Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 78

Der Psalm greift Ereignisse aus der Geschichte Israels auf und versieht sie mit erläuternden Anmerkungen, die belehrend und warnend für nachfolgende Generationen sind. Der üble Charakter von unheiligen, Gott entgegenlaufenden Entwicklungen wird in Gegensatz gestellt zu dem heiligen und barmherzigen Handeln Gottes. Als ursächlich für den geistlichen Niedergang des Volkes, der sich schon bald nach dem Auszug Israels aus Ägypten abzeichnete, vermerkt der Psalm eine nachlassende Festigkeit im Glauben sowie Untreue gegenüber Gottes Bund und Gesetz. Hinzukommen die Gleichgültigkeit und Vergesslichkeit göttlichem Wirken gegenüber, des Weiteren die Geringschätzung Seiner Gaben und ein Verblassen der Erkenntnis dessen, was heilig und göttlich ist, sodann eine sich steigernde Rebellion gegen Gott, den Höchsten (Vers 56ff). Die zahlreichen Denkmäler der Wundertaten Gottes wurden weggeschwemmt durch die Wogen des jeweiligen Zeitgeistes und durch immer neu heranrollende Wellen von Sünden. Die unvergleichlich gute Ausgangsposition, die Gott für Israel geschaffen hatte, wurde missachtet. Gottes Absichten, auch Seine Verheißungen betreffs ihrer Zukunft, waren nicht mehr von Interesse. Sein Handeln wussten sie nicht mehr richtig einzuschätzen. Angenehme äußere Umstände ließen es unnötig erscheinen, Ihn noch als Zuflucht und Stütze in Anspruch zu nehmen. Weil das Volk Ihn mehr und mehr aus dem Auge verloren hatte, trat der Götzendienst an die Stelle des Gottesdienstes nach Seinem Gebot (Vers 58).

Wenn Israel sich unter äußerem Druck zeitweilig wieder an Gott wandte, dann erwies sich ihre Umkehr wiederholt als Heuchelei; ihre scheinbare Reue war nichts anderes als eine Sache der Zweckmäßigkeit gewesen (Vers 36). Denn schon nach kurzer Zeit wandten sie sich erneut ab und fielen zurück in die früheren Verfehlungen. Deshalb lautet das zusammenfassende Urteil über sie: „ein widersetzliches und widerspenstiges Geschlecht, ein Geschlecht, das sein Herz nicht befestigte und dessen Geist nicht treu war gegen Gott“ (Verse 8 und 37). Obwohl sie sich derart wankelmütig und als nicht lernfähig erwiesen hatten, verwarf Gott sie dennoch nicht, sondern suchte sie durch harte Geschicke zurechtzubringen. Im Ergebnis jedoch machte die Züchtigung trotz größter äußerer Bedrängnis keinen Eindruck auf ihre Herzen. Darum änderte Gott Seine Vorgehensweise. Er verwarf den Stamm Ephraim, während Er den Stamm Juda erwählte und insbesondere David (Verse 67 bis 72). Damit begann eine neue Epoche der Geschichte Israels. Aber ein wirklich grundlegender Neubeginn wird erst in noch kommender Zeit durch den wahren Sohn Davids, durch Christus, den Messias, eine von Grund auf neue Epoche einleiten, und dies nicht nur für Israel, sondern für die ganze Erde (Jer 33,14f). Indes ist diese zukünftige Zeitenwende nicht Gegenstand des vorliegenden Psalms, wenngleich sie hier durch den Bericht über die Erwählung Davids angedeutet wird.

