Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 76

Der Psalm ist eine Weiterführung der Gedanken des vorhergehenden Psalms. Er rühmt die Aufrichtung der Herrschaft Gottes durch Christus, den Messias, als vollendete Tatsache, wenngleich die hier prophetisch dargestellten Ereignisse auch heute noch in der Zukunft liegen. Mehrere bemerkenswerte Begleiterscheinungen des vorausgesagten Geschehens werden hier näher beschrieben, speziell die Niederwerfung derer, die sich in der kommenden Zeit des Endes durch Überhebung hervortun und gegen Gott rebellieren. Ihre Machtposition, die nach den Maßstäben jener kommenden Zeit beachtlich groß ist, hat im Vergleich zu der Macht Gottes nichts zu bedeuten. Die Angreifer müssen dies letztendlich zugestehen (Vers 13b), sie sind durch die furchterregende Offenbarung göttlicher Überlegenheit dazu gezwungen. Mit Erschrecken haben sie kennenlernen müssen, was der Zorn Gottes für einen Sterblichen bedeutet (Verse 8 bis 10). Ihre Selbstdarstellung ist im Grunde genommen nichts anderes als eine Zurschaustellung ihrer abgründig tiefen Versündigung. Auf diese Art liefern sie den Beweis, dass sie getreuliche Nachfolger des ersten Verführers der Menschen sind. Wenn Gott aufsteht, um das hier prophetisch angekündigte Vorhaben auszuführen, dann hat Er nicht nur das Strafgericht der Gottlosen und seine Auswirkungen im Sinn, sondern auch die Rettung aller „Sanftmütigen des Landes“ (Vers 10). Es ist Seine Freude, ihnen die herrliche Größe Seiner Liebe zu offenbaren.

Das noch in der Zukunft liegende Erscheinen Gottes auf dieser Erde wird durch die Offenbarung göttlicher Erhabenheit alles übertreffen, was Menschen bisher gesehen und gehört haben. Die damit einhergehenden großen Umwälzungen werden Schrecken hervorrufen, weil sie offensichtlich nichts in der Welt so bestehen lassen, wie die Menschen es immer gewohnt waren und worin sie sich eingerichtet hatten. Zudem sehen Viele mit Erschrecken auf sich zukommen, dass nun ihre Versündigungen gegen Gott und die Menschen bloßgestellt werden. Ganz Anderes gilt in jener Zeit für die gläubigen Juden, sie haben schon sehnlich auf die Ankunft ihres Messias gehofft und haben die Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes erwartet. Sie kennen den HERRN aus der Heiligen Schrift, unter anderem auch aus dem vorliegenden Psalm. Über die sichtliche Bestätigung ihres Glaubens werden sie sich überaus freuen, und ihr HERR freut sich mit ihnen (Verse 2 und 12). Das dann einsetzende Strafgericht gilt nicht ihnen, denn sie haben an Ihn geglaubt und haben ihre Vergehungen Ihm gegenüber längst bekannt und bereut (Jes 53,5.8; Sach 12,10). Zu dieser Zeit ersteht „in Salem seine Hütte und seine Wohnung in Zion“ (Vers 3; Ps 48,2–4.12; Sach 10,6f). „Hier will ich wohnen, denn ich habe es begehrt“ (Ps 132,13.14). Für Sein irdisches Volk und für alle Menschen der Erde, die sich Ihm unterwerfen, bringt Er Frieden. Er ist „der Herr des Friedens“ (2. Thes 3,16) und richtet nun Sein Friedensreich auf. Öffentlich besiegelt wird dies durch die Vernichtung aller Waffen (Vers 4; Ps 46,10f; Jes 2,4; Hes 39,9f; Hos 2,20). Offenkundig ist der Name des HERRN dann mit Israel, Juda und Jerusalem eng verbunden, denn mit göttlich starkem Arm ist Er als ihr Befreier aufgetreten und hat die Wiederherstellung des Volkes und Landes der Juden bewirkt. Dorthin schaut die Völkerwelt, denn dort treten Seine Macht und Heiligkeit in Erscheinung.

