Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 71

Der Glaube des Psalmdichters lebte von dem, was er innerlich wahrnahm, wenn er Gott betrachtete. Doch was er derzeit zu ertragen hatte, machte ihm das Leben schwer und stellte seinen Glauben auf die Probe (Vers 10f). In eine ähnliche Situation war er auf seinem gefahrvollen Lebensweg schon häufiger gekommen, doch jedes Mal hatte Gott ihn wieder belebt und aus der Tiefe heraufgeführt (Verse 7.15.20). In Treue hatte der HERR zu Seiner Verheißung gestanden, dass Er den Glaubenden rettet. Der Glaube hat die Gewissheit, dass Gott Sich nie verändert, sondern den Aussagen und Eigenschaften treu bleibt, die Sein Wort verkündet. Wie Seine Wahrheit immer unverändert gleichbleibt, so auch Sein gerechtes Entscheiden und Handeln. Auf Gottes Gerechtigkeit kommt der Psalm in den Versen 2.15.16.19.24 zurück. Wiederholt spricht der Dichter davon, was Sein Gott ihm bedeutet.

Zu Recht vertraute der Psalmdichter darauf, dass Gott Sich nicht auf die Seite der Ungerechten stellte, sondern Sich seiner annehmen werde. Niemals wird der Gottesfürchtige eine Enttäuschung erleben, wenn er seine Zuflucht zu Gott nimmt, um bei Ihm so sicher geborgen zu sein wie auf einem „Fels zur Wohnung“ (Verse 1 bis 3; Ps 25,2.3; 31,2.3; 62,7; Röm 10,11). Die Gedanken des Dichters sind bezeichnend für einen in Wahrheit Glaubenden, denn kein Ungläubiger würde auf den Gedanken kommen, zu beten: „In deiner Gerechtigkeit befreie und errette mich!“ (Vers 2). Der Gläubige hingegen, der rechtschaffen mit gereinigtem Herzen und Gewissen mit Gott wandelt, darf freimütig die göttliche Gerechtigkeit zu Hilfe rufen und die Gnade in Anspruch nehmen, dass Gott Sich zu ihm herabneigt und Rettung schafft. Der Dichter zögerte nicht, sich auf Gottes Zusagen zu berufen: „Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Burg“ (Vers 3). Gott hat erklärt, dass Er der Bergungsort für den Gläubigen ist, daher wird Er auch in dem vorliegenden praktischen Fall als der treue Gott handeln (Vers 3; Ps 3,4; 119,114; 1. Mo 15,1; 1. Pet 1,5). Seine Gerechtigkeit erfordert es geradezu, dass Er auf den Glauben hin in Güte antwortet (Röm 8,31–39). Denn Sein Wort verspricht, dass Gott die Zufluchtsburg und Hoffnung, das Licht und das Heil und zugleich der Trost und Frieden des Gläubigen ist. Einem gottesfürchtigen Bittsteller gegenüber wird Er das Zugesagte in Treue wahrmachen. Er Selbst steht dafür ein. Für den Psalmdichter hatten Gottes Zusagen ein weit größeres Gewicht als alle Macht des Bösen, sie waren der „Faust des Ungerechten und des Gewalttätigen“ immer überlegen (Vers 4).

