Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 21

Hier ist von einem König die Rede, der sich durch Majestät, Pracht und eine überragende Machtstellung auszeichnet; sie sind ihm in herrlicher Fülle aus Gottes Hand zugekommen. Diese Auszeichnungen werden ihm nach Abschluss einer schweren Leidenszeit gewährt, so dass sie den Charakter anerkennender Belohnung haben. Auffallend ist, dass es bei der Einsetzung dieses Königs vorwiegend um die Sache Gottes und Seine Pläne mit dieser Erde geht. Mit der gleichen königlichen Person befasst sich auch Psalm 24. Dort ruft der Dichter aus, dass die Pforten sich erheben (oder hoch werden) sollen, „damit der König der Herrlichkeit einziehe“. Er wird von Gott in eine bestimmte Stadt auf dieser Erde herabkommen, um dort als von Gott gesandter König aufzutreten. Gleich darauf wird gefragt: „Wer ist dieser König der Herrlichkeit?“ Die Antwort lautet, dass es der HERR (oder: Jahwe, Jehova) selbst ist, Jahwe, der Starke und Mächtige (Ps 24,7–10). Offenbar wird Sein Kommen von denen aus Israel ersehnt, die auf Ihn als ihren Messias hoffen, wie schon aus Psalm 20 ersichtlich ist. Hier in Psalm 21 wird Er nun als der von Gott Gesalbte und als siegreicher König beschrieben, der aus Todesnot gerettet wird und dann Leben und Segnung von Gott empfängt (Verse 2. 5. 6; Ps 20,6). Daraufhin wird Er von Gott gekrönt und mit Majestät und königlicher Pracht ausgestattet (Verse 4 und 6; Ps 20,2; Jes 52,13–15). Hier ist prophetisch von dem Sohn des Menschen die Rede, von Jesus von Nazareth, der auf dieser Erde nichts für sich beanspruchte. In der Zukunft hingegen wird Er vor aller Welt als göttlicher Herrscher und Richter auftreten und die Pläne Gottes zur Überwindung und Bestrafung Seiner Gegner ausführen, wie die Verse 9 bis 13 es voraussagen. Der hier als König der Könige in Herrlichkeit erscheint, ist Derselbe, der im vorhergehenden Psalm als bittender, Gott ergebener Mensch vorgestellt worden ist. In Seinem Wirken erfüllt sich das Vorhaben Gottes mit dieser Erde und mit den Menschen, das bereits in Psalm 8 angekündigt ist. Es handelt sich hier um Prophezeiungen „über seinen Sohn, der aus dem Geschlecht Davids gekommen ist dem Fleisch nach und erwiesen ist als Sohn Gottes in Kraft dem Geist der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung, Jesus Christus, unseren Herrn“ (Röm 1,3.4). Wer Christus zum Herrn und Heiland hat, erlangt mit Ihm die „Segnungen des Guten“, die Ihm als vollkommenem Menschen zugesichert sind (Vers 4). Es ist die besondere Freude Christi, die Gläubigen an den Verheißungen Anteil nehmen zu lassen, die Ihm aufgrund Seines Werkes als Mensch zugesichert worden sind (Vers 7; Gal 3,7ff).

