Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 24

Psalm 24 bildet den Abschluss einer Reihe von neun Psalmen, die von Christus reden, besonders als Sohn des Menschen auf Erden. Als der HERR (oder: Jahwe, Jehova), der Bundesgott Israels, zieht Er im vorliegenden Psalm als König Seines Volkes in Jerusalem ein. In diesem Psalm wird als wichtiges Ereignis der Zukunft herausgestellt, dass Er noch ein zweites Mal vom Himmel herabkommen wird. Dies kündigen auch andere prophetische Schriftstellen ausdrücklich an. Dann sind alle Seine Feinde, die in der zukünftigen Zeit des Endes zugleich die Feinde der an Ihn Glaubenden aus Israel sind, Ihm zu Füßen gelegt. Satan, der Erzfeind, wird 1000 Jahre gebunden (Off 20,2f). Die ganze Erde ist fortan des Herrn Reich, aber Zion hat nach Gottes Beschluss den Vorrang, „denn der HERR hat Zion erwählt, hat es begehrt zu seiner Wohnstätte: Dies ist meine Ruhe auf ewig; hier will ich wohnen, denn ich habe es begehrt“ (Ps 132,13f; Mich 4,7). Bemerkenswert ist, dass im vorliegenden Psalm lediglich einmal mit dem Namen „Jakob“ auf Israel Bezug genommen wird. Dabei wird festgestellt, dass dessen Geschlecht nunmehr aus solchen besteht, die nach Jahwe trachten und Sein Angesicht suchen (Vers 6). Im Einklang mit ihrem guten geistlichen Zustand wird der einziehende König, der hier vor allen Menschen in Erscheinung tritt, nicht König Israels genannt, sondern „König der Herrlichkeit“, und „Er wird der Gott der ganzen Erde genannt werden“ (Jes 54,5). Er wird von allen Nationen wahrgenommen als der Bundesgott Israels: „Ja, du, HERR (oder: Jahwe, Jehova), Gott der Heerscharen, Gott Israels, erwache, um alle Nationen heimzusuchen!“ (Ps 59,6). „Und die Nationen werden den Namen des HERRN fürchten, und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit. Denn der HERR wird Zion aufbauen, wird erscheinen in seiner Herrlichkeit“ (Ps 102,16f).

„Die Erde und ihre Fülle, der Erdkreis und die darauf wohnen“, sind das Besitztum Jahwes, des HERRN (Vers 1; Ps 89,12; 2. Mose 19,5b; 1. Kor 10,26). Niemand kann Ihm die absolute Herrschaft über die ganze Erde streitig machen. Niemand darf einen Besitz- oder Verfügungsanspruch erheben, der das Besitzrecht des HERRN in irgendeiner Form schmälert oder gar ausklammert. Bei Auseinandersetzungen über das Eigentum sollte dieses Grundrecht Gottes in Rechnung gestellt werden. Wer das allem anderen vorangehende göttliche Anrecht außer Acht lässt, sündigt gegen Gott, den Schöpfer, der alles gemacht hat und erhält (Vers 2). Ohne Gott in Betracht zu ziehen, darf niemand über sich selbst, sein Eigentum, seinen Leib und sein Leben verfügen, schon gar nicht über das eines anderen Menschen. Hantiert der Mensch nach eigenem Ermessen mit den ihm gehörenden Dingen, dann bleibt er dabei doch Gott, dem eigentlichen Besitzer, die Rechenschaft darüber schuldig. ‚Der das Haus gebaut hat und seine Fundamente aufrechterhält, hat unbestreitbar das erste Recht darauf‘ (C. H. Spurgeon). Wenn Christus, das ist Jahwe, der HERR, in der Zukunft in Jerusalem eingezogen sein wird und von Zion aus regiert, dann wird Er alle Ansprüche Gottes durchsetzen, die ja zugleich Seine eigenen Anrechte sind (Mt 28,18; Joh 17,2). Niemand kann Ihm die uneingeschränkte Anerkennung verwehren. Offenkundig ist der Herr der ganzen Erde dann Selbst als Besitzer des Ganzen immerfort zugegen. Für jeden wird ersichtlich sein, dass Er nicht ein Gott aus der Ferne ist, wie die Menschen fälschlich meinen, sondern aus der Nähe. Er ist der Allgegenwärtige (Jer 23,23).