Dieser umfangreiche Psalm stellt als Grundregel fest, dass weder die besten äußeren Voraussetzungen noch härteste Erprobungen die menschliche Neigung zur Abkehr von Gott und zur Missachtung Seines Wortes grundlegend ändern können. Die wunderbare Gelegenheit, reiche göttliche Segnungen in Empfang zu nehmen, wurde damals von Israel, jedoch auch in der Geschichte der Christenheit, wiederholt versäumt, so vielversprechend die günstigen Umstände einer neuen Epoche göttlicher Zuwendung auch sein mochten. Nur ein Neubeginn durch eine von Gott ausgehende innere Umwandlung und ein neuer Bund aufgrund der Gnade Gottes kann Abhilfe bringen, indem Gott Sein Gesetz in das Innere der Menschen legt und es auf das Herz Seines Volkes schreibt. Nur die Gott gemäße Erneuerung des Herzens vermag Menschen zu Gott wohlgefälligen Anbetern zu machen, nur sie führt zu einer unveränderlichen Gemeinschaft mit Gott und zu bleibendem Segen (Jer 31,31–34; Heb 10,16). Durch seine bisherige Geschichte ist Israel ein Beispiel dafür geworden, wie menschliches Fehlverhalten es der Liebe Gottes erschwert, Segen auszuschütten. Nicht minder gilt dies für die Geschichte der Christenheit.

Gott hatte Seinem irdischen Volk besonders in der anfänglichen Zeit des Auszugs aus Ägypten bis nach Kanaan viele wunderbare Beweise Seiner Liebe gegeben; sie legen ein erhabenes Zeugnis über Seine Macht ab und bestätigen die Wahrheit der Zusagen Seines Wortes. Seine Wunder zugunsten Israels sollen für immer im Gedächtnis der Menschen bleiben, denn sie sind der Ausdruck Seines Wesens und enthalten in ihrem Kern göttliche Lehre, Warnungen und Ermunterungen. Sowohl das Volk Israel als auch die Christen sollen diese Belehrungen beachten und sie befolgen, denn sie sind ewig gültige Offenbarungen der Gedanken Gottes. Die Stellungnahme des Psalms zu der Geschichte Israels kommt aus dem Munde Gottes (Vers 1). Wer ihre Unterweisung und ihre Warnungen nicht ernst nimmt, verachtet Gottes Wort, das seine Bedeutung nie verliert. Sein Wort muss jeder neuen Generation weitergegeben und geeignet für ihre Zeit erläutert werden. Die Väter, die Vertreter der älteren Generation sind besonders dazu aufgerufen. Niemand ist von dieser Verpflichtung befreit (Verse 2 bis 6; 1. Mo 18,19; 5. Mo 4,9; 6,7; 11,18f; Röm 15,4; 1. Kor 10,6–11). Dieser Auftrag hat unverändert Gültigkeit. Die Verwendung der Ausdrücke „Spruch“ und „Rätsel“ (Vers 2) betont, dass eine Erläuterung der oftmals gleichnishaften Rede der Heiligen Schrift notwendig ist, um deren tieferen geistlichen Sinn verständlich zu machen und ihre Anschauungen in die Gegenwart zu übertragen. Da der Sinn nicht immer gleich an der Oberfläche liegt, kann nur ein gründliches Nachdenken (wie über ein Rätsel; Vers 2) den gewünschten Erfolg bringen. Dem, der sich diese Mühe macht, wird der Heilige Geist zu Hilfe kommen. Die folgende Generation sollte die Möglichkeit, von den Älteren und aus der Vergangenheit zu lernen, wertschätzen und Gott dafür danken. Leider ist die Vergesslichkeit groß, wie es dieser Psalm und auch die Kirchengeschichte lehren. Die längst vorhandene, rechte geistliche Lehre ist immer davon bedroht, dass sie unbeachtet bleibt, verkannt wird und in Vergessenheit gerät (Ps 106,13.21; Jes 17,10f; 2. Pet 1,12.13). ‚Welch ein Segen würde es sein, wenn jede Generation gegenüber der vorhergehenden einen echten Fortschritt aufweisen würde. Aber leider ist zu befürchten, dass die Rückschritte schwerwiegender sind als die Fortschritte‘ (C. H. Spurgeon).

