Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 22

Psalm 22 dient in besonderem Maß der Verherrlichung Gottes, des Vaters, und Seines Sohnes Jesus Christus. Schon die einleitenden, ersten Verse machen deutlich, dass hier Tiefergehendes als die Erfahrungen Davids beschrieben wird. So wird in Vers 2 von dem Verlassensein von Gott gesprochen. Jedoch ist niemals ein Mensch von Gott verlassen worden (außer der Mensch Jesus Christus in den drei Stunden der Finsternis und des Gerichtes am Kreuz), wenn Menschen auch manchmal den Eindruck haben, Gott habe sie verlassen (Jes 49,14). Andererseits hat Gott wiederholt Anlass, zu beanstanden, dass Menschen Ihn verlassen haben, die Ihn kannten oder sogar in Bundesbeziehung zu Ihm standen. Dass aber ein vollkommen Gutgesinnter von Gott verlassen ist, und dies in auswegloser, furchtbarer Notlage, das ist einmalig in der Heiligen Schrift. Dieses Verlassensein erscheint besonders schwerwiegend, weil Gottes Wort dem Gerechten und dem Frommen mit Nachdruck versichert, dass Gott ihn niemals verlassen werde (Ps 9,11 und Ps 37,25.28). Ebenso sicher steht fest, dass Gott Seinen Verheißungen und Seiner Bundesbeziehung zu Israel auf ewig treu bleiben wird (Ps 94,14; Röm 11,28f). Ein weiteres, zunächst schwer verständliches Schriftwort, das davon spricht, dass der gerechte Gott einen offenbar hochgeschätzten Menschen, den Er Seinen Genossen nennt, dem Schwert ausliefert, findet sich in Sacharja 13,7; und diese Prophezeiung betrifft ebenfalls die Person des Herrn Jesus, der im zweiten Vers des vorliegenden Psalms ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Gleich zu Anfang des Psalms wird deutlich, dass der schwer Geprüfte einer außerordentlich starken körperlichen und seelischen Belastung ausgesetzt ist. Von Gott verlassen, ist er einem ganz furchtbaren Leiden preisgegeben. Unausweichlich steht der Tod vor ihm. Er hat durch tiefste Tiefen zu gehen und droht von dem nicht zu überbietenden Schrecklichen seiner Lage überwältigt zu werden. Die aus dem Leben Davids berichteten Leiden beschreiben ein derart überlaufendes Maß nicht, ebenso wenig irgendein anderes, bekannt gewordenes Schicksal eines Menschen. Das Neue Testament bezeugt in Mt 27,46 und Mk 15,34, dass Jesus am Kreuz mit lauter Stimme aufschrie und sagte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nicht ohne Grund nennt der Leidende in Vers 2 Gott zweimal seinen Gott. In Vers 3 wiederholt er diese Anrede noch zum dritten Mal. Denn der Verlust der bisher ununterbrochenen, festen Beziehung zu Gott wird hier von jemand beklagt, dem an der innigen Gemeinschaft mit Gott alles gelegen ist. Dennoch bleibt der nun allein ausharrende Einsame unverbrüchlich bei dem Glauben an seinen Gott. Obgleich als Frage formuliert, enthält der Ausspruch auch die Feststellung: Ich bin von Gott verlassen. Diese furchtbare Tatsache empfindet der Verlassene als überaus einschneidend: Zwischen Übeltätern gekreuzigt, in schlimmster körperlicher und seelischer Qual, ist Er ganz allein, von Gott und Menschen verlassen (Verse 2 und 3).

Eine Antwort auf die Frage nach dem Warum wird dem Gekreuzigten nicht zuteil, aber Er erwartet sie in diesem Augenblick auch nicht, denn Er kennt den Grund. In jenen finsteren Stunden ist Christus ganz bewusst der Sündenträger für alle, die an Ihn geglaubt haben und glauben werden. Nachdem Er am Kreuz hängend ausrief: „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30) und nachdem Er auch den Tod durchschritten hatte, ist Er mit allen an Ihn Glaubenden für immer in ewiger Gemeinschaft verbunden und fortan zur Rechten Gottes gesetzt. Damit dieses Ziel erreicht wurde, musste Er von Gott, dem Heiligen und Gerechten, verlassen werden, denn Gott konnte nicht mit der Sünde in Berührung kommen, die der Gekreuzigte stellvertretend für die Glaubenden auf Sich genommen hatte. Am Kreuz trug Jesus eine Unzahl von Sünden schuldig gewordener Menschen, die Er Selbst nicht begangen hatte (Ps 69,5b), Er war beladen mit Schuld von jeder Art, auch der ekelhaftesten. Hinzukam, dass Er zur Sünde gemacht war (2. Kor 5,21). Gott in Seiner Heiligkeit gefiel es, „Ihn zu zerschlagen, er hat Ihn leiden lassen“ (Jes 53,10). Jesus, Sein ewiger Sohn, hatte Sich bereit erklärt, das geforderte Schuldopfer für Sünden zu stellen und Seine Seele auszuschütten in den Tod. Das beinhaltete, von Gott verlassen zu werden (Jes 53,10.12). Weil Er unter allen Menschen der einzige wahrhaft Gerechte war (Jes 53,11; 1. Pet 3,18), konnte Er als Einziger das von Gott geforderte, vollkommen heilige Opfer werden. Die Vielen, die Er durch Sein Opfer retten wollte, konnte Er nur durch die Gerichtsschläge des Zorns Gottes über ihre Sünden und nur durch den durch die Sünde verursachten Tod erretten, denn diesem gerechten Todesurteil unterlagen sie als Verurteilte und hilflos Gefesselte. Seine Liebe zu ihnen führte Ihn dazu, Sich bis in diese schreckliche Lage zu erniedrigen (Röm 6,4.5; Phil 2,8). Ganz allein, von Gott verlassen, musste Er die überaus schwere Lage erdulden, damit die Sünden der zu Rettenden getilgt wurden und die Macht des Todes, der sie preisgeben waren, überwunden wurde. Durch Liebe getrieben, tat Er dies, um Sich mit denen, die Er erlösen wollte, untrennbar zu verbinden und um das Ziel des Ratschlusses Gottes zu erreichen, dass eine Vielzahl von Sündern geheiligt, gereinigt und völlig erneuert werden sollte und zu einer großen Schar von wahren Anbetern Gottes gemacht würde.

