Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 109

Der Psalm spricht von schwerwiegenden Sünden, deren Bestrafung von Seiten Gottes zurzeit noch ausstand. Die schlimmen Vergehungen erfordern ein Strafgericht vor aller Öffentlichkeit, das der Schwere der Schuld Rechnung trägt. Die Gerechtigkeit Gottes wird nicht schweigend über die Versündigung hinweggehen (Verse 1.7.16). Hochgradige Verderbtheit und Bedenkenlosigkeit kennzeichnen das zur Ausführung gelangte Böse. Auch das Umfeld des Täters hat sich mitschuldig gemacht. Wer sich seiner Denkweise angeschlossen hat, wird ebenfalls zur Rechenschaft gezogen. Dazu gehören alle, die zu seinen Taten Beihilfe geleistet und an der Auflehnung gegen Gott teilgenommen haben.

In den Versen 6 bis 19 geht es um den Hauptschuldigen, neben ihm aber auch um eine Vielzahl von Mitschuldigen (Verse 2–5.20.25.29.31); sie werden als Gottlose, Lügner, Hasser, Widersacher, Verächter des Guten und ungerechte Richter bezeichnet. Das Ziel ihrer Angriffe waren die Frommen, die Elenden und Armen und die Knechte Gottes, die zu Gott beten und Ihn rühmen, die Liebe üben und Gutes tun. Sie wurden von den hier vor Gericht Gestellten verachtet und verhöhnt, ungerecht angeklagt, verleumdet, gehasst und verfolgt und mit Flüchen bedacht. In den Schlussversen 30 und 31 preist der Psalmdichter seinen HERRN, der als höchster Richter das Recht zur uneingeschränkten Geltung bringt.

Verachtet und verworfen wurde einst auch der einzige vollkommen Gerechte und Fromme, der Herr Jesus Christus. Ähnlich wie der Psalmdichter das göttlich Gute vertreten hat und deswegen litt, ist auch Jesus Christus stets für die Sache Gottes eingetreten und hat schroffe Ablehnung erlitten. Von Seiner Erniedrigung und Anfeindung reden prophetisch die Verse 1 bis 5. Über das Wirken und die Verurteilung der Verächter des Herrn Jesus, besonders aber eines Hauptschuldigen unter ihnen, sprechen die Verse 6 bis 20. Danach berichten die Verse 21 bis 29 über die Leiden Jesu und die damit verbundenen Empfindungen. Die Verse 30 und 31 schildern in ähnlicher Weise wie die Schlussverse des 22. Psalms die Freude des Herrn über den Sieg der Gerechtigkeit. Vers 30 sagt, dass Er „inmitten vieler“ Gott loben wird. Christus wird in diesem Psalm vorausschauend als der beschrieben, dem auf der Erde unverhohlene Ablehnung begegnete und dessen Liebe von Vielen aus dem Volk mit Hass und Verachtung beantwortet wurde. Besonders Schwerwiegendes fügte Ihm Judas zu, der Verräter, dessen furchtbare Übeltat in den Versen 6 bis 14 vorausgesagt wird. Er erhält die Strafe, die er in verderbter Gesinnung durch böses Verhalten auf sich gezogen hat. Dieser Psalm beschreibt den Höhepunkt der Widersetzlichkeit gegen Gott und Seinen gerechten Knecht Jesus. Prophetisch kündigt er den absoluten Gipfelpunkt der Auflehnung gegen Gott an, der durch den Verrat und die Überlieferung des Sohnes Gottes in die Hand der Feinde erreicht wurde.