Die Verse 7 und 8 umschreiben das Hauptanliegen des Psalms, verbunden mit der Warnung vor einem erneuten Niedergang unter dem Volk Gottes. Das hier weitergegebene Wissen über den Gott Israels soll Vertrauen auf Seine wunderbaren Fügungen wecken. Durch geistliches Betrachten ihrer Geschichte soll Israel die Absichten des HERRN und die Art und Weise Seines Handelns kennenlernen. Kein Volk der Erde besitzt ein so wertvolles, vollkommenes Lehrbuch. Anhand der einprägsamen Geschichte ihrer Vorfahren können die Söhne als Nachfahren die Weisheit und die Folgerichtigkeit der Antworten Gottes auf menschliches Verhalten erkennen. Nehmen diese Erkenntnisse ihre Herzen und Gewissen ein, dann werden sie bewirken, dass die „Söhne“ Israels die Gebote bewahren. Ihr Gehorsam wird sich vorteilhaft von der Widerspenstigkeit ihrer Vorfahren unterscheiden (Jes 26,2.3; Sach 1,4–7). Als Ursache für das Abweichen der Voreltern wird hier vermerkt, dass sie ihr Herz nicht befestigten. Sie waren dem HERRN untreu geworden und waren nicht entschieden auf der Linie des Wortes geblieben. Zwischen allerlei Ansichten schwankend, hatten sie ihren Herzen gestattet, sich hierhin und dorthin zu neigen (Verse 8 und 37; Ps 10,17; Jak 1,8). „Die Beschneidung des Herzens“ fehlte ihnen (Röm 2,29). Ihr Geist widerstritt dem Heiligen Geist, sie neigten zur Rebellion anstatt zum Gehorsam (Jes 63,10; Apg 7,51). Die künftigen Geschlechter der Juden müssen diesem Urteil der Schrift beipflichten, wenn sie selbst die Kehrtwendung zum HERRN vollziehen möchten. Sie müssen die falschen Fährten der Vorfahren verlassen, um Gott die Treue zu halten.

Mit den Versen 9 bis 11 beginnt die Darstellung einer langen Reihe beispielhafter Ereignisse aus Israels Geschichte. Das erste Lehrstück bieten die Söhne Ephraims, die in alten Zeiten als ein führender, gut gerüsteter Volksstamm galten. Doch als ihre Kraft „am Tag des Kampfes“ auf die Probe gestellt wurde, versagten sie. Auch im Christentum hat es bis heute ‚Söhne' aus führenden, gut unterrichteten Kreisen in guter Ausgangsposition gegeben, die sich von der Wahrheit abwandten, sobald es zur entscheidenden Auseinandersetzung kam. „Zeigst du dich schlaff am Tag der Bedrängnis, so ist deine Kraft gering“ (Spr 24,10). Wer aber auf den HERRN vertraut, „der fürchtet sich nicht, wenn die Hitze kommt“ (Jer 17,8). Den „Söhnen Ephraims“ fehlte die Kraft, die allein durch Glauben in der Nähe Gottes gewonnen wird. Sie waren dem Bund Gottes und den heiligen Verpflichtungen ihm gegenüber untreu geworden (Verse 9 und 10; 2. Kön 17,15–18). Die Abhängigkeit von Ihm hatten sie aufgegeben, Seine Wunderwerke vergessen (Vers 11; Ps 106,13). Sie verweigerten die Einhaltung Seiner Gebote, weil sie sich Seinem Willen nicht unterordnen wollten. Darum konnte Gott Sich nicht zu ihnen bekennen und entzog ihnen die Gnade und die Kraft. Zum Zeugnis für Ihn und zu einer Führungsaufgabe in Israel genügten ihre menschlichen Fähigkeiten nicht. Statt Führer des Volkes Gottes zu sein, waren sie zu Verrätern des Göttlichen und Heiligen geworden, gleichzeitig auch zu Verführern für solche, die wegen der äußerlich beeindruckenden Größe Ephraims erhebliches Vertrauen in diesen Volksstamm gesetzt hatten. Den Vorzug, den Gott ihnen gewährt hatte, ebenso Seine Wundertaten, hatten sie aus dem Auge verloren. Ihr eigenwilliges, selbstsüchtiges Verhalten trug ihnen zuletzt die Verwerfung ein (Verse 11 und 67).

