Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 73

Auch der wahrhaft Gläubige kann ausgleiten, vom Weg abkommen und als Verirrter zu Fall kommen. Ablenkende Gedankengänge können die Ursache sein, aber auch falsche Selbsteinschätzung oder Unachtsamkeit gegenüber dem verderbten Wesen dieser Welt. In solchen Fällen wird es an der Gemeinschaft mit Gott gefehlt haben. Der Gläubige hat sich zu wenig im Heiligtum, das heißt in der Gegenwart Gottes aufgehalten. Die Vorgänge im Herzen sind dann nicht mehr durch die Liebe zum Herrn gelenkt; sie wurden nicht hinreichend dem Licht der Heiligen Schrift ausgesetzt. In der Folge entwickeln sich falsche Anschauungen von dem, was recht ist vor Gott. Doch der Herr sieht die Gefahr und lässt den an Ihn Glaubenden nicht fallen (Ps 24,4–6; Lk 22,32). Durch Seine Fügungen, falls notwendig, auch züchtigender Art, bringt der Herr den, der im Grunde aufrichtig sein Herz reinhalten möchte, zum Nachdenken und zur Einsicht über sich selbst, so dass sein Weg wieder mit dem Wort übereinstimmt. Zu dem, was vorfällt, nimmt er wieder den rechten Standpunkt ein, der dem Herrn gefällt. „Die Füße seiner Frommen bewahrt er“ (1. Sam 2,9), und ebenso „die Seelen seiner Frommen“ (Ps 97,10).

Der Psalmdichter durfte sich zu denen zählen, deren Herz durch Glauben und Gehorsam gereinigt war (Vers 1; vgl. 1. Pet 1,22). Und doch wären seine Schritte beinahe ausgeglitten, sogar aus nichtigem Anlass. Dass es nicht so weit gekommen war, verdankte er der Liebe Gottes, der das Herz und die Füße des Gläubigen ständig beobachtet; das will sagen, dass Gott alle Gedanken und Unternehmungen immerfort begleitet (Vers 2; Ps 94,17.18). Auf seine Lebensführung wird der Vorsichtige auch selbst achthaben. Aber Gott sieht viel tiefer als wir Menschen und erkennt die Gefährdungen im Voraus. Er sah den Neid im Herzen des Psalmdichters und den versteckten Vorwurf, dass die Güter und das Wohlergehen in dieser Welt nicht gerecht verteilt seien: Die einen werden für Hochmut und Bosheit nicht bestraft, den anderen wird der Lohn für ihre Gottesfurcht vorenthalten (Vers 13). Die einen gelangen zu einer gesicherten Position, erwerben sich Vermögen und erfreuen sich ihres Wohlergehens. Die anderen arbeiten wenig erfolgreich und mühen sich umsonst, ihre Herzen und Hände haben sie dem Anschein nach vergebens reingehalten (Vers 13). Die einen kennen keine Plagen und genießen ohne Qualen friedlich ihr Leben. Die anderen werden den ganzen Tag geplagt und gezüchtigt (Vers 14). Die Gottlosen gefallen sich in übermütigem Treiben, sie reden eingebildet von oben herab, und die Leute stimmen ihnen zu (Verse 8 bis 10). Sie rechnen nicht mit Gott, darum ist ihr Verhalten tadelnswert (Ps 49,14; 59,8; 94,7). Die Gottesfürchtigen hingegen enthalten sich der Worte und Taten, die sie nicht verantworten können, selbst dann, wenn es ihnen zum Nachteil gereicht (Verse 3 bis 12; Ps 17,14; 37,1; Hiob 21,7; Spr 3,31; 23,17; Pred 7,15; 8,12; 9,2; Jer 12,1).

Bevor der Psalmdichter in der Gegenwart Gottes mit sich und dem ungerechten Lauf der Dinge ins Reine gekommen war, hätte er anscheinend am liebsten gesehen, wenn Gott die ungerechten Zustände ins Gleichgewicht gebracht hätte. Heute wird des Öfteren der Gedanke vertreten, dass das Weltgericht bei so viel Gewalttat und derart herunter gekommener Moral in Kürze zu erwarten sei. Doch Gott regiert und bestraft nicht nach menschlichen Vorstellungen. Über Seine Maßnahmen zu urteilen, steht uns nicht zu, und genauso falsch ist es, den Strafvollzug herbeizuwünschen. „Gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr“ (Röm 12,19). Der Herr Jesus sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1). Wer dürfte sich für tadellos halten und selbstgefällig behaupten, er habe sein „Herz gereinigt“ und die „Hände in Unschuld gewaschen“? (Vers 13; Spr 20,9; Hiob 14,4; 25,4; 1. Joh 1,8). Oder ist man deshalb ärgerlich geworden, weil denen Gutes geschieht, die es nach unserer Meinung nicht verdient haben, während dem eigenen ordentlichen Lebenswandel die verdiente Anerkennung versagt blieb? Hatte man denn daraus einen Anspruch auf Bevorzugung hergeleitet? Vielleicht ist man undankbar und unzufrieden geworden, man beklagt die tägliche Plage und hält sie für eine Züchtigung (Vers 14). Doch dabei sollten wir in Betracht ziehen, dass Gott mit uns als mit Söhnen handelt und uns züchtigt, „damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden“ (Heb 12,5–11). „Das Ausharren aber habe ein vollkommenes Werk“ (Jak 1,4; Hiob 7,18). Wenn wir vom Herrn gezüchtigt und erprobt werden, müssen wir es uns versagen, uns mit anderen zu vergleichen, denen es besser ergeht als uns. Wenn wir dennoch Vergleiche ziehen, stellen wir Gottes Handeln mit uns in Frage und sind mit unserem Geschick nicht einverstanden. Dann erscheint die Plage unerträglich; sie wird uns schwerer belasten, als wenn wir die Prüfung aus Seiner Hand angenommen und uns willig darunter gestellt hätten. Gott handelt nicht ungerecht, wenngleich uns das auferlegte Leiden ungerechtfertigt erscheinen mag. Sicherlich sollen wir unsere Herzen und unseren Wandel prüfen, wenn Er uns schlägt. Aber niemand sollte sich mit dem Gedanken quälen, dass er etwaige eigene Sünden durch ein entsprechendes Leiden wiedergutmachen müsse. Ebenso wenig kann sich jemand durch tadelloses Verhalten vor Gott so verdient machen, dass ihn keine Leiden und keine Plage mehr treffen dürften (Hiob 9,29–35; 34,7–9; Mal 3,13–15; Pred 2,14f). Niemand kann aufgrund guter Haltung und der Reinheit seines Herzens vor Gott Ansprüche stellen. Wer sich zum Glauben an den heiligen Gott bekennt, schuldet Ihm ohnehin weit mehr als nur die Reinheit des Herzens und der Hände.

Offenbar war der Psalmdichter dem Abirren von Gottes Wegen sehr nahegekommen. Wäre er weiterhin seinen missmutigen, mit Gott hadernden Überlegungen gefolgt, dann hätte er sich der Treulosigkeit schuldig gemacht und sein gutes Zeugnis vor anderen, treu Gesinnten eingebüßt. Mit seinen Vernunftschlüssen hätte er Schaden unter denen angerichtet, die ihn wegen seiner Gottesfurcht hochschätzten. Aber er wollte seiner Umgebung keinesfalls schaden, sondern in geistlicher Weise von Nutzen sein. Darum wandte sich der Dichter von den verkehrten Überlegungen ab (Vers 15). Ihm wurde klar, dass die Einwürfe seiner verletzten Seele sich auf dem Gebiet des irdischen Wohlergehens bewegten und an die Denkgewohnheiten solcher anknüpften, die ihr Wohl und ihren Genuss ohne Gott in dieser Welt suchten. Deren Gesichtskreis und ihre Interessen gingen über irdisches Ansehen, Lustgewinn und das mit den Sinnen Wahrnehmbare nicht hinaus. Von dem, was der Glaube sieht und erhofft, wussten sie wenig oder nichts. Grundsätzlich sollte einem Glaubenden die falsche Verteilung der Güter und der Schicksale in diesem Zeitlauf angesichts der Ewigkeit und des ewigen Lebens nicht von Wichtigkeit sein. Erst dort ist die Belohnung der Gottesfürchtigen zu erwarten und bis dahin gilt es auszuharren. Durch nutzlose, diesem Zeitlauf verbundene Erwägungen wollte der Psalmdichter sich hinfort jedenfalls nicht mehr irreführen lassen. Das Vertrauen auf die ihrem ewigen Wert nach unschätzbaren Verheißungen der Heiligen Schrift wollte er nicht mehr aus dem Auge verlieren. Ein gemeinsamer Weg und gleiche Interessen, oder gar eine geistige Verwandtschaft mit den Gottlosen kamen für ihn nicht in Betracht. Ihre Ziele waren nicht die seinigen. Er gehörte zu „dem Geschlecht deiner Söhne“ (Vers 15), zu den Gläubigen, und hielt sich zu ihnen. Nachdem er zu dieser Grundhaltung zurückgefunden hatte, warfen die Erfolge und die Selbstsicherheit der Kinder dieses Zeitlaufs für ihn keine Fragen mehr auf. Das Leben aus Gott, das er zweifellos hatte, besitzt ein neues Denken mit himmlischen Zielen (Vers 26), eine gegenüber der irdisch menschlichen Art gänzlich andere Gesinnung, die Gott gemäßen Neigungen folgt. Versucht der Gläubige, beide Ausrichtungen in einer Art Synthese zu vereinbaren, dann kommt es zu innerer Zerrissenheit und zu unbefriedigenden Kompromissen. Darauf antwortet Gott nicht selten mit Zurechtweisungen, die aus Seiner Liebe und Seinem Interesse an dem Glaubenden hervorgehen.

