Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 81

Der Psalm spricht von den Anrechten Gottes gegenüber Seinem auserwählten Volk, Seinen Erlösten (Verse 9 bis 11; Vers 14). Als ihr HERR darf Er Gehorsam von ihnen erwarten. Wenn sie Ihm vorbehaltloses Vertrauen, die gebührende Hochachtung und wahre Anbetung zukommen lassen, dann wird Er sie mit reichem Segen belohnen. Israel besaß in der Heiligen Schrift Verordnungen über die wiederkehrenden Feste des HERRN als ewige Satzung. Das Volk sollte diese Gelegenheiten nutzen zum Lob und zum Zeugnis für Seinen Namen (Verse 2 bis 6; 3. Mo 23,37; 4. Mo 10,10; Ps 47,6f; 89,16f; Jes 12,2–6). Mit Freuden konnten sie sich dabei an die Rettung aus Ägypten erinnern. Dies gab Gelegenheit, mit Dankbarkeit an das Licht der Erkenntnis zu denken, das der HERR ihnen aus Gnade geschenkt hatte (Ps 27,1; 36,10; 43,3f). Einst waren sie alle in der Gefangenschaft Ägyptens gewesen, und als geeintes Volk waren sie daraus befreit und nach Kanaan geführt worden. Als Gesamtheit sollten sie nun regelmäßig vor Ihm erscheinen und mit einer Stimme Ihn loben. Unter dem Namen „Joseph“ (Vers 6), der als Erster der Nachkommen Jakobs von Gott nach Ägypten vorausgeschickt worden war (Ps 105,17), ist hier das ganze Volk Israel zu verstehen. Aus vielen Stellen der Schrift geht hervor, dass Gott gerne Sein Volk als Ganzes versammelt sieht. Zur Darstellung der Einheit von so vielen Einzelnen bedarf es einer geregelten Ordnung, der alle zustimmen und die von allen eingehalten wird. Für gewöhnlich eint schon die Landessprache ein Volk. Die eigene Sprache und ein gleichgerichteter Sinn waren auch die Kennzeichen der geistlichen Zusammengehörigkeit Israels. Der HERR, ihr Bundesgott, hat Sich ihrer hebräischen Sprache bedient, um Sich ihnen in der Heiligen Schrift zu offenbaren. Dies sonderte sie ab und unterschied sie von der sie umgebenden Welt, die eine davon abweichende Sprache spricht (Vers 6). Die Satzung des HERRN sollten sie befolgen und sich gemäß Seinen Verordnungen versammeln (Vers 5). Zu aller Zeit muss ein geistlicher, an der Schrift orientierter Gehorsam die Anbeter beim Gottesdienst leiten. Persönliche Zwecke, selbsterdachte Beiträge und eigene Gefühle müssen fernbleiben. Gottes Gegenwart und die Leitung durch Seinen Geist gibt der Versammlung der Gottesfürchtigen eine Würde und Feierlichkeit, die durch die Einwirkungen von Formalismus, besonders aber von weltlicher Art und Handlungsweise, nur verdorben werden kann. Mit Freude, mit einem Herzen voller Dank und der Heiligen Schrift gehorchend sollten die Gläubigen zum Gottesdienst gehen, um dort in der Gegenwart Gottes zu sein.

In Ägypten hatte Israel unter der Knechtung und Ausbeutung durch die Herren des Landes schwer zu leiden gehabt, und der HERR hatte ihre Hilferufe gehört und beantwortet. Durch Seine Wundertaten hatte Er Sich mit ihnen einsgemacht und sie von ihrer Last befreit, und Israel genoss die Freiheit. Nun hätten sie Ihm mit ihren Gedanken und Taten folgen und, auf Sein Wort hörend, Seine Sprache sprechen sollen. Ägypten mit seinem Reichtum und seiner Denkweise hätte für immer vergessen sein sollen. Doch Gott stellte ihre Gesinnung auf den Prüfstand: Der Mangel an Trinkwasser bei „Massa und Meriba“ offenbarte, dass sie die Annehmlichkeiten Ägyptens höher schätzten als die gewonnene Freiheit und die Gemeinschaft mit dem HERRN. Der Liebe und Macht Gottes brachten sie nur wenig Vertrauen entgegen (Verse 7 und 8; 2. Mo 17,1–7; 4. Mo 20,2–13). Die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in Ägypten, am Roten Meer und in der Wüste hätte ihnen die Augen öffnen sollen über die wunderbare Größe Seiner Liebe und Seiner Hilfsmittel. Ihre Herzen hätten Ihm in dankbarer Gegenliebe verbunden sein sollen. Aber wie es die meisten Menschen seit jeher halten, so nahmen auch sie nur das Bedrängende des Augenblicks wahr. Ihre Gedanken erhoben sich nicht über die Tageserlebnisse (Jes 22,13). Schon bald erinnerten sich nicht mehr an die vor Kurzem erlebten Wohltaten Gottes. Ihre Beurteilung der Umstände richtete sich nach ihrem momentanen Gewinn und Verlust. Glauben an den HERRN besaßen die meisten von ihnen nicht. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit schon zeigten sie, dass sie sich um einer kurzfristigen Erleichterung willen eher wieder einem Pharao in Ägypten unterworfen hätten als dem ewigen Gott, der sie liebte und Seine Güte trotz ihres Ungehorsams fortdauern ließ. Daher sah Er Sich gezwungen, ihnen weiterhin durch Tat und Wort klarzumachen, was wirklich in ihren Herzen vorging (Vers 9; Ps 50,7ff). Sein Vorhaben mit ihnen war von Liebe getragen und zu ihrem bleibenden Segen geplant. Aber statt Gegenliebe gab es viele recht unerfreuliche Gegenwirkungen, und dies trotz Seines immerfort gnädigen Handelns mit ihnen. (Jes 48,17–19).

