Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 111

Die Ps 111 und 112 gleichen einander in verschiedener Hinsicht. In den beiden Psalmen beginnt jeder neue Gedanke im Text, auch der Halbverse, mit einem weiteren Buchstaben des hebräischen Alphabets, sodass die Reihenfolge der einzelnen Sätze der Ordnung des Alphabets entspricht. Am Anfang beider Psalmen steht ein „Halleluja“ = „Lobt Jah“ (oder: Lobt den HERRN). Dieses Halleluja steht aber jeweils außerhalb der alphabetischen Ordnung, als nicht zum eigentlichen Gedankengang des Psalms gehörig. Außerdem ergänzen sich die beiden Psalmen dem Inhalt nach. Beide ermahnen zum Festhalten an der Gottesfurcht und rufen zur Verehrung des HERRN auf. Als belohnendes Ergebnis sichern sie den Gottesfürchtigen ewiges Bestehen zu. Beide Psalmen verheißen den Aufrichtigen und Gehorsamen Segen, und beide wollen ermunternd und im Glauben befestigend wirken. Zu ewiger Glückseligkeit gelangt der Rechtschaffene, indem er anhand des Wortes und seiner Offenbarungen Ihn Selbst erkennt, Erlösung erfährt und den in der Schrift aufgezeigten Weg geht.

Viele Aussagen beider Psalmen charakterisieren einen gottesfürchtigen Frommen. Die Überschriften und die erste Zeile in Psalm 111 nennen als Kennzeichen für Gottesfurcht den Wunsch, den HERRN zu loben und Ihm Anbetung zu bringen. Dies soll von ganzem Herzen geschehen und in ‚gerader‘, aufrichtiger Gesinnung „im Kreis der Aufrichtigen“ (Vers 1). Von diesem,Kreis' von Gutgesinnten sprechen mehrere andere Psalmen, so auch Ps 22,23; 33,1; 119,63.79; 149,1, 1. Pet 2,5). Die Versammlung der Gläubigen ist dazu der rechte, gemeinschaftliche Ort. Dort preist die Schar der Anbeter den Herrn in würdiger Weise und mit ungeteiltem Herzen als solche, die in geistlicher Übereinstimmung miteinander verbunden sind.,Der hebräische Ausdruck zielt nicht auf einen begrenzten engeren Kreis ab, sondern deutet an, dass die Gemeinde durch Gesinnungsgemeinschaft in sich verbunden und gegen die Welt abgeschlossen ist‘ (Fr. W. Schultz 1888). An dem ‚abgesonderten Ort, wo sie miteinander sind, muss nicht jedermann dabei sein, sondern allein solche, die wirklich dazu gehören‘ (Martin Luther, 1530). ‚Welch eine Wohltat, wenn man noch immer einige zusammenbringen kann, mit denen man von Gottes Werken reden und sein Lob besingen kann‘ (K. H. Rieger, gest. 1791). ‚Das sind solche, die sich an den wunderbaren Werken Gottes erfreuen und Ihm dafür Dank sagen wollen‘ (Allen P. Ross).

Diese Frommen lieben ihren Gott und erforschen die großen Taten des HERRN mit Fleiß und Aufmerksamkeit (Vers 2). Sie bleiben nicht beim bloßen Suchen nach Wahrheit stehen. Sie erkennen Gottes Gedanken in Seinem Handeln und Urteil und finden die göttliche Wahrheit in Seinem Wort. ‚Menschliche Dinge muss man erkennen, um sie zu lieben; die göttlichen Dinge hingegen muss man lieben, um sie zu erkennen‘ (Blaise Pascal, gest. 1662; Spr 8,17). ‚Die heiligsten Menschen sind am vortrefflichsten geeignet, Gottes Werke zu erforschen (Kol 1,9.10; 1. Joh 2,5). Alles naturwissenschaftliche Forschen entbehrt seiner Krone, seines wahren Zwecks und Wertes, wenn man dadurch nicht Gott sucht‘ (Richard Bartex, gest. 1691. Zitate nach: Schatzkammer Davids, 3. Band, S. 517).