Es hat den Anschein, dass der Psalmdichter die Widersprüchlichkeiten zwischen seinen irdischen Zielen und der himmlischen Ausrichtung seines Glaubens zunächst durch vieles Nachdenken und Erforschen seiner Neigungen überwinden wollte (Vers 16). Aber die Lösung bestand in der Abkehr von allen eigenen, nicht Gott gemäßen Wünschen und Überlegungen und in der Hinwendung zu den Heiligtümern Gottes (Vers 17) Dies kommt einem radikalen Stellungswechsel gleich; es ist ein Losreißen von den üblichen Bahnen des menschlichen Denkens, das nun als verkehrt erkannt worden ist. Es bedeutete zugleich ein geistliches Nahen zu Gott, Ihn musste der Dichter bewusst aufsuchen. In der Nähe Gottes und durch den Wunsch nach Gemeinschaft und Übereinstimmung mit Ihm kommt der Gläubige unter die Leitung von oben, so dass er nicht mehr eigenwilligen Gedanken nachgeht, sondern das Ich und seine Wünsche hinter sich zurücklässt und in Wahrheit den Willen Gottes tut. Dieses Wegwenden und Aufgeben bedeutet keinen Verlust, denn es bringt Sicherheit und Glück für die Seele; es führt zu vermehrter Ehrfurcht vor Gott und Seinem heiligen Wort. Dort in Seiner Gegenwart hat der Psalmdichter nach einigem Ringen völlige Klarheit gewonnen (Verse 17 bis 24). Das Licht des Heiligtums fiel in sein Herz und hatte ihn zum rechten Nachdenken gebracht. Er hatte gelernt, sich selbst und das, was sich in dieser Welt ereignet, auf geistliche Weise einzuschätzen (Kol 1,9–12; 2,6–9). Das Himmlische war für ihn anstatt des Irdischen zur wegweisenden Realität geworden, und das war seine Bestimmung von Seiten Gottes. Die Gegensätzlichkeit dieser beiden Positionen wird beim Vergleich der Verse 22 und 23 deutlich sichtbar. Der Standpunkt dessen, der sich viel in den Heiligtümern Gottes aufhält („ich bin stets bei dir“ – Vers 23), wird sich zunehmend von den Gedankengängen der gleichgültig dahinlebenden Leute unterscheiden. Um sich nicht zu beunruhigen, vermeiden es die Ungläubigen, über so ernste Dinge wie ihr Verhältnis zu Gott und die Verantwortlichkeit Ihm gegenüber nachzudenken.