Der HERR ruft in Vers 9 aus: „O Israel, wenn du mir gehorchtest!“ Entsprachen sie Seinem Wunsch, dann würde Er eine Fülle von Segen über sie bringen (2. Mo 15,26). Diese Verheißung hat sich in ihrer Geschichte auf vielfache Weise bewahrheitet. Ihnen oblag es, eine innere Bereitwilligkeit mitzubringen und auf Sein Wort zu achten. Ihre Ohren mussten sie zum Empfang von geistlichem Segen öffnen, und in ihren Herzen mussten sie den Platz dafür bereitstellen (Verse 11 und 17; Ps 119,131; Jes 55,1). Wer dies beachtet, wird eine innere Befriedigung erfahren, wie sie auf keine andere Weise zu erlangen ist. In Vers 10 wird die Segnung noch davon abhängig gemacht, dass man sich von aller Art des Götzendienstes fernhält. Dazu zählt alles, woran sich die Welt orientiert; die Menschen haben ihre selbst gewählten Ansichten und Idole, zu denen sie anstelle Gottes aufschauen und wovor sie sich niederbeugen. Aber Gott duldet keine anderen Götter neben sich (Ps 16,4; 2. Mo 20,2–6; 5. Mo 5,7–10). Alles, was von dieser Welt mit Verehrung betrachtet wird, sollte dem Gottesfürchtigen ungewohnt und fremd bleiben. Keineswegs darf man sich daran gewöhnen, mit solchen Dingen und scheinbaren Werten umzugehen. ‘Wo Götzenbilder sind, kommt es mit Sicherheit dazu, dass man sie anbetet. Der Mensch ist derart zum Götzendienst geneigt, dass ihm alles, was den wahren Gott in irgendeiner Weise ersetzt oder an Seine Stelle tritt, zur unwiderstehlichen Versuchung wird. Solange die Nester nicht zerstört sind, kommen die Krähen wieder‘ (C. H. Spurgeon). „Kinder, hütet euch vor den Götzen!“ (1. Joh 5,21). Gottes Weg ist nur mit Entschiedenheit einzuhalten, denn niemand kann auf zwei Wegen gehen, und niemand kann zwei Herren dienen (Mt 6,24; 1. Kor 10,21.22; Jak 4,4). Die Frage ist, wie ernst man es nimmt, dass Er gesagt hat: „Ich bin der HERR, dein Gott“ (Vers 11).

In Vers 12 fällt der HERR das Urteil, dass Seine Bemühungen vergebens gewesen waren, denn Israel hatte sich dem Ungehorsam verschrieben. Das Volk war nicht willens, auf Seine Stimme zu hören (Hos 9,17). Sie beugten sich nicht unter Seinen Willen, weil sie Seinen Zielen nicht dienen wollten. Ihr Herz war starrsinnig, ihre Ohren waren taub (Jes 65,2f; Jer 7,24–28). Da keine Wende zum Besseren zu erwarten war, überließ Gott sie ihrer Verstocktheit und ihrem Mutwillen (Vers 13; Spr 1,28–31; Hos 5,15; Joh 12,40; Apg 7,42). Wenn Gott die Menschen hingibt und sie sich selbst überlässt, dann sind moralisches Umherirren, Zügellosigkeit und letztlich der Untergang unausbleiblich. Wenn der Mensch sich von Gott unabhängig macht, gleicht er einem Schiff ohne Steuerruder, das sein Ziel verfehlt und dem Verderben ausgeliefert ist. Die Verstockung des Herzens zieht immer diese überaus schwere Strafe nach sich (Vers 13). Dass diese unabänderliche Entwicklung Gott nicht gleichgültig ist, hat Er dadurch bewiesen, dass Er in Christus Jesus einen Heilsweg geschaffen hat, den jeder, der es will, nutzen kann. Das Abfallen des Volkes Israel schmerzte Gott. Das zeigt Seine Klage in Vers 14: „O dass mein Volk auf mich gehört hätte, dass Israel in meinen Wegen gewandelt wäre!“ (Mt 23,37; Lk 19,42). Dann hätte Er Sich auf ihre Seite gestellt und sie aus allen Nöten gerettet. Ihre Gegner, die ihnen mit Hass begegneten, wären auch Seine Feinde gewesen und hätten sich Seiner Macht beugen müssen. Israels Wohlergehen und ihrer aller Heil wäre gesichert gewesen (Verse 15 bis 17; 5. Mo 7,9f; 10,12; 32,13–20; 2. Chr 30,9). „Die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1. Joh 2,17).

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