Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 35

Der Dichter beschreibt in diesem Psalm, in welch bösartiger Weise er von ruchlosen, schadenfrohen Leuten angegriffen wird. Sie hassen ihn, klagen ihn fälschlich an und wollen ihn in eine Falle locken. Ihr Ziel ist, ihn zu Tode zu bringen. Betend legt er seine Empfindungen freimütig vor dem heiligen Gott offen und bittet Ihn, mit Autorität und der notwendigen Macht als Schützer des Rechts einzuschreiten. In dem, was er Gott vorträgt, setzt er voraus, dass der Allwissende sein ganzes Herz und sein Verhalten kennt und die Gegner durchschaut. Offensichtlich ist er überzeugt, dass er bei dieser Auseinandersetzung lauter und gerecht vor Gottes heiligen Augen dasteht. Indirekt ruft er mehrfach Gott als allwissenden Zeugen der Vorgänge an. Seine innere Übereinstimmung mit Gott geht so weit, dass er sicher ist, als Knecht Gottes Sein Wohlgefallen zu besitzen (Vers 27b). Er äußert seine Bitten voll Vertrauen und ohne daran zu zweifeln, dass der gerechte und treue Gott für seine gerechte Sache eintreten und die Gegner aus dem Feld schlagen wird. Einige Verse lassen durchblicken, dass dieser schwere Konflikt von solchen, die auf seiner Seite stehen, und von vielen nicht direkt Beteiligten mit großem Interesse beobachtet wird. Es geht um Grundsätzliches: Wird das Böse, das Unrecht und die Heimtücke gegenüber diesem allein dastehenden Rechtschaffenen die Oberhand behalten? Muss Gott nicht Gerechtigkeit walten lassen und die Lauterkeit des zu Unrecht Angegriffenen bestätigen, indem Er an dessen Feinden Gericht übt? Die Standfestigkeit Davids gründet sich auf die Überzeugung: Hast du den Himmel auf deiner Seite, dann kannst du die Erde mit allem, was hier geschehen kann, anderen überlassen (1. Mo 50,20; 1. Sam 24,13f; Lk 12,4ff). Welche Ereignisse in Davids Leben die Bitten des Psalms veranlasst haben, wird nicht mitgeteilt. Indessen gleicht ein Teil der Schilderungen dem, was den Herrn Jesus auf Seinem Weg vonseiten Seiner Feinde getroffen hat. Gott wird hier als der allein unfehlbare Zeuge und höchste Richter in der Rechtssache Davids angerufen, und im darüber hinausgehenden prophetischen Sinn auch in der Rechtsangelegenheit Jesu Christi angesichts Seiner Hasser und Ankläger. In jedem Falle steht fest, dass der gerechte Gott vor aller Augen nach Seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit handeln wird. Ihm befiehlt sich der Beter an mit dem Wunsch, dass seine Rettung das Lob zur Ehre des HERRN und zum Ruhm Seiner Gerechtigkeit und Güte vermehren möge (Verse 9.18.28).

In den Versen 1 bis 10 sind es bewaffnete Angreifer, die den Beter durch Anwendung roher Gewalt in größte Not bringen. Von Vers 11 bis Vers 18 werden Nachstellungen beschrieben, die von falscher Anklage, Böswilligkeit, Schmähung und weiteren Charakterlosigkeiten gekennzeichnet sind; sie verletzen ihrer Art nach mehr die Seele als den Körper. Am Schluss der genannten beiden Versgruppen drückt der Beter in jeweils zwei Versen sein festes Vertrauen auf den HERRN aus und rühmt die Rettung im Voraus. Von Vers 19 an ist es sein Anliegen, dass Gott dem Bösen nicht freien Lauf lassen möge, damit die göttliche Gerechtigkeit durch ihr unfehlbares Urteil und durch nachdrückliches Handeln in der vorliegenden Rechtssache ans Licht tritt.

In den Versen 1 bis 3 bittet er darum, dass der HERR sich den Feinden gegenüber auf seine Seite stellen und den Kampf mit ihnen aufnehmen möge. Er selbst will keine Waffe gegen sie erheben. Er überlässt alles Weitere dem HERRN, dessen Waffen den menschlichen weit überlegen sind und die stets eine gerechte Sache vertreten. Weil wir Gottes Kinder sind, sollen wir unsere Angelegenheiten getrost zu Seiner Sache machen. Dieses Angebot unseres Vaters im Himmel sollten wir immer in Anspruch nehmen, und dabei werfen wir unsere Last auf Ihn. Dann wird unser Inneres zur Ruhe kommen, im Vertrauen auf Seine Zusage: „Ich bin deine Rettung!“ – „Der HERR wird für euch kämpfen, und ihr werdet stille sein“ (Vers 3; 2. Mo 14,14; Ps 27,1; 91,4; Phil 4,6). David wusste, dass sein Leben in Gottes Hand war, nicht aber in der Gewalt seiner Feinde. So hatte er es, wenn er in Todesgefahr geraten war, immer wieder erlebt. Sein Glaube würde nicht enttäuscht werden, sein fester Standpunkt im Vertrauen auf Gottes Treue war ein sicherer und Erfolg versprechender. Damit dies erneut unter Beweis gestellt würde, bittet er den HERRN, seine Verfolger mit Scham bedeckt werden zu lassen. Der Engel des HERRN sollte sie forttreiben (Verse 4 und 5; Ps 34,8; 40,15ff; 71,13; Jes 17,13.14).

Doch geht es hier nicht nur um kurzfristige Hilfe und Abwendung einer augenblicklichen Gefahr, sondern um die gesamte weitere Entwicklung der Auseinandersetzung, bis es zuletzt zu einem endgültigen Rechtsspruch kommt, der alle verderbten Machenschaften der Gegner offenlegt. Der Psalmdichter erbittet eine offenkundige Ahndung der finsteren Pläne seiner Gegner dadurch, dass Gott als Antwort auf die bösartigen Angriffe ihre Zukunft verfinstert und ihre Schritte auf schlüpfrigem Boden ausgleiten lässt, damit ihr Tun auf ihren Kopf zurückkehrt (Vers 6; Ps 73,18.19). David durfte vor Gott für sich in Anspruch nehmen, dass er die furchtbaren Nachstellungen in keiner Weise verdient hatte. Ohne irgendeinen Anlass zu haben, suchten sie ihn auf heimtückische Weise ums Leben zu bringen. Diese Hinterlist sollte auf sie zurückfallen, wie es nach Gottes Regierungsgrundsätzen solche Übeltäter seit jeher zu erwarten haben (Verse 7 und 8; Ps 7,16; 9,16; 141,10).. So plötzlich, wie David in die von ihnen vorbereitete Grube stürzen sollte, so unverhofft sollte das Verderben über seine Feinde hereinbrechen. Wie auch in anderen Psalmen gilt es hier zu beachten, dass David auf alttestamentlichem Boden mit dem Prinzip der Vergeltung steht.

Der Böse bildet sich ein, in Sicherheit zu sein, doch Gottes Gericht steht nahe bevor (1. Thes 5,2–4). Das plötzlich einsetzende Endgericht über eine gottlose Welt wird vor aller Augen offenbar machen, dass Er Seine Frommen früh genug vor dem hereinbrechenden Verderben rettet und sie zu ewiger Glückseligkeit führt (2. Pet 2,9). Auf eine rechtzeitige Rettung vertraute auch David in seiner Notlage: „Meine Seele wird frohlocken in dem HERRN, sie wird sich freuen in seiner Rettung“ (Vers 9). Niemand ist mit dem Allmächtigen zu vergleichen, der sich allen Umständen gegenüber als der Stärkere und als gerechter Richter zeigt. Er nimmt sich der Sache des Geringen und Schwachen an, der zu Ihm um Hilfe ruft, und gibt ihm neue Kraft für Körper und Seele (Vers 10; Ps 34,20–22). „Du, der du große Dinge getan hast, o Gott, wer ist wie du?“ (Ps 71,19).

In den Versen 11 bis 16 wird näher beschrieben, wie niederträchtig das Verhalten der Gegner Davids war. Sie suchten ihn auf jede nur mögliche Weise zu Fall zu bringen. Eine unwahre Beschuldigung diente ihnen dazu, Anklage gegen ihn erheben zu können und somit den Schein des Rechts zu wahren. Ähnlich erging es zu späterer Zeit dem Herrn Jesus, als falsche Zeugen gegen Ihn auftraten (Mt 26,60). In besonders schwerwiegender Weise wurde dem Herrn Böses für Gutes vergolten (Verse 11 und 12; Ps 38,21 und 109,2–5; Joh 10,32). Wie der Herr die Schwachheiten und die Krankheiten der Leidenden auf dem Herzen trug und den Bedrängten die nötige Hilfe verschaffte, so hatte zu seiner Zeit David das Leid anderer mitgetragen und sich in ihre Lage versetzt (Vers 13; Mt 8,17). Er war gewohnt, Trauernden Anteilnahme zu beweisen, indem er Sich mit ihnen und ihrem Kummer eins machte, ohne lange zu erwägen, ob die Betreffenden dessen würdig waren oder nicht (Vers 14). Aber als David selbst in eine kummervolle Lage geriet, zeigte man ihm gegenüber keinerlei Mitleid, sondern man freute sich mit anderen darüber, dass er zu Schaden gekommen war (Vers 15; Ps 38,17 und 69,21; Jer 20,10). Dem Edelmut Davids begegnete damals eine Rotte von Übelgesonnenen mit Schmähungen und lästerlichen Worten, mit Bosheit und Hass (Vers 16). In vergleichbarer Weise wandte sich später ein übervolles Maß menschlicher Niederträchtigkeit und Grausamkeit gegen den Herrn Jesus. Seine Gegner kannten nur das eine Bestreben, Seinen körperlichen Wunden möglichst viele seelische Verletzungen hinzuzufügen. Dabei gingen die Spötter bis an die Grenze des Möglichen. Niedrigste Instinkte und wüstes, beleidigendes Verhalten entfesselten sich gegen Ihn. Konnte zur Zeit Davids ein gerechter Gott, dem nichts entgeht, einem derartigen Treiben der Feinde noch länger untätig zusehen? Die fast verzweifelt klingende Frage des Verses 17 entsprang der Todesangst des in die Enge Getriebenen, denn hemmungslos mordgierig wie junge Löwen wollten sie sich auf ihn stürzen (Ps 6,4; Hab 1,13). Dem Psalmdichter blieb nur die dringende Bitte um Befreiung aus diesen untragbaren Umständen (Ps 57,2–5). Durch Glauben hatte er Gewissheit darüber erhalten, dass sein Gott Sich seiner annahm und dass ihm bald Anlass gegeben sein werde, Ihn dafür zu loben. Statt einsam in schlimmen Widrigkeiten ausharren zu müssen, würde er, umgeben von zahlreichem Volk, das mit ihm eins war, seinen Gott preisen (Vers 18). Zu späterer Zeit hatte der Gekreuzigte eine ganz ähnliche Erwartung vor Sich und freute Sich darauf, dieses Ziel bald erreicht zu haben (Ps 22,23.26 und Ps 118,24; Heb 12,2).

