Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 85

Die Psalmen 84 bis 87 stellen betont die Größe Gottes und Seine herrlichen Eigenschaften vor, die sich in der Zukunft auf einer erneuerten Erde offenbaren werden. Sie rühmen das Glück der Gottesfürchtigen, die dann in völliger Gemeinschaft mit Ihm in Seinem Reich auf der Erde wohnen. Diese Vollkommenheit ist jetzt noch Gegenstand des Glaubens und der Hoffnung. Neben diesem beschreibt jeder der vier Psalmen eine Lebenslage der Jetztzeit, die den Glauben auf die Probe stellt. Die Gottesfürchtigen werden durch den herrlichen Ausblick in die Zukunft ermutigt. Darüber hinaus bezwecken diese Psalmen, das Bewusstsein der Abhängigkeit von Gott zu stärken, die Welt und das Böse zu überwinden und den Blick vorwärts auf das näher rückende vollkommene Heil zu richten. In den vier Psalmen wird vorausgesetzt, dass die Gläubigen ihr Leben unter der Leitung des Wortes und des Geistes Gottes führen wollen. Bei alledem stehen sie in bewusster Beziehung zum HERRN und wissen um die ihnen gegebenen Verheißungen. Sie lieben Ihn und Sein Wort und warten auf Seine Ankunft.

In Psalm 85 spricht der Dichter prophetisch die Gedanken von Israeliten aus, die in einer noch zukünftigen Zeit zum HERRN zurückfinden und fortan in einem Verhältnis zu Ihm stehen, das den göttlichen Regeln entspricht. Sie bilden ein bußfertiges, wiederhergestelltes Volk, das zu Gott umgekehrt ist und die ihm widerfahrene Gnade zu schätzen weiß. Unter Gottes Gunst stehend, fühlt es sich völlig sicher. Die Beendigung ihrer Knechtung, die Vergebung ihrer Ungerechtigkeiten und die Tilgung ihrer Sünde sind der beste Beweis für die Liebe des HERRN. Gottes Zorn lastet dann nicht mehr auf ihnen. Sie haben das hereinbrechende Gericht Gottes über diese Welt nicht zu fürchten (Verse 2 bis 4). Sie sind Begnadigte, die der HERR als Sein irdisches Volk wieder angenommen hat. Bewusst stellen sie sich unter die Führung des HERRN und wollen auf Ihn hören (Ps 102,14.17–22; 126,1–3; Jes 40,1f; 59,20; Jer 31,22–25.34; Mich 7,18–20). Freimütig bitten sie, dass Er die unter ihnen begonnene Wiederherstellung vollenden möge. Diese Begnadigten aus Israel (Röm 11,31) haben dann nicht nur die äußere Bewahrung während der jetzt noch zukünftigen Drangsalszeit erlebt, sondern auch die Rettung ihrer Seelen. Nach ihrer Umkehr zum HERRN wissen sie sich von aller Schuld befreit, und in der Freude darüber bitten sie den HERRN nun auch um die Rückführung der Angehörigen ihres Volkes aus allen Ländern der Erde. Ihre äußeren Umstände sollen Kunde davon geben, dass sie wiedereingesetzt sind in die Segensstellung, die sie als Volk des HERRN in längst vergangener Zeit besessen hatten. Wenn Gott ihre Bitte gewährte, dann ist dies die Bestätigung dafür, dass Sein Verhältnis zu ihnen von nun an keine Trübung mehr kennt, nachdem ihnen Jahrhunderte lang Gottes Zorn gegolten hatte (Verse 5 und 6; Ps 71,20f; 80,19.20; Hos 6,1–3). Sie gestehen, dass die Züchtigungen gerechtfertigt waren und dass ihre innere Genesung nur durch Sein strafendes Wirken möglich geworden ist. Eine echte Belebung kann nur durch Seinen Geist geschehen, danach wird dann wahre, andauernde Freude einkehren (Vers 7; Jer 33,10.11). Als Nachfahren des einst widerspenstigen Volkes werden diese Gläubigen der Zukunft mit einer erneuerten Gesinnung vor dem HERRN stehen. Ihr Gebet lässt eine Ihm wohlgefällige Einsicht und demütige Beugung erkennen. Sie erbitten ein vollkommenes Heil, das alle Lebenssphären umfasst und Frieden und Wohlfahrt unter Seiner Herrschaft einschließt. Sie möchten Seine göttlich große Güte erfahren und vertrauen darauf, dass Seine Liebe ihnen das Erbetene gewähren wird (Vers 8).

