Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 23

Dem wahrhaft Gläubigen ist bewusst, dass er von dieser Welt und ihrer Weisheit nichts erwarten kann, was seinem Glaubensweg dienlich ist. Als sichere Leitlinie hat der Christ das Wort Gottes. Zudem ist ihm der Heilige Geist mit auf den Weg gegeben als der Führer, der ihn in die ganze Wahrheit des Wortes leitet und ihn auf die beste Weise zum guten Ziel bringt. Im Alten Testament wird des Öfteren auf die Fürsorglichkeit eines Hirten verwiesen, um auf bildliche Weise klarzumachen, wie der Gottesfürchtige die beste Führung und richtige Orientierung erfährt (Ps 28,9 und 80,2). Prophetisch wird von dem Messias gesagt: „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er auf seinen Arm nehmen und in seinem Schoß tragen, die Säugenden wird er sanft leiten“ (Jes 40,11). Der Herr Jesus sagt von Sich Selbst: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,14). Er wird auch der „große Hirte“ und „der Erzhirte“ genannt (Heb 13,20; 1. Pet 5,4). Für einen Christen ist es von größter Bedeutung, dass er konsequent bei dem Bekenntnis des Verses 1 in unserem Psalm bleibt: „Der HERR ist mein Hirte“. Ständig muss er sich davor hüten, durch falsche Hirten, die an die Stelle des Erzhirten zu treten suchen und Ihn daher auch verleugnen, auf einen falschen Weg geleitet und zu falschen Entscheidungen verführt zu werden. Der Herr Selbst will den Gläubigen durch Sein Wort und durch Seinen Geist in jeder Situation des Lebens vor einem falschen Schritt bewahren und ihn auf dem richtigen Geleise führen. Er wird ihn mit allem Notwendigen versorgen und vor Gefahr beschützen, und dies auf die sicherste Weise (Vers 2; Hes 34,14–16). Diesem Führer muss sich der Gläubige uneingeschränkt anvertrauen und sich nahe bei Ihm halten, um Ihn nicht aus dem Auge zu verlieren. Was wir brauchen, müssen wir von Ihm erbitten und werden es erhalten. Darüber hinaus sollten wir uns nach nichts anderem umschauen. Was Er uns gibt, muss uns genügen. Das wird häufig Einschränkung, auch Verzichtleistung bedeuten. Doch dadurch ehren wir den guten Hirten und sind ein Zeugnis für Ihn. Niemals werden wir dadurch einen Verlust erleiden.

Ein häufiger Fehler ist, dass wir mehr und anderes wollen als das, was der Herr uns gibt. Wir neigen dazu, uns eigene Wege und ‚Weideplätze‘ zu suchen, wenn nicht immer, dann doch so nebenbei als zweite Möglichkeit. Wir meinen, andere Auen seien doch auch grün und andere Wasser ebenfalls still (Vers 2). Solche Selbsttäuschungen machen uns anfällig für allerlei Verlockungen, die Satan bereithält, von denen wir dann gerne behaupten, sie seien nicht verboten. Aber dann dürfen wir nicht gleichzeitig behaupten: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. In der Tat haben wir uns von Ihm unabhängig gemacht und meinen in Wirklichkeit, wir seien eben nicht in allem auf Ihn angewiesen. Eine häufige Ursache von Verfehlungen ist die Begehrlichkeit. Wenn wir ihr nachgeben, gewinnt dieses Verlangen die Oberhand. Dann kann der gute Hirte uns nicht zum Guten führen, noch weniger uns beleben. Statt dass wir Nutzen haben, leiden wir Schaden und verunehren Ihn. Der Heilige Geist, der in uns wohnt, wird betrübt. Christus hätte uns gerne geleitet, hätte uns zusätzliche geistliche Kraft gegeben, die Seele ermuntert und gestärkt und uns Freude gegeben (Vers 3; Röm 14,17; Off 7,17), aber wir haben Ihn durch Eigenwillen daran gehindert. Zu verkehrten Wegen und Wünschen gibt Er nie Seine Zustimmung, auch wird Er niemals ihr Gelingen fördern.

Der Heilige Geist führt nie anders als der gute Hirte es möchte. Der geistlich Gesinnte wird Seinem Willen entsprechen und ihm Folge leisten. Er lässt sich auf den „Pfaden der Gerechtigkeit“ leiten, die im Wort Gottes deutlich beschrieben sind (Vers 3), und dabei geht es immer um göttliche Gerechtigkeit, nicht um das, was Menschen unwissend oder fälschlich als gerecht bezeichnen mögen. Der Pfad Gottes, der gerechte Weg, führt immer zu einem von Gott beabsichtigten Ziel. Diese Zielsetzung erlaubt keinesfalls, hierzu Mittel zu gebrauchen, mit denen Gott Seinen heiligen Namen nicht verbinden kann. „Der Pfad der Gerechtigkeit“ (Vers 3) gewährt eine von Gott garantierte Sicherheit und für die Seele Trost und Frieden. Auch dann, wenn wir unsere Lage für hoffnungslos halten, hat Er einen gangbaren Weg für uns vorbereitet, der uns alles zukommen lässt, was uns von Nutzen ist (Ps 5,9; 31,4; 138,7). Er lässt nicht zu, dass der Gerechte wankt (Ps 55,23). Vielmehr wird Er Sich zu dem Gottesfürchtigen bekennen, denn „der HERR ist gerecht in allen seinen Wegen und gütig in allen seinen Taten“ (Ps 145,17). „Denn Gott ist nicht ungerecht“ (Heb 6,10). Als gläubige Christen sind wir mit dem Namen Gottes verbunden, und Er wird auf die Unantastbarkeit Seines Namens achten (Hes 36,20–23). Wie Er damals vor aller Welt auf das Zeugnis von Seinem Namen achtete, als Er Israel züchtigte, so wird Er in Seiner Liebe und Heiligkeit auch auf die Verfehlungen des Christen achten, um ihn auf den Pfad der Gerechtigkeit zurückzubringen.