Lang anhaltendes, vergebliches Rufen zu Gott in schwieriger Lage lässt häufig selbst den Glaubensstarken ermatten (Vers 3). Doch die Kraft des Glaubens Jesu erlahmte nicht. Er blieb beharrlich im Gebet, trotz höchster körperlicher Not und stärkster Beschwerden (Ps 40,2; 69,4; 102,2–6). Der Herr Jesus in Seiner schweren Leidenszeit machte Gott wegen Seines Schweigens jedoch keinen Vorwurf. Ergeben in den Willen Gottes, überließ Er sich ganz der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes: „Doch du bist heilig, der du wohnst bei den Lobgesängen Israels“ (Vers 4). Immer aufrichtig um einen lauteren Wandel vor seinem Gott bemüht, fordert David Gott in Ps 26,1 auf: „Urteile über mich!“ Jesus, der vollkommen Gerechte, stellte Sich jederzeit vorbehaltlos der Gerechtigkeit Gottes mit den Worten: „Wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen hintreten! Wer hat eine Rechtssache gegen mich? Er trete her zu mir!“ (prophetisch in Jes 50,8). Das ganze Leben Jesu erfüllte die Ansprüche Gottes an einen gerechten Menschen: „Du hast mich geläutert – nichts fandest du“ (Ps 17,3). Er war als Mensch eins mit Seinem Gott, ohne einen Mangel und ohne den geringsten Flecken (1. Pet 1,19). Indessen musste Jesus, „obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernen“ (Heb 5,8). Willig unterzog Er Sich einem abgrundtiefen Leiden, so dass Gott in allem, auch durch die tiefe der Leiden, verherrlicht wurde und Gottes Heiligkeit gewahrt blieb (Vers 4). Gottes Wohnung und Thron wurden durch das, was Jesus widerfuhr und Ihn bestürzt machte, in keiner Weise in Mitleidenschaft gezogen; die Worte in Vers 4 lassen erkennen, dass dem Leidenden daran sehr viel gelegen war. Bei alledem hatte Jesus das Ziel vor Augen, nach Seinem Leiden in der Mitte Seiner Brüder zu sein und mit ihnen Gott zu loben (Vers 23). Gott sollte durch Jesus Christus verherrlicht werden (Joh 13,31), und auch durch viele Anbeter, die Jesus liebevoll Seine Brüder nennt.

In den Versen 5 bis 7 erinnert sich der Leidende an Gottesfürchtige, die ihm im Glauben vorangegangen sind. Deren vorbildliches Vertrauen ist für Nachfolgende ein besonderer Ansporn, im Glauben auszuharren, ermutigt durch deren Standhaftigkeit und Leidensbereitschaft, vor allem auch durch ihre Rettung aus der Not (Vers 6). Zu allen Zeiten und Gelegenheiten haben die Jünger Jesu in Ihm selbst das beste Vorbild (2. Kor 1,5; 2. Thes 3,5; Heb 12,1–4). Der Glaube braucht nachahmenswerte Beispiele, um sich danach auszurichten und Kraft zum Bezeugen zu gewinnen. Unser Geist mag durch Not gebeugt und unser Herz zerschlagen sein, doch gerade dann haben wir die feste Zusage, dass der Herr bei uns wohnt (Jes 57,15). Unser Zustand kann so schwach sein, dass wir uns unwürdig vorkommen und im Blick auf uns selbst entmutigt werden. Häufig ruft das Elend der Geprüften noch den Hohn und die Geringschätzung seitens der Umgebung hervor (Vers 7). David hatte dies erfahren, und auch Jesus, unser Herr, erlitt Hohn und Spott. Als Er weinte, wurde es Ihm zu Schmähungen (Ps 69,11). In die Tiefe des Leidens hinabgestiegen, erlitt Er weitere schmachvolle Herabwürdigungen. Doch Jesus verbarg Sein Angesicht nicht vor Schmach und Speichel (Jes 49,7; 50,6; 53,3). Um unsertwillen wurde Er arm (2. Kor 8,9). Um den Gnadenratschluss Gottes zum entscheidenden Durchbruch zu bringen, ertrug Er das Übelste und Schwerste. Er bewies Seine vollkommene Bereitschaft zum Gehorsam bei der Erfüllung aller in der Schrift vorhergesagten Leiden und beugte sich darunter.

Die Verse 8 und 9 beschreiben den schwer Geprüften als einen Verspotteten, dem hässliche Schmähworte ungestraft entgegengeschleudert wurden und mit dem anscheinend jeder nach Belieben verfahren durfte. David hatte es erlebt, für vogelfrei erklärt zu sein, er musste sich als verjagter König mit Steinen bewerfen und verhöhnen lassen. Wiederholt schien es so, als habe ihn gerade sein Gottvertrauen erneut in eine ausweglose Lage gebracht. Für diese scheinbare Unvernunft erntete er zusätzlichen Hohn und Spott. Hätte David nicht Gott geglaubt, ihn zum König Israels erheben zu wollen, dann würde er seine lange Probezeit nicht durchstanden haben. Dem Herrn Jesus erging es noch schlimmer. Auch Er sollte Israel befreien und als dessen König und Messias Zeiten des Glücks herbeiführen. Doch sie nahmen Ihn fest und verspotteten Ihn auf alle erdenkliche Weise (Mt 27,27–31). Sie warfen Ihn aus Jerusalem hinaus und schlugen Ihn ans Kreuz, um Ihn dort in schrecklicher Qual sterben zu sehen. „Und die Vorübergehenden lästerten ihn, indem sie ihre Köpfe schüttelten und sagten: Ha, der du den Tempel abbrichst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst und steige herab vom Kreuz. Ebenso spotteten auch die Hohenpriester“ (Mk 15,29.30.31). Wie hier Vers 8, so schildert auch Ps 109,25f die Empfindungen Jesu: „Und ich bin ihnen zum Hohn geworden; wenn sie mich sehen, schütteln sie ihren Kopf. Hilf mir, HERR, mein Gott! Rette mich nach deiner Güte“.

Die in Vers 9 prophetisch vorhergesagte höhnische Rede wurde zum Zeitpunkt der Kreuzigung Christi zur schrecklichen Wirklichkeit: „Er ist Israels König; so steige er jetzt vom Kreuz herab, und wir wollen an ihn glauben. Er vertraute auf Gott, der rette ihn jetzt, wenn er ihn begehrt“ (Mt 27,42.43). Der Allmächtige kennt alle Ereignisse im Voraus. Das bestätigte sich überaus beeindruckend im Leiden des Sohnes Gottes, des Herrn Jesus Christus, „der alles wusste, was über ihn kommen würde“ (Joh 18,4; Mt 16,21). Er wusste auch, dass auf diesem Weg Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit verherrlicht würde, damit verlorene Sünder, die an Sein stellvertretendes Opfer am Kreuz glauben, erlöst werden könnten. Aus Liebe zu ihnen und im Gehorsam Seinem Gott und Vater gegenüber ging Er den schweren Weg bis ans Kreuz und in den Tod.

Ohne sich selbst darüber klar zu sein, stellen die Spottenden in Vers 9 prophetisch gesehen, Christus das Zeugnis aus, dass Er bisher auf Gott vertraut hatte und dass Er dies auch unter schwersten Leiden unbeeindruckt fortsetzen werde. Nach ihrer Überzeugung war ein solches Vertrauen nichts anderes als absurde Unvernunft. In deutlichem Gegensatz dazu steht das Vertrauen des Herrn Jesus auf Rettung aus dem Tod (Ps 16,10). Die Auferstehung Jesu bewies, dass es die auf das Beste begründete Hoffnung war. Ohne es zu ahnen, gebrauchten die Spötter dem Gekreuzigten gegenüber die gleichen Worte, die als Voraussage im neunten Vers stehen. Der alles vorher wissende und lenkende Gott begegnet damit auf eindrucksvolle Weise dem Spott Satans über Ihn und Seinen Sohn. Gleichzeitig bestätigt sich darin die Wahrheit der Heiligen Schrift. Die spottenden Menschen wussten in dem Augenblick nicht, was sie taten (vgl. Lk 23,34). Doch dies entlastet sie nicht von ihrer Schuld. Dadurch, dass sie den Heiligen Gottes, Jesus, den vollkommen Gerechten verwarfen, wurden sie zu Handlangern Satans und erwiesen sich als größte Feinde Gottes.

