Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 46

Echter Glaube wird Gott zu allen Zeiten auf eine ganz bewusste Weise finden, denn der wahre Gläubige sieht den Unsichtbaren, Seine Hoheit und Allmacht. Aus Überzeugung vertraut er auf Gottes Liebe und Treue und wartet mit Ausharren auf Sein helfendes Eingreifen. Gott ist überall gegenwärtig und zur Hilfe und zur Stärkung des Guten immer bereit. Die Dichter des Psalms hatten dies häufig erfahren. Daher hatten sie auch keinen wirklichen Grund sich zu fürchten, obgleich die schlimmsten Unglücksfälle über sie hereinbrachen; ihr Glaube stand auf ewig festem Grund. Gott herrscht über alle Dinge und Mächte. Niemals ließ Er solche allein dastehen, die in ihrer Schwachheit und Not Hilfe suchend zu Ihm aufschauten. Die Dichter, die Söhne Korahs, zweifelten nicht daran, dass sich ihre guten Erfahrungen wiederholen würden, und bezeugten vor anderen ihre Glaubensgewissheit mit den Worten: „Der HERR der Heerscharen ist mit uns, eine hohe Festung ist uns der Gott Jakobs“ (Vers 12). Eine so gewaltige Schutzwehr ist unüberwindlich, sie steht unveränderlich fest (Ps 18,3; 61,4f; 2. Chr 15,1–4; Jes 25,4). Für den Gottesfürchtigen ist es eine unumstößliche Gewissheit, dass Gott für ihn eine Zufluchtsstätte bereithält, selbst wenn eine ganz ungewöhnliche Gefahrenlage eintritt. Die Sicherheit im Glauben ermutigt ihn und lässt sein Inneres ruhig vor Gott werden (Verse 2 bis 4). Selbstvertrauen und das Rechnen auf andere Hilfsquellen wird früher oder später Enttäuschungen zur Folge haben. Denn Gott prüft den Glauben daraufhin, ob das „Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist“ (2. Chr 16,9). Schwierigkeiten sind eine Gelegenheit, Glauben zu beweisen, und der Glaube wächst, wenn er erprobt wird (Jak 1,2–4). Durch die Not gezwungen, wird das Herz in die Gegenwart Gottes geführt. Man lernt, Kraft und Mut von Ihm zu empfangen und ganz auf Ihn angewiesen zu sein. So wird das Herz zum uneingeschränkten Vertrauen dem heiligen Gott gegenüber erzogen. Wer im Glauben feststeht, flüchtet sich nicht in eine Selbsttäuschung, da er mit Gottes Hilfe die schlimmen Umstände und den Ernst der Gefahr so zu sehen vermag, wie sie wirklich sind.

Die Verse 5 und 6 entwickeln im Unterschied zu den vorhergehenden Versen ein recht friedliches Bild. Mehrmals weist die Heilige Schrift auf bestimmte Orte dieser Erde hin, von denen Ströme der Gnade ausgehen. Damals war es Jerusalem, die Stadt Gottes, mit dem Tempel, in dem Gott wohnte. Wenn sich heute die Gläubigen um den Herrn Jesus als Mittelpunkt versammeln und sich Seinem Geist und Wort unterwerfen, so ist dies jetzt der heilige Ort, an dem Er Seine Gegenwart und geistliche Segnungen verheißen hat (Hes 48,35; Mt 18,20). So entstehen heilige Stätten der Ordnung, der Ruhe und des Friedens, wo Er der Herr und Gebieter ist und wo man Ihm gehorcht (Ps 36,8.9; Jes 33,21; Hes 37,26–28; 47,1ff; Joel 4,18). Wie ein Strom auf seinem Weg breiter und tiefer wird, so wird man, dem Segensstrom folgend, immer mehr geistliche Segnungen wahrnehmen und sich vermehrt an der göttlichen Gnade und an der Größe des HERRN der Heerscharen erfreuen (Vers 12). Jemand mag den Herrn als seine Zuflucht längst kennen, und doch zu wenig als die Quelle seiner Freude. Er hat bisher sein Genüge in irdischen Freuden gefunden, doch plötzlich werden sie ihm durch Unglücksfälle weggenommen. Die Folge ist, dass er den zerbrochenen irdischen Stützen und verlorenen gegangenen schönen Zukunftsaussichten nachtrauert und mit diesen Verlusten innerlich nicht fertig wird. Ist man jedoch gewohnt, sich an der Gegenwart Gottes im Heiligtum und an dem geistlichen Segen der Stadt Gottes zu erfreuen, dann wird man das Mangelnde viel eher hinnehmen können. Die Dinge dieses Zeitlaufs können keinen Ausgleich bieten, und die trüben Quellen dieser Welt sind kein Ersatz für die Segnungen von oben. Haben wir den Herrn lieb, dann fühlen wir uns nirgends glücklicher als in Seiner Gegenwart. So gewinnt man bleibende Werte und kennt wahre, echte Freuden, im Gegensatz zu den sich rasch verflüchtigenden schönen irdischen Dingen und der Freude dieser Zeit und Welt. Der Heilige Geist will dazu anleiten, uns allezeit in dem Herrn zu freuen.

