Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 138

Aus einem überfließenden Herzen rühmt der Psalmdichter hier den Namen des HERRN. Der Dichter hatte eine wunderbare Offenbarung des Erbarmens Gottes erlebt. Nun mangelte nichts mehr an der Überzeugung, dass die Zusagen der Schrift Wahrheit sind, und dies gab ihm Anlass zum Lob (Verse 1 bis 3). Die göttliche Gnade hatte sich über alle Erwartung groß und mächtig erwiesen. Dem Hilferuf des Bedrängten war noch am gleichen Tag die göttliche Antwort gefolgt. Die offenbar gewordene Liebe Gottes hatte das Herz des Dichters so mit Dank erfüllt, dass er zu einem freudigen Anbeter geworden war. Nicht nur die Gewährung der Bitten, sondern vor allem die zutage getretene wunderbare Macht und Güte Gottes gab ihm Gelegenheit, sich zu Seinem Tempel, dem Ort Seiner Gegenwart, hinzuwenden und Gott anzubeten.

Ernstliches Gebet und verstärktes Lob gehen häufig aus notvollen Situationen hervor. Schwierige Umstände haben dem Glaubenden klargemacht, dass jetzt alles von Gottes Eingreifen abhängt und Seine Hilfe unentbehrlich ist. Die üblichen Hilfsmittel und das oft grenzenlose Vertrauen auf gesicherte Umstände treten ganz in den Hintergrund. Selbstsicherheit, das menschliche Können und das, was sonst als wirkungsvolle Stütze gilt, verlieren sich bei zunehmender Gefahr. Jede Vertrauensgrundlage tritt zurück vor dem Allmächtigen, der als Einziger jede Lage beherrscht. Seiner rettenden Macht und Hilfsbereitschaft ist auf der Erde nichts zu vergleichen (Verse 1 bis 3). Was den Menschen groß erscheint und wozu sie Zuflucht nehmen, ist nicht lediglich eine Täuschung, denn dieser falsche Weg hat den Gedanken an den allein wahren Gott verdrängt. Der Psalmdichter dagegen hat die Allmacht Gottes und Sein Wesen als die Güte und die Wahrheit erkannt. Überzeugt von Seiner herrlichen Größe, betet er den Namen Gottes an (Verse 1 und 2; 2. Sam 7,21–23; Ps 5,8; 99,2.3). Seine Güte und Macht hatte er als unmittelbar nahe erfahren. Dieses Erlebnis hatte ihn ermutigt und seiner Seele Kraft für den weiteren Glaubensweg verliehen. Seine Beziehung zu Gott hatte an Tiefe gewonnen und war gefestigt worden (Vers 3; Ps 50,15; 57,8; Nah 1,7). Geistlicher Segen ist der Lohn dafür, dass man sich entscheidet, jetzt Seiner Liebe und Seinem Wort uneingeschränkt zu vertrauen.

In der Zukunft aber, wenn der Sohn Gottes, der Herr Jesus Christus, über die ganze Erde herrschen wird, werden sehr Viele einschließlich aller Könige der Erde Ihn preisen, nachdem sie Ihn als den höchsten Gebieter, den Lenker aller Geschicke und Herrn der Welt erkannt haben und Ihn anerkennen (Vers 4; Ps 72,8–11; 102,16; Sach 9,9.10; Mt 28,18). „Denn die Erde wird voll Erkenntnis des HERRN sein“ (Jes 11,9). Alle haben dann soviel Einsicht in die Weisheit der Wege Gottes, dass sie die Herrlichkeit des HERRN und Seine Wege besingen können (Vers 5; Jes 66,18f; Mal 1,11). In unserer Zeit befähigt der wahre Glaube dazu, bereits jetzt die herrliche Zukunft, die Sein Wort verheißt, vor Augen zu haben und daraus Kraft zu schöpfen für den oft mühevollen Weg.