Die Verse 10 bis 12 gewähren uns einen Blick in das Herz des leidenden Herrn, der hier eine Rückschau auf Sein bisheriges Leben hält. Von Seiner Geburt als Mensch an fand Jesus in Seinem Gott Sein Genüge und Seine Kraft. In beständiger Abhängigkeit von Ihm hatte Er Sein Leben verbracht. Der Ratschluss Gottes hatte es vorgesehen und in Seinem Leben so gefügt, dass Er als ein gehorsamer Mensch lernte, an Ihn zu glauben und Ihm zu vertrauen. Im Glauben genoss Er Ruhe und inneren Frieden (Vers 10). Als Einziger hatte Jesus sich nie zu bekehren gehabt; nur Er hat niemals zu Gott umkehren müssen. Das unterschied Ihn von David, dem anerkannten Knecht Gottes. Der ewige Gott Selbst war der Vater des Herrn; dies lehren uns die Evangelien. Von Mutterschoß an, von Seiner Mutter Leib an war Er Sein Gott (Vers 11). Maria und Joseph bestaunten dies und konnten nicht verstehen, dass Er zu ihnen sagte: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49). Alles in Seinem Leben war vorherbestimmt. Sein Wirken geschah direkt von Gott aus und dessen Ziel war festgelegt. Jetzt stand Jesus nahe davor, die schrecklichsten Tiefen zu durchschreiten (Vers 12). Selbst wenn nun die schlimmste Drangsal zum Greifen nahe und kein Helfer da war, würde Sein Gott Ihn doch durch die finsteren Stunden hindurchbringen zu dem beabsichtigten Ziel, obgleich die göttliche Macht in der augenblicklichen Not nicht eingriff. Er war allein, ohne Stütze und Begleitung, aber Er verzweifelte nicht. An Seinem Vertrauen mangelte nichts. Trotz allem, was die zum Äußersten entschlossenen Gegner Ihm nun zufügten, wurden Seine Gedanken nicht von Gott abgelenkt. Im festen Vertrauen, dass eine bewusst ausgeübte Abhängigkeit von Gott sich als unermesslich wertvoll erweisen würde, flehte Er: „Sei nicht fern von mir!“ (Vers 12). Auch Psalm 91, der prophetisch über den Lebensweg des Messias spricht, hebt den Wert dieses Vertrauens hervor und weist auf eine entsprechend reiche Belohnung hin. Dort antwortet Gott vorausschauend auf das Flehen Christi und sichert Ihm die Rettung und die anschließende Verherrlichung zu: „Weil er Wonne an mir hat, will ich ihn erretten; ich will ihn in Sicherheit setzen, weil er meinen Namen kennt. Er wird mich anrufen, und ich werde ihm antworten, ich werde bei ihm sein in der Bedrängnis; ich werde ihn befreien und ihn verherrlichen. Ich werde ihn sättigen mit Länge des Lebens und ihn schauen lassen meine Rettung“ (Ps 91,14–16).

In den Versen 13 und 14 weist der Psalmdichter darauf hin, dass jetzt die Bedrohung bis zum Äußersten zunimmt. Mit bildlichen Ausdrücken charakterisiert er die ihn umringenden Widersacher, die bereitstehen, ihn anzugreifen und zu zerreißen. Sie sind wie Stiere und Löwen, die kein Gewissen besitzen und ihr Opfer hemmungslos und mit brutaler Gewalt töten. Gegeißelt, gefesselt und zum Tod verurteilt, stand einst Jesus gewalttätigen Feinden gegenüber, vor aller Augen war Er deren Hass und Mordlust preisgegeben. Die Verse 15 bis 19 beschreiben prophetisch Seine Gedanken und die Empfindungen Seiner Seele. Die Ihm angetane Schmach und Schande belasteten Ihn aufs Stärkste. Die Beschimpfung und Herabsetzungen, die mit Seiner Kreuzigung einhergingen, trafen Sein Innerstes. Vor der Öffentlichkeit am Fluchholz zu hängen, war für Ihn, den Reinen und Heiligen, etwas für uns unbegreiflich Furchtbares. In den vorliegenden Versen öffnet der Herr Sein Herz vor den Augen derer, die Ihn lieben. Gleichzeitig tritt in dem Geschehen am Kreuz die Gesinnung der von Satan beherrschten Widersacher offen zu Tage. Unvergleichliche moralische Schönheit steht hier der größten Verderbtheit gegenüber. Der scheußlichen Gewaltausübung an Seiner Person setzte der Herr nur Sein reines, liebendes Herz entgegen. Seine Hingabe war vollkommen. In der Feuerglut der Drangsal war Sein Herz wie geschmolzenes Wachs. Seine „Kraft ist vertrocknet“. Er fühlte sich wie ein ausgebranntes, zerschlagenes Tongefäß. Seine Zunge klebte unbeweglich am Gaumen (Vers 16). Die körperliche Qual war unermesslich. Indessen war es Sein Gott, der Ihn in die Tiefe des Todes sinken ließ und in den „Staub des Todes“ legte (Vers 16b; Jes 53,10). Die Macht des Todes war Jesus gegenüber entfesselt. Doch Er rang nicht mit dem Tod. Diesem ins Auge schauend, widerstrebte Er nicht, sondern gab Sich Selbst hin in den Tod. Er Selbst blieb bei allem der tatsächlich Handelnde. Er ging Selbst in den Tod (Mk 10,45; Gal 1,4; Heb 9,14).

