Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 126

Vers 1 berichtet über eine Zeitenwende in der Geschichte Israels. Eine Zeit des Leidens, der Tränen und der Entbehrungen ist durch das Eingreifen des HERRN beendet worden. Eine neue Zeit des Wohlergehens ist angebrochen und die göttlichen Segnungen leben wieder auf (Ps 85,2.5; Jes 35,10; 52,7ff). Eine entsprechende Bitte findet sich schon in Ps 14,7: „O dass aus Zion die Rettung Israels da wäre! Wenn der HERR die Gefangenschaft seines Volkes wendet, soll Jakob frohlocken, Israel sich freuen“. Nun ist der Ruf nach einer grundlegenden Wende zum Segen aller erfüllt. Die von der plötzlich eingetretenen Zeitenwende überrascht worden sind, fühlen sich wie Träumende; sie können die Realität des wunderbaren Geschehens noch nicht fassen.

Auf die innere Umkehr hin hat der HERR den einsichtigen Gutwilligen mehrmals in der Geschichte Israels die Rückkehr in das ihnen von Gott zugeteilte Land verheißen. Mit der Verwirklichung der Zusage wird dann gleichzeitig die Wiederherstellung guter, geordneter Verhältnisse und die Wiederaufrichtung des Gottesdienstes ermöglicht werden. Indessen steht die endgültige, vollkommene Erfüllung der diesbezüglichen Prophezeiungen immer noch aus, und zwar „bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat“ (Apg 3,21; Jer 30,3; 31,23; Amos 9,14; Mt 19,28). Die zukünftige Wandlung aller Umstände zum Guten wird unter den Israeliten Jubel auslösen und freudiges Lob hervorrufen: „Der HERR hat Großes an ihnen getan“ (Vers 2). Alle Völker der Erde werden in diesem Geschehen die mächtige, Wunder tuende Hand des HERRN erkennen und von Herzen darin einstimmen: „Jubelt über Jakob mit Freuden und jauchzt an der Spitze der Nationen! Lobsingt laut und sprecht: Rette dein Volk, HERR, den Überrest Israels!“ (Jer 31,7; Jes 52,10; Hes 36,35.36). Dann bekommt die ganze Welt vor Augen geführt, auf welch eine wunderbare und barmherzige Weise Gott zu retten und wiederherzustellen vermag (Ps 98,2–4; Joel 2,21). Niemand mehr wird fragen: „Wo ist denn ihr Gott?“ (Ps 115,2). Zu gewaltig und zu offensichtlich ist Sein Wirken für Sein Volk, als dass noch Überzeugungsarbeit nötig wäre. Das wunderbare Geschehen ist nicht abzuleugnen. Israels Erneuerung wird der ganzen Welt zu einem Zeugnis für die Wahrheit der Heiligen Schrift und für die Treue Gottes werden, und sie werden bekennen: „Der HERR hat Großes an uns getan: Wir waren fröhlich!“ (Vers 3; vgl. 4. Mo 23,23b). Mit Dankbarkeit können die Gläubigen der jetzigen Zeit des Christentums dieses Lob Gottes aus eigenem Erleben nachsprechen. Sie können bezeugen, dass der Herr Seine Gnade an ihnen groß gemacht hat. Sie sind sicher, dass Seine Hand es war, die ihnen die Rettung aus der Not der Sünde, aber auch aus vielen schweren Erprobungen brachte.

Der HERR kann in Wüsteneien bei ungünstigsten Umständen Bäche aufleben lassen und mit Wasser füllen. Er kann erneuten Segen fließen lassen an Orten, wo gar nichts mehr zu erwarten ist und widrige Umstände eine Neubelebung unmöglich zu machen scheinen (Vers 4). Auch in geistlicher Hinsicht kann Er eine Wiederbelebung bewirken (Jes 44,3f). Ein völlig hoffnungsloses Schicksal vermag der Wunder tuende Gott zum Guten zu wenden, und darum bittet der Dichter in diesem Psalm. Im Blickpunkt steht hier eine grundsätzliche Wende vom Schlechtesten zum Besten. Es handelt sich um ein vollkommenes Werk, das nur die Macht Gottes bewirken kann.

Ein Landwirt oder Gärtner sät auf Hoffnung. Doch bisweilen sind die Umstände so ungünstig, dass eher mit Tränen als mit Aussicht auf Ertrag gesät wird (Verse 5 und 6). Doch selbst unter guten Begleitumständen kann das Ergebnis missraten. Obwohl nun bei der Aussaat ein Ertrag nicht unbedingt gewährleistet ist, weil die Umstände während des Wachstums kaum zu beeinflussen sind, muss dennoch gesät werden. Mit Verlusten, mit Ärger und Tränen wegen unerwarteter Fehlentwicklungen ist immer zu rechnen. Das in Vers 5 vorausgesagte Gedeihen ist nur dann gesichert, wenn Gottes Hand in Gnade eingreift und den erwarteten Segen gewährt. Im Vertrauen auf Gottes Güte darf auch heute der Glaubende, nachdem er das Seinige zu Ausbreitung des Wortes Gottes geleistet hat, alles Weitere Ihm überlassen: „Wirf dein Brot hin auf die Fläche der Wasser, denn nach vielen Tagen wirst du es finden“. – „Am Morgen säe deinen Samen und am Abend zieh deine Hand nicht ab“ (Pred 11,1.4.6).

Im Neuen Testament ist der Herr Jesus selbst der Säende (Mt 13,3–9.19). Er unterzog Sich vielen Mühen und erlitt doch Rückschläge (Vers 6; vgl. Paulus Apg 20,19.31). Satan sucht seit jeher die Ernte des Herrn zu verderben, indem er Unkraut unter den Weizen sät. Der Unglaube und der Widerstand unter denen, die Seine Worte hörten, setzten dem Herrn Jesus zu und schmerzten Ihn, so dass Er klagte: „Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt“. Dennoch war Er nicht entmutigt, sondern legte den guten Fortgang des Werkes in die Hand Gottes (Jes 49,4). Das gleiche Vertrauen besaß auch der Apostel Paulus: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben“ (1. Kor 3,6). Damals wie heute gilt die Prophezeiung über das ausgesäte Wort: „Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe“ (Jes 55,11). Der Tag nähert sich, an dem der Säende mit großer Freude seine Garben nach Hause trägt (Vers 6; Ps 30,6). Diese kommende Ernte wird herrlich sein. Mit den Garben ist die große Zahl der Glaubenden aus der wechselvollen Geschichte dieser Erde gemeint. Sie erfreuen sich dann der Nähe ihres Herrn, sie sind um Ihn geschart und haben Teil an Seiner Herrlichkeit (Dan 12,3). An ihnen verherrlicht sich die Liebe und Gnade Gottes, denn Er hat Großes an ihnen getan. Sie loben und rühmen Seinen herrlichen Namen (Jes 60,20.21 in Bezug auf Israel). Die Ausdrucksweise der beiden letzten Verse dieses Psalms lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass das Ziel erreicht wird und die wunderbare Ernte sicher ist (Jer 31,9–14 ebenfalls in Bezug auf Israel).

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