Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 86

Hier wird beschrieben, wie der Gläubige in ein gutes, inniges Verhältnis zu Gott kommt und weiterhin darin bleibt. Auf den Zustand der eigenen Seele zu achten, die Nähe des Herrn zu suchen und nichts größer werden zu lassen als Seine herrliche Person, sind erprobte Wege zu diesem Ziel. Der Psalmdichter spricht in diesem Gebet aus eigener Glaubenserfahrung. Er ist gewohnt, seine Seele aus der ihn umgebenden Welt heraus zu Gott zu erheben und sie auf Ihn auszurichten. Der Dichter weiß sich von der Güte des Allmächtigen getragen. Als Knecht Gottes geht er einen Weg des Gehorsams und lebt als ein wahrhaft Frommer unter der Güte seines Gottes. Auf diese oft erfahrene Güte vertraut er und rühmt sie mit Dankbarkeit. Gott hat einen festen Platz in seinem Herzen; an jedem Tag ist der HERR sein Begleiter.

Der Beter bezeichnet sich selbst als einen Elenden und Armen. Den HERRN aber sieht er als den hoch Erhabenen, der Sich zu ihm und seinem schwachen Gebet in Gnade herabneigt. Sein Glaube rechnet mit Gottes Barmherzigkeit und mit Seiner Bereitschaft, auf die Stimme des Notleidenden zu hören (Vers 1). Seine persönliche Frömmigkeit kennzeichnet sein Verhältnis zu Gott, das von Seiner Güte lebt und ohne Ihn nicht auskommen kann. Als Knecht möchte er Gott gehorsam sein. Bei allem stützt er sich in vollem Vertrauen auf Ihn. Wie man in den folgenden Versen liest, schätzt er die Größe des alleinigen Gottes unendlich viel höher ein als alles und erwartet Wunderbares von Ihm (Vers 10). Seine Seele Ihm anzuvertrauen, ist sein erstes Anliegen (Vers 2). Nur bei Ihm ist sie sicher bewahrt, denn der HERR „bewahrt die Seelen seiner Frommen“ und „weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu retten“ (Ps 97,10; 2. Pet 2,9; 2. Tim 4,18). Wer sich auf Ihn verlässt, den verlässt der gerechte und treue Gott nicht. In Seiner Liebe wandte Sich der Herr ihm zu. Beständig rief David zu Ihm, nicht nur gewohnheitsmäßig zu bestimmter Stunde, sondern jederzeit, wie die Situation es notwendig machte (Vers 3). Seine Seele hatte ein fortwährendes Verlangen nach Gott, denn Ihm galt seine Liebe. Zu Ihm hin, der Quelle des Guten und aller wahren Freude, strebte seine Seele. Er achtete darauf, dass sein Herz sich nicht von Ihm entfernte (Vers 4; Ps 25,1; 143,8). Es machte ihm Freude, Gottes Nähe zu erfahren (1. Tim 4,7b; Jak 4,8). Dabei übersah er nicht, dass die Hilfe von oben ein Werk des Erbarmens Gottes ist (Vers 5). Ansprüche aufgrund seiner Frömmigkeit zu erheben, lag dem Beter fern. Wie sehr er Gottes Gnade schätzte, wird offenbar, wenn er in Vers 5 die Güte des Herrn rühmt und hervorhebt, dass der Herr „zum Vergeben bereit“ ist (Ps 130,7f; 145,17; Mich 7,18).

In den Versen 6 und 7 wiederholt der Psalmdichter die Bitte um Erhörung. Er ist zuversichtlich, dass der barmherzige Gott ihm antwortet. Er kennt den allein wahren Gott als den, der souverän allem gebietet und alles zu lenken vermag, dessen Majestät unvergleichlich ist und dessen Werke Wundertaten sind, weil Er der Schöpfer ist, der die Welten und alle Nationen geschaffen hat. In der kommenden Zeit des Reiches Gottes wird offenbar werden, dass göttliches Herrschen weder räumliche noch zeitliche Grenzen kennt. Alle Nationen werden Ihn anbeten. Er ist alleiniger Herrscher über alles Geschaffene, das Ihm als Ganzes zu Füßen liegt. Es gibt nichts Ihm Ebenbürtiges und keine Ihm vergleichbaren Wesen (Verse 8 bis 10; Ps 66,4; Jes 40,18.25; 43,10–13; 46,5; Jer 10,6; Sach 14,9.17; Mal 1,11; Offb 15,4). Angesichts dieser über allem stehenden Majestät Gottes erscheint Seine Güte in noch größerem, strahlenderem Licht, denn sie gewährt jedem aufrichtigen Menschen die Gunst, dass sein Gebet bis zu Gottes überragender Höhe hin durchdringt und gnädig aufgenommen wird. Gottes Arm und Seine Hand sind in großen und in geringen Angelegenheiten immer zum Eingreifen bereit. Beim Lesen des Psalms fällt auf, dass Gott hier besonders häufig mit einem Seiner Namen genannt ist, wodurch unter anderem auf die vielen Seiten Seiner Herrlichkeit aufmerksam gemacht wird.

In Vers 11 stellt der Psalmdichter sein Denken und Erkennen, auch seine Einstellung, ganz unter den Einfluss des Wortes und des Geistes Gottes (Ps 25,4.5; 26,2–5; 27,11; 143,10). Er ist fest entschlossen, seine Anschauungen durch Gott lenken zu lassen. Allen von Gottes Wort abweichenden Vorstellungen verweigert er sich, indem er ihnen keinen Raum gibt (Ps 139,23f; Lk 11,34; Phil 3,7–11; 2. Joh 4). In ungeteilter Hingabe möchte er ausschließlich Gott und der Heiligen Schrift gehorchen. Dahingehend überprüft er bei jeder Gelegenheit sein Herz und seinen Weg. Für sein geistliches Verständnis und ebenso für seine Füße gibt es nur den einen Weg, der dem Herrn wohlgefällig ist und dem Wort der Wahrheit und seinen Geboten entspricht (Kol 1,9–11). Sein Herz soll ganz dem Herrn gehören. Für den Christen setzt dies voraus, „dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid“ (Eph 3,17). „Lasst das Wort des Christus' reichlich in euch wohnen!“ (Kol 3,16). Zur Wirklichkeit wird dies demjenigen, der sein Leben dem Herrn und dem Wirken Seines Geistes zur Verfügung stellt (1. Pet 1,13–22). „Von jedem bösen Pfad habe ich meine Füße zurückgehalten, damit ich dein Wort halte“ (Ps 119,101).

Wenn man der Lehre der Schrift über die rechte Art und Weise der Anbetung folgt und sich von dem Heiligen Geist leiten lässt, wird man mit Freudigkeit anbeten und den Namen des Herrn gerne erheben. In der Herrlichkeit des Himmels wird es keine Beeinträchtigungen der Verehrung mehr geben; doch ein gottesfürchtiger Anbeter wird jetzt schon alles Abträgliche meiden. Gottes Gnade hat ihn dazu berufen, ein Anbeter zu sein, und dazu ist er von der Sünde gereinigt worden. Als Erlöster ist er dem ewigen Gericht entronnen und darf für die wunderbare Errettung danken. Der Psalmdichter hatte ein tiefes Empfinden für die rechte Anbetung (Ps 9,2f; 30,4.5; 111,1; 1. Pet 2,9f).

Erst im letzten Abschnitt des Psalms (Verse 14 bis 17) kommt David auf seine augenblickliche Notlage zu sprechen. Seine demütige Haltung stand im Gegensatz zu dem Treiben der übermütigen gewalttätigen Rotte, die ihm nachstellte und sein Leben zu vernichten drohte (Ps 36,2–5; 54,4–7). Seine Feinde wollten von Gott nichts wissen. Er dagegen setzte seine Hoffnung darauf, dass der Herr Sich in Liebe ihm, Seinem Knecht, zuwandte, ihm die nötige Kraft gab und ihn am Leben erhielt. David war sich sicher, dass die Treue und die Liebe Gottes keinen Veränderungen unterliegen. Würde der gerechte Gott etwas Anderes vorhaben, als ihn vor den Gottlosen zu retten? Ganz sicher würde sich die feste Beziehung zu Gott bewähren, und der HERR würde Sich zu ihm bekennen. So hatte es David bisher erfahren. Er durfte auch dieses Mal mit der Barmherzigkeit des HERRN rechnen, so dass seine Hasser beschämt wurden, nicht aber Davids Glaube. Er erbat die Rettung als ein Zeichen der Güte Gottes, damit vor den Menschen, insbesondere aber vor den Feinden, offenbar würde, dass Gott Sich zu ihm als Seinem Knecht bekannte und mit Seiner Macht für ihn eintrat. Gleichzeitig erhielt die Gottlosigkeit die gebührende Strafe, die stets das Zeichen des gerechten Gerichts Gottes ist.

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