Von hasserfüllten Missetätern umringt, sagt der Leidende: „Eine Rotte von Übeltätern hat mich umzingelt“ (Vers 17). „Durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen“, wurde Jesus Christus umgebracht (Apg 2,23). Die rücksichtslose Wut und Härte einer Hundemeute, einer Rotte von Frevlern, ließ Seinen Tod unausweichlich erscheinen. In Wirklichkeit war Er es dennoch Selbst, der Sich ihnen auslieferte. Bei Seiner Festnahme war Er ihnen freiwillig entgegengegangen, hatte Sich binden und später anspeien und verurteilen lassen. Er trug Sein Kreuz Selbst und ließ willig Seine Hände und Füße durchgraben. Unerschütterlich ausharrend, blieb Er bis in den Tod am Kreuz. Seelisch und körperlich hatte Er Schreckliches zu erdulden, alle Glieder schmerzten unerträglich (Vers 18). Seine körperlichen Leiden stellten eine mehrere Stunden währende Folterung dar. Erschwerend war, dass Ihm die Sinne nicht schwinden durften, weil Sein Leiden in jeder Hinsicht ein vollkommenes und äußerstes sein musste. Sein Bewusstsein blieb unbeeinträchtigt, bis Er rufen konnte: „Es ist vollbracht!“ Er hielt stand, bis Er das Haupt neigte und den Geist übergab (Joh 19,30).

Der Anblick eines so übermäßig gequälten Menschen hätte Mitleid wecken oder wenigstens ein schauderndes Wegblicken der Zuschauenden bewirken sollen. Aber viele weideten sich daran wie an einem Schauspiel. Sensationslüstern warteten sie darauf, Sein Ende anschauen zu können (Vers 18b). Nicht weniger gefühllos war es, dass die Bewacher Seine Kleider unter sich aufteilten, noch ehe Er gestorben war (Vers 19; Mt 27,35). Sie losten um die einzelnen Teile, „damit die Schrift erfüllt würde, die spricht: Sie haben meine Kleider unter sich verteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen“ (Joh 19,23.24). Sein Leibrock wurde für wertvoll gehalten, während man Ihn Selbst äußerst geringschätzte, ja Ihn verachtete (Sach 11,12f). Gott möge es schenken, dass alle, die das Wort vom Kreuz hören und darüber nachdenken, auch durch die wörtliche Erfüllung der Prophezeiung des Verses 19 zu der Überzeugung kommen, dass in dem Geschehen am Kreuz ein unvergleichlich wichtiger Teil des Heilsratschlusses Gottes verwirklicht wurde.

Vers 20 berichtet prophetisch von einem weiteren Hilferuf des Herrn Jesus. Im Unterschied zu Vers 3ff redet Er Gott mit den Worten an: „Du aber, HERR“. Sein Verhältnis zu Seinem Gott und Vater war bei alledem unverändert vertrauensvoll, denn über dem Schrecklichen waltete die Macht Seines Gottes. Danach aber erhielt Er den höchsten Platz als verherrlichter Mensch zu Seiner Rechten (Mk 14,62). Mit der Erhöhung Christi zögerte Gott nicht. Die dringende Bitte: „Eile mir zu Hilfe“ fand Erhörung, sobald das größte Werk, das je geschah, vollbracht war (Vers 20; Ps 21,3 und 40,14; Jes 52,13), ebenso die Bitte des 21.Verses: „Errette vom Schwert meine Seele“. Zwar musste das Schwert gegen Ihn erwachen (Sach 13,7), aber nach Seiner Auferstehung wird es nie wieder gebraucht werden gegenüber solchen, die Jesus Christus kennen und Ihn lieben. Seither ist der Zorn Gottes für immer von allen abgewendet, die an Ihn glauben. In diesem Sinn hatte Jesus bei Seiner Festnahme gesagt: „Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen!“ (Joh 18,8). Um die gleiche Zeit äußerte Er auch: „Dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis“ (Lk 22,53). Aber dieser Gewalt waren zuvor von Gott bestimmte Grenzen gesetzt worden. Der ihnen überlassene Freiraum für ihre Schandtaten sollte binnen Kurzem endgültig ausgeschöpft sein. Die Kraft „des Hundes“ würde bald zu Ende sein und der Rachen des Löwen geschlossen werden (Verse 22 und 14). Jesus gab Sein unendlich wertvolles Leben hin, und Sein einmaliges Opfer genügte vollkommen: „Jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer. Und ebenso wie es den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so wird auch der Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Errettung“ (Heb 9,26–28). Als Einziger konnte der Herr Jesus Sein Leben wiedernehmen, für Sich und somit für die vielen aus dem Tod Erretteten.