Die Kraft dieses Königs, des Messias oder Christus, ist in der Tat identisch mit der Kraft Gottes Selbst, und die Freude Jesu ist die Freude Gottes. Er, der ewige Sohn Gottes, hat „in den Tagen seines Fleisches... sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tod zu erretten vermochte, mit starkem Schreien und mit Tränen dargebracht“ (Heb 5,7). Dann ist Er erhört worden und hat „frohlockt über deine Rettung“ (Vers 2; Ps 40,2–4). Im Leben des Herrn Jesus stimmten die Wünsche Seines Herzens und das, was Er aussprach, stets völlig überein (Vers 3; Ps 20,5f), da „kein Trug in seinem Mund gewesen ist“ (Jes 53,9; 1. Pet 2,22). Er war und ist die Wahrheit selbst. Auch um Seiner Vollkommenheit willen wurde Er erhört, und Gott setzte Ihn verherrlicht zu Seiner Rechten (Ps 110,1), nachdem Er unter schwerster Erprobung und unter furchtbaren Umständen das Kreuz erduldet hatte. So hatte Er den Willen Gottes ganz erfüllt. Auf willigen Gehorsam hin gewährt Gott dem treuen Gläubigen ewige Segnungen und bleibende Freude. Durch Erhörung bekennt Er Sich zu dem, der Ihn liebt und Seinem Willen entsprechend bittet und handelt (Joh 15,7; 1. Joh 5,14; Lk 22,42). Dem entsprach Jesus in allem. Sein Ziel war immer die Verherrlichung Gottes. Darum verherrlichte Gott Ihn (Joh 12,28; 13,32; 17,4f). David zeigte in seinem Glaubensleben wiederholt ganz ähnliche Charakterzüge. Darum kam Gott ihm mit Segnungen entgegen und gab ihm die Königskrone und eine Fülle von Gutem und Erfreulichem (Vers 4). Von dem Herrn Jesus heißt es: „Holdseligkeit ist ausgegossen über deine Lippen; darum hat Gott dich gesegnet in Ewigkeit“ (Ps 45,3). Jesus Christus trägt den Namen „König der Könige und Herr der Herren“, „und auf seinem Haupt sind viele Diademe“ (Off 19,12.16). Wenn Gott an einem gottesfürchtigen Menschen ein so großes Wohlgefallen bekundet, wie Er es David und noch weit mehr Christus zuerkennt, dann folgt diesem eine Anerkennung, wie nur Gott sie geben kann, und diese hohe Gabe kommt in Christus allen Glaubenden zugute.

„Leben erbat er von dir, du hast es ihm gegeben: Länge der Tage immer und ewig“ (Vers 5). Diese Worte stellen zum einen gute Zukunftsaussichten für David vor. Zum anderen aber erinnern sie daran, dass ohne das Gott wohlgefällige Opfer Christi selbst ein David kein ewiges Leben hätte erlangen können, obwohl sein Verhalten Gott gefiel. Christus indessen hat am Kreuz den Tod erlitten, damit „er als Erster durch Toten-Auferstehung Licht verkündigen sollte“ (Apg 26,23). In Vers 5 trifft der Heilige Geist durch den Psalmdichter die bedeutungsvolle Feststellung, dass Gott jemandem auf seine Bitte hin ewiges Leben gab. Dieses hier vorausgesagte einmalige Geschehen wurde durch die Auferweckung Jesu zur Wirklichkeit. Dass Gott Ihn auferweckte, ist vor mehr als 2000 Jahren zur vollendeten Tatsache geworden (1. Kor 15,20; Eph 1,20; Phil 2,8–11; Heb 5,7–10; Off 1,5; Jes 53,10f). Seitdem ist Jesus verherrlicht und sitzt zur Rechten Gottes (Ps 110,1; Mk 16,19; Joh 12,16; 13,31f; Apg 3,13). „Wir sehen aber Jesus... mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ (Heb 2,9). „Groß ist seine Herrlichkeit durch deine Rettung; Majestät und Pracht legtest du auf ihn“ (Vers 6), und dies gilt nun für Ihn als den auferstandenen und verherrlichten Menschen. Er hat als himmlischer Stellvertreter für alle an Ihn Glaubenden diesen herrlichen Platz zur Rechten Gottes eingenommen und besitzt zugleich die Herrlichkeit, die Er bei dem Vater hatte, ehe die Welt war (Joh 17,5).

Alle, die Jesus Christus als Erlöser kennen und lieben, werden Seine Herrlichkeit auf ewig schauen (Joh 17,24; Apg 7,55f). Sie alle sind durch Ihn gesegnet, „denn so viele der Verheißungen Gottes sind, in ihm ist das Ja, darum auch durch ihn das Amen, Gott zur Herrlichkeit durch uns“ (2. Kor 1,20). Er als verherrlichter Mensch ist es, von dem die Verwirklichung jeder Zusage Gottes an einen Menschen abhängt. Jeder Gläubige hat das Brot und das Wasser des Lebens nur durch Ihn (Joh 4 und 6; Jes 53,10f). Für immer sitzt Er nun „zur Rechten der Majestät in der Höhe“ und erfreut Sich als verherrlichter Mensch dieses wunderbaren und höchsten Platzes (Vers 7; Heb 1,3; 8,1; 10,12; 12,2). Worauf Er als Mensch auf Erden vertraute, das ist erfüllt: „Du hast mir kundgetan Wege des Lebens; du wirst mich mit Freude erfüllen mit deinem Angesicht“ (Apg 2,28; Ps 16,11). „Des Höchsten Güte“ (Vers 8) hat Ihn als verherrlichten Menschen dorthin gebracht, nachdem Er durch den Tod gegangen war, „so dass er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte“ (Heb 2,9). Das Ganze ist das Werk der Liebe, Gnade und Güte Gottes. Die herrlichen Ergebnisse dieser Gnade bleiben ewig unveränderlich bestehen.