Der Psalmdichter richtet hier den Blick wiederholt auf das göttlich Große und Wunderbare. Der Name des HERRN, die wunderbare Größe Gottes, war für ihn die Hoffnung und Zuversicht in Person. Schon von seiner Jugend an stützte er sich ganz auf Gott (Verse 5 und 6; 1. Mo 48,15). Den Gläubigen, den jungen wie den alt Gewordenen, wird im Buch Jesaja Kapitel 46,4 eine Zusage für ihre Lebenszeit gegeben: „Bis in euer Greisenalter bin ich derselbe, und bis zu eurem grauen Haar werde ich euch tragen; ich habe es getan, und ich werde heben, und ich werde tragen und erretten“. In Gottes liebenden Händen zu sein und von Ihm getragen zu werden, war seit jeher auch die Erfahrung des Psalmdichters, deshalb galt sein Lobgesang dem treuen Gott, der ihn sichtbar gestützt hatte. Die Gnade Gottes war bereits um ihn besorgt gewesen, ehe er sich dessen überhaupt bewusst werden konnte. Denn Gott kennt Seine Kinder, ehe sie etwas von Ihm wissen können, und erhält sie, ohne dass sie es merken. Ihm verdanken sie ihr Dasein und ihre Bewahrung. Gott Selbst ist es, der für ihr Bekanntwerden mit Seinem Wort gesorgt hat. Ehe wir zum Glauben kamen, wirkte Seine Liebe für uns, und lange vorher hatte Er den Erlöser zur Sühnung unserer Sündenschuld gesandt (Röm 5,8). Gottes Gnade und Liebe übersteigen jedes menschliche Denken. Ein Ungläubiger rechnet nie mit Gott; darum wird ihm der Lebensweg eines Gläubigen unbegreiflich bleiben (Vers 7). Auch das Denken und Handeln des Christen erscheint ihm gelegentlich unvernünftig und unrealistisch. Den Psalmdichter machte die falsche Einschätzung indessen nicht unsicher. Dass Gott Wunder tut, hatte er oft erfahren (Vers 7; Ps 72,18). In Gott fand er die Kraft für seine Seele, auch die Anleitung und die Stütze für das, was er sich vornahm. Darum lobte er immerfort den Namen Gottes (Vers 8; Ps 62,8). So hielten es Joseph, Daniel mit seinen drei Freunden und viele andere ‚Männer des Wunders', die durch Gottes Wirken in ihrem Leben zu Glaubenszeugen, zu Wahrzeichen und Vorbildern für viele Gläubige geworden sind (Sach 3,8). Ihr treuer Wandel mit Gott und ihre Glaubenserfahrungen gereichen über ihr irdisches Leben hinaus und bis heute zur Ehre Gottes und zum Ruhm Seiner Weisheit.

In den Versen 9 bis 13 wendet sich der Psalmdichter an Gott um Hilfe gegen Feinde, die ihm auflauerten. Sie meinten, ihn jetzt greifen zu können, weil Gott ihn verlassen habe. Hinzukam, dass er im Alter fortgeschritten war, wie es die Verse 17 bis 20 andeuten. Wenn die Kräfte altersbedingt nachlassen, führt eine bedrohliche Lage leicht zu übermäßigen Befürchtungen und zu quälender Belastung. Für den Psalmdichter rückte offenbar eine entscheidende Phase in der Auseinandersetzung mit den Gegnern heran. In so schwerer Stunde wird das Ringen im Gebet heftiger (Vers 12). Wie der Dichter es während seines Lebens immer gewohnt war, wandte er sich zu Gott als seiner Hilfsquelle; er ging zu der Quelle, die nie versiegt. Nach seiner Erfahrung war der göttliche Beistand das Einzige, was in schlimmster Stunde ihn aufrechterhielt. In seinem Gebet zu Gott wurde ihm die Nähe Gottes wieder besonders bewusst, und das gab ihm neuen Mut und gute Zuversicht. Im weiteren Verlauf verhalf ihm die Nähe Gottes auch zu der Überwindung der Feinde. Das Ergebnis des Ganzen war vermehrte und vertiefte Gemeinschaft mit Gott und unvergängliche Freude. Die Erfahrungen von der gnädigen Hilfe Gottes kamen ihm danach weiterhin zugute. Gestärkt im Glauben konnte er sagen: „Der Herr ist mein Helfer, und ich will mich nicht fürchten; was wird mir ein Mensch tun?“ (Hebr. 13,6). „Er gibt dem Müden Kraft, und dem Unvermögenden reicht er Stärke dar in Fülle“ (Jes 40,29). Der HERR würde den Feinden beweisen, dass Er die Gottesfürchtigen nicht verlässt, ganz sicher auch dann nicht, wenn sie sich infolge Krankheit oder Schwachheit des Alters Angriffen ausgesetzt sehen, denen sie nicht mehr gewachsen sind. Aber nicht er, sondern seine Feinde werden beschämt werden. Das Unglück trifft nicht ihn, sondern wird seine Gegner erreichen (Vers 13; Ps 3,3f; 35,19–23; 70,3). Sein Gott würde eine völlige Wandlung der äußeren Verhältnisse zu seinen Gunsten bewirken, wie dies auch zur Zeit Moses, Josuas und Gideons geschehen war.