Der Übergang von Vers 22 zu Vers 23 gleicht einem Durchbruch, eingeleitet durch die Worte: „Du hast mich erhört“. Die Lage ist nun vollkommen verändert. Mit einem Mal ist ein Wechsel der äußeren Situation, der Blickrichtung und der Empfindungen zu verzeichnen. Die dringenden Notrufe schlagen jetzt um in ruhige Verkündigung. Die Hilferufe sind auf wunderbare Weise dadurch beantwortet, dass Gottes Macht und Treue zugunsten Seines Sohnes ins Mittel getreten sind. Bis zum Ende des Psalms geht es nun um die Resultate des herrlichen Werkes von Golgatha, dessen Auswirkungen unvergleichlich weitreichend sind. Einen besonderen Platz nimmt hier der Lobgesang auf den großen Namen Gottes ein; es ist das Lob, das Christus nun als verherrlichter Mensch zusammen mit den erretteten Glaubenden anstimmt. „Bei dem HERRN, dem Herrn, stehen die Ausgänge vom Tod“ (Ps 68,21 und 16,10). „Steht und seht die Rettung des HERRN“ (2. Mo 14,13). „Meine Stärke und mein Gesang ist Jah, denn er ist mir zur Rettung geworden“ (2. Mo 15,2). „Siehe da, unser Gott, auf den wir harrten, dass er uns retten würde; da ist der HERR, auf den wir harrten! Lasst uns frohlocken und uns freuen in seiner Rettung!“ (Jes 25,9).

Nachdem Er „von den Hörnern der Büffel erhört“ ist (Vers 22), möchte der Herr Jesus insbesondere Seinen Brüdern den Namen Gottes, des Vaters, verkündigen (Vers 23; Joh 20,17). Er spricht nun als der Auferstandene, als verherrlichter Mensch. Als der ewige Sohn Gottes ist Er herabgekommen vom Himmel und hat als wirklicher Mensch den Platz unseres Daseins und unserer Umstände eingenommen. Seine Opferung am Kreuz, Sein Tod und Seine Auferstehung machen die Glaubenden, die in Ihm das ewige Leben haben, zu Geheiligten. So oft sie zur Verehrung Gottes versammelt sind, ist Er gerne unter ihnen, um mit ihnen zusammen Seinem und ihrem Gott und Vater für die Erfüllung Seiner Ratschlüsse zu danken und Seine Gnade lobend zu rühmen (Heb 2,9–12). Bei solcher Gelegenheit ist es selbstverständlich, dass die Seinen sich an den Leidensweg Jesu erinnern und mit innerer Anteilnahme über Seinen Tod und Seine Auferstehung nachsinnen.

Obgleich der Herr über allem steht, zögert Er nicht, Sich mit denen, die Ihn lieben, eins zu machen und sie ‚meine Brüder' zu nennen (Heb 2,11.12), denn sie besitzen Sein Auferstehungsleben (Joh 17,2 und 20,17; Röm 8,29; Kol 3.3.4). Die Liebe des Herrn Jesus zu dem Gott Seiner Rettung ist auch ihre Liebe zu ihrem Heiland-Gott, dem Gott aller Gnade. So füllt der Herr das Herz Seiner,Brüder' mit Freude über die Erlösung und die Auferstehung. Die Freude können sie nun mit Ihm teilen. Er bestätigt sie als die Heiligen und Herrlichen auf der Erde, mit denen Er in liebender Fürsorge verbunden ist, und bekennt mit Freude: „An ihnen ist all mein Gefallen“, und: „Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir gegeben hat“ (Ps 16,3; Heb 2,13). Sie sind und bleiben Sein Eigentum. Sie können Ihm durch den Tod nicht mehr entrissen werden, denn Er hat die Schlüssel des Todes und des Hades in der Hand. Als solche, die durch ihre Bekehrung und ihren Glauben an Christus mit Ihm im Tod und im Leben vereint sind (Röm 6,5f), haben sie das Gericht über die Sünde gleichsam hinter sich (was auf andere Weise keinem Menschen möglich ist). Sie sind in Ihm, dem verherrlichten Menschen, zu derselben Stellung gelangt, die Er als Auferstandener vor Gott hat. Bei dem allem ist nicht außer Acht zu lassen, dass es ein Mensch ist, der in den vorliegenden Versen spricht. Er ist Gott, aber Er ist auch Mensch, und mit diesem verherrlichten Menschen, der Gott geehrt hat im Leben und im Tod, und der durch Gott befreit und zu Seiner Rechten erhöht ist, sind alle Erretteten als vom Tod und vom Gericht Befreite für immer verbunden.

Nach Seiner Auferstehung offenbarte der Herr Jesus den Jüngern den Namen Seines Gottes und Vaters (Joh 20,17). Den Vers 23 dieses Psalms auf die Versammlung aller Gläubigen des Christentums zu beziehen, ist gerechtfertigt, weil das Zitat des Verses in Heb 2,12 den Ausdruck „Versammlung“ für den Leib Christi, das heutige Volk Gottes als Gesamtheit, verwendet. Die Versammlung ist im geistlichen, himmlischen Sinn „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum“, wie dies im Alten Testament ebenfalls von Israel als Volk Gottes auf dieser Erde gesagt wird (1. Pet 2,9; vergl. 2. Mo 19,5.6). Der Segen, der von dem Werk am Kreuz ausgeht, wirkt sich auch auf die Gläubigen des Alten Testaments aus. Gott hat sie aufgrund des Werkes Christi im Voraus retten können, wie es in Röm 3,25.26 geschrieben steht. Denn jene Gläubigen bedürfen desselben Mittlers wie die gläubigen Christen. Außer Christus gibt es keinen Mittler zwischen Gott und Menschen und kein Opfer, das einen Sünder rechtfertigen kann und ihn zum Leben und zur Gemeinschaft mit Gott führt (Röm 5,15; 1. Tim 2,5).

Das Wort aus Vers 23: „Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern“ bedeutet zunächst, dass Christus allen Gläubigen den ganzen Reichtum, der in dem Namen Gottes liegt, offenbaren will. Dies sollte jedem Christen ein Ansporn sein, durch das Erforschen der Heiligen Schrift und durch zunehmende Erkenntnis Gottes in geistlicher Weisheit und Einsicht Fortschritte zu machen, „um würdig des Herrn zu wandeln zu allem Wohlgefallen, in jedem guten Werk Frucht bringend und wachsend durch die Erkenntnis Gottes“ (Kol 1,9f). Des Weiteren lassen die angeführten Worte des Verses 23 die enge Verbindung erkennen zwischen Gott, dem Vater, und denen, die Jesus Seine Brüder nennt. Ein geradezu verwandtschaftliches Band ist geknüpft: Er ist der Vater, sie sind Seine Kinder und somit Erben (Röm 8,17). Sie sind auf der Erde Gottes Tempel, und in diesem Tempel wohnt der Geist Gottes, den der Vater gesandt hat (1. Kor 3,16f). „Und ich werde euch zum Vater sein, und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige“ (2. Kor 6,18). „Seht, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heißen sollen!“ (1. Joh 3,1). Hier sei daran erinnert, dass das Werk Christi am Kreuz nicht nur um der Erlösung der Gläubigen willen geschehen ist, sondern auch für die Sache Gottes, zur Erfüllung Seiner Ratschlüsse und zur Verherrlichung Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Der zweite Satz des Verses 23 sagt, dass der Herr inmitten der Versammlung der Gläubigen Gott loben möchte. Er, der Sich mit fremder Schuld beladen ließ, der Sich unter den Fluch am Kreuz gestellt und ihn ertragen hat, beginnt jetzt auf der Grundlage der Auferstehung die Darbringung von Lob und von Anbetung für alle, die in Seiner Nachfolge sind. Ein Volk von Anbetern wird gebildet. Die Anbetung ist von besonderer Bedeutung innerhalb des gegenwärtigen christlichen Dienstes zur verehrenden Erhebung Gottes; sie bleibt als ein ewiger Gottesdienst immer bestehen. Gott, der Vater, und Gott, der Sohn, sind die höchsten Wesen, denen allein der Anspruch auf Anbetung und Ruhm zusteht. An andere Personen dürfen sich Gebete und Huldigung nicht richten. Nichts und niemand steht mit Gott auf einer Ebene. Gottesdienst muss daher als ein Gott ergebener Dienst in Demut und Beugung unter Beachtung Seiner unfassbaren Hoheit geschehen. Hierfür Begriffe des Gedankenaustauschs und Umgangs mit Menschen zu verwenden, wie Unterhaltung oder Kommunikation, wird dem Wesen Gottes nicht gerecht. Der Herr Jesus hat die Seinen zu Gott geführt, damit sie die in der Heiligen Schrift offenbarte Herrlichkeit Gottes betrachten und genießen. Sind die Herzen von Seiner wunderbaren Größe und Majestät erfüllt, dann werden sie Gott, den Vater, preisen für das, was Er ist und was Er getan hat. Gott, den Sohn, den Herrn Jesus Christus, werden sie unter anderem erheben wegen der Offenbarung aller göttlichen Wesenszüge auf Seinem Erdenweg (Joh 17,6; Kol 3,16; Off 5,8–14). Eine Gott wohlgefällige Anbetung wird immer eine Wirkung des Heiligen Geistes sein; sie richtet sich uneingeschränkt nach der Wahrheit des Wortes Gottes.

Wenn in der Zukunft die jetzige christliche Gnadenzeit ihr Ende gefunden hat, wird es in Israel ein geistliches Erwachen geben. Davon reden die Verse 24 bis zum Schluss. Die Hoffnung auf das Kommen ihres Messias wird aufleben und viele aus dem Volk werden anerkennen, dass vor langer Zeit, zum Beginn des Christentums, Jesus von Nazareth in Wirklichkeit ihr Messias war und es immer noch ist (Jes 53). Infolge ihres aufrichtigen Bekenntnisses werden diese „Nachkommen Jakobs“ oder Israels (Vers 24) dann zu gemeinschaftlichen Anbetern. Zunächst werden sie aufgefordert, sich vor dem HERRN zu scheuen, denn gerade darin hatten ihre Vorväter sehr versagt (Vers 24). Als Gott Seinen Sohn gesandt hatte, scheuten viele von ihnen sich nicht, Ihn zu verwerfen und zu töten (Mt 21,37–39). In der Zukunft hingegen wird eine größere Zahl von ihnen sich durch wahre Gottesfurcht auszeichnen. Sie werden den Herrn mit ganzem Herzen suchen (Verse 24.26.27; Jes 29,23), so auch ihre Nachkommen, die dann das irdische Volk des HERRN verkörpern und von der ganzen Welt als Sein besonderes Eigentum und Geschlecht wahrgenommen werden (Vers 31; Ps 110,3). Ihre Abhängigkeit vom HERRN und ihr Gehorsam Seinem Wort gegenüber sind dann wiederhergestellt (Ps 145), und Er wird sie segnen (Ps 69,33–37; Jes 65,9f). Diese stellen dann erneut Sein Volk dar, das Er Sich in Verwirklichung Seiner Pläne mit Israel gebildet hat. Mit Freuden werden sie Seinen Ruhm erzählen (Jes 43,21). Von Jerusalem ausgehend, wird Christus dann Sein zukünftiges Reich auf der Erde errichten, das sich über die ganze Erde ausdehnt. Dann werden sich alle Menschen Ihm unterwerfen und Ihm die gebührende Ehre zukommen lassen (Verse 28 bis 32; Ps 72,11; 86,9; 110,2.6; Jes 45,22).

Unter die prophetischen Ankündigungen mischen sich auch noch einige mehr persönlich gehaltene Aussagen, verbunden mit Danksagung; ihnen ist gemeinsam, dass sie das Lob und die Ehre Gottes im Blickfeld haben, wie es in den Schlussversen eines Psalms häufig der Fall ist. Vers 25 betont, dass Gott „das Elend des Elenden nicht verachtet noch verabscheut hat“. Der Elende wird in verschiedenen Psalmen charakterisiert als jemand, der seinen Feinden und den Umständen hilflos unterlegen ist. Dabei bekommt er oft die Verachtung seiner Umgebung zu spüren (Ps 10,2; 34,7; 35,10). Diesen Elenden und ständig Gedemütigten muss niemand erklären, was Demut ist. Wenn sie zu Gott rufen, wird Er sie erhören; dies können sie als feste Zusage in Anspruch nehmen. Der barmherzige Gott blickt in besonderer Weise auf sie (1. Mo 21,14–21; Jes 3,14; 66,2). Auch der Herr hat es so gehalten, als Er auf dieser Erde war und Sich in göttlicher Barmherzigkeit den Elenden, Kranken und Schwachen zuwandte. Er hatte Sich ja in der Absicht erniedrigt, auch Selbst zu den Elenden, Verachteten und Verlassenen dieser Erde gerechnet zu werden (Vers 7; Ps 40,18; 69,30; 102,1ff; Jes 49,7). Und der treue und gerechte Gott im Himmel vernahm Sein Schreien, das Er als Elender an Ihn richtete, und erhörte Ihn um Seiner Frömmigkeit willen (Heb 5,7). Die Verse 26 und 27 reden vorausschauend von Christus inmitten des Überrests. Er versichert, dass Er auch seinerseits allen, die auf Seine Worte vertrauen, die gegebenen Zusagen erfüllen und Seine Gelübde bezahlen werde (Vers 26).

Die Sanftmütigen besitzen offensichtlich besondere Verheißungen Gottes (Vers 27; Ps 69,33.34; Mt 5,5). Zu den Sanftmütigen, die bereit sind, sich zu beugen, rechnet sich Jesus selbst in Mt 11,29 und 21,5. Auch in diese Lebenslage eines Menschen ist der Herr Jesus gekommen und wurde darin geprüft. Sein vollkommenes Verhalten war immer zur Ehre Gottes und wurde dadurch belohnt, dass Gott Ihn aus höchster Not rettete. Er wurde auferweckt und setzte Sich zur Rechten Gottes. Die göttliche Gerechtigkeit gab Ihm diesen ewigen Platz in der Herrlichkeit der Gegenwart Gottes. Dies steht in stärkstem Gegensatz zum Los derer, „die in den Staub hinabfahren, und der seine Seele nicht am Leben erhält“ (Vers 30). Das ganze wunderbare Erlösungswerk zeigt, dass Gott Sich als gerecht und heilig erweist, sowohl hinsichtlich der Sünde als auch dem Sündenträger am Kreuz gegenüber. So offenbart Sich der unwandelbare Gott, der dem Glauben Sicherheit gibt, und daraus schöpft jeder, der Seinem Wort vertraut, neuen Glaubensmut. Um der offenbarten Gerechtigkeit und Heiligkeit willen wird der Name Gottes in Ewigkeit gelobt und verherrlicht werden.

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