble Absichten und Mordanschläge aufgedeckt, die vor der Verwirklichung standen. Der stetige Umgang mit Gräueltaten hat das Gewissen dieser Banditen ausgeschaltet; sie sind zu Gewohnheitsverbrechern geworden. Wenn der Psalmdichter in Vers 10 bis 12 um gerichtliche Verfolgung und um Befreiung von diesen gefährlichen Leuten bittet, spricht er nicht nur in eigener Sache. Über sein persönliches Anliegen hinausgehend, haben seine Bitten die gänzliche Niederwerfung des Bösen zum Ziel. Denn die von den Frevlern entfesselten Kriege und ihre Gewaltbereitschaft sind eine ständige Bedrohung für Viele. In ihrer Angriffslust und Mordgier sind sie zu Handlangern Satans geworden. Bei der Ausübung von Gewalt kennen sie keine Grenzen. Die Person und die Rechte der Angegriffenen interessieren sie nicht. Sie treiben das Böse voran, indem sie sich bisher nicht bekannte, verbrecherische Untaten ausdenken. Den geplanten Gewalttaten schicken sie Verleumdungen voraus (Vers 4), wobei sie ihre Opfer herabsetzen und als nichtswürdig hinstellen. Sie entlarven sich selbst als durchtrieben und heimtückisch, wenn sie Schlingen, Fallstricke und Netze auslegen, um ihre Opfer zu Fall zu bringen (Verse 5 und 6; Ps 141,9; 142,4; 143,3). Sie sind dem Satan verfallen und handeln in seinem Sinn (Ps 5,10; Röm 3,13). Die Heimtücke, den Stolz und die Verlogenheit haben sie von Satan, dem Vater der Lüge, gelernt. Angesichts dieser Anhäufung von Verderben bittet der Psalmdichter den HERRN um die Gnade, vor ihren Fängen und ihrer List bewahrt zu werden. Nur die Macht Gottes kann den Bedrohten davor retten und ihm Schutz bieten.

Der Psalmdichter „sprach zu dem HERRN: Du bist mein Gott“, und nahm seine Zuflucht zu Ihm (Vers 7). Wir Christen werden erinnert an den „Schild des Glaubens, mit dem ihr imstande sein werdet, alle feurigen Pfeile des Bösen auszulöschen. Nehmt auch den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das Gottes Wort ist“ (Eph 6,16.17, vgl. auch Grobéty). Das ist die einzige, wirklich taugliche Ausrüstung im Kampf gegen den Gefährlichsten aller Feinde (Ps 31,15). „Am Tag der Waffen“ ist es das Entscheidende, Gott, den Herrn, zur Seite zu haben und unter Seinem Schutz zu stehen (Vers 8; Ps 18,2f; 28,8; 1. Sam 17,38–46). Nicht nur gegen den Frommen, sondern in erster Linie gegen Gott richten sich „die Begierden des Gottlosen“, seine Ziele und sein Übermut (Vers 9; 5. Mo 32,27; Jes 37,4.6.16ff). Der HERR dagegen wird dem Recht zum Sieg verhelfen, so dass die Angreifer gedemütigt werden. Mag es auch zunächst so scheinen, als hätten die Verächter des Rechts die Oberhand, so wird doch der Allmächtige ihrem Treiben eine Grenze setzen. Darum bittet der Dichter, der HERR möge den Gottlosen keine weitere Handlungsfreiheit mehr zugestehen und die hochfahrenden Pläne der Stolzen vereiteln (Verse 6 und 9b). Sie sollten selbst das Opfer ihrer unheilvollen Anschläge werden (Vers 10; Ps 7,17; 9,16; Spr 12,14b). Bis heute geschieht es, dass der Allmächtige, der Lenker der menschlichen Geschichte, teuflische Absichten nicht zum Ziel kommen lässt und böse Angreifer zu geschlagenen Verlierern macht. „Wer einen Stein wälzt, auf den kehrt er zurück“ (Spr 26,27). Sie sind in der Grube versunken, die sie anderen gegraben hatten (Ps 57,7; Gal. 6,7). ‚Jene Zungen, die daran mitgewirkt haben, die Welt in Brand zu setzen, werden mit den glühenden Kohlen ewiger Rache gequält werden (vgl. Vers 11), und solche, die mit Eifer und Überlegung zum Verderben ihrer Mitmenschen Gruben bereitet haben, werden in den Abgrund gestürzt werden, aus dem sie niemals wieder herauskommen werden‘ (D. G. Horne, gest. 1792).

Die Verse 11 und 12 entsprechen den Grundsätzen der Gerechtigkeit, nach denen Gott die Welt regiert und die Übeltäter zur Rechenschaft zieht. Obgleich nicht unverzüglich und für jedermann erkennbar, bestraft Er den „Mann von böser Zunge“, den Lügner und falschen Ankläger, mit Gericht (Ps 37,9–20; 59,13.14). Den „Mann der Gewalttat“ wird das Böse derartig jagen, dass es für ihn kein Entrinnen gibt (Vers 12b). Aber der Armen und Elenden, die auf Ihn vertraut haben, wird der HERR sich erbarmen, ihnen gehört die Zukunft in ewigem Frieden (Vers 13; Mt 5,5–12). Sie werden mit großer Freude erleben, dass ihnen Recht widerfährt und dass sie belohnt werden. Die Gerechten, die dem Wort Gottes geglaubt haben und dem Herrn gefolgt sind, werden Ihm ewig dankbar sein und Seinen Namen erheben (Vers 14; Ps 11,7). Die Redlichen und Aufrichtigen haben eine ewige Wohnung vor Gottes Angesicht, und dort leben sie in Ehrfurcht vor Gottes Gegenwart und in heiliger Gemeinschaft mit dem HERRN.

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