Vers 6 hat für die Gläubigen des jüdischen Überrests in der noch zukünftigen Drangsalszeit eine besondere Verheißung. Für sie wird durch die Wiederkunft Christi, ihres Messias, nach einer schrecklichen Nacht des Leidens ein neuer Morgen mit Jubel, „ein Morgen ohne Wolken“ anbrechen. Zu diesem Zeitpunkt wird ihnen „die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln“ (2. Sam 23,4; Ps 30,6; 90,14; Mal 3,20). Dann wird „die Stadt Gottes, das Heiligtum der Wohnungen des Höchsten“ (Vers 5) wiederhergestellt werden und Gott wird in ihrer Mitte sein (Zeph 3,17). Das kennzeichnet den Beginn eines nicht endenden Stromes von Segen für Israel, das dann ein Volk von Gläubigen ist, die ihren Messias lieben und Ihm dienen. Satan, der Feind Gottes und der Gläubigen, wird alle Kräfte aufbieten, um diesen noch zukünftigen Teil des Werkes Christi auf der Erde zu verhindern. Und die dem Satan hörigen Nationen werden toben und Königreiche werden wanken (Vers 7; Ps 2,1f; Off 11,18). Doch der Schall der Stimme des Messias genügt, um sie niederzuschlagen und zergehen zu lassen (Ps 29; Jes 17,13; 30,30; Hab 3,2–6). Der zum Glauben gekommene Überrest Israels wird dann jubelnd ausrufen: „Der HERR der Heerscharen ist mit uns, eine hohe Festung ist uns der Gott Jakobs“ (Vers 8). Diese noch zukünftige große Wende ist eine überwältigende Bestätigung und Belohnung ihres Glaubens, und zugleich verwirklichen sich dabei die Weissagungen der Heiligen Schrift durch die Macht des Christus, ihres Messias. Der Herr hat Sich dann für die gläubigen Juden als die unüberwindliche Festung erwiesen, die der Glaube erhofft und worauf sich alles Ausharren stützt (Ps 59,9.10; Jes 31,4.5; Jes 40,15; Dan 2,32–35.44f). Israel hat solche Errettungen durch die Hand des HERRN bereits in seiner vergangenen Geschichte erlebt. Doch die großen Ereignisse der Vergangenheit werden von der weltumspannenden Größe der zukünftigen Rettung weit übertroffen werden. Schon in früheren Tagen hatte der HERR durch wunderbares Eingreifen die Richtigkeit der Voraussagen Seiner Propheten bewiesen. Schon bei Seinem ersten Kommen auf diese Erde haben göttlich herrliche Wundertaten Ihn offenbart als den verheißenen „Immanuel“, das heißt: Gott mit uns (Vers 8; Jes 7,14; 8,8–10; Mt 1,23).