Der HERR wohnt hoch erhaben über allem Geschaffenen, dennoch neigt Er Sich herab und blickt gerne auf den Niedrigen, der nicht hoch von sich denkt. Denn an demütigem Sinn hat Er Gefallen. Solchen wendet Er Seine Gnade zu und erhöht sie (Vers 6; Jes 45,11; 57,15; Ps 18,28f, 113,5–8; Mt 11,25f; 1. Kor 1,26ff; Jak 2,5; 4,6). Er hat Acht auf sie und nimmt Sich ihrer an. Darauf dürfen sie rechnen. Aber den Hochmütigen widersteht Er, sie sind Seiner Seele ein Gräuel (Spr 6,16f; 30,13). Vor Menschen suchen sie ihre Einstellung zu verbergen. Gott aber, der die Herzen erforscht, durchschaut sie. Mit Hochmütigen hat Er und der Geist Christi nichts Gemeinsames. Ihnen bleibt daher Seine Gnade fern. Schon durch hochmütige Gedanken kann der Gläubige die Übereinstimmung und die Gemeinschaft mit seinem Herrn verlieren. Die demütige Haltung Davids ist beispielgebend; er „will noch geringer werden als diesmal und will niedrig sein“. „Nicht hoch ist mein Herz, noch tragen sich hoch meine Augen“ (2. Sam 6,22; Ps 131,1). Seine gute Einstellung hatte das Wohlgefallen Gottes zur Folge. Dadurch kam großer Segen über sein Haus und über viele andere. Die Erkenntnis Gottes machte David demütig und brachte ihn dazu, sich mit noch tieferer Verehrung vor dem Hohen und Erhabenen niederzubeugen.

Die Verse 7 und 8 sind der Ausdruck völligen Vertrauens auf göttlichen Beistand in Zeiten der Not. Der Psalmdichter ist sicher, dass der HERR den Ausweg aus den bevorstehenden Erprobungen für ihn schon vorbereitet hat (Ps 121,3; Mk 6,45–51; 1. Kor 10,13). Wenn der Mut und die Kräfte Davids infolge der Umstände nachgelassen haben, dann wird der HERR ihn beleben (Ps 119,50). Niemals wird Er David der Willkür der Feinde preisgeben. Die rettende Hand des HERRN wird eingreifen, sie wird seine Hand erfassen und nicht wieder loslassen (Ps 17,7; 18,17f; 73,23; 89,14.22). Ein lebendiger Glaube ermutigt dazu, die Rettung im festen Vertrauen auf den HERRN schon vorwegzunehmen. Der Gläubige fühlt sich unter dem Schutz von oben geborgen. Er hat seine Sorge auf Gott geworfen, „denn er ist besorgt für euch“ (1. Pet 5,7). Wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind und Verzweiflung aufkommen will, dann ist der Zeitpunkt zum Hervortreten der Weisheit und Macht Gottes gekommen. Für den Fall, dass der Gläubige gleichsam „durchs Wasser“ und „durchs Feuer“ zu gehen hat, versichert Gott ihm: „Ich bin bei dir“, und „sie werden dich nicht überfluten“, „du wirst nicht versengt werden“ (Jes 43,2). Wer seine Hilflosigkeit eingesteht und dem HERRN alles anheimstellt, wird dem Dichter beistimmen: „Der HERR wird es für mich vollenden“ (Vers 8).

Gott hat für die Glaubenden ein hohes Ziel bestimmt. Er hat ihnen eine ewige Stadt bereitet, wo Er bei ihnen wohnen wird. Durch die Buße zu Gott ist der erste Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel getan. Für alles Weitere, was die Seele und die äußeren Umstände der Seinen betrifft, hat Gott Vorsorge getroffen. Durch das, was sie erleben, möchte Gott sie für eine fortwährende Gemeinschaft mit Ihm passend machen. Die Gnade, unter die Christen gestellt sind, ist eine nicht endende, ewig währende Gnade. Der Apostel Paulus schreibt: „Indem ich eben darin guter Zuversicht bin, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi“ (Phil 1,6; 1. Kor 1,7–9). Gott lässt das von Ihm begonnene Werk nicht unvollendet. Dass Seine Wege im Ziel zur herrlichen Vollkommenheit führen, wird in vielen Prophezeiungen und Verheißungen deutlich gemacht. Jakob besaß bereits die göttliche Zusage: „Ich werde dich nicht verlassen, bis ich getan, was ich zu dir geredet habe“ (1. Mo 28,15). David, der Dichter dieses Psalms, bekam weit darüber hinausgehende Zusicherungen, die bis in den vollkommenen Zustand der Ewigkeit reichen (2. Sam 7,11–16; Ps 89,4f.20–29).

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