Der Psalmdichter war sicher, dass sein Ausharren Belohnung erfuhr und dass er nicht unterliegen werde. Auch in seinem Fall würden die Fügungen der Gerechtigkeit Gottes dem Guten zum Durchbruch verhelfen, so dass er von seiner Rettung berichten und die göttliche Gerechtigkeit rühmen konnte (Vers 15; Ps 73,28; 103,6). Er würde erneut Gelegenheit haben, die Machttaten der Hand Gottes zu verkünden, damit sich der Ruhm der göttlichen Gerechtigkeit und Sein Lob mehrten (Verse 14 bis 24; Ps 145,7). In vielen mächtigen Taten hatte sich das Eingreifen des HERRN offenbart. Sooft sich der Psalmdichter an das Geschehene erinnerte, stand der HERR Selbst in herrlicher Größe vor seinen Augen (Vers 16; Ps 40,6; Jes 45,24). Von den wunderbaren Erlebnissen konnte er nicht schweigen; er sah es als eine Notwendigkeit an, davon zu berichten, auch zur Ermutigung der Gottesfürchtigen späterer Zeiten (Vers 18; Ps 77,12; Apg 4,20). Göttliche Kraft hatte sich in ihrer einzigartigen Weise gezeigt. Gottes Eingreifen hatte ihn schon in jungen Jahren innerlich vorangebracht, es hatte überzeugend auf ihn eingewirkt (Vers 17; Hiob 36,22; 2. Tim 3,14.15). Aus Dankbarkeit sah er sich verpflichtet, das Gelernte weiterzugeben. Was ihm zum Stützpfeiler in seinem Leben mit Gott geworden war, konnte andere vor einer Entmutigung bewahren und ihren Glauben aufrechterhalten.

In der Ausübung der Gerechtigkeit offenbaren sich Gottes Heiligkeit, Seine Weisheit und richterliche Macht. Miteinander begleiten sie Seine Wege mit den Menschen durch alle Zeiten hindurch. Gemeinsam kennzeichnen sie Seine Ratschlüsse und Seinen Heilsplan. Die Blicke des Gläubigen werden beim Nachsinnen über Seine Pläne und Sein Handeln auf die Größe Gottes hingelenkt (Ps 36,7). Hier veranlasste es den Dichter zu dem Ausruf: „O Gott, wer ist wie du?“ (Vers 19; Ps 35,10; 77,14; 89,7; 113,5; 2. Mo 15,11; Röm 11,33–36). Gott lässt den Gottesfürchtigen in seinen Bedrängnissen nicht hilflos umkommen. Seine Liebe hat den Ausweg aus der Erprobung bereits geschaffen. Das hatte der Psalmdichter erfahren, als er aus hoffnungsloser Lage gerettet wurde (Vers 20; Ps 30,4; Jer 29,11). Er hatte göttlichen Trost kennengelernt und erlebte, dass Gott sein Ansehen und seinen Besitz mehrte, wie es auch Hiob erfuhr (Hiob 42,10; Ps 86,13.17). Es war wichtiges Ergebnis der harten Wege von Gläubigen, dass sie zur Vermehrung des Ruhms des Heiligen Israels beitrugen und dass Seine Treue und Weisheit ans Licht traten. Eine feste Gewissheit, die den ganzen Psalm durchzieht, war für den Psalmdichter in den Schlussversen ein weiterer Anlass zum Jubel. Wie Hiob war er im Glauben überzeugt, dass seine Seele durch Gott erlöst war (Vers 23; Hiob 19,25; Ps 34,23; 49,16). Er fühlte sich durch das Leid, das ihn getroffen hatte, von Gott nicht ungerecht behandelt, vielmehr machte es ihm Freude, die Offenbarungen Seiner Gnade zu rühmen. Durch die Wege Gottes, auch hinsichtlich der Feinde, hatte sich die Herrlichkeit göttlicher Gerechtigkeit und Macht offenbart. Der Psalmdichter hatte wunderbare Hilfe erfahren und vermehrte Erkenntnis von der Größe Gottes gewonnen. Dies hat er zum Nutzen für viele Gottesfürchtige verkündet und auch für uns aufgeschrieben (Verse 21 bis 24).

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