Von den Heiligtümern Gottes her gewahrte der Psalmdichter das Ende der ungläubigen Gottlosen. Ihre erfolgreiche gegenwärtige Situation schien die Richtigkeit ihrer Weltanschauung zu bestätigen, aber ihr Ende wird das Gegenteil beweisen (Ps 92,8). An dem Gerichtstag Gottes wird das endgültige Ergebnis ihrer Anschauungen und ihres Lebenswerkes offengelegt. „Denn wer für sein eigenes Fleisch sät, wird von dem Fleisch Verderben ernten; wer aber für den Geist sät, wird von dem Geist ewiges Leben ernten“ (Gal 6,8). Wenn sie zum Gericht auferstehen werden, dann „wirst du, Herr, beim Aufwachen ihr Bild verachten“ (Vers 20; Ps 49,18–20). Festen Grund unter den Füßen haben sie nicht. Was sie erarbeitet hatten, zerfällt mit ihnen zu Trümmern. Aller Erfolg ihres Daseins war eine Täuschung, ein Traum; sie selbst sind ein bloßes Schattenbild. Ihre Herrlichkeit währte nur kurze Zeit, dann wird sie plötzlich vergehen und einer Wüste gleichen (Verse 18 bis 20; Ps 37,35–38; Dan 5,30; Lk 12,20; Phil 3,19; 1. Thes 5,3; Offb 18,10).

In den Versen 21 und 22 bekennt der Psalmdichter aufrichtig seine innere Fehlentwicklung und seine Kurzsichtigkeit. Er hatte sich den Schlussfolgerungen des Menschenverstandes und der Kritiksucht verschrieben. An dem Verhalten Gottes und dem der Mitmenschen hatte er Anstoß genommen. Doch durch die Züchtigungen, die sich inzwischen als ein Akt der Gnade Gottes erwiesen hatten, war er zur Besinnung gekommen. So war er vor weitergehenden Abweichungen bewahrt geblieben. (Vers 21). Er hatte die Einschätzungen seines Verstandes für richtig gehalten und war bei seinen vielen Beanstandungen in Erbitterung geraten, anstatt nüchtern und sich selbst gegenüber wachsam zu bleiben. In der Tat hatte ihm die nötige Einsicht gefehlt. Er hatte sich für klug gehalten. In Wirklichkeit aber hatte er eher den Tieren geglichen, die zum Denken unfähig sind, vom Glauben nichts wissen und über die Gegenwart nicht hinaussehen (Vers 22; Ps 119,67). Er hatte einsehen müssen, dass die göttliche Weisheit das Maß menschlicher Einsicht immer unendlich übersteigt. Offen und ehrlich klagte er sich nun selbst der Unwissenheit und Torheit an.

Im Grunde liebte der Psalmdichter Gott und hatte sich stets zu Ihm gehalten. Aber jetzt war er einen entscheidenden Schritt vorwärtsgekommen. Von nun an wollte er die Hand Gottes, die ihn rechtzeitig ergriffen hatte, nicht wieder loslassen. Die schwankenden Denkgebäude der gottlosen Welt hatte er endgültig verlassen. Sein Vertrauen setzte er jetzt auf Gott, der ihn leitete und aufrechterhielt. Er war in Gefahr gewesen, sich von Ihm abzuwenden. Doch Gott hatte ihn nicht weiter in die Irre gehen lassen (Vers 23; Jes 41,13; Mt 14,30.31). Der Psalmdichter wusste jetzt, dass er von dem Allmächtigen immer liebevollen Rat und die nötige Weisheit bekommen würde, um die richtigen Schritte zu unternehmen und bewahrt zu bleiben. Gott hatte bewiesen, dass Er ihn nicht aus dem Auge ließ. Seine Barmherzigkeit würde ihn auch weiterhin begleiten (Vers 24; Ps 32,8; Jes 48,17). Er war sicher, dass der Herr nicht aufhört, der liebevolle Hirte Seiner Schafe zu sein. Die göttliche Fürsorge reicht über das Vergängliche dieser Zeit weit hinaus, und davon war der Psalmdichter nun überzeugt. Er hatte die sichere Hoffnung, beim zukünftigen Erscheinen des Herrn für Sein Volk auf der Erde in Sein herrliches Reich aufgenommen zu werden (Vers 24b). Er hatte es aufgegeben, herrlich Schönes oder Vollkommenes auf dieser Erde zu erhoffen. Sein Blick ruhte auf Gott im Himmel, von Ihm erwartete er alles, aber nichts mehr von dieser Erde, von ihren Angeboten und Verlockungen (Vers 25; 1. Mo 15,1; Phil 3,13f). Wenn der Psalmdichter nicht an ein Leben nach dem Tod in glücklicher Gemeinschaft mit seinem Gott geglaubt hätte, dann würde er nicht ausgerufen haben: „Wen habe ich im Himmel? Und neben dir habe ich an nichts Lust auf der Erde“ (Vers 25). Die jetzige und die zukünftige Gemeinschaft mit Gott galt ihm mehr als das Leben. Das haben die Glaubenszeugen des Alten Testaments bewiesen, deren feste Hoffnung im elften Kapitel des Briefes an die Hebräer beschrieben wird. Die Hoffnung auf das ewige Leben, die ihren Glauben kennzeichnete, ließ den Verlust des irdischen Besitzes und des jetzigen Lebens in den Hintergrund treten. Im vorliegenden Psalm steht das Vergängliche dem unveränderlich Ewigen gegenüber. Der Psalmdichter hat bei den Fortschritten im Glauben den unendlichen Wert des Himmlischen kennengelernt; er hat seine Zuversicht ganz auf den HERRN gesetzt (Vers 28).