Die Verse 12 bis 16 erinnern an die Wunder Gottes, die Israel vom Auszug aus Ägypten bis zur Wüstenwanderung zugutekamen. Auf die einzelnen Wunder in Ägypten kommt der Psalmdichter in den Versen 42 bis 53 zurück. Hier erwähnt er sie als den Auftakt der Reise des Volkes durch die Wüste zum verheißenen Land. Während dieses beschwerlichen Zuges trug Gott Sein Volk wie „auf Adlers Flügeln“ (2. Mo 19,4). Auf andere Weise hätte es diese Anfangszeit nicht überstanden, es hätte die Hindernisse nicht überwinden können (5. Mo 32,10f). Damals war es die tägliche Erfahrung jedes Einzelnen von ihnen, dass Gott als der allmächtige Schöpfer in ihrer Nähe war und bei Gefahr sofort eingriff. Denn Seine Erlösten lässt Er nicht aus dem Auge und das Notwendige gibt Er ihnen in Fülle (Neh 9,19–21). Was Er zugesagt hat, erfüllt Er (2. Mo 3,16.17; Hag 2,5). Seine Herrlichkeit sah Israel bei Tag und bei Nacht in der Wolken- und Feuersäule. Die Wirkungen göttlicher Liebe und Macht waren ihnen zum Greifen nahe. Dass sie ohne Ihn nicht existieren konnten, musste allen klar sein. Sie sahen „seinen herrlichen Arm“ als ständigen Begleiter „zur Rechten Moses“ (Jes 63,12). Sie durften überzeugt sein, dass der Schutz vor äußerer Gefahr und ein gut gangbarer Weg (Ps 66,6; 77,21; Neh 9,11f) sowie die Beschaffung des täglichen Bedarfs an Nahrung und Wasser durch Ihn vollkommen sichergestellt war (Ps 105,41). Obwohl sie von vielen Feinden und von extremen Schwierigkeiten umgeben waren, hatten sie nichts zu befürchten (Ps 114,8). „Was bei Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott“ (Lk 18,27).

Ein fester, uneingeschränkter Glaube und dabei auch die Gewissheit, Seiner Liebe alles zutrauen zu können, hätte die Folge dieser Erlebnisse sein müssen. Stattdessen „fuhren sie weiter fort, gegen ihn zu sündigen“ (Verse 17 bis 31); das war ihre grundsätzliche Verhaltensweise. Ihre Widerspenstigkeit und ihre fortgesetzte Empörung waren ein trotziges Angehen gegen Gott (Jes 3,8). Zudem wagten sie es, Ihn auf die Probe zu stellen (vgl. Verse 41 und 56; Ps 95,8–10; Hos 7,14.15; Heb 3,9). Sie zogen bewusst in Zweifel, dass Er ihnen die notwendigen Nahrungsmittel bereitstellen könne (Verse 18 bis 20; Ps 106,14; 1. Kor 10,9). Über ihrem Verlangen nach Nahrung vergaßen sie, mit wem sie es zu tun hatten und wie viel Gutes Er ihnen ohne Unterlass zukommen ließ. Das war nicht nur ein Zweifeln an Seiner Macht und Liebe, sondern ein bewusstes Wegwenden von Ihm. Sie wollten Seine Gegenwart nicht wahrhaben, obwohl sie offenkundig war. Ihr Verhalten kam einer dreisten Herausforderung gleich. In der Wüste stellten sie Ansprüche an Ihn und beschwerten sich in beleidigender Form über Ihn (2. Mo 16,2.7; 5. Mo 1,27; Röm 9,20). Zweifellos hatten sie Seine Macht als Schöpfer in den Wundertaten mit eigenen Augen gesehen. Dennoch wagten sie es, das unendlich Weitreichende Seiner Möglichkeiten anzuzweifeln. Dadurch reizten sie Ihn ständig von neuem und forderten Ihn heraus (Vers 20; 4. Mo 14,11). Der überströmenden Freigebigkeit Seiner Liebe standen ihrerseits zügellose Gedanken und anmaßende Worte gegenüber. Nach diesem Muster verfährt die Mehrzahl der Menschen bis heute. Angesichts Seiner täglichen Wohltaten wird Gottes Name gelästert und Sein Wort verachtet. Er wird beleidigt und verunehrt. Seine Geduld wird ständig auf die Probe gestellt.