In dem zweiten Teil des Psalms ab Vers 9 ist deutlich zu erkennen, dass der in den Versen 6 bis 8 erwähnte König auch der Herrscher über die ganze Erde ist. Er ist von Gott beauftragt, als Richter über alle Menschen und jede Verderbtheit aufzutreten und den Zorn Gottes über die große Zahl der Uneinsichtigen zu bringen, die sich gegen Gott erhoben haben. Es steht außer Zweifel, dass Seine Feinde zugleich die Feinde Gottes sind. Was sie an Bösem gegen den Gesalbten Gottes geplant hatten, richtete sich gegen Gott selbst. Auch darin zeigt sich, dass der hier prophetisch beschriebene König als mit Gott identisch angesehen wird. Die Könige Israels hatten ohne Unterlass irgendwelche Feinde abzuwehren, sowohl außerhalb als auch innerhalb der Landesgrenzen (Vers 9). David machte in dieser Hinsicht besonders viele Erfahrungen. Doch in weit schlimmerer Weise ist Christus angefeindet worden. Satan, der erbitterte und mächtigste aller Feinde, wiegelt bis heute in allen Gebieten der Schöpfung immer neue Scharen zum Widerstand gegen Christus auf. Doch die Zeit der Erscheinung des HERRN zum Gericht auf dieser Erde naht heran und macht diesem Treiben ein Ende (Vers 10). Dann endet auch die bisherige Langmut Gottes, da die bis jetzt währende Gnadenzeit abgelaufen ist. Im Unterschied zu Seiner Haltung als Knecht Gottes auf der Erde wird Christus dann als Messias und König Israels und zugleich als Richter der ganzen Erde überall in Erscheinung treten. Seine Augen werden dann wie eine Feuerflamme sein (Off 1,14 und 19,12). Das Böse wird ausnahmslos aufgedeckt werden. Jeder, der sich gegen Ihn erhoben und Seine Gnade verachtet hat, fällt der Verurteilung und der ewigen Strafe anheim (Vers 9; Ps 45,4–8 und 110,2.5f; Jes 63,1–6; Nah 1,6; Mt 25,31–46). „Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Heb 10,31), denn „wie einen Feuerofen wirst du sie machen... Feuer wird sie verzehren“ (Vers 10; Mal 3,2.19). Ein Entrinnen ist unmöglich. Auf Nachsicht darf niemand rechnen, denn Milde ist mit dem völligen Offenbarwerden von Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit nicht zu vereinbaren. Auch die unbußfertige Nachkommenschaft der Frevler wird von dem Gericht ereilt (Vers 11). Jede Vergehung ist Sünde gegen Gott und gegen Sein Gebot. Das gilt in besonderer Weise für das Böse, das Menschen Seinem Sohn angetan haben, als Er auf dieser Erde war (Vers 12; Ps 2,2f; Mt 21,37–46). Sorgfältig planend haben sie zahlreiche Anschläge ersonnen, um Jesus umzubringen. Jede dieser furchtbaren Freveltaten wird geahndet werden (Vers 13; Ps 38,13 und Ps 109). Jesaja ruft prophetisch die Gerichtszeit herbei mit den Worten: „Wache auf, wache auf! Kleide dich in Macht, du Arm des HERRN!“ – „O dass du die Himmel zerrissest, herniederführest!“ (Vers 14; Jes 51,9 und 63,1–6.19; Ps 9,20). Gleichzeitig bricht damit der Tag der Errettung der Gottesfürchtigen an, die dem Wort Gottes geglaubt haben. Ihre Hoffnung ist dann erfüllt und sie gelangen vom Glauben zum Schauen der herrlichen Person ihres Herrn und zum ewigen Lobpreis Seiner Herrlichkeit (Jes 2,11–21; Offb 1,5–7 und 19,1–10).

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