Doch welcher Mensch darf der heiligen Stätte nahen, wo Gott Seine Wohnung auf der Erde genommen hat, und wer darf dort bleiben? (Vers 3). Grundsätzlich gesehen, gab es in Israel von alters her einen heiligen Berg, sozusagen eine Residenz Jahwes, des HERRN (Ps 15,1 und 43,3). Seither gilt in Übereinstimmung mit Psalm 15 und anderen Stellen der Schrift der Grundsatz, dass Gott nur unter Heiligen wohnen kann und dass Er nur mit Heiligen Gemeinschaft pflegt, die innerlich und nach außen hin gereinigt sind. Eine einseitige oder eine verminderte Heiligkeit wird Er in Seiner Nähe nicht hinnehmen. Die Hände müssen unschuldig und Herz und Gewissen müssen rein sein (Vers 4; Ps 51,11.12; Jak 4,8; Off 21,27 und 22,14f). Herz und Hände oder Mund, also Inneres und Äußeres voneinander getrennt sehen zu wollen, leugnet deren Zusammenhang, und dies läuft auf Falschheit und Heuchelei hinaus. Für die Seele und für das Reden gilt dasselbe Reinheitsgebot. Auch ist Heiligkeit nicht durch rituelle Weihung oder eine bloße Zuerkennung zu erreichen. Wer ihr aber durch Gehorsam entspricht mit Herz und Seele, Hand und Mund, der empfängt Segen vom HERRN (Vers 5; Mt 5,8). Wir Gläubige der Jetztzeit sind durch die Bekehrung „abgewaschen ...geheiligt“ (1. Kor 6,11) und somit passend für die Gegenwart Gottes, aber wir haben uns täglich zu reinigen, um auch praktisch die Gemeinschaft mit Gott genießen zu können (s. Joh 13,8); für Israel gab es diese Erkenntnis damals noch nicht; deswegen die große Bedeutung der äußeren Reinigungsvorschriften; aber auch die Juden wussten, dass das Äußere mit dem Inneren übereinstimmen musste.

Die vor Gott notwendige Gerechtigkeit muss von Gott stammen; eine Bestätigung durch Menschen aufgrund sittlich moralischer Korrektheit reicht vor Gott nicht aus. Die in Wahrheit und Lauterkeit Gott suchen und nach Ihm trachten, bilden ein Geschlecht, nämlich das Volk Gottes, das sich in der von Gott geforderten Weise verhält und kennzeichnet (Vers 6). Es gleichzeitig mit den Stätten der Götzen zu halten, ist unmöglich, denn der heilige Gott teilt niemals mit einem Götzen, weder mit den damaligen noch mit den Götzen der Neuzeit. Ein derart Gleichgültiger ist unfähig und unwürdig, zur Anbetung zu nahen. Wer es dennoch wagt, macht sich schuldig. Von dem hier genannten „Geschlecht“ ist auch in Ps 22,31 die Rede; sie werden „dem Herrn als ein Geschlecht zugerechnet werden“.

Für die erlösten Christen hat Christus, der Sohn des Menschen, den Weg zur Herrlichkeit gebahnt. Das war ein unendlich schwerer Weg, dem zunächst tiefste Erniedrigung vorausging. Doch bei Seinem noch zukünftigen Kommen wird Er in Herrlichkeit durch diese Pforten Jerusalems schreiten mit der Freude, ein zu Ihm passendes, Ihm Selbst angehörendes Geschlecht auf Seinem heiligen Berg in Seiner Umgebung zu haben. Diese Heiligen auf der Erde für Sich zu erwerben, war seit jeher die Absicht Seiner Liebe, und Er zeigte Sich bereit, Sein Leben dafür einzusetzen. Wenn die Prophezeiungen der Schlussverse dieses Psalms in der Zukunft in Erfüllung gehen werden, wird Seine Herrlichkeit vor aller Augen hervortreten. Jedes Wesen, das zur Wahrnehmung befähigt ist, wird Seine göttliche Stärke und Seine Allmacht anschauen und Ihn deswegen loben (Vers 8; Ps 110,2). Jeder wird dankbar anerkennen, dass er Ihm, dem Heiland der Welt, alles verdankt. Niemals mehr wird Seine Person und Sein Werk durch Unglauben in Frage gestellt werden. Von allen werden die vollkommenen Wesenszüge Gottes an Ihm wahrgenommen werden. Die Frage, die uns nicht nur hier, sondern gleichlautend auch in den Evangelien begegnet: „Wer ist dieser?“, hat dann eine herrliche Antwort gefunden, die wunderbar ausgeprägt und allen verständlich ist (Verse 8 und 10; Mt 8,27; Lk 8,25; Joh 7,15). „Der Mächtige, Gott, der HERR, hat geredet und die Erde gerufen vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Aus Zion, der Schönheit Vollendung, ist Gott hervorgestrahlt“ (Ps 50,1.2). „Habe ich doch meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg!“ (Ps 2,6). Der Herr der Heerscharen ist der ewige Gott, „er ist der König der Herrlichkeit“ (Vers 10; Jes 6,5).

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