Die Verse 5 bis 10 beschreiben dieses zukünftige, herrliche Hervortreten der Person Christi. Er ist der Messias Israels, der ewige Sohn Gottes und der Sohn Davids (Vers 5). Wenn Gott erscheint, offenbart Er Sich verschiedentlich als von herrlichem Lichtglanz umgeben (Vers 5): „Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht“ (Mt 17,2; Lk 17,24; Offb 1,16; 22,5). Was Menschen unter der Anleitung Satans, des Verführers, an Verfinstertem zusammengetragen und an die Stelle Gottes und des Lichts der Wahrheit gesetzt haben, ist eine Anhäufung von irreführendem Wissen und gefährlichem Gift, dem vernichtende, böse Energie innewohnt. Mit solchen Mitteln will Satan dem Guten, das von Gott kommt, den Einfluss rauben. Doch alle gegen Gott gerichteten Mächte, die „Berge des Raubes“ (Vers 5), werden durch Christus überwunden und vernichtet (Mt 12,28f; Lk 11,20–22; 1. Tim 6,14b-16; Offb 17,14; 19,11ff). Sie haben vom Raub gelebt und suchten, Gott die Ehre wegzunehmen. Sie betrachteten Gottes Eigentum, die ganze Erde, als ihre Beute und verachteten Seine Rechte und Ansprüche. Dann jedoch sind diese „Starkherzigen“ selbst zur Beute geworden (Vers 6). Ohnmächtig und so hilflos wie Schlafende finden die gegen Gott auftretenden Menschen und Mächte sich plötzlich als Überwältigte wieder, ehe sie noch ihre Gedanken ordnen und ihre Hilfsmittel in Bewegung setzen können. Im Vertrauen auf ihre Rüstung ziehen sie gegen den Allmächtigen zu Felde, geleitet von einer erstaunlichen Fehleinschätzung ihrer Machtmittel. Darin zeigt sich, dass der Hochmut Satans und aller feindlichen, gottlosen Mächte jedes Maß übersteigt. Doch die gewaltige Stimme Gottes, Sein Schelten im Zorn, genügt, um ihnen die Handlungsfähigkeit wegzunehmen. Sie versinken in eine Art tiefen Schlafes (Vers 7). Was sie wissen und was sie haben, ist plötzlich nutzlos. Gar nichts vermögen die Gegner, wenn Gott sich erhebt (Verse 6 bis 8; Jes 10,32–34; 13,11; 30,30; Jer 51,57). Der Staubgeborene wagt es in seiner Überhebung, sich gegen seinen Schöpfer aufzulehnen und meint, Ihm entgegentreten zu können. Von der überragenden Macht Gottes, des Richters, kann sich sein Verstand keine Vorstellung machen. Die ernste Tatsache, dass jede Sünde den Zorn Gottes hervorruft und ein furchtbares Gericht zur Folge hat, wollen die meisten Menschen nicht zur Kenntnis nehmen (Vers 8; Offb 6,17). „Wer kann vor seinem Grimm bestehen, und wer standhalten bei der Glut seines Zorns?“ (Nah 1,6;). Gott hat nicht versäumt, den Menschen die ihnen drohende Strafe durch die Heilige Schrift anzukündigen. Aber erst bei Anbruch des kommenden Gerichtstages, wenn Seine Stimme vom Himmel her allen Lärm dieser Erde übertönt, wird lähmende Furcht die Menschen zum Schweigen bringen. Dann wird der HERR aufstehen, um als Richter auf dieser Erde zu erscheinen (Vers 9; Ps 2,5; 50,1f; Jes 2,10f; Hab 2,20; Sach 2,17). So unausweichlich, wie dann Sein gerechtes Gericht die Ungläubigen und Gottlosen trifft, so unumstößlich wird das göttlich gerechte Handeln den Gläubigen, den Sanftmütigen und den Stillen im Lande zur Rettung verhelfen. Denn sie haben ihre Sünden rechtzeitig bekannt und bereut, sie sind von ihrem Hochmut umgekehrt, und erwarten Christus als ihren Messias vom Himmel und freuen sich über Sein Erscheinen in Herrlichkeit (Vers 10; Ps 22,27; Jes 44,21–23; 49,13; Mt 5,5).

Die abschließenden Verse des Psalms dienen der Ermunterung der Gottesfürchtigen. Nachdem in Vers 10 das zukünftige Los sowohl der Gottlosen als auch der Gläubigen angekündigt wurde, ist „der Grimm des Menschen“ (Vers 11) lediglich ein letztes ohnmächtiges Aufbäumen gegen die Herrschaft des Herrn. Der Sieg über das Böse und die Niederwerfung der Gegner Gottes ist dann nicht mehr zu bezweifeln. Die Beseitigung ihrer Macht vollzieht sich nunmehr sehr rasch. Wer bei dieser Lage der Dinge die Rebellion gegen den Herrn fortsetzt, kann nur von fanatischem Hass gelenkt sein; er wird nicht zur Einsicht kommen, so dass das hereinbrechende Gericht gerechtfertigt ist (2. Mo 9,16–18). Solche werden die Furchtbarkeit des göttlichen Eingreifens an sich selbst erfahren müssen, besonders die geistigen Führer, die Feldherren und Regenten, die den vermessenen Feldzug gegen Gott angeführt haben. Ihr wütendes Auftreten gegen Ihn wird sie zugrunde richten. Indessen wird ihre Niederschlagung Gott zur Ehre gereichen. Er wird ihre Rebellion samt ihren Machtmitteln wie Unkraut abmähen und wie wilde Ranken abreißen (Vers 13; Jes 18,5; 24,21f). Die Unterwürfigen hingegen geloben Ihm die Treue und dienen Ihm mit Geschenken. Sie wissen, dass sie Ihm ihr Leben und ihren Besitz schulden, und lassen dies durch ihre Dankbarkeit erkennen.

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