An Gottes Werken lässt sich die Herrlichkeit Seiner Weisheit und Seiner Fügungen erkennen, auch der unendliche Reichtum Seiner Mittel, Seiner Macht und Majestät (Vers 3; Ps 90,16; 92,5–7; 104,24f). An Seinen Werken wird auch Seine Gerechtigkeit erkennbar; sie tritt in Seinen Fügungen zutage. Was Er als Erlöser getan hat und tut, rühmt Seine Gerechtigkeit; es ist im Einklang mit Seiner Wahrheit. „Vollkommen ist sein Tun, denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er“ (5. Mo 32,4). Immer bleibt Er Seinem Wesen als der gnädige und barmherzige Gott treu. Das ist für den Glauben erfahrbar, weil Gott damals wie auch heute dem, der Ihn um Hilfe anruft und Ihm vertraut, Gnade und Barmherzigkeit erweist. „Er hat seinen Wundertaten ein Gedächtnis gestiftet“, indem Er sie in der Heiligen Schrift verzeichnen ließ (Vers 4; 2. Mo 12,17–20; 15,1–19; Ps 19; 78,3ff; Off 15,3). Für solche, die bereit waren, Sein Wort anzunehmen, und die Seine Gebote hielten, hat Er in der Geschichte Israels überaus Großes und Wunderbares getan, das sie als Denkmal Seiner Güte und Gerechtigkeit im Gedächtnis behalten sollten. Gott ist der Urheber des gestifteten Gedächtnisses, und die damit umgehen, denken dabei nicht nur an Seine Taten, sondern vor allem an Ihn Selbst (Jer 17,14). Das Gedenken, das leicht zu einer bloßen Zeremonie entarten kann, ist nicht das eigentlich Wichtige, sondern Er, der Stifter, Sein Ruhm und Seine Ehre.

In Vers 5 wird Gottes Treue hervorgehoben. Er verlässt die Seinen nicht, sondern gibt alles Notwendige denen, die Ihn und Sein Wort lieben, denn längst hat Er ihren Mangel gesehen (Ps 34,9–11; 114,8). Israel gegenüber hält Er in Treue an dem mit ihm geschlossenen Bund fest (Ps 98,3; 105,8; Hag 2,5; Lk 1,72; Röm 11,2). Sein Wort ist unumstößlich, daher ist es die verlässliche Grundlage des Glaubens. Gott vergisst niemand und übersieht keins Seiner Kinder. Seiner Verheißung getreu, gab Er dem Volk Israel das ihnen versprochene Land. Dabei lernten die Empfänger „die Kraft seiner Taten“ kennen (Vers 6). Wie Er damals Sein Versprechen einhielt, so wird Er auch das prophetische Wort bezüglich der zukünftigen Geschichte Israels wahrmachen (Jes 60,1–14). Das menschliche Verhalten verletzt häufig die Gerechtigkeit, die Wahrheit und die Treue. Dagegen gehen Gottes Taten immer sowohl aus Seiner Wahrheit und Treue als auch aus Seiner Gerechtigkeit hervor. Seine Gebote bestehen so unveränderlich wie Seine Wahrheit, Gerechtigkeit und Geradheit. Sein Wort gilt für alle Zeiten und Gelegenheiten, es ist zuverlässig und für immer festgestellt (Verse 7 und 8). Eine nach Lage der Dinge veränderte, eine parteiische oder angepasste Auslegung der Heiligen Schrift gestattet Er nicht. Gott wirkt immer übereinstimmend mit Seinen Worten und Vorschriften. Seine Werke sind die Verwirklichung des göttlich Wahren und Guten, sie veranschaulichen stets Seine Worte (5. Mo 32,4). „Gott, der Heilige, (wird) sich heilig erweisen in Gerechtigkeit“ (Jes 5,16b).

