Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 39

David gibt hier einen kurzgefassten Überblick über verschiedene Einsichten, die er in seinem Leben gewonnen hat. Sie betreffen die mangelnde Stabilität im menschlichen Dasein, die Vergänglichkeit des erworbenen Eigentums und des Wohlergehens, auch die daraus folgende Unsicherheit und die Furcht, den Genuss dessen, was schön und angenehm ist, zu verlieren. Im Weiteren befasst sich der Dichter damit, wie unzuverlässig gute Vorsätze sind. Solche Lebensweisheiten könnten entmutigend wirken. Denn auf gar nichts ist wirklich Verlass, so dass David angesichts der vielen Versuchungen und bei solcher Wechselhaftigkeit fragt: „Und nun, worauf harre ich, Herr?“ (Vers 8). Wiederholt stellt er in diesem Psalm fest, dass der Mensch ein Hauch, ein rasch verbleichendes Schattenbild ist. Neben all diesem weist das menschliche Streben in moralischer Hinsicht und im Rechtswesen viel Unvollkommenes auf. Das einzige sicher Bleibende liegt für den Gottesfürchtigen in dem Grundsatz seines Glaubens: „Meine Hoffnung ist auf dich!“ (Vers 8b). Die Hoffnung der Gläubigen ist Gott Selbst. Der wahre Christ wird durch die Feststellungen der Schrift ermutigt: „Christus (ist) in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27). „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“ (1. Kor 13,13). Die uns umgebende Vergänglichkeit und die eigene Schwachheit sollten uns dem Herrn, der unsere Hoffnung ist, in die Arme treiben. Und Gottes Güte und Treue mögen uns in Seine Nähe ziehen! Nie sollten wir selbstzufrieden bei uns und unseren Gedanken, Erfahrungen und Fähigkeiten stehenbleiben. Im Grunde sind wir schwach und können uns selbst nicht helfen, wir bleiben immer auf Gott angewiesen; bei Ihm sind alle Dinge möglich. Der Mensch hat keine eigenständige, unabhängige Existenz. Niemand kann sein eigenes Leben verlängern (Mt 6,27). Keiner entkommt seiner Verantwortung vor Gott, und niemand kann sich selbst erlösen. Im Gegensatz zu allen anderen Menschen haben gläubige Christen das Vorrecht, Glieder Christi und somit von Ihm abhängig und in Ihm geborgen zu sein (1. Kor 12,27; 2. Kor 5,17; 1. Pet 5,14). Bei Gott und in Seinem Wort findet der Glaubende sichere Gewissheit.

David bezieht hier Stellung gegen die Übel in der Welt und gegenüber den Bösen. Er verteidigt die echte Frömmigkeit. Er lehnt es ab, sich dem Reden und Treiben der Welt anzugleichen. Vielmehr will er den Weg der Satzungen Gottes einhalten (Vers 2; Ps 119,33.59). Er legt seinem Mund einen Zaum an, damit er nicht mit seiner Zunge sündigt, vornehmlich auch dann, wenn er es mit Gottlosen zu tun hat (Vers 2b). Die Warnungen der Schrift hinsichtlich der Zunge und des Redens sind zahlreich und eindringlich (Ps 34,14; 141,3; Spr 13,3; 21,23; Eph 5,15; Kol 4,5f). Bei den unvermeidlichen Kontakten mit Bösem sind die unguten Neigungen im eigenen Herzen unter Kontrolle zu halten, da unsere Gedanken gelegentlich von den üblen Dingen um uns her mitgerissen werden und uns bei solcher Gelegenheit leicht unbedachte Äußerungen entgleiten können. „Setze, HERR, meinem Mund eine Wache, behüte die Tür meiner Lippen“ (Ps 141,3). So sollten auch wir den HERRN fortwährend um Beistand und Bewahrung bitten. Selbst mit festen Vorsätzen und Vorsichtsmaßnahmen kann niemand Herr über sein Reden werden und eine aufkommende Erregung im Zaum halten. Des Öfteren mag es angezeigt sein, dem Bösen die Gelegenheiten, sich auszuwirken, wegzunehmen, indem man sich von Gefahrenzonen fernhält (Ps 34,15; Spr 16,17; 20,19b). Aber aus dem Herzen wird Unvorsichtigkeit und Böses dadurch nicht beseitigt. Ein Rückzug von allen Auseinandersetzungen entspricht nicht ohne weiteres dem Willen des Herrn. Auch läuft man dann Gefahr, sich auf sich selbst zurückzuziehen. In falscher Selbsteinschätzung könnte man da ‚in schlechtere Gesellschaft geraten sein als bei den gemiedenen anderen. Besser ist es, Gott anzuflehen, dass Er in unseren Herzen Wohnung mache‘ (R. Leighton, 1684). Auch David wurde nicht glücklich, als er resignierte und Selbstschutz betrieb. Mit bloßem Schweigen konnte er zum Guten nichts beitragen, und schließlich machten sich die unterdrückten Gefühle und Gedanken gewaltsam Luft (Verse 2 bis 4; Jer 20,9).

David wählte den richtigen Weg, als er mit den Nöten, die nun aus seinem Inneren hervorbrachen, zu dem HERRN ging. Er bat, der HERR möge ihm das Maß seiner Lebensjahre und somit seine Vergänglichkeit klarmachen. Das bedeutete nicht, dass er seine Todesstunde wissen wollte (Vers 5). Indessen setzen die von Gott gesteckten Grenzen der Lebenskraft dem Menschen das Maß und das Ziel für sein Wirken. Stellt man die Begrenztheit des Irdischen in Rechnung, dann können Dinge ziemlich belanglos werden, die zunächst schwerwiegend erschienen, während anderes, vor allem das die Ewigkeit Betreffende, ins Blickfeld kommt und uns die richtige Einschätzung vermittelt. Wir erkennen, wie schwach und unwichtig wir sind, aber auch, dass uns von Gott ein nicht zu überschreitendes Maß an Fähigkeiten und Aufgaben gegeben ist und dafür sind wir Ihm verantwortlich (Ps 90,9–14; 146,4.5; Pred 9,11.12). Dann werden wir uns selbst nicht zu wichtig nehmen. Sehen wir uns Gott und der Ewigkeit gegenübergestellt, dann sind wir wie ein Hauch (Vers 6; Hiob 7,7; 14,2; Ps 62,10; 104,29; 144,3.4; Jak 4,14). Das sollte uns demütigen und uns zeigen, wie groß die Gnade Gottes ist, die sich zu uns herablässt. Demut trägt viel dazu bei, dass wir unsere Angelegenheiten richtiger beurteilen und klarer erkennen, welchen Wert oder Unwert sie in Wahrheit haben (Ps 49,10–14; Lk 12,20). In mancher Hinsicht sind wir vergebens voll Unruhe. Wenn wir auf den Herrn hofften und Sein Kommen ständig erwarteten, dann würden wir anders denken und handeln. Zu oft haben wir uns selbst keineswegs „als ein Schattenbild“ betrachtet (Vers 7). Zu oft täuschen wir uns über die Vergänglichkeit des Irdischen hinweg (Pred 2,18; 6,11.12; Mt 6,19–21). Was erwarten wir von diesem Leben? Welches Ergebnis erhoffen wir? (Vers 8). „Denn du bist meine Hoffnung, Herr, HERR, meine Zuversicht“ (Ps 71,5). Wer dagegen im Vergänglichen einen sicheren Halt zu finden hofft, der täuscht sich.

In ähnlicher Weise wie im vorhergehenden Psalm bittet David in Vers 9 um die Vergebung von seinen Übertretungen (Ps 38,2; 51,3), um nicht zum Hohn der Gottlosen zu werden. Seine Plagen sollten seiner Zurechtbringung dienen, nicht aber seiner Vernichtung, wie seine Gegner es sich wünschten. Wenn Gott Seinen ganzen Zorn über begangene Ungerechtigkeiten kommen ließe, dann würde David dem nicht standhalten können (Vers 11), er war ja nicht mehr als ein Hauch. Seine Plage und sein Leiden waren in Wirklichkeit die Züchtigungen der Hand Gottes. Weil er verstanden hatte, dass nicht seine Gegner oder die Umstände dafür verantwortlich waren, sondern allein er selbst, wollte er sich weder beklagen noch entschuldigen. In deutlichem Gegensatz zu dem eher etwas selbstsicher klingenden „Ich sprach“ in Vers 2 sagt David nun in Vers 10: „Ich bin verstummt, ich öffne meinen Mund nicht; denn du hast es getan“. Offenbar stellte er sich jetzt ergeben unter die Züchtigung. Möglicherweise wäre ein noch strengeres Handeln Gottes angemessen gewesen (Vers 12). Doch David hoffte darauf, dass die Güte Gottes seine Vergänglichkeit und Nichtigkeit berücksichtigte; er wusste, dass er ohne Gottes Gnade verloren war. Auch seine Demütigung unter Tränen und die willige Annahme der Züchtigung würde Gott sicherlich anerkennen. David ließ sich nicht vom Stolz beherrschen. Er betrachtete sich nicht als wichtigen Menschen mit entsprechenden Ansprüchen, sondern als einen ‚Fremden und Beisassen' (Vers 13), der wie Abraham ein besseres Erbteil erwartete als diese Erde mit ihren Eitelkeiten es bieten konnte (1. Chr 29,11.15; Heb 11,9.13; 1. Pet 2,11). Zuletzt bat er Gott, von Seiner Züchtigung ihm gegenüber abzulassen und wegzublicken, damit er vor seinem Verscheiden noch eine unbeschwerte Zeit haben möge (Vers 14). Hiob wendet sich mit inhaltlich fast gleichen Bitten an Gott und verweist dabei ebenfalls auf seine menschliche Schwachheit und auch darauf, dass sein Leben nur ein Hauch ist (Hiob 7,7–21; 10,20; 14,5–6). Beiden Bittstellern hat Gott das Erbetene reichlich gewährt und hat ihnen bewiesen, dass Er „voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist“ (Jak 5,11). Wenn wir unsere Schuld bekennen und im Glauben auf Christus und Sein Opfer am Kreuz blicken, dann vermag Gott in Gnade von unserer Schuld wegzublicken.

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