Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 130

Aus tiefer Not heraus ruft der Psalmdichter zu Gott. Er droht umzukommen; seine hoffnungslose Lage flößt ihm Angst ein. Die übermächtigen Umstände lassen ihm keinen Ausweg. Seine seelischen und körperlichen Kräfte sind erschöpft. Wie ein Ertrinkender schreit er um Hilfe, denn Gott allein kann ihn aus der katastrophalen Umklammerung befreien. Im Vertrauen auf Seine Güte bittet er um Erhörung. Seine Stimme ist schwach, doch er hofft auf das gnädige Entgegenkommen des HERRN und vertraut darauf, dass Er ihm bereitwillig helfen wird. Er weiß, dass sein Ende gekommen ist, wenn der HERR Sich nicht zu ihm und seinem Elend herabneigt (Verse 1 und 2; Jer 33,3). In Klgl 3, 55–57 wird von einer gütigen Zuwendung Gottes berichtet: „ HERR, ich habe deinen Namen angerufen aus der tiefsten Grube. Du hast meine Stimme gehört; verbirg dein Ohr nicht vor meinem Seufzen, meinem Schreien! Du hast dich genaht an dem Tag, als ich dich anrief; du sprachst: Fürchte dich nicht!“– Gott lässt die Leidenden, die im Glauben Hilfe von Ihm erwarten, nicht allein und nimmt ihnen die Furcht. Dies gilt auch für die Not der großen Drangsal, die Israel in der noch zukünftigen Zeit des Endes zu erwarten hat.

Ungerechtigkeiten, die der Bittende und seine Umgebung mehr oder weniger bewusst begangen haben, stehen hier einer Erhörung und Erlösung aus der Not hindernd im Wege (Vers 3). „Wir wissen, dass Gott Sünder nicht hört, sondern wenn jemand gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den hört er“ (Joh 9,31). „Das Gebet der Gerechten hört er“ (Spr 15,29), ebenso „das Gebet der Aufrichtigen“ (Spr 15,8), die Ihm ihre Sünden bekennen, ihre Vergehungen bereuen und davon ablassen. Auch der von Natur sündige Zustand des Menschen muss Gott gegenüber anerkannt werden: „Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht! Denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht“ (Ps 143,2; Hiob 9,2.3). Doch auf ein Schuldbekenntnis hin gewährt Gott Vergebung (Ps 32,1–5). Ohne die Gnade der Sündenvergebung kann kein Mensch vor Ihm bestehen. Denn grundsätzlich steht jede Sünde und Ungerechtigkeit trennend zwischen dem Menschen und Gott (Vers 3; Ps 51,3–6). Bevor der in Tiefen gestürzte Psalmdichter wieder mit der Nähe des Heiligen rechnen und Rettung erwarten kann, muss die Sünde beseitigt und das Verhältnis zu dem heiligen Gott geordnet werden. Denn wer Rettung begehrt, dem muss vergeben worden sein, und Vergebung kann er nur von Gott erhalten (Vers 4). An Ihn darf er sich ohne Scheu wenden, denn Er ist „ein Gott der Vergebung, gnädig und barmherzig“ (Neh 9,17; Ps 25,11; 103,3; Jes 55,7; Apg 26,18). Indessen hält Er den Schuldigen keineswegs für schuldlos (2. Mo 34,7). Gnädige Vergebung mindert nicht das Gewicht der Schuld. Doch umso größer erscheint der Reichtum der Güte Gottes, die den schuldig Gewordenen zur Buße leitet (Röm 2,4). Als Petrus erkannte, dass eine göttliche Fügung den Erfolg seiner Arbeit herbeigeführt hatte, fiel er zu den Knien Jesu nieder und bekannte: „Ich bin ein sündiger Mensch, Herr“ (Lk 5,5–9). Wer die Vergebung seiner Sünden empfangen hat, wird bestätigen, dass er zunächst das Erkennen seiner Sündhaftigkeit und danach das Bewusstsein seiner Erlösung von der Sünde allein dem gnädigen Wirken des Geistes Gottes zu verdanken hat. Weil die Vergebung von dem heiligen Gott als Richter ausgegangen ist, hat sie ewigen Bestand. Die Rettung ist in jeder Hinsicht Gottes Werk. Nur Er kann Sünden vergeben, denn jede Sünde, wem auch immer sie geschadet haben mag, richtet sich zugleich gegen Gott. Er allein weiß sie in vollkommener Weise zu beurteilen, und Er ist der höchste und endgültige Richter. Dies hat der, der zu wahrer Buße gelangt ist, erkannt und darum fürchtet er Gott (Vers 4). Die notwendige Sühnung ist durch das stellvertretende Opfer Christi am Kreuz für ihn geschehen (Joh 1,16.17; Röm 4,25; 5,15; Kol 1,14; Heb 9,14.26).

Nachdem sein Verhältnis zu Gott klargestellt war, wartete der Psalmdichter geduldig auf den HERRN, von dem er die Hilfe aus seiner Not erhoffte. Nach seiner Beugung genießt er wieder die Gemeinschaft mit Ihm und ist nun, nachdem seine Ungerechtigkeit vergeben ist, völlig sicher, dass der HERR für ihn ist und in Güte eingreifen wird. Er hofft für seinen weiteren Weg auf die Führung von oben und seine Seele wartet auf Ihn (Verse 5 und 6). Die Liebe zu dem HERRN lässt den Psalmdichter nach Seiner Gegenwart verlangen. ‚Wo die Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit‘ (M. Luther). Nachdem Gott ihm vergeben hat, sehnt der Dichter auch die äußere Befreiung für sich und das Volk Israel herbei. Auf diesen herrlichen ‚Morgen‘ der Erlösung wartet er gespannt, es ist ein Harren auf den HERRN (Vers 7), und Er wird in noch zukünftiger Zeit vom Himmel herabkommen, um den gläubigen Überrest Israels aus größter äußerer Not zu retten. Jesus Christus tritt dann als ihr Erlöser und HERR Seines irdischen Eigentumsvolkes in Erscheinung. Er wird ihr Land wiederherstellen und sie von ihren Feinden und von ihren eigenen Ungerechtigkeiten erlösen. Das Lösegeld, den Kaufpreis dafür, hat Er Selbst bezahlt (1. Pet 1,18.19 – heute gilt dieser Vers für uns, die wir jetzt an den Herrn Jesus glauben). Die Befreiung aus hilflosem Zustand kann durch eigene Anstrengung nicht erlangt werden; sie geschieht umsonst, ohne jedes Verdienst der Erlösten (Vers 8; Jes 44,22; 54,11ff; Mt 1,21; Lk 1,68). „Glückselig alle, die auf ihn harren!“ (Jes 30,18).

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