Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 87

Für die Zukunft Jerusalems bestehen vonseiten des HERRN außergewöhnliche Pläne. Er will dort auf eine neue, wunderbare Weise Seine Herrlichkeit offenbaren. Dieses Vorhaben soll von Grund auf Seinem heiligen Wesen entsprechend „auf den Bergen der Heiligkeit“ verwirklicht werden (Vers 1). Mit den „Bergen“ ist offenbar das Gebiet der Stadt Jerusalem gemeint; siehe Ps 78,68f; Jes 2,2–4. Die Aussagen des vorliegenden Psalms weisen prophetisch auf die Zukunft hin. Gott wird „die Tore Zions“, das heißt Jerusalems, in noch kommender Zeit in Erfüllung Seiner Beschlüsse heiligen und diese Stadt von der Sünde und deren Folgen reinigen (Verse 1 und 2; Ps 99,2.9; 102,17; 147,2; Jes 14,32). Dann werden alle sehen, dass die Gründung der erneuerten Stadt ein göttliches Fundament hat. Das neue Zion wird unveränderlich heilig sein, weil Jesus Christus, der ewige Sohn Gottes, der Messias Israels, von dort aus alles Geschaffene regieren wird. Die Bewohner der Welt sind fortan in allem von Ihm abhängig, sie sind auf die Maßnahmen angewiesen, die von Seinem Regierungssitz ausgehen. Die Menschen wissen dann, dass ihr Leben und Gedeihen von Seinem Wohlwollen abhängt. Offenkundig haben ihre Existenzgrundlage und ihre Wohlfahrt ihren Ursprung in dem, was Gott gibt, ebenso ihre Sicherheit, der Frieden, das Recht und die Gerechtigkeit, die sie genießen. Die vollkommene Herrlichkeit jener zukünftigen Stadt hat einen geistlichen Charakter, sie hat göttliche Weisheit zur Grundlage. Sie ist nicht mit den Herrlichkeiten zu vergleichen, die in vergangener Zeit dort zu bewundern waren und gerühmt wurden (Mk 13,1f; Lk 21,5). Für die Zukunft gilt Jerusalem die Prophezeiung: „Herrliches ist von dir geredet, du Stadt Gottes“ (Vers 3; Ps 46,5.6; 48,2–4.9; Jes 26,1f; 33,5.17.20.24).

Die in der Zukunft entfaltete neue Herrlichkeit Jerusalems beruht auf der herrlichen Person Christi, des Sohnes Gottes, der von Zion aus regiert. In einer sichtbaren, herrlichen Weise ist der HERR dann der Gott der ganzen Erde (Ps 83,19; 97,5–9; Jes 54,5). Seit jeher betrafen die Heilsbeschlüsse Gottes nicht das Volk Israel allein, sie haben auch für andere Völker mehr oder weniger starke Auswirkungen gehabt. Jerusalem war von Anfang an zum Ausgangspunkt von Segnungen bestimmt. Im kommenden Zeitalter sind dort Gottes Heiligtum und der Sitz Seiner Regierung über die ganze Welt vorgesehen. Schon immer liebte der HERR die Tore Zions, sie finden hier stellvertretend für die ganze Stadt Erwähnung (Vers 2). Wer in alten Zeiten die Verfügungsgewalt über die Tore hatte, beherrschte die ganze Stadt und bestimmte ihr Schicksal. Gott ist der eigentliche Gründer und Besitzer der hier beschriebenen Stadt. Durch Jesus Christus wird sie in Seinem kommenden Reich die Hauptstadt der Welt sein. Satan, der Feind Gottes, meinte, Jesus durch die Kreuzigung für immer aus der Stadt hinausgeworfen zu haben und dem Ziel der Weltbeherrschung näher gekommen zu sein. Aber seit der Auferstehung des Herrn Jesus ist er selbst der Besiegte. Wer in die Stadt eingeht und wer keinen Zutritt hat, das bestimmt in Zukunft Christus, denn Ihm ist alle Gewalt gegeben (Jes 4,3–6; 28,5; 52,1–10; 60,13.14; Joel 4,16–21; Mt 28,18). Die Ziele des Heilsplans Gottes für diese Erde konzentrieren sich auf diese Stadt, daraus folgt ihre überragende Bedeutung. Was auf der Erde geplant und in Zukunft zu erwarten ist, ereignet sich in Verbindung mit dieser zukünftigen Hauptstadt der Welt; dort wird es eingeleitet und zum Abschluss gebracht. Als der Herr Jesus in Niedrigkeit als Mensch dort war, deutete Er dies an: „Als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn du doch erkannt hättest..., was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen“ (Lk 19,41.42). Ihr Schicksal berührte Ihn zutiefst, „denn sie ist die Stadt des großen Königs“ (Mt 5,35; Jes 66,6.10ff; Offb 20,9).