Ohne den Herrn hätte der Himmel keinen Wert. In ewig bleibender Gemeinschaft mit Gott verbunden zu sein, ist für den Glaubenden das Höchste, was er sich vorstellen und erhoffen kann. Gott ist sein Teil auf ewig (Vers 26; Ps 16,5; Klgl 3,24; Mt 22,32; Heb 11,9.10). Gott empfiehlt den gottesfürchtigen Gläubigen nicht einen Verzicht auf viele irdische Dinge, ohne ihnen die Hoffnung auf ein viel wertvolleres, ewig sicheres Teil zu schenken. Dieses Teil aber ist Er Selbst. Die ungläubigen Menschen, die an vergänglichem Ansehen und irdischem Besitz kleben und den Götzen dieser Welt huldigen, bleiben Ihm fern und werden für immer umkommen (Vers 27). Der Psalmdichter beginnt den 28. Vers mit den Worten „Ich aber“, um den Gegensatz zu denen zu betonen, die Gott nicht begegnen möchten und Ihn nicht näher kennenlernen wollen. Er schätzt nun die Nähe Gottes über alles, er will Ihm nahe bleiben, und dies bereits jetzt, aber auch in Ewigkeit. Das ist sein wertvollstes Gut, das ihm nicht weggenommen werden wird (Vers 28). Auf dem Herrn und Seinen Verheißungen ruht seine Zuversicht. Diese Einstellung zu bewahren, empfiehlt er allen, die sein Dichterwort erreicht (Ps 26,8; 40,5). Er empfindet die Nähe Gottes als beglückend. Kein irdisches Glück, nichts von dem im irdischen Leben Erreichbaren konnte ihn so völlig zufriedenstellen und glücklich machen. Durch seine Erlebnisse, insbesondere durch die Zucht Gottes (Heb 12,10), hat er sich von der Welt und ihren Gaben abgewendet. Nun gilt sein Streben der Sache des Herrn und dem himmlischen Teil der Glaubenden. Wenn im Verlauf seines Lebens alles nach seinen Vorstellungen gegangen wäre, würde er die Lektion, die er hier wiedergibt, wohl kaum gelernt haben. Sein Glaube hätte sich nie zu einer so klaren Überzeugung entwickelt, wie er sie jetzt besaß. Wahrscheinlich hätte er sich sogar in weltlichen Gedankengängen verirrt. Doch Gott benutzte gerade das Anstößige und Widersprüchliche eines Weges, der nur unlösbare Fragen aufwarf und ihm zur Plage geworden war, um ihn zum Nachdenken zu bringen. Gott hatte ihn vor dem Verzweifeln bewahrt und ihn zu der Erkenntnis gebracht, dass das Aufsuchen der Heiligtümer Gottes der richtige, einzig mögliche Weg zum Frieden ist. Dann führte ihn die Gnade Gottes weiter, bis er mit ganzem Herzen die Sache Gottes vertreten konnte und dabei glücklich und sicheren Schrittes seinen Weg zur Ehre Gottes fortsetzte.

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