Alle Menschen Erde sind aufgefordert, das Werk Gottes anzuschauen. Es sind die Großtaten des HERRN, die in der Vergangenheit bereits Seine Allmacht und Seinen heiligen Zorn über das Böse offenbart haben (Vers 9; Ps 66,5; Pred 7,13; Jes 25,1f; 34,1–4; 66,5f). Doch das Wunderbare und Göttliche Seiner Regierung im Lauf der Menschheitsgeschichte wollen die meisten Menschen genauso wenig zur Kenntnis nehmen wie „seine Göttlichkeit, die von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen“ werden kann (Röm 1,20). Viele sträuben sich gegen die rechte Einsicht, weil sie diesem Gott, ihrem Schöpfer, nicht verantwortlich sein wollen. Entgegen aller besseren Erkenntnis streiten sie Sein Dasein und Wirken ab, obwohl es am Weltlauf zu erkennen ist, dass Er die Geschicke der Völker lenkt, auch dem Bösen wehrt und es richtet. Wie Gott in längst vergangener Zeit vor Jerusalem die Macht Assyriens brach (2. Kön 19,35–37), und dies nicht nur, um das Volk der Juden zu retten, sondern auch zur Erhaltung der übrigen Völker, so weist Er bis heute Rebellionen und die nach Weltherrschaft strebenden Tyrannen und Großmächte in die Schranken. Aber die große Masse der Menschen wird nach den Weissagungen der Offenbarung selbst dann nicht an Ihn, den Allmächtigen, glauben, wenn Er beginnt, auf der Erde durch Gerichtsschläge Verheerungen anzurichten (Vers 9; Ps 9,6f; Jes 10,23; 33,12f; Off Kap. 6–9). Sie wollen den furchtbaren Ernst ihrer Lage und die Aufrufe Gottes an die von Ihm abgeirrte Menschheit nicht wahrhaben (Off 9,20.21). Die ihnen von Gott gegebene Fähigkeit zur Besinnung und Einsicht nutzen die meisten absichtlich nicht. Wenn es auf der Erde soweit gekommen ist, wird Gott nicht länger dulden, dass Sein Name weiterhin verachtet wird. Damit sie ihr gottloses Streben und Handeln aufgeben, ruft Er in Vers 11 den Menschen warnend zu: „Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin!“

Obgleich den Menschen unverständlich, dient es den Absichten Gottes, wenn Er Verheerungen auf der Erde anrichtet. Auf eine andere, aber gleichwohl geeignete Weise verfolgt Er Seine Ziele, wenn Er Kriege beschwichtigt und Waffen vernichtet, denn „alle Dinge dienen dir“ (Verse 9 und 10; Ps 119,91). Nach Seinem Plan „ändert er Zeiten und Zeitpunkte, setzt Könige ab und setzt Könige ein“ (Dan 2,21). Der Höchste setzt allem das Maß und das Ziel: „Krieg hat seine Zeit, und Frieden hat seine Zeit“ (Pred 3,8). Bis heute herrscht kein Frieden auf der Erde; noch niemals sind alle Waffen vernichtet worden. Doch in der zukünftigen Endzeit wird nach den in der Offenbarung beschriebenen Gerichtsschlägen die Beseitigung der Waffen und das Friedensreich Christi folgen (Jes 2,4 und 9,3ff; Hes 39,9; Mich 4,3f; Sach 9,10). Dauerhaften Frieden kann nur der Allmächtige, der Gott des Friedens, durch Christus, den Friedefürsten, schaffen. Und das wird eine ewige Ruhe sein für alle, die Seinem Wort glauben und Christus als ihren Frieden und Erlöser erkannt und angenommen haben. Zur Errichtung des Friedensreiches bedarf es, dass die Sünde und jeder Sünder gerichtet ist und Satan, der Urheber aller Feindschaft, beseitigt wird. Ewiges Leben ist nur solchen gegeben, die Gott und Seinen Christus als Herrn und Gebieter anerkennen und Ihn loben als den unumschränkten Besitzer und Schöpfer aller Dinge. Nur diese werden das zukünftige Weltgericht überleben, und sie werden Gott die Ihm gebührende Ehre willig und mit Überzeugung geben. Sein irdisches Volk Israel wird Seine Treue im Tausendjährigen Reich loben, weil das ihnen Verheißene durch Immanuel, ihren Messias Jesus Christus, dann erfüllt ist und sie für immer in Seiner Gegenwart leben: „Der HERR der Heerscharen ist mit uns“ (Vers 12; Ps 9,7–12). Zu ihren Gunsten hat Er sowohl Seine Macht als auch Seine Liebe in Herrlichkeit offenbart. Bereits in der Drangsalszeit hat sich ihr Vertrauen auf Seine Gegenwart in ihrer Mitte in Jerusalem gestützt (Vers 6f). Gott hat Sich zu ihnen bekannt und das im Glauben Erhoffte verwirklicht. Das haben weder Ihre Stadt noch der Tempel als zweifellos gute Einrichtungen bewirken können. Allein die Gegenwart Gottes in ihrer Mitte ist es, die sie nicht hat wanken lassen; und Er schenkt ihnen fortan ewigen Bestand, unvergängliche Freude und immerwährendes Heil. Seiner Liebe und Treue gelten aller Ruhm und alle Ehre. Mit diesen wunderbaren Erfahrungen wird der gläubige Überrest des endzeitlichen Israel in das Reich des Messias eingehen.

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