Damals hatte ein solches Verhalten zur Folge, dass Gottes Zorn gegen Israel aufstieg und sich durch einen Gerichtsschlag gegen sie entlud (Verse 21 und 22; 4. Mo 11,1ff). Weil Seine liebevollen Bemühungen keine Gegenliebe, keinen Glauben und kein Vertrauen hatten wecken können, begegnete Er ihrem Betragen nun mit harten Schlägen. Dies wiederholt sich bis heute in der Geschichte der Menschen. Sie genießen die Gaben Gottes und sättigen sich an dem, was Seine Freigebigkeit und Fürsorglichkeit ihnen zukommen lässt, aber den gütigen Geber Selbst lassen sie außer Acht. Statt Ihm zu danken, erhöhen sie ihre Ansprüche. Ihre Begehrlichkeit wird zur ungezügelten Lust und schließlich zu wilder Gier. Das aus Ägypten erlöste Volk erhielt damals die besten himmlischen Gaben: Himmelsgetreide und „Brot der Starken“ (Verse 23 bis 25), aber sie achteten es gering und beschwerten sich über dessen Geschmack (4. Mo 21,5; Neh 9,15–17; vgl. Joh 6,31–33 und 1. Kor 10,3). Der Herr Jesus verglich Seine Sendung aus dem Himmel mit dem Brot der Starken, dem Manna, welches täglich wie ein Regenguss von Gott auf das Volk in der Wüste herabkam (Vers 24). Auch dem Sohn Gottes glaubte die Mehrzahl Seiner Zuhörer nicht, obwohl sie die Zeichen sahen, die er tat. Die wunderbare Größe Gottes und deren Offenbarung in Jesus, Seinem Sohn, wurde so wenig durch Glauben erkannt und gewürdigt wie zu der Zeit, als das Volk Israel die Wüste durchzog (Heb 3,8f und Heb 4,2.11). Obwohl Israel sich beklagte und sich nach Ägypten zurücksehnte, gab der gütige Gott ihnen außer dem täglichen Brot auch noch Fleisch in Menge zum Verzehr, indem Er Scharen von Wachteln auf das Lager herabkommen ließ (Verse 26 bis 29; 2. Mo 16,2–13; 4. Mo 11,4ff.31–33). Aber während sie noch davon aßen, tötete der HERR durch einen Gerichtsschlag unter ihnen viele, die sich gegen Ihn gewandt hatten (Verse 30 und 31). Als ernste Mahnung und zur Wahrung Seiner Heiligkeit konnte der HERR ihre Lüsternheit und ihre Kritik daran, dass Er sie aus Ägypten herausgeführt hatte, nicht straflos vorübergehen lassen. Er ließ ihrem Aufbegehren keineswegs freien Lauf. Dem ganzen Volk wurde eindringlich klargemacht, dass Gottes bewundernswerte Langmut und Güte ein plötzliches Ende nehmen und dem Gericht Raum geben kann, wenn das Maß der Sünde voll ist.