Durch den Heiligen Geist geleitet, gebraucht der Dichter im letzten Teil des Psalms eine mutige Sprache. Er ist sicher, dass Gott über Bitten und Verstehen und entsprechend Seinem Reichtum und Seiner Liebe handeln wird. Nunmehr wird Er „Frieden reden zu seinem Volk und zu seinen Frommen“ (Vers 9; Jes 57,18.19). Binnen Kurzem werden die Gottesfürchtigen in den Genuss Seines Heils kommen (Jes 46,13; 56,1). Die volle Erfüllung dieser beiden Stellen ist natürlich die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes durch das Werk Christi (Röm 3,21ff). Nach der Umkehr der Bußfertigen aus Israel kann Christus, ihr Messias, als der Friedefürst Sein Werk auf der Erde beginnen. „Die Mehrung der Herrschaft und der Frieden werden kein Ende haben auf dem Thron Davids und über sein Königreich, um es zu befestigen und zu stützen durch Gericht und durch Gerechtigkeit, von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der Heerscharen wird dies tun“ (Jes 9,6). Seine Zeitgenossen musste der Psalmdichter noch davor warnen, wieder in Torheit zu verfallen. Aber im zukünftigen Reich des Messias wird alles im Lande von Seiner Herrlichkeit gekennzeichnet sein (Vers 10; 84,12; Jes 4,2.5; 60,1.2). Ausschließlich die Frommen, die Ihn ja sehnlich erwarten, werden in Sein Reich eingehen. Durch die Beseitigung alles Übels, auch infolge der unverzüglichen Bestrafung von Verfehlungen, sind Gerechtigkeit, Frieden, Wahrheit und Heil im kommenden Reich Christi in einer Fülle vorhanden, die Gott ehrt und den Herrn verherrlicht. Diese hohen Werte stehen in vollkommenem Einklang miteinander. Dass das Gute in Seinem Reich vollkommen gewahrt bleibt, wird durch die Allgegenwart des Herrn sichergestellt werden (Verse 11 bis 14; Jes 32,17; 45,8; 52,7; Dan 9,24; Lk 2,14).

Die Wahrheit, die Liebe, der Frieden und die Gerechtigkeit haben ihren Ursprung und ihren wahren Inhalt in Gott, sie finden ihre Fülle in Ihm. Er identifiziert Sich gleichermaßen sowohl mit der göttlich vollkommenen Wahrheit, als auch mit vollkommener Liebe, mit dem vollkommenen Heil und dem Frieden wie auch mit der Gerechtigkeit in ihrer Vollkommenheit. Er offenbart Sich in Herrlichkeit durch jeden einzelnen dieser Werte. Da sie völlig in Übereinstimmung mit Ihm sind, wird verständlich, dass sie hier und an anderen Stellen der Schrift, wo es um Ihn Selbst geht, personifiziert werden (s. Verse 11.12.14). Nirgendwo sind sich mehr begegnet als am Kreuz auf Golgatha (Vers 1).

Heutzutage sprosst das Böse sozusagen überall aus dem Boden hervor, dann aber „wird Wahrheit aus der Erde sprossen und Gerechtigkeit herniederschauen vom Himmel“ (Vers 12). In heutiger Zeit prägen sehr unterschiedliche Zustände die Gebiete und Bereiche dieser Welt. Dann aber trägt die ganze Erde als ein Reich ein und dasselbe Gepräge: es ist das Wesen Jesu Christi, des Sohnes Gottes. Das göttliche Wesen der Charakterzüge Jesu übersteigt menschliches Fassungsvermögen. Es wird einst offenbar werden, dass sich unter Seiner Herrschaft nur Gutes ausbreitet und nur gute Ergebnisse hervorkommen können. Der Herr Jesus Christus wird überall in Erscheinung treten, denn Er ist auf der ganzen Erde gegenwärtig. Dadurch ist Gerechtigkeit gewährleistet (Vers 14), und Seine Heiligkeit verlangt dieses. Er wirkt, bis alles auf dieser Erde vollkommen zur Verherrlichung Gottes gereicht. Nur Er darf sagen: „Ich habe dich verherrlicht auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte“ (Joh 17,4).

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel