Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 77

Ein Gottesfürchtiger ist hier in große innere Not geraten. Die Ruhe des Herzens, der innere Frieden, sind ihm abhandengekommen. Es fehlt ihm an Ausgeglichenheit und an frohem Mut. ‚Der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt', mangelt ihm und er empfindet die Gefahr, die von einem solchen seelischen Zustand für sein Herz und seine Überlegungen ausgeht. Seiner Seele fehlt die stärkende Kraft, die aus der Gemeinschaft und Nähe Gottes hervorgeht. Dieser Mangel quält ihn; Kummer nagt an seinem Herzen. Er ist sich der Fortdauer göttlicher Gunst nicht mehr sicher. Seine Verunsicherung bewirkt Verlegenheit und macht ihn verzagt. Der Druck, der auf ihm liegt, bringt ihn aus der Fassung; sein innerer und äußerer Zustand ist von den Empfindungen der Seele beherrscht. Einen konkreten Anlass oder eine tiefere Ursache hierfür nennt der Psalmdichter nicht.

Der Psalmdichter will darlegen, dass Gott den Gläubigen auch aus schwerer seelischer Not retten kann und wie dies durch das Wirken Seines Wortes und Geistes geschieht. Für Gott ist kein Problem unlösbar und keine Not zu groß. Seine Liebe verlässt den Aufrichtigen niemals. Wenngleich Gott Sich bei alledem Zeit gelassen hat, so wird bei der Überwindung der Not doch deutlich, dass Er dem Betroffenen in der ganzen Zeitspanne nahe gewesen ist, dass Er zur Hilfe bereit war und vollkommenen Frieden für ihn bereithielt. Die fortwährende Gemeinschaft mit Gott hält den Gottesfürchtigen nahe bei Ihm. So wird verhindert, dass etwas dazwischentritt, was die Freude der Übereinstimmung mit Gott beeinträchtigt. Und dann werden Schwierigkeiten den Gläubigen nicht so leicht aus der Bahn werfen. Im Verlauf des Psalms findet des Öfteren eine Wechselrede zwischen Seele und Geist oder auch zwischen Glauben und Empfindungen statt.

Die Verse 2 und 3 betonen die Ernsthaftigkeit und den echten Glauben des in große innere Bedrängnis geratenen Psalmdichters. Der Betende macht durchaus nicht den Eindruck, als überließe er sich völlig entmutigt seinem Trübsinn. Er ruft ausdauernd und derart heftig zu Gott, dass es zu einem Schreien wird. Dies wird auch mit seinem seelisch angeschlagenen Zustand zu tun haben. Indessen beklagt er sich nicht vor anderen, sondern wendet sich unmittelbar und vertrauensvoll an Gott, der ihm Gehör schenken wird. Allerdings berichtet der Psalm nichts von einem direkten Eingreifen Gottes zur Besserung der persönlichen Umstände. Im zweiten Teil des Psalms jedoch wird gezeigt, dass die kurz vor dem Zusammenbrechen stehende seelische Kraft wieder aufgerichtet und die Seele erneut mit Frieden erfüllt ist. Der Beter sucht in seiner schwierigen Lage Gott und Seine Gnade auf. Sein Schreien ist der Ausdruck einer großen seelischen Not, es ist ein viel intensiveres Rufen als das Äußern von dringenden Bitten. Er sieht keinen Ausweg mehr, betrachtet aber trotzdem die gnädige Hilfe Gottes als einzig mögliche Rettung und weiß sich davon abhängig (Ps 55,17.18). Neue Kraft und den inneren Frieden kann der Psalmdichter nur in Gottes Gegenwart wiederfinden und er erfleht dies sehnlich (Vers 3; Ps.86,7). Allerdings ist ihm momentan dieser Glaubensblick verdunkelt. Seine Hand ist sogar bei Nacht ausgestreckt und er findet keine Entspannung mehr. Seine Seele weigert sich, getröstet zu werden (1. Mo. 37,35). Dahin kann die Seele kommen, wenn sie nur noch auf die Umstände und sich selbst blickt. Man beachte, wie oft in der ersten Psalmhälfte die Ich-Form vorkommt. Tagsüber kann man sich bei seelischer Not manchmal noch Ablenkung verschaffen, wie durch konzentriertes Tätigsein oder durch Umgang mit anderen, aber des Nachts fühlt man sich allein gelassen (Vers 3b). Doch der Gläubige besitzt das Vorrecht bewusster Gemeinschaft mit Gott. Dies kommt ihm in jeder Bedrängnis zugute, gerade auch bei Schlaflosigkeit. Er kann die Gedanken von den Beunruhigungen weglenken, um sich desto mehr der Nähe Gottes bewusst zu werden. Dann ist er nicht mehr mit seinen Problemen allein und darf mit neuem Mut sagen: „Denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich“ (Ps 23,4). Oft kehrt dann auch der Schlaf wieder (Ps. 3,6; 4,9; 17,15; 55,18; 63,7; 119,62; 139,18; Hiob 35,10).

In Vers 4 besinnt sich der Bedrängte auf Gott. Doch er kommt nicht zur Ruhe, er findet keine sofortige Entlastung, so dass er stöhnt und seufzt. Unablässiges Nachsinnen lässt seinen Geist noch mehr ermatten; denn mit Anstrengungen des menschlichen Geistes allein ist Gott nicht zu erreichen. Durch bloßes Nachdenken ist Sein Tun nicht zu ergründen. Der Verstand überlegt hin und her, aber so gewinnt der Bedrängte keinen sicheren Standpunkt und keinen festen Anker für seine hin und her gerissene Seele. Das Wollen aus eigener Kraft muss zuvor aufgegeben werden. Der Psalmist muss einsehen, dass er seine Situation allein nicht meistern kann. Erst nachdem er sich auf Gott allein geworfen sieht, findet er Ruhe und Frieden bei Ihm. Schlaflosigkeit macht den seelisch Bedrückten besonders niedergeschlagen. Die Unruhe nimmt zu, wenn die Nachtruhe fehlt und die körperlichen und seelischen Kräfte nicht auf natürliche Weise wiederaufgebaut werden können (Vers 5). Dann gilt es, auch dies aus Gottes Hand zu nehmen, sich Seinen treuen Händen und Seinem Willen zu überlassen und Ihm alles anheimzustellen. Solche Stunden sind nicht umsonst, wenn das Herz und die Seele in stiller Ergebung auf Ihn gerichtet werden. Indessen zieht sich der Psalmdichter immer mehr auf sich selbst zurück. Nach der Schlaflosigkeit hat er keine Lust mehr zu reden. Nicht nur sein Körper, sondern auch Seele und Geist sind ermattet (Verse 4 und 5). Bei alledem versucht die geängstigte Seele in ihren Gedanken und mit Worten die Verbindung zu Gott aufrechtzuerhalten (Vers 3a). Dies ist ein vorzügliches Heilmittel, um die verloren gegangene seelische Kraft wiederzugewinnen.

Vers 6 berichtet davon, dass der Bedrängte aus der trostlosen Gegenwart in eine bessere Vergangenheit zu flüchten versuchte. Dabei scheint er nach Beispielen in der vergangenen Geschichte seines Volkes gesucht zu haben. Wenn dies auch der Ablenkung von den augenblicklichen Nöten dienen mag, bringt es doch nicht die Lösung der anstehenden Probleme. Überhaupt erscheinen in der Regel „die früheren Tage besser“ als die heutigen. Auch das „Saitenspiel“ in vergangenen glücklichen Nächten klingt in der Erinnerung wunderbar schön (Vers 7; Pred 7,10; Jes 43,18). Geistreiche Überlegungen von Denkern und Dichtern aus alter Zeit oder gute Musik können die Ausrichtung auf Gott und die Gemeinschaft mit Ihm nicht ersetzen. Auch die Vergegenwärtigung eigener schöner Erlebnisse der Vergangenheit ist kaum mehr als ein wehmütiges Erinnern an bessere Zeiten. Mit Kummer nimmt man wahr, dass das Einst und das Jetzt unvereinbar weit auseinanderliegen. Es zeigt sich, dass die Leistungen des Gedächtnisses und das Forschen des Verstandes keine Abhilfe schaffen in der seelischen Not. Diese enttäuschenden Feststellungen lassen leicht Bitterkeit aufkommen (Hiob 7,3f.13f; 30,17; Spr 25,20). Man tut viel besser daran, Gottes Wort zur Hand zu nehmen, denn darin findet man immer die rechte Wegweisung und wahren Trost. Dann wird man an die barmherzigen „Taten des Jah“ erinnert und an Seine „Wunder von alters her“. Das ist dem Grübeln und der Rückschau auf Wunschbilder aus angenehmeren Lebensabschnitten vorzuziehen (Verse 4 und 12.13). „Es ist besser, bei dem HERRN Zuflucht zu suchen, als sich auf den Menschen zu verlassen“ (Ps 118,8). Gerade das Lesen eines Psalms vermag die Seele aufzurichten, weil wir darin Erfahrungen finden, die den unseren oft ähnlich sind und die zeigen, wie der Herr vermag, den Niedergebeugten durch ein Wort aufzurichten (Jes 50,4).

In den Versen 8 bis 10 legt der Psalmdichter fünf Fragen vor, die in seinem Herzen aufgekommen sind. Offensichtlich vergleicht er seine derzeitige deprimierte Verfassung mit früheren glücklicheren Zeiten. Angesichts seines andauernden Zustandes taucht bei ihm die Frage auf, ob noch irgendeine Aussicht auf Besserung der Umstände besteht oder ob Gottes Güte für immer zu Ende ist und eher Zorn anstatt Gnade zu erwarten ist. Nach Ps 86,15 ist der Herr „ein barmherziger und gnädiger Gott, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit“. Seine Liebe ist eine ewige Liebe. Es gefällt Ihm, Gunst zu erweisen und Gnade zu üben. Es konnte nicht sein, dass Gott nicht mehr mit dem Dichter redete und kein Wort des Zuspruchs, keine Ermunterung für die Zukunft mehr für ihn hatte. Es ist undenkbar, dass Gott Seine Haltung gegenüber gottesfürchtigen Menschen jemals verändert hätte. Es war unmöglich, dass im vorliegenden Fall die Gnade und Güte ihre Grenze erreicht hätten (Verse 9 und 10). Sein Wesen wird der wahrhaftige und treue Gott niemals ändern oder etwas davon aufgeben. Wenn tiefgreifende Umwälzungen alles auf der Erde verändern würden, „wenn die Berge im Herzen des Meeres wankten“ (Ps 46,3), dann bleibt Er doch ewig Derselbe. Es steht fest, dass Seine Wege nur gleicher Natur sein können wie Sein Wesen. Sein Erbarmen hat kein Ende und Seine Güte und Liebe dauern unverändert fort (Vers 10; Klgl 3,22). Das Erleben und Erkennen eines Einzelnen vermag niemals, Gottes Wege zu überblicken und ihr Wesen zu erfassen. Der eingeengte Gesichtskreis des Menschen lässt dies auch dann nicht zu, wenn jemand die Tage der Vorzeit und die Jahre der Urzeit zu durchdenken weiß und einen guten Überblick über die Epochen der Menschheitsgeschichte besitzt (Vers 6). Selbst aus den tiefsten Einsichten, über die ein Mensch verfügt, ist der Weg Gottes für die Zukunft nicht herauszulesen. „Die Güte des HERRN aber ist von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten... und sich an seine Vorschriften erinnern, um sie zu tun“ (Ps 103,17f).

Der Psalmdichter sieht die Unvollkommenheit und die Nutzlosigkeit seiner Überlegungen und der weiteren Beschäftigung mit seinem eigenen Ergehen ein. Deshalb hört er jetzt auf, mit sich selbst zu Rate zu gehen und über sein Weh nachzudenken. Denn anstatt zur Lösung der Fragen beizutragen, hat es ihn eher noch unglücklicher gemacht (Ps 63,6.7).

In Vers 11 kommt es dann zu einem Wendepunkt: „Das ist mein Kranksein.“ Nun wendet er sich entschieden Seinem Gott zu, betrachtet Ihn und ergibt sich in Sein Tun. Die Einsicht in das Wesen Gottes rückt bei dem Psalmdichter nun an die erste Stelle. Die Erkenntnis Gottes will er vermehrt ins Herz aufnehmen; das soll fortan seine Haltung bestimmen. Weder sein eigenes Wissen und seine Erfahrungen noch irgendwelche anderen Erkenntnisse sollen zwischen Gott und ihn treten. Denn sie könnten ihn daran hindern, dass er in allem völlig auf Gott, auf Seinen Willen und Sein Handeln blickt. Von nun an will er in Gemeinschaft und Übereinstimmung mit Ihm leben und sich in der Nähe Seines Heiligtums in Seiner Gegenwart aufhalten. Ihn will er suchen und mit ganzem Herzen nach Ihm trachten. Daraufhin wird der Gott aller Gnade sich von ihm finden lassen (Ps 105,2–5;119,27.52; Jer 29,13.14). Der Psalmist erinnert sich nun an sieben wunderbare Kennzeichen des ewigen Gottes (Vers 11, Jes 40,28): Seine Taten und Seine Wunder (Vers 12), Sein Tun (Vers 13), Seinen Weg, Seine Größe, Seine Stärke (Vers 14) und Seine Erlösung (Vers 16).

Gottes Weg ist im Heiligtum. Er hat höhere Ziele und verläuft auf höherer Stufe, als es sich ein Mensch, auch ein Frommer, vorstellen und es begreifen kann (Jes 55,8f). Doch der Heilige Geist kommt dem Gläubigen zu Hilfe, so dass er zunehmend geistliches Verständnis erlangt. Auf der Erde wird dies ein teilweises, stückweises Erkennen bleiben (1. Kor 2,12; 13,8–12). Zu groß ist Gott, als dass ein Mensch Sein Tun und Sein Wesen völlig zu erfassen vermöchte. Nichts ist Ihm zu vergleichen. „Wer ist wie der HERR, unser Gott, der hoch oben thront?“ (Ps 113,5). „Wem denn wollt ihr mich vergleichen, dem ich gleich wäre?, spricht der Heilige“ (Jes 40,25). Für jeden und für immer gilt das Wort: „Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege!“ (Röm 11,33). Doch es gefällt Ihm, Sich dem Gottesfürchtigen durch Seine Wege zu offenbaren. Gott gibt ihm Weisheit und Verstand zur „Erkenntnis des Heiligen“ (Spr 9,10). Dem Demütigen gibt Er die Gnade, „zu erkennen, dass ich der HERR bin, der Güte, Recht und Gerechtigkeit übt auf der Erde; denn daran habe ich Gefallen, spricht der HERR“ (Jer 9,23). Wer während seines Glaubenslebens Einblick in Gottes Wege genommen hat, wird dem Psalmdichter beistimmen: „Du bist der Gott, der Wunder tut, du hast deine Stärke kundwerden lassen unter den Völkern“ (Vers 15). Voraussetzung für den Zugang zu den Dingen des Heiligtums ist ein heiliger Lebenswandel, denn das Wort sagt: „In denen, die mir nahen, will ich geheiligt werden“ (3. Mo 10,3; Heb 12,28f). Die Not der Seele, die den Psalmdichter sehr niederdrückte, hat dazu gedient, ihn zu heiligen und ihn noch näher zu Gott zu bringen. Das ist etwas ganz Anderes als die menschlich irdische Sphäre, der bis dahin sein Nachforschen, sein unruhiges Grübeln über sein vergangenes Leben gegolten hatte. Aus einem nachdenklichen, versonnenen Beobachter, der alles Geschehen geistig zu verarbeiten suchte, ist nun ein verständnisvoller Beter und Anbeter geworden. Sein Herz ist jetzt von der herrlichen Größe Gottes erfüllt. Von dort werden nun seine Gedankengänge bestimmt. Bei ihm selbst und in allem Wissen, das in dieser Welt vorhanden ist, findet sich Schwachheit, aber bei Gott ist Stärke. Ihm steht alles zu Gebote. Durch Seine Wunder macht Er Unmögliches möglich und bahnt für den Gläubigen einen gangbaren Weg, wenn die Umstände ausweglos zu sein scheinen (Ps 86,10f; 98,1). Seine Macht überwindet jeden Widerstand. Sein Eingreifen stützt immer das Gute. Seine Beschlüsse führen zum Sieg und zu ewigem Wohl. Dabei bleiben Gottes Erhabenheit, Majestät und Hoheit stets gewahrt. Dies wird von solchen, die sich im Heiligtum, in Seiner Nähe, aufhalten, wahrgenommen, nicht aber in den Niederungen dieses Zeitlaufs mit seinen Denkmustern.

Die Verse 16 bis 21 nennen einige Bespiele, in denen sich das wunderbare Handeln Gottes in der Geschichte des Volkes Israel offenbart hat. Die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens (Vers 16f) hat ihre Bedeutung für Israel bis heute nicht verloren. Die völlige Erlösung der Gläubigen des Volkes wird in kommender Zeit bis zur Vollendung der göttlichen Ratsbeschlüsse weitergeführt werden. Der Arm des HERRN, der dies zum Ziel bringt, ist Jesus Christus, der Messias Israels (Vers 16; 2. Mo 6,6; Jes 51,9; 53,1; 59,16). Er ist der Erlöser sowohl der wahren Christen als auch der Gläubigen aus Gottes irdischem Volk. Die Erlösung von Tod und Gericht, die Christus für sie durch Sein Werk am Kreuz schuf, ist eine überaus große Wundertat Gottes an glaubenden Menschen. Durch Jesus Christus werden alle Verheißungen verwirklicht werden. Durch Sein Opfer sind die Wesenszüge Gottes vollkommen zum Ausdruck gekommen. In dem Augenblick, als Er am Kreuz starb, erbebte die Erde, zerrissen die Felsen und die Grüfte taten sich auf (Mt 27,50–54). Diese Reaktion der Schöpfung ließ erkennen, wer es war, der dort am Kreuz hing und starb. Lange Zeit vorher, als das Volk Israel durch das Rote Meer zog, gehorchten die Wasser dem HERRN, sie sahen Ihn und bebten und die Tiefen erzitterten (Verse 17 bis 19; 2. Mo 15). Die Wassermassen des Meeres gehorchen dem Schöpfer, während feindliche Menschen sich gegen Ihn auflehnen. Die Naturereignisse und die Erde als Planet folgen dem Willen und Befehl Gottes, aber Menschen empören sich gegen Ihn. Bis zum großen Gerichtstag Gottes haben sie die Freiheit, dies zu wagen. Gott hat ihnen einen Freiraum für eigene Entscheidungen gegeben, auch Verstand und Willenskraft, sie auszuführen. Doch mehr und mehr zeigt sich, dass ihr eigenwilliger, Gott entfremdeter Weg sie in ein auswegloses ewiges Verderben führt (Röm 1,18ff). „Allezeit gehen sie irre mit dem Herzen; aber sie haben meine Wege nicht erkannt“ (Heb 3,10). Der Psalmdichter hingegen hatte Einsicht in den Weg Gottes gewonnen und rühmt den Herrn, der als guter Hirte Sich seiner annahm und ihn Sein göttliches Heil hatte erkennen lassen.

Der Weg Gottes leitet die, die Ihm gehorchen, letztlich zu herrlichen, ewigen Wohnungen. Menschen, die Gott nicht kennen, können sich dort nicht aufhalten, weil sie nicht gereinigt und geheiligt sind. Sie können nicht dorthin gelangen, weil sie nicht auf dem Weg sind, der sie durch das trennende Meer von Hindernissen hindurchführt (Vers 20). Nach den Beschlüssen Seiner Gnade gibt Gott solchen, die auf Ihn hören und die Er liebt, einen Weg der Erlösung führt sie ins Heiligtum hinein (Verse 14 und 16; Jes 43,16). In Selbsthilfe kann niemand einen solchen Weg finden. Aber durch den Glauben an den Herrn ist es möglich geworden. Die Gottesfürchtigen verlassen sich auf Sein Wort und vertrauen Seinen Zusagen. Die erlösten Christen sind mit dem Gekreuzigten durch den Tod zum Leben gelangt und sind auf dem Weg zum Himmel. Sie wissen, „dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen“ (Apg 14,22; Ps 34,20; Jes 43,16; 1. Thes 3,3). Der Herr wird sie so sicher durch jede Not und Gefahr – hier symbolisiert durch große Wasser – hindurch geleiten, wie Er damals Sein irdisches Volk geführt hat (Jes 43,2). „In Seiner Hand sind alle Bewegungen und die ganze Macht über das, was anscheinend weder zu bezwingen noch zu durchschreiten ist“ (Darby). Er ist der gute Hirte, der Seine Herde liebt (Vers 21; Ps 78,52f). Von entscheidender Bedeutung ist für den Glauben damals wie heute die sichere Hoffnung, dass alle wahren Gläubigen das herrliche Ziel erreichen werden. Auch wenn sie die ‚Fußstapfen' Gottes nicht immer verstehen, vertrauen sie Ihm und überlassen Ihm die Führung (Hiob 33,12f; Mt 14,24–27). Mose und Aaron sind hier ein Hinweis auf den Herrn Jesus als den Führer und den Hohepriester. Die Macht Gottes ist größer als jede Gefahr. Er Selbst ist bei ihnen, und sie wissen sich im Glauben in Seiner Nähe. Wie den Gläubigen des Alten Testaments gilt auch jedem Christen das Trostwort: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; schau nicht ängstlich umher, denn ich bin dein Gott; ich stärke dich, ja, ich helfe dir, ja, ich stütze dich mit der Rechten meiner Gerechtigkeit“ (Jes 41,10).

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