Die Verse 32 bis 41 berichten von fortgesetzter Versündigung, von vorübergehender Umkehr, geheuchelter Frömmigkeit und von Treulosigkeit und erneuter Rebellion. Sie beschreiben, wie Gott darüber dachte und wie Er in Seiner Heiligkeit, aber auch nach Seiner Barmherzigkeit und Geduld darauf antwortete. Trotz der offensichtlichen Nähe eines heiligen und wunderbar handelnden Gottes hatten in ihren Herzen weiterhin der Eigenwille und die Begierden die Oberhand. Den Glauben aber, der Ihn verherrlicht und sich im Gehorsam vor Ihm beugt, lehnte ihr Herz ab (Vers 32; 4. Mo 14,11). Schon ihre Vernunft hätte ihnen die Unterwerfung unter den Wunder wirkenden Gott der Herrlichkeit gebieten müssen, aber ihr Herz wollte Ihn nicht (Lk 19,14). Sie trugen Ägypten in ihren Herzen, nicht aber das ihnen von Gott verheißene Land mit seinen Segnungen. Hier zeigt sich, dass Erfahrungen, die man persönlich gemacht hat, in denen man auch Gottes mächtige Hand gesehen hat, für sich allein nicht genügen, um wahren Glauben hervorzurufen oder dauerhaft aufrechtzuerhalten. Glaubenserfahrungen können vorhandenes Vertrauen stärken und beleben. Aber nachhaltigen Nutzen bringen sie nur dann, wenn gleichzeitig ein andauernder lebendiger Glaube und eine tatsächliche Gemeinschaft in der Übereinstimmung mit Gott vorhanden sind. Die zweifellos starken Eindrücke durch einen erneuten Beweis Seiner Macht und Güte schwanden in Israel stets rasch dahin. Als Antwort darauf ließ Gott schließlich ihr Leben genauso rasch vergehen. Mit wenigen Ausnahmen starb jene Generation gleichgültiger Leute und ungläubiger Rebellen friedlos in der Wüste (Vers 33; Ps 95,10.11; Heb 3,15–19).

Angesichts akuter Lebensgefahr und von der Angst getrieben, suchte das Volk Ihn im Gebet auf (Vers 34 und 35; Jes 26,16; Hos 5,15). Aber ihre Reue war nur scheinbar, ihre Umkehr halbherzig. Sie dachten nicht daran, sich aufrichtig der Herrschaft Gottes zu unterwerfen. Sie brauchten dringend tatkräftige Hilfe, es ging ihnen um Befreiung aus der Not des Augenblicks. Dabei entsannen sie sich der früher erlebten gewaltigen Ereignisse, aber an Gottes Heiligkeit und Oberhoheit erinnerten sie sich nicht, genauso wenig an ihre Abhängigkeit von Ihm (Jes 29,13; Jer 12,2b). Ihr Streben nach Ihm war nicht die Antwort auf Seine Liebe. Ihre Frömmigkeit war vorgespielt, ihre vorübergehend demütige Haltung war unwahrhaftig. Sie kannten Ihn trotz Seiner Offenbarungen so wenig, dass sie meinten, Ihn bereden und belügen zu können (Vers 36; Jer 3,10; Hes 33,30–32; Hos 6,4; Mt 15,8). Es fehlte an Einsicht und Wahrhaftigkeit; ihre Beziehung zu Ihm war keine Herzenssache (Vers 37 und Vers 8).

Die Mängel des menschlichen Charakters verändern jedoch das Wesen des langmütigen, barmherzigen und vergebenden Gottes in keiner Weise. Als oberster Richter und Gesetzgeber steht Ihm das Recht zu, Gnade zu üben und Seinen Zorn zurückzuhalten oder zu mindern. Gerechtigkeit und Rache zu üben, ist im Grunde Ihm allein vorbehalten. Niemand darf Ihm daraufhin Vorhaltungen machen und fragen: Was tust du? Seine Heiligkeit erleidet durch Sein gnädiges Handeln niemals eine Beeinträchtigung. Als der Schöpfer und als Urheber des Rechts steht Er hoch erhaben über allem Geschehen. Er ist es, der die Menschheit geschaffen hat und erhält. Die Menschen sind Ihm gegenüber wie ein Hauch (Verse 38 und 39; Ps 39,5–7; 103,14f; 104,29). Seine Langmut wurde durch Israels fortgesetzte Rebellion unablässig auf die Probe gestellt. Statt mit Dankbarkeit auf Seine wunderbaren Taten zu antworten, forderten sie Ihn fortwährend heraus und kränkten Ihn. Statt gehorsam zu sein, waren sie ungehorsam, statt Ihm zu vertrauen, misstrauten sie Ihm, statt an Ihn zu glauben, verharrten sie im Unglauben. Anstatt Einsicht über ihre Hinfälligkeit und Abhängigkeit zu gewinnen, blieben sie dabei, Ihn zu reizen (Verse 40 und 41; 2. Mo 33,3; Jes 63,10). Im Rückblick auf Seine Bemühungen beklagt Er Sich über sie: „Was war noch an meinem Weinberg zu tun, das ich nicht an ihm getan habe? Warum habe ich erwartet, dass er Trauben brächte, und er brachte schlechte Beeren?“ (Jes 5,4; 1,4).

