Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 127

Dieser Psalm stammt von Salomo, der das Haus des HERRN baute und in Frieden in Jerusalem regierte.

Nur wenige planen ihre Unternehmungen mit dem Gedanken: Was würde Gott dazu sagen? Die meisten Menschen sind überzeugt, selbständig nach eigenen Vorstellungen zu Werke gehen zu können und dabei Erfolg zu haben. Ein gutes Resultat ihres Handelns schreiben sie sich selbst zu. Als der Schöpfer zu Anfang des Weltgeschehens alle günstigen äußeren Lebensbedingungen geschaffen hatte, machte Er dem Menschen das Bebauen und das Bewahren des zur Verfügung Gestellten zur Aufgabe (1. Mo 2,15). Doch beim Leben und Arbeiten sollte eine Frage des Buches Prediger zum Nachdenken anregen: „Wer kann essen und wer kann genießen getrennt von mir“ (oder: außer mir; ohne ihn, d.h. ohne Gott; Pred 2,25). Denn das Gedeihen, der Genuss und der Bestand aller Bemühungen hängen stets von der Hand Gottes ab. Dieses Angewiesensein auf Gott kann der Mensch nicht abschütteln, denn er bleibt immer ein abhängiges Geschöpf. In Vers 1 des vorliegenden Psalms wird diese Abhängigkeit bei einem Hausbau und beim Bewachen einer Stadt unabdingbar festgestellt. Gott ist und bleibt der Schöpfer, der Überwacher und der Erhalter aller Dinge, auch nachdem Er sie dem Menschen zur Verwaltung und Handhabung zur Verfügung gestellt hat. Trotzdem meint der selbstständige Mensch, er sei Herr über die Dinge und könne damit tun und lassen, was er will.

In Vers 1 wird gesagt, dass in Wirklichkeit Gott Selbst der Bauende ist und ebenso der Bewacher, obwohl augenscheinlich Menschen am Werk sind. Gott hat also nicht etwa nur Seine Einwilligung gegeben. Er ist nicht nur der Segnende, der einer menschlichen Bemühung zu Hilfe kommt und etwas dazu beiträgt. Es bleibt bestehen, dass Sein Wirken immer das Entscheidende ist, ohne welches kein menschliches Werk gelingen und bestehen kann. Hier wird nicht ausdrücklich eine fromme Haltung des Arbeitenden vorausgesetzt. Es ist nicht die Rede von einer guten inneren Einstellung, die das Gelingen vor Beginn der Arbeiten in die Hände Gottes legt, wenngleich dies zu empfehlen ist (1. Kor 3,12–15). Das innere Verhältnis der Werkleute zu Gott bleibt hier außer Betracht, weil es an dieser Stelle um die Tatsache geht, dass der Mensch bei allem Schaffen von dem Urteil und dem Wohlwollen des Schöpfers abhängig bleibt. Das eigene Bemühen, Können und Sorgen ist demgegenüber erst in zweiter Linie von Bedeutung; das heißt nicht, dass es unbeachtlich oder gar wertlos sei. Auch betreffs seiner Kräfte und hinsichtlich günstiger äußerer Begleitumstände ist der Mensch darauf angewiesen, dass Gott ihn gewähren lässt (Ps 90,16f; Mk 13,1f; Apg 17,25b). Nur solange Gott es geschehen lässt, nimmt ein Vorhaben die gewünschte Entwicklung und kommt zustande (1. Mo 11,1–9; Joh 21,3–6). „Der Segen des HERRN, er macht reich, und Anstrengung fügt neben ihm nichts hinzu“ (Spr 10,22). Zudem hat Gott allem eine Zeit gesetzt. Er gibt allem Geschehen das Maß und das Ziel vor (Pred 3,1–11). Sein Wille beherrscht die Entwicklung einer jeden Angelegenheit. Wenn der selbstbewusste Mensch meint, er brauche Gott nicht und schaffe das Geplante selbst, dann irrt er. Wenn Gott einem Menschen den Odem (eigentlich Hauch, oder Geist) wegnimmt, dann haucht er aus und kehrt zurück zum Staub (Ps 104,29). Das Einwirken Gottes und Sein Eingreifen in das Geschehen auf der Erde vollzieht sich jedoch zumeist im Verborgenen, so dass es dem Menschen nicht als das Handeln Gottes bewusst wird. Diese Gedanken gelten natürlich besonders für das Bauen durch Gläubige, das immer vom Segen Gottes abhängt, sonst gelingt nichts.