Indessen geht die weitreichende Vorsehung Gottes bezüglich einer,heiligen Stadt' über deren irdische Verwirklichung hinaus. Gottes Wort spricht in Heb 12,22 von einem „himmlischen Jerusalem“ und in Offb 21,2.10 von dem „neuen Jerusalem“. In dem „himmlischen Jerusalem“, der himmlischen Regierungshauptstadt Gottes im Tausendjährigen Reich, sind auch die alttestamentlichen Gläubigen. Das „neue Jerusalem“ bezieht sich nur auf die Versammlung. Indessen ist zu beachten, dass dies hier weder direkt noch indirekt Gegenstand dieses Psalms ist. Doch einige wesentliche Charakterzüge entsprechen einander, so unter anderem, dass der Herr die eine wie die andere Stadt liebt und sich dort aufhält. Des Weiteren sind ihre Heiligkeit und ihre hervorragende Stellung miteinander zu vergleichen, auch die Auflistung jedes Einzelnen ihrer Einwohner und deren Bevorzugung aufgrund ihrer Geburt. Zudem werden beide Städte in Zukunft der Mittelpunkt von Anbetung und der Inbegriff des Guten sein. Aber im Gegensatz zu dem himmlischen besitzt das irdische Jerusalem eine Vorgeschichte: Als Jesus auf diese Erde herabkam, wurde Er nicht in Jerusalem geboren, sondern in Bethlehem. Aber bei Jerusalem stand Sein Kreuz, und dort floss Sein Blut zur Erde; dort wurde Er ins Grab gelegt und dort wurde Er auferweckt. Dort nahm Er Sein Leben wieder, um denen ewiges Leben geben zu können, die an Ihn glauben. Dort „machte Er durch den Tod den zunichte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel“ (Heb 2,14). Und dorthin wird Er in der Zukunft aus dem Himmel zurückkehren (Sach 14,3–5.9).

Die in Vers 4 erwähnten Völker aus Israels näherer und weiterer Umgebung haben jedes für sich eine Blütezeit gehabt. Jedes von ihnen war stolz, in einem gut entwickelten, geachteten Land zu wohnen und dort geboren zu sein. Inzwischen ist der Niedergang dieser Nationen längst eine Sache der Vergangenheit. Viele von ihnen hatten Kenntnis von dessen Bundesgott Jahwe, dem HERRN, aber sie erkannten in Ihm nicht ihren Schöpfer und lehnten es ab, sich Ihm zu unterwerfen (Ps 83,6–18; Hes 28; 32,17–32). Ihre einstige Größe lebt nicht wieder auf, und von ihren Göttern redet niemand mehr. Anders steht es mit Zion, denn „der Höchste, er wird es befestigen“ (Vers 5). Von dort wird in der Zukunft eine überaus starke erneuernde Kraft zum Guten ausgehen, deren sich kein anderes Volk auf der Erde rühmen kann. Der Ursprung des Lebens ist Gott, der Höchste. Er erwählt Menschen, denen Er Person für Person eine Heimat in Seiner Gegenwart gibt und mit denen Er Gemeinschaft pflegen und zusammenwohnen will. Sie haben einen Platz in Seiner Stadt und besitzen deren Bürgerrecht als besonderes Privileg. Der HERR Selbst vergibt dieses Recht, wem Er will, und verzeichnet jeden einzelnen von ihnen (Verse 5 und 6; Jes 4,3; 60,21). Der Prophet Hesekiel hingegen erwähnt in Kapitel 13,9 solche, die sich gegen den Herrn vergangen haben und daher „in das Buch des Hauses Israel nicht eingeschrieben werden, und in das Land Israel sollen sie nicht kommen“.

Um geistlichen Segen zu erlangen, begibt sich der Gläubige in die Nähe seines Herrn. Dort genießt er Gemeinschaft mit Ihm und mit den übrigen Gläubigen, die mit dem gleichen Sinn und Ziel dort zusammengekommen sind. Dieses geistliche Miteinander erfährt seine Prägung und Regelung durch die Gegenwart Gottes, die auch für das himmlische Jerusalem kennzeichnend ist (Heb 12,22). Die Herzen sind mit Liebe zum Herrn erfüllt und in Übereinstimmung miteinander (Jes 12,1–6; 51,11). Der Einfluss des Herrn ist dort uneingeschränkt wirksam und Sein Geist lenkt alles, was geschieht. Die Versammelten haben kein anderes Ziel, als miteinander an diesem Ort aus derselben geistlichen Quelle zu trinken. Jeder empfindet: „Alle meine Quellen sind in dir“ (Vers 7). Die göttliche Quelle gibt nur Gutes her, nur reines Wasser, und dies in ständiger Frische und Fülle. Ohne die Nutzung dieser Quelle ist kein wahres geistliches Leben in echter Gemeinschaft möglich. Diese Gemeinsamkeit kann nichts anderes als ein Ausdruck des Wesens Gottes sein. „Für uns zeigt sich diese Wahrheit in einer anderen Form, in Bezug auf die Versammlung. Christus gehört ihr an, nicht, weil Er in ihr geboren ist, sondern als ihr Haupt. Hier sind die erfrischenden Quellen Gottes“ (Darby).

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