Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 142

Der Psalm berichtet von der schlimmen Notlage eines Gottesfürchtigen. Um mit seiner Unruhe und Angst fertig zu werden, schüttet er hier seine Klage vor dem HERRN aus (Vers 3). Die Art und Weise, wie David sich bei allem, was ihm widerfuhr, vertrauensvoll an Gott wandte, ist tröstend und lehrreich für jeden Geängstigten, der dringend Mut und Hilfe von oben benötigt. Zum ernstlichen Beten gehört auch das uneingeschränkte Gottvertrauen und das Wissen um die Liebe und Allmacht des barmherzigen Gottes im Himmel, dazu auch die Einsicht, dass man ganz auf Ihn angewiesen ist und Ihm mit einem demütigen und reinen Herzen nahen muss. Der Geprüfte muss bereit sein, Seinen souveränen Willen hinzunehmen.

Der Psalmdichter kannte die Heiligen Schriften. Denn darin offenbart Sich Gott durch Seine Taten in der Schöpfung und in der Geschichte Israels. Sich daran erinnernd, klagte David Ihm voll Vertrauen sein ganzes Leid und teilte Ihm alle Befürchtungen mit. Seine außergewöhnliche Notlage ließ sein Flehen zu einem Schreien werden (Verse 2 und 6; Ps 18,7; 28,1.2). Nur bei dem HERRN fand er die Macht und die Mittel, aber auch die Liebe, die zu seiner Rettung nötig waren. Der HERR ist die sichere Zuflucht für alle, die an Ihn glauben. Ihr eigentliches Ziel ist das ewige Erbteil bei Ihm „im Land der Lebendigen“ (Vers 6; Ps 27,13; 49,16; 116,9). Wenn es in Davids Notlage noch jemand gab, der sich für ihn, den äußerst Bedrängten, einsetzen und alles zu seiner Rettung aufbieten würde, dann war es der HERR. Deshalb schüttete er Ihm sein Herz aus, auch seine Todesangst verschwieg er nicht. Vor Ihm hatte er nichts zu verbergen (Vers 3; Ps 62,9; 102,1). Alle seine Sorgen warf er auf Ihn, den Hörer des Gebets, dem nichts zu groß und nichts zu klein ist (1. Pet 5,7). Dies nahm ihm die Last vom Herzen und richtete seinen ermatteten Geist auf; es ließ ihn wieder nach vorn schauen und gab den Blick frei. Ihm war klar, dass sein Gott ohnehin seine Gedanken und jeden Winkel seines Herzens kannte. Seine gegenwärtige Lage, seine Vergangenheit und sein zukünftiger Weg waren dem HERRN bekannt. Wusste David angesichts der Umstände auch nicht, wie es weitergehen sollte, so war er doch sicher, dass der HERR alles ihm Bevorstehende im Voraus bedacht hatte. Denn „in deiner Hand sind meine Zeiten“ (Ps 31,16). Gott sah seinen seelischen Zustand und zugleich die heimtückischen Schlingen, die seine Feinde ihm in den Weg gelegt hatten (Vers 4; Ps 31,8; 64,2.3). Auf menschliche Unterstützung war nicht zu hoffen. „Verwaist ist meine Seele“ (Ps 35,12) Kein Weggenosse, kein Freund und Helfer stand ihm zur Seite, niemand fragte nach ihm. Verlassen stand er da, ausweglos, wehrlos und hilflos. Anerkennung oder gar Wohlwollen fand er nirgends mehr (Vers 5; Ps 94,16–19). In derart trostloser Lage lernt die Seele des Gläubigen es als unendlich wertvoll einzuschätzen, dass ein tiefes Empfinden von Gottes Liebe das Fehlende ersetzt. Weil der Gottesfürchtige unter Seiner Gnade steht, hat er auch für die Zukunft von Seiner Treue nur göttlich Gutes zu erwarten.

In Vers 7 wendet er sich nun mit seiner Bitte direkt an den HERRN und nennt Ihn seine einzige Zuflucht. Davids Glaube zeigte sich darin, dass er nicht die sichtbaren Hilfsquellen suchte, sondern den unsichtbaren Gott. So wird deutlich, dass sein wertvollstes Gut und sein einzig sicherer Besitz der HERR war. Weil sein Herz und Sinn ganz dem HERRN zugewandt waren, bezeichnet er den HERRN als „mein Teil“ (Vers 6; Ps 16,5; 73,26). Das herrliche Teil in seinem Gott konnte ihm niemand nehmen; es lag ja „im Land der Lebendigen“ bei dem lebendigen Gott im Himmel, und so war es dem Zugriff seiner Verfolger entzogen. Das machte sein Herz so glücklich, dass er friedevoll in dem HERRN ruhte (Ps 34,9ff). Was seinen augenblicklichen Zustand betraf, so fühlte er sich erschöpft und zu schwach, um mit den bedrängenden Umständen und mit den ihm nachsetzenden Verfolgern fertig zu werden; sie waren ihm zu mächtig (Vers 7; Ps 18,18; 35,10). Retten konnte ihn nur der HERR, und sein Glaube war überzeugt, dass sein Gott ihn erhalten wird als einen Anbeter, der auf ewig Seinen Namen für die erfahrene Errettung preisen wird (Vers 8; Ps 13,6; 42,6). Nicht nur die zeitliche Rettung bewegte ihn. Sein Glaube blickte auf ein weit höheres Ziel und schenkte ihm die Gewissheit, dass in der Zukunft die Menge der erlösten Anbeter Gottes gemeinsam mit ihm die Wohltaten und Wunder Gottes preisen wird (Ps 22,26; 111,1; 143,11).

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