Von Vers 19 bis Vers 26 wird Gottes Vergeltung gegenüber den Freveltaten erfleht. Der Psalmdichter stellt fest: „Du hast es gesehen, HERR; schweige nicht!“ (Vers 22). Die unantastbare Gerechtigkeit und die in allem vollkommene Gesinnung Jesu hatten den Hass selbstgerechter jüdischer Führer erregt (Joh 10,31 und Joh 15,24.25). So wurde offenbar, dass es ihnen bei aller zur Schau gestellten Frömmigkeit nicht wirklich um das Gute ging, sondern um selbstsüchtige Ziele. Ein Hassen, das sich nicht begründen lässt, ist dem Wesen nach ein bodenloser Hass ohne jedes Maß. Solcher Hass ist besonders abgründig, er richtet sich ungehemmt gegen das Leben des anderen und sucht es auszulöschen (Ps 69,5 und 109,3). Der Hasser, der heillose Anschläge und „Böses schmiedet“ und dabei mörderische Absichten hegt, verrät seine tatsächliche Haltung mitunter durch Zusammenkneifen der Lippen und der Augen (Spr 6,12–19 und 10,10), dies scheint hier in Vers 19 gemeint zu sein. Der gerechte Gott, der jede Regung des trügerischen Menschenherzens kennt, weiß um die tatsächliche Einstellung derer, die sich nach außen hin harmlos geben, in Wirklichkeit aber keinen Ausgleich wollen, sondern den Frieden hassen. Er wird solche nicht über die Gerechten triumphieren lassen (Vers 20; Ps 120,5–7). Er nimmt sich der friedfertigen „Stillen im Land“ an, die im Frieden des Herzens mit Ihm ihren Weg gehen wollen und Frieden stiften, wo immer sich ihnen die Gelegenheit bietet. Die „Sanftmütigen des Landes“ (Ps 76,10; Mt 5,5.9) vermeiden es, sich in Streit einzulassen, sich aufzulehnen oder sich zu entrüsten. Sie kommen ihren Mitmenschen in Milde und Gleichmut wohlwollend entgegen. Die ihnen Übergeordneten haben mit ihnen keine Schwierigkeiten, solange sie nichts verlangen, was sich gegen Gott und das Gewissen richtet. Diese friedlichen Leute sind den Übelgesinnten ein Ärgernis und oftmals ein leicht erreichbares Opfer. So werden sie zum Ziel übler Anschläge. Die vom Hass geprägten Gegner alles Guten planen Böses und suchen Gelegenheit, um ihr Maul aufzusperren (Verse 20 und 21; Ps 22,14; 27,12; 40,15f). Diese Erfahrung machte auch Daniel, der mit Korrektheit, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, in Stille und unauffällig einen herausragenden Dienst tat. Wiederholt stehen in den vorliegenden Versen die durch die Sünde erregte Streitsucht und der Hass dem von Gott beabsichtigten Frieden und der Ruhe entgegen, die Er denen schenkt, die Ihm dienen (Vers 27b). Christus Jesus, der kommende Friedefürst, wird allem teuflischen Übel das Ende bereiten. „Schafft er Ruhe, wer will beunruhigen?“ (Hiob 34,29).

Ohne Unterlass schaut das Auge Gottes auf alle Bewohner der Erde herab, Er blickt in ihr Herz und achtet auf alle ihre Werke (Vers 22; Ps 33,14.15). In Seiner Liebe ist Er Seinen Kindern in jedem Augenblick und überall nahe und bemüht Sich um sie. Der HERR wird zum bestimmten Zeitpunkt Stellung zu den üblen Vorgängen auf der Erde beziehen. Darum soll der Gottesfürchtige alles Beunruhigende Ihm anheimstellen. Rechtzeitig wird Gott auch zu seinen Gunsten und „zu seinem Recht erwachen“ (Vers 23; Ps 31,2; und 44,24; Lk 18,7). Die Schadenfreude der Gegner ist letztlich nur von kurzer Dauer (Ps 41,12; Klgl 2,16). Im Ergebnis werden die Dinge nicht so laufen, wie die Feinde es wollten, sondern wie Gott es will (Verse 24 und 25; Apg 2,24 und 4,9–12). Dann werden die Feinde der Gerechtigkeit und des Friedens ihr verdientes Urteil empfangen „und mit Scham bedeckt werden“ (Vers 26; Ps 40,15; 70,3f; 109,29).

Nachdem die Auseinandersetzungen beendet waren und Davids Gerechtigkeit durch Gott ans Licht gestellt war, jubelten und freuten sich alle, die auf der Seite Davids an der Gerechtigkeit seiner Sache festgehalten hatten. Die erlebten Gefahren und Ängste führten am Ende zur Erhebung des HERRN, „der Gefallen hat am Wohlergehen (oder: Frieden) seines Knechtes“ (Vers 27; Ps 11,7 und 40,17; Off 18,20). Somit hat der von Gott bereitete wahre Frieden gesiegt. Das Endziel von allem ist ewiger Frieden und die vollkommene Ruhe des Volkes Gottes unter der Herrschaft des Friedefürsten, des Herrn Jesus Christus. Diese herrliche Zukunft dient der ewigen Verherrlichung Gottes: „Und meine Zunge wird von deiner Gerechtigkeit reden, von deinem Lob den ganzen Tag“ (Vers 28; Ps 71,15–18.24).

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