Das „Tal des Todesschattens“ ist das denkbar dunkelste Tal (Vers 4). Einen geliebten Menschen dieses Tal durchschreiten zu sehen, ist eine der bittersten Stunden, die uns begegnen kann. Eine Gläubige gestand ein: ‚Nun habe ich mein Leben lang dieses Wort „Auch wenn ich wanderte im Tal des Todesschattens, fürchte ich nichts Übles, denn du bist bei mir“ gekannt und geschätzt, und jetzt trifft es mich selbst, und das ist etwas ganz anderes, als solche Worte lediglich als einen schönen Gedanken festzuhalten'. Als schwer Kranker vom Tod bedroht, sagte ein anderer: ‚Wie viele Male habe ich dieses Wort tröstend und belehrend weitergegeben, und jetzt bin ich selbst in so schlimmer Lage'. Dass wir Übles gar nicht fürchten dürften, sagt die Schrift nicht. Auch für unseren Herrn war es furchtbar, in den Tod zu gehen (Ps 102,25). Doch ergeben in Gottes Willen, schritt Er gefasst darauf zu (vergl. Psalm 22). Nicht, dass nichts zu fürchten wäre, ist tröstend, sondern dass der Herr bei uns ist, insbesondere in dunklen Stunden. Es gilt aber, dies auch in guten Tagen im Glauben als Wirklichkeit festzuhalten. In Seiner Liebe und Macht steht der Herr uns auch in der schwersten Not zur Seite. Es gibt keinen anderen echten Trost; nichts anderes kann uns aufrechterhalten. Ob wir bei diesem Vers an den Tod selbst oder an tödliche Gefahren denken, macht kaum keinen Unterschied. Wie die Heilige Schrift eine Vielzahl von Stellen aufweist, die uns auffordern: „Fürchte dich nicht!“, so enthält sie auch viele Male die Zusicherung: „Ich bin bei euch“, oder als Bekenntnis von unserer Seite: „Du bist bei mir“. Unser guter Hirte weiß zu jedem Zeitpunkt sehr genau, was wir als Hilfestellung auf unserem Glaubensweg nötig haben. Wenn wir in eine solche Notlage kommen, können wir uns ruhig in Seine mächtigen Hände fallen lassen. Unser Herz kommt zur Ruhe, wenn wir zu jeder Seiner Führungen bewusst unser Ja sprechen: „Dein Wille geschehe!“ (Mt 6,10; Lk 22,42). Auch dürfen die Gläubigen sicher sein, dass der gute Hirte die nötigen Mittel zur Hilfeleistung besitzt und Seinen Stecken und den Stab rechtzeitig einsetzen wird.

Nachdem auf dem Glaubensweg Kämpfe und Notlagen durchstanden sind, bereitet ein überaus reicher Gastgeber dem vorher so bedrängten Wanderer ein Festmahl (Vers 5). Rückschauend muss der Geprüfte zugestehen, dass schon bisher nichts gemangelt hat, aber dann ist eine Überfülle vorhanden. Die Feinde und Verächter des Gläubigen werden dem zuschauen müssen, sie haben aber keinen Anteil daran (Vers 5). Wohl mag es im Glaubensleben wiederholt Zeiten der Ruhe und Erholung gegeben haben, aber insgesamt gesehen, war es zumeist ein kräftezehrendes Kämpfen. Doch einst wird die ewige Ruhe erreicht sein, die der gütige Gott für Seine Auserwählten vorgesehen hat (Joh 14,3). Gott ist immer ein williger Geber, der jeden Tag Seine Freude daran hat, eine unüberschaubare Zahl von unterschiedlichsten „Kostgängern“ zu „bewirten“. Sie alle leben als Seine Geschöpfe von Ihm und Seinem Reichtum. Aber die undankbare Mehrzahl von ihnen will eine Abhängigkeit von ihrem Schöpfer nicht wahrhaben und leugnet, auf Ihn angewiesen zu sein. Doch ihnen gegenüber steht die dankbare Schar der Gottesfürchtigen, die sich in allem auf Ihn verlassen haben und darauf vertrauen, dass Er sie auch weiterhin nicht nur begleitet, sondern sie auch nach schwieriger Reise sicher nach Hause bringt (Vers 6). Sie haben nicht umsonst gelitten und auf Vieles verzichtet. In Treue hat Er sie ohne Ausnahme bis zum Ziel hin bewahrt, so gefährlich auch manche Situation gewesen sein mag. Wenn sie in Seinem Haus angelangt sind, beschenkt Er sie nun in Seiner Güte in überreichem Maß. Aus einem Mund werden sie Ihn dann ewig loben. Sie alle sind in einem Haus vereint und gemeinsam an dem gleichen Tisch. Sie sind nicht bloß Seine Gäste, sondern Seine Hausgenossen (Off 3,12). Alle haben gleichermaßen Zugang zu den herrlichen Segnungen. Sie sind bei Ihm, in Seiner Nähe, in vollkommener Gemeinschaft mit Ihm und auch untereinander. Mit Dankbarkeit erinnern sie sich daran, auf welch eine gnädige Weise Er jedem von ihnen in seiner besonderen Not nahe gewesen ist. Nun ist es Seine Freude, sie für immer glücklich und in nicht nachlassender Freude in Seiner Umgebung zu haben. Das ist ewiger Friede, ewiges Glück, zur Verherrlichung Gottes. Der Schluss dieses Psalms stellt in Wirklichkeit den Neubeginn im ewigen Leben in Herrlichkeit vor.

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