Steht Gottes Entscheidung den menschlichen Absichten entgegen, dann sind alle Anstrengungen des Menschen vergeblich. „An demselben Tag gehen seine Pläne zugrunde“ (Ps 146,4). Dreimal wird den Arbeitenden im vorliegenden Psalm ein warnendes „vergeblich“ zugerufen. Doch allzu oft bleibt die Warnung unbeachtet. Selbstsicher, frei und unabhängig tun die meisten Menschen das, was sie sich vorgesetzt haben; sie fühlen sich Gott gegenüber nicht verantwortlich. Daher sind sie gerne bereit, den Darstellungen einiger zu glauben, die den Schöpfer verleugnen und ihn aus der Schöpfung ausschließen. Weil sie Gott als den Ursprung und den Sinngeber des Ganzen nicht kennen, können sie keinen Sinn und Zweck der Schöpfung erkennen. Sie wollen Gott nicht als Schöpfer sehen, um Ihm nicht unterworfen sein zu müssen. Als Gottlose verwerfen sie Ihn; deshalb werden sie und ihre Werke von Gott verworfen werden. „Vergebens ist er (der Mensch) voll Unruhe; er häuft auf und weiß nicht, wer es einsammeln wird“ (Ps 39,7). Im Grunde haben sie vergeblich gelebt, und wozu dann ihre Werke? (Pred 1,14; 2,11.16–18; 4,4). „Vergeblich ist es für euch, dass ihr früh aufsteht, spät aufbleibt, das Brot der Mühsal esst“ (Vers 2; 1. Mo 3,17–19; Pred 2,21).

Ein erfolgreicher Fortgang der Unternehmungen des Menschen bleibt immer eine Gabe der Güte Gottes (Ps 145,15–17). Ein Gottesfürchtiger erkennt dies in Demut an. Er dankt seinem Gott und schreibt Ihm den Erfolg zu, nicht sich selbst und den eigenen Fähigkeiten. Die Untätigen sind allerdings nicht die „Geliebten“, denen Gott Seine Geschenke, ohne dass sie es merken, in den Schoß legt (Vers 2b; Spr 22,13; 26,13–16). Die Heilige Schrift empfiehlt Willigkeit, Fleiß und Einsatz. Gott liebt die, die in Gottesfurcht und im Vertrauen auf Seine gnädige Hilfe ihre Aufgaben wahrnehmen und zu Ende führen, aber nicht im Selbstvertrauen, auch nicht zur Selbstdarstellung, sondern im Gehorsam Ihm gegenüber, in Anerkennung des göttlichen Wortes: „Außer mir (getrennt von mir) könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5). Nicht mehr, aber auch nicht weniger zu sein als ein Diener und ein Werkzeug in der Hand Gottes, muss als höchste Ehre gelten. Ohne dass eine Belohnung der Antrieb für ihren Einsatz gewesen wäre, wird Gott die Fleißigen segnen, die Seine Aufgaben sehen und sich dafür einsetzen (Spr 13,4b).

Die Verse 3 bis 5 befassen sich mit dem alles entscheidenden Wirken Gottes im Leben des Einzelnen, in den Familien und darüber hinaus in der ganzen Menschheit. Er lenkt die Umstände und beeinflusst die Ursachen, die eine Familie und im Weiteren ein ganzes Volk stärker oder schwächer werden lassen. Der Mann, der Vater der Familie, mag dies als ein Gebiet betrachten, auf dem sein Wille maßgebend ist. Die Frau und Mutter könnte ihre mühevollen Aufgaben als entscheidend ansehen. Doch Gott ist es, der den Segen einer zahlreichen Nachkommenschaft verleiht, welche in Vers 3 „ein Erbteil des HERRN“ genannt wird. Er ist es, der den Eltern der größer gewordenen Familie den Lebensunterhalt und die körperliche und geistige Gesundheit schenkt und die Erziehung zum Erfolg werden lässt. Wie beim Hausbau und bei der Erhaltung einer Stadt, so sind auch in diesem Teil des menschlichen Lebens Seine Gaben, Seine gütige Zuwendung und Sein Schutz die Voraussetzung für das gute Gedeihen (Mt 6,25ff). Wer Ihn im Glauben darum bittet, wird Seine Hilfe erfahren, denn Sein Augenmerk ist auf das Ehepaar gerichtet, das in Gottesfurcht handelt und seine Kinder für den Herrn erzieht. Als Glaubende wissen die Eltern, dass ihre Existenz und ihr Wohlergehen als Familie von Gott und Seiner Gnade abhängig sind und dass sie im Grunde nur durch das leben, was Seine Güte ihnen gibt. Aus dieser Überzeugung gewinnen sie mehr Sicherheit als aus allen irdischen Unterstützungssystemen. In früherer Zeit, als die heutige soziale Absicherung noch unbekannt war, waren die Eltern auf die Versorgung insbesondere durch ihre Söhne angewiesen. Darum konnte sich ein Vater vieler Söhne sehr glücklich schätzen (Vers 4). War die Mutter Witwe geworden, dann waren die Söhne ihr Schutz. Indessen sollten wir uns immer von der Fürsorge unseres Gottes und Vaters getragen wissen. Durch Kindersegen wird das Fortbestehen der Familien und eines Volkes gesichert, und dies zur Freude der Eltern. Mit dem Segen des Herrn wird eine Familie, die sich nach den Maßstäben der Heiligen Schrift entwickelt, zu Ansehen und gutem Einfluss gelangen (Vers 5). Gott segnet offenbar gerne die Nachkommenschaft von treuen Gläubigen (4. Mo 25,10–13; Ps 106,30f). Nach den Belehrungen der ersten drei Verse dieses Psalms kann niemand diesen Segen sich selbst oder vermeintlichen Vorzügen zuschreiben. Denn es ist nicht zu übersehen, dass trotz guter familiärer Voraussetzungen manche Söhne und Töchter ein großer Kummer für ihre Eltern geworden sind (1. Mo 26,34f; 37,34ff; 2. Sam 13).

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