Seine Wunderwerke sind Wahrheit und Wirklichkeit, sie gehören als Taten Gottes zu den sichtbaren Stützen unseres Glaubens. Der wahre Glaube hält daran fest, dass die Schöpfung eines Seiner Wunderwerke ist. Wer von dem Glauben an Gott und Sein Wort abirrt, der ist gleichzeitig von der Wahrheit und von Seinen Geboten abgewichen. Man muss die göttliche Wahrheit so besitzen, wie sie sich in der Heiligen Schrift offenbart, um das nötige Licht für den einen, geraden Weg zu haben, der mit Gottes Wesen und Willen in Übereinstimmung ist. Echte Frömmigkeit geht daher immer mit der richtigen Erkenntnis der göttlichen Dinge einher (Kol 1,9.10). „Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist“ (Joh 7,17). Das empfangene Licht wird auf dem Weg des Gehorsams in die Wirklichkeit umgesetzt, wobei auch der Glaube in Tätigkeit tritt. Eine der Wahrheit entsprechende Gerechtigkeit und Heiligkeit wird stets im Lebenswandel sichtbar werden. Zugleich ist ein solcher Wandel das Ergebnis einer erneuerten, geistlichen Gesinnung und einer Gott gemäßen Erkenntnis (Eph 4,23.24; Kol 3,9b.10; Ps 19,2–15). Gottes Wesen soll in der Einstellung Seiner Frommen und in ihrem Handeln wahrgenommen werden. Das Denken und Verhalten eines Christen muss dem göttlichen Willen folgen, so dass es eine Veranschaulichung der Wahrheit und des göttlichen Rechts ist.

Durch die Erlösung Israels aus Ägypten und in der Errichtung Seines Bundes mit ihnen hat der HERR Seinen heiligen und furchtbaren Namen mit diesem Volk verbunden (Vers 9). Bei dem Erlösungswerk in Ägypten hat Er Seine ehrfurchtgebietende Macht und Heiligkeit offenbart. Damals traten Seine Wesenszüge in sichtbarer Herrlichkeit ans Licht. Die Furchtbarkeit und Heiligkeit Seines Namens wurde den umliegenden Nationen bekannt und ließ die Menschen vor Ihm erschrecken (Ps 99,3; Jes 6,3ff). Auch für die Frommen aller Zeiten ist diese Offenbarung göttlicher Majestät ein Anlass zur Ehrfurcht, und „die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang“ (Vers 10; Hiob 28,28; Spr 1,7; 9,10). Die gebührende Achtung vor der Majestät Gottes ergibt sich auch daraus, dass man von Seiner Allmacht und Allgegenwart überzeugt ist. Die Ehrfurcht vor Ihm schließt die Anerkennung der Wesenszüge Seines Namens ein, und diese Einstellung Ihm gegenüber ist grundlegend für alle weitere Einsicht. Sie führt dazu, dass der Mensch sich Ihm verantwortlich weiß und die göttlichen Gebote befolgt (Ps 112,1). Daraufhin wird ihm Licht aufgehen in der Finsternis, er wird Erkenntnis gewinnen über Gottes Güte und Seinen Willen (Ps 112,4). So werden die Voraussetzungen erfüllt, um Weisheit von oben zu erlangen (Jak 1,5; 3,17). Das Nachdenken und Verstehen, die Absichten und Neigungen werden in die gottgewollte Richtung gelenkt (Spr 2,5–12).

Wenn der Gläubige es versäumt, auf sich selbst Acht zu geben (Mk 13,9), wird trotz guter Erkenntnisse die vorhandene Gottesfurcht in den Hintergrund gedrängt werden. Dann wird das Denken und Handeln nicht mehr durch die Furcht des Herrn bestimmt. Die Führung durch Sein Wort und Seinen Geist geht verloren, und die Unterweisungen der Heiligen Schrift finden nicht mehr die ihnen zukommende Beachtung. Geistliche Dinge mögen noch richtig verstanden und beurteilt werden, jedoch ohne die Lenkung und die Aufsicht von oben. Dann folgt man nicht mehr allein dem Herrn. Von Ihm unabhängig geworden, wird man abhängig von falschen Einflüssen. Selbstvertrauen und Weltliebe tun das Ihre, und man wählt eigene Wege, um zum Ziel zu gelangen. Der Gottesfürchtige hingegen verfolgt mit Achtsamkeit die Ziele Seines Herrn. Die Ehrfurcht vor Gott und die Liebe zu Seinen Geboten werden ihn leiten. Eine demütige Haltung vor Gott bewahrt vor Selbstdarstellung. Geistliche Weisheit ergibt sich aus der Übereinstimmung mit dem Herrn (Vers 10). Sie wird für den Gläubigen der Gnadenzeit durch das Wachsen „in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ gewonnen (2. Pet 3,18; Kol 1,9.28).

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