Der Psalmdichter erwartet Hilfe für seine Person ausschließlich von Gott, denn Er kennt jeden Umstand des Rechtsfalles und wird dem Recht Geltung verschaffen. Nicht Rachsucht oder ein Unmut des Sprechers kommt in diesem Psalm zum Ausdruck. In Wahrheit geht es hier um die Glut des göttlichen Zorns, der über die gottlosen Schuldigen kommt (Ps 69,25; 55,20.24; Pred 12,14; 2. Thes 1,6–9). Der Dichter und später ebenso auch der Herr Jesus dachten nicht daran, mit eigenen Mitteln sich Recht zu verschaffen, sondern der Dichter bittet: „HERR, Herr, wirke für mich!“ (Vers 21). Die vorliegende furchtbare Sünde soll „vor dem HERRN“ gerichtet und bestraft werden (Verse 14 und 15). Gemäß der Heiligkeit und Gerechtigkeit, der sich auch der Psalmdichter selbst verpflichtet weiß, wird das göttliche Urteil ausfallen. Dabei ist Ihm klar und er wünscht es, dass der Ausgang der Rechtssache allein von Gott abhängt. Indessen weiß er sich auch selbst von der Beurteilung durch Gott abhängig. Ihm überlässt er in aufrichtiger Unterwürfigkeit sich selbst und alles Weitere. Im Übrigen nimmt er die ihn bedrängende Lage mitsamt den Bosheiten von Gott an, weil das Ganze eine Fügung der Hand Gottes ist, weil „du, HERR, es getan hast“ (Vers 27). Das Neue Testament sagt: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“. – „Rächt nicht euch selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr“ (Röm 12,17.19; 1. Pet 3,9). Gott wird zu Seiner Zeit alle zur Rechenschaft ziehen, die einst im Bösen triumphierten und mit Hass gegen schuldlose Gerechte auftraten. Gott sieht das Böse vorher und berücksichtigt es in Seinem Plan, und gerade das Schlimmste ließ Er Seinem eigenen Sohn auf Erden begegnen. Dass Gott üble Umstände vorausschauend zur Erprobung Seiner Frommen und Seines irdischen Volkes benutzt hat, zeigt sich in deren Geschichte und in ihren Leiden. Indes entgleitet der Ablauf der Entwicklungen nie Seiner lenkenden Hand. Die schon im jetzigen Zeitlauf einsetzende Bestrafung gottloser Menschen ist ein Beweis Seiner Oberherrschaft; dies wird am zukünftigen Gerichtstag Gottes völlig ans Licht treten.

Zu dem schwerwiegenden Unrecht, von dem dieser Psalm spricht, wird Gott keineswegs schweigen (Vers 1; Ps 35,7.12.22). Er steht denen bei, die Ihn im Glauben um Hilfe anrufen, und ihr Gebet wird Er nicht unbeantwortet lassen. Das Ihm wohlgefällige Verhalten wird Er belohnen und es vor solchen rechtfertigen, die es verspottet und bekämpft haben. Davon ist der Psalmdichter mit ganzer Seele überzeugt. Bei allen Schmähungen vonseiten seiner gottlosen Gegner bleibt sein Vertrauen auf den Gott seines Lobes ungebrochen (Vers 2f; Jer 17,14–16). Denn Gott hat sich vorgesetzt, „den Feind und den Rachgierigen zum Schweigen zu bringen“ (Ps 8,3), und genauso die Lügner, weil Er die Lügenzunge und den Mund des Trugs hasst, deren Vater der Teufel ist (Ps 59,13; Spr 6,17–19; 12,22; Joh 8,44). In der Heiligen Schrift ist das Los der Lügner festgelegt, es ist der „See, der mit Feuer und Schwefel brennt, welches der zweite Tod ist“ (Offb 21,8). In Vers 2 handelt es sich nicht nur um einzelne Lügen als Tat, sondern um gottlose Menschen, über deren Zunge fortgesetzt Betrug und Lügen kommen, und dies kennzeichnet jeden Verführer, allen voran den Teufel selbst. Es ist festzuhalten, dass es in diesem Psalm grundsätzlich um den nicht zu überbietenden Gegensatz zwischen Gut und Böse geht. Durch das Überhandnehmen des Bösen wird das Gericht Gottes über diese Welt schließlich unumgänglich. Inzwischen tritt Er dem Ausufern der Verderbtheit in Einzelfällen steuernd entgegen. Im Lauf der menschlichen Geschichte schreitet Er mit hartem Strafgericht gegen Einzelne und ganze Völker ein, und dabei geht es auch um verderbte Lehrsysteme, um allgemeine Rechtlosigkeit und Unmoral. Doch damit ist der Zeitpunkt des Endgerichts über alle Menschen noch nicht erreicht. In dem endgültigen Gericht wird ewige Verdammnis und ewiger Fluch über jeden verhängt werden, der im Ungehorsam Gottes Angebot zur Rettung abgelehnt und Christus, den Retter, verachtet hat.

Die Verse 3 bis 5 zeigen, dass die Feindschaft gegenüber dem Psalmdichter ihre Ursache allein im Herzen seiner Hasser hatte. Er hatte ihnen nur Liebe und Gutes entgegengebracht, aber sie antworteten mit Hass auf seine Liebe. Anscheinend hatte seine Liebe den Hass in ihren Herzen noch verstärkt. Demnach handelte es sich um die Art von Feindseligkeit, die durch den Gegensatz zwischen Gut und Böse aufkommt. Dass er ihre Abneigung mit Liebe beantwortete, reizte sie erst recht zum Hassen. So erlebte es auch Jesus. Seine Liebe deckte auf, dass der Hass im Menschenherzen wohnt. Bewusst haben sie das Böse gewählt und das Gute zurückgestoßen. Der von den Gegnern schmählich verkannte Psalmdichter ließ sich jedoch nicht zum Bösen verleiten, sondern stellte die Dinge seinem Gott vor. In der Gemeinschaft mit Ihm stärkte er sich im Guten. Das ist eine Gott wohlgefällige Reaktion auf Feindschaft. So traf das Böse auf das unerschütterlich Gute. Seinen Feinden dagegen war jedes Mittel recht, ihn ihren Hass deutlich spüren zu lassen. Dass ihre Bosheit ihn nicht zur Gegenwehr aufreizte, stachelte sie zu weiteren Übeltaten an. Das hier geschilderte abscheulich Böse widerfuhr auch dem Herrn Jesus als Antwort auf die Liebe, die Er schuldigen, verlorenen Menschen entgegenbrachte. Makellos vollkommen verhielt Er sich Seinen Feinden und ihrem sich ständig steigernden Hass gegenüber (Lk 23,34; Joh 7,7; 19,6; 1. Pet 2,23). Jesus wusste, dass Er dem Urheber der Sünde und dessen Gefolgsleuten gegenüberstand. In dem, was Ihm auf Seinem Weg und im Besonderen am Kreuz zugefügt wurde, erreichte das Böse durch furchtbarste Taten einen Gipfelpunkt. Die Antwort Gottes als Richter hängt davon ab, auf wessen Seite der Einzelne sich gestellt hat, ob er sich Gott unterworfen und Christus anerkannt hat oder nicht.

Die Verse 6 bis 20 nennen die vorliegenden Verfehlungen deutlich beim Namen. Es wäre nicht recht, über sündige Zustände einfach hinwegzusehen, denn das würde der Ausbreitung des Bösen Vorschub leisten. Bei jemand, der Gott nicht kennt und von dem Todesurteil über die Sünde nichts weiß, mögen die vorliegenden Verse den Eindruck erwecken, als wolle hier ein Geschädigter seine Rachsucht befriedigen. Dem Gottesfürchtigen aber ist klar, dass es allein Gottes Sache ist, in das Leben von schuldig Gewordenen strafend einzugreifen. In dem einen Fall lässt Gott die Strafe sehr bald folgen, in einem anderen lässt Er geraume Zeit vergehen, bevor Er Strafe verhängt. Niemals aber lässt Er Sünden ungestraft, denn jede von ihnen hat nach Seinem Urteil das Leben verwirkt und verdient den Tod. Denn jede Sünde richtet sich gegen Gott Selbst und gegen Sein Wort, und außerdem geschieht sie zum Schaden anderer. In den vorliegenden Versen verfolgen die Strafen nicht das Ziel, Übeltäter zu bessern. Aber sie sollen jeden Beobachter der Vorgänge abschrecken oder zum Nachdenken bringen. Auch heute bieten die Zeitläufe dieser Welt und die Geschicke der Einzelnen eine Fülle von Beispielen dafür, dass Gott die Sünde mit Gericht beantwortet. Die strafenden Eingriffe haben den Zweck, dass Seine Heiligkeit und Seine gerechte Regierung über diese Welt ans Licht treten und anerkannt werden. Indessen wird Gott auf Einsicht und persönliche Reue hin in Gnade antworten.

Von Vers 6 an wird deutlich, dass der, der das Böse verübt, als mit der Sünde verbunden betrachtet wird. Das Urteil über das Böse ergeht sowohl über die Sünde als auch über ihn selbst. Denn der Zorn Gottes gilt der Person nicht weniger als der Sünde. Indem man das Böse tut, handelt man unverantwortlich aus eigenem Antrieb und Willen und im Gegensatz zum Willen Gottes. Der Mensch mag sich darin völlig frei wähnen, doch seine Freiheit hat er in der Tat missbraucht. Der eigene Wunsch oder auch Verführungskunst und verderbter Einfluss von anderer Seite haben Macht über ihn gewonnen, und das Böse in seiner menschlichen Natur regiert ihn und übertönt sein Gewissen, und bei alledem ist der Teufel ihm nahe (Vers 6 mit Anm. der Übers.) und bestimmt sein Handeln. Die Gottlosigkeit hat unter anderem zur Folge, dass dem Gottlosen ein Gebet als Gräuel und Sünde angerechnet wird, da er es gewagt hat, Gott zu nahen, obwohl ihm jede Empfindung für Gottes Heiligkeit und die eigene Verwerflichkeit fehlt (Vers 7; Spr 15,8; 28,9; Jes 1,13.15; Jak 4,3). So finster sah es vor allem in dem Herzen des Verräters Judas aus; er war zu einem Handlanger des Teufels geworden. Dabei war der Schuldspruch über ihn bereits gefällt und sein Los stand fest (Ps 55,24; 69,26). Obwohl er die Verurteilung seines Vorhabens aus dem Mund des Herrn Jesus Selbst vernahm, blieb er bei dem Entschluss, Ihn zu verraten und zu überliefern (Mt 26,24.25; 27,3f). Wie dieser Psalm es in Vers 8 vorausgesagt hat, fand sein Leben kurz nach seiner furchtbaren Tat ein Ende (Vers 8; Apg 1,18–20).

Nicht einer irdischen Gerichtsbarkeit, sondern Gott allein ist es vorbehalten, Missetaten der Väter an den Kindern und an weiteren Nachkommen heimzusuchen (2. Mo 20,5): Sünden der Eltern und Voreltern (Vers 9). Andererseits haben auch gerechte Taten von Eltern Auswirkungen auf die Nachkommen. Aus göttlichem Segen, der den Voreltern verliehen wurde, können die Nachkommen Nutzen ziehen. Andererseits können durch die Schuld von Eltern Söhne und Töchter zu Bettlern und angenehme Wohnstätten zu Trümmerhaufen werden (Vers 10). Dies vollzieht sich nicht nur an materiellem Eigentum, sondern auch an gutem, geistlichem Besitz, der vordem in einer Familie vorhanden war. Der Niedergang von einst Wohlhabenden endet schließlich mit dem Erlöschen des Namens der Familie (Verse 11 bis 13). Gottlose, die die Liebe Gottes verachtet haben und sie mit Hass beantworteten und die das Böse für gewinnbringender hielten als das Gute, müssen ernten, was sie gesät haben (5. Mo 7,10). Sie und ihre Nachkommen können nichts Gutes erwarten, dagegen Bestrafung durch Missgeschick (Ps 34,17). Niemand wird sich gerne ihrer erinnern. Ihre Ungerechtigkeit jedoch wird vor dem HERRN in Erinnerung bleiben und im Endgericht ihre Strafe finden (Verse 12 bis17; Ps 69,23–29; 104,35; 1. Kön 13,34). Wenn Gott in bestimmten Fällen sich dennoch der Nachkommen schlechter Eltern annimmt, dann beweist dies Seine über allem stehende Barmherzigkeit (Lk 6,35).

Die Verse 16 bis 20 fahren fort mit der Beschreibung der Person des Widersachers und seiner moralischen Verkehrtheit. Vielem Üblen gab er den Vorzug, deshalb trafen ihn nach Gottes gerechtem Willen schreckliche Gerichtsschläge. Der Herr Jesus sagt in der Bergpredigt: „Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteilwerden“ (Mt 5,7; Lk 6,36–38). Gleicherweise erscheint es gerecht, dass dem Unbarmherzigen Unbarmherzigkeit widerfährt (Vers 16; Ps 69,28f; 1. Sam 25,38; Mt 7,2). „Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat“ (Jak 2,13). Wer einem anderen das Wohlwollen oder gar das Recht entzieht, dem wird Gott nach Seinem Ermessen mit dem Entzug der Gnade antworten (Ps 59,14). Der Gerechtigkeit und der Heiligkeit Gottes muss durch das Bekennen und die Verurteilung der Schuld Genüge geschehen. Wenn dies in gottgemäßer Weise geschehen ist, kann Er Gnade üben. Vergebung will und wird Er auf die Demütigung und das Sündenbekenntnis hin gewähren. Doch Demut und Einsicht finden sich bei den in diesem Psalm beschriebenen gottlosen Widersachern nirgends. In brutaler Weise wird der Elende und der Arme verfolgt und der Wehrlose getötet. Der Gottlose verachtet das Gute, und daher auch den Segen Gottes. Er liebt stattdessen das Böse und somit den Fluch, als ob dies ihm weiterhelfen, ihn schützen oder stärken könne (Ps 73,6). Er hat nicht vor, dieses ‚Kleid‘ wieder auszuziehen. Sich selbst darin darzustellen, ist offenbar seine bestimmte Absicht. Nach Vers 18 zog der gottlose Widersacher „den Fluch an wie sein Kleid“, und nach Vers 17 und Vers 19 liebte er dieses schändliche Kleid als persönliches Erscheinungsbild. Daraufhin vernimmt er den göttlichen Urteilsspruch, dass er diese Bekleidung nun für immer zu tragen hat. Dieses Urteil war gewollt und die Folgen waren einzuschätzen. Die hier beschriebene Verderbtheit verachtet sowohl die Ansprüche Gottes als auch die Rechte der Mitmenschen (Verse 17 bis 19).

Wegen des schwerwiegenden Inhalts dieser Verse fasst der Psalmdichter sie in Vers 29 noch einmal zusammen: „Lass meine Widersacher mit Schande bekleidet werden und sich in ihre Schmach hüllen wie in ein Gewand“ (Vers 29; Ps 35,26). Die Entscheidung eines jeden Menschen fällt entweder für Gott, für Sein heiliges Wort und für Seine Gnade, oder gegen Ihn und das Angebot Seiner Gnade. So ist es auch in dem hier vorliegenden Fall. Nach Gottes Willen endet die Fähigkeit, Ihn anzuerkennen und Ihm zu glauben, spätestens mit dem Tod. Danach lebt der gläubige Fromme für immer in glückseliger Gemeinschaft mit Gott und Seinem Sohn Jesus Christus. Der Gottlose dagegen existiert unter ewiger Bestrafung und unter immerwährendem Fluch, die er sich im jetzigen irdischen Leben infolge seiner Sünden zugezogen hat. Es steht fest, dass kein Mensch leugnen kann, bereits vor Gott schuldig geworden zu sein. Dass die Bestrafungen hier offen beim Namen genannt werden, mag als hart empfunden werden. Aber Gott geht es darum, die Menschen rechtzeitig und eindringlich zu warnen und zur Umkehr zu bewegen. Aus Rücksichtnahme oder aus Menschenfurcht wird es häufig unterlassen, auf den furchtbaren Ernst des Gerichts Gottes hinzuweisen. Dies ist niemand zum Nutzen, sondern eher zum Schaden.

In Vers 21 stellt der Psalmdichter David sich selbst unter das Urteil Gottes. Er sagt dort: „Wirke für mich (oder: verfahre bzw. handle mit mir) um deines Namens willen; weil deine Güte gut ist, errette mich“. Er erkennt an, dass Gott in jedem Fall, also auch ihm gegenüber, um Seines Namens willen als der Heilige und Gerechte handeln wird. Doch als Gottesfürchtiger, der mit Gott in Einklang lebt, nimmt er Seine Güte und Hilfsbereitschaft in Anspruch. Nicht eigener Verdienst, sondern die Überzeugung, dass der HERR ihn liebt, gibt ihm den Mut zum Gebet. Er ist überzeugt, dass Gott für ihn ist und dies unter Beweis stellen wird, indem Er ihn in Seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit aus der Not der Verfolgung errettet (Verse 21 und 26; Ps 69,14–18). Davids Hoffnung gründet sich auf den Namen Gottes. In Vers 27 schreibt er das ganze ihn hart bedrängende Geschehen dem Willen und der Hand Gottes zu, nicht aber seinen Feinden.

Von Gott vorherbestimmt waren auch die Einzelheiten und die Grenzen des Leidens, das den Herrn Jesus traf. Dies bezeugt die Schrift und auch Er Selbst (Ps 69,27; 102,11; Jes 53,10; Mt 26,54; Lk 22,37; Joh 19,28). Sein Herz war im Innersten verwundet. Seine Seele litt in einem Maß, wie nur ein vollkommen heiliger Mensch leiden und empfinden kann (Jes 53,3). Umsonst hatte Er sich abgemüht, vergeblich und für nichts Seine Kraft verzehrt (Vers 24; Jes 49,4). Zu diesem allem kam der Hohn Seiner Feinde, die Seinem Leiden am Kreuz zuschauten wie einem Schauspiel und ihre Köpfe schüttelten (Vers 25; Ps 22,8f; 69,12.13; Mt 27,39). Aber das Vertrauen Jesu wankte nicht, es schwächte sich auch nicht ab. Er vertraute wie der Psalmdichter auf die unwandelbare Güte und auf das Einschreiten der Gerechtigkeit Gottes. Er hatte Sein Ziel erreicht, wenn damalige und zukünftige Betrachter Seiner denkwürdigen Opferung durch das Anschauen Seiner Leiden und der darauf folgenden wunderbaren göttlichen Rettung zum Nachdenken kommen würden. Er wünschte nichts sehnlicher, als dass viele Menschen dadurch zur Erkenntnis der sich offenbarenden Macht, Gnade und Weisheit Gottes gelangten.

Die Gottesfürchtigen werden durch das Wirken Gottes in ihrem Glauben bestärkt und rühmen die göttliche Gerechtigkeit. Dagegen müssen die Feinde Davids mit Erschrecken wahrnehmen, dass nicht sie die wirklich Handelnden und die Sieger sind, sondern der Allmächtige, und dass Er sie zur Rechenschaft ziehen wird (Verse 26 und 27; Ps 21,6–9). Das böse Vorhaben der Widersacher, das sich auch in Flüchen kundtat (Vers 28), gelangte durch Gottes Eingreifen nicht zum Ziel. Seine Gegner müssen die Überlegenheit der Wege und Machtmittel Gottes beschämt zur Kenntnis nehmen. Wenn sie trotzdem ihre Verwünschungen fortsetzen wollten, so mochten sie es tun. Ihr Zustand war offensichtlich unverbesserlich, deshalb wird Schande und Schmach sie bedecken (Verse 28 und 29; Ps 35,25–27; 70,3–6; 71,13). Verwünschungen seitens der Gottlosen können den Gottesfürchtigen nicht anfechten, denn er weiß sich im Besitz des Wohlwollens Gottes. Ihr Übelwollen kann ihm das innere Ruhen im HERRN nicht nehmen. Wer jemandem flucht, der wird selbst unter den Fluch kommen. Gottes Freude ist es, Seine Kinder zu segnen, und denen, die von Ihm gesegnet werden, kann der böse Wunsch eines Menschen nicht schaden. Gott wird einst jedem Menschen entsprechend seinen Taten vergelten. Im bevorstehenden Endgericht wird Seine göttliche Gerechtigkeit vor aller Augen offenbar werden. Nach den über die ganze Erde verhängten Gerichtsschlägen wird das gottgemäß Gute ans Licht treten und fortan ewigen Bestand haben. Das Böse dagegen wird bloßgestellt und verurteilt werden, gleichzeitig auch alle, die nicht zu Gott umgekehrt sind. Sie haben das ewige Gericht zu erwarten. Die Gottesfürchtigen aber werden in ewiger Glückseligkeit den HERRN preisen und Ihn mit der großen Schar der Erlösten loben (Ps 16,7ff; 69,33). Sie haben Ihm für immer zu danken für Seine Treue und Barmherzigkeit, auch für Seine Gegenwart in ihrer Not. Sie verherrlichen Ihn als ihren Retter und loben Ihn für die Befreiung von ihren Widersachern (Verse 30 und 31; Klgl 3,34–36).

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