Die Verse 42 bis 56 greifen zurück auf die Zeichen und Wunder, durch die der HERR den Auszug Israels aus Ägypten erzwang und Sein Volk aus der Versklavung befreite. Dieses wunderbare Geschehen liegt zeitlich vor den bisher behandelten Versen des Psalms. Aber der Psalmdichter sah sich nicht gezwungen, bei der Auswahl seiner Beispiele Rücksicht auf deren zeitliche Reihenfolge zu nehmen. Es war ihm offenbar wichtiger, darauf aufmerksam zu machen, auf welch unterschiedliche Art Israel die fortwährenden Bemühungen Gottes missachtet hat. Die jetzt anstehende Reihe göttlicher Wunder überwältigte die Feinde Israels in Ägypten, am Roten Meer und bei der Inbesitznahme des verheißenen Landes endgültig. Diese herrlichen Taten bewiesen Gottes Liebe zu Israel. Sie geschahen nicht deswegen, weil Israel besser gewesen wäre als die übrigen Nationen oder weil es besondere Verdienste aufzuweisen gehabt hätte (5. Mo 7,6–8). Im Verlauf dieses Geschehens erhielten die Israeliten Kenntnis von dem bis in die fernste Zukunft reichenden Plan Gottes, sie als Einziges unter allen anderen Völkern der Welt so zu bevorzugen. Darüber hinaus war es eine besondere Gnade, dass Er sie zu Seinem Eigentumsvolk erwählt hatte. Doch ihr ferneres Verhalten zeigt, dass ihnen dieses unvergleichliche Gnadengeschenk so wenig bedeutete wie einst Esau das Erstgeburtsrecht. Über den verbesserten äußeren Lebensumständen haben sie offensichtlich sehr bald das weitaus Wichtigere, nämlich die Größe Gottes und Seine Wunder und Zeichen, aus den Augen verloren. Dass sie von jeder der schrecklichen Plagen, die über Ägypten hereinbrachen, ausgenommen und von deren schwerwiegenden Folgen verschont geblieben waren, hatten sie wie selbstverständlich oder gar als verdient hingenommen und schon bald wieder vergessen. Gottes Eigentum zu sein als ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation, haben sie nicht dauerhaft geschätzt. Bei alledem fehlte ihnen der Glaube, der sich über das Sichtbare erhebt und nach vermehrter Erkenntnis Gottes strebt. Ihr Unglaube verschmähte die ihnen von Gott verheißenen herrlichen Ziele. Ähnliches ereignete sich in der Geschichte des Christentums.

In den Gerichtsschlägen gegen Ägypten hatte Israel seinen Gott als den Beherrscher der Schöpfung kennengelernt, der im Besitz jedes Machtmittels ist (Verse 44 bis 51). Dies hätte sie von Seiner unendlichen Größe überzeugen und vor Ihm erzittern lassen müssen. Die Härte des Gerichts an Seinen Feinden hätte sie beeindrucken und vor jeder Erhebung gegen Ihn bewahren sollen. Doch das Gegenteil war der Fall. Als Gott die Sünde Ägyptens richtete, ließ Er Israel aufgrund des von Ihm angeordneten Opfers am Leben (2. Mo 12,13). Dann führte Er sie aus Ägypten heraus und versorgte sie fortan wie ein Hirte, der seine Schafe liebt. Eine solche Liebe hätte ihre Herzen gewinnen müssen. Sowohl im Meer als auch in der Wüste geleitete Er sie auf sicherem Weg, ohne dass sie irgendetwas zu fürchten gehabt hätten (Verse 52 und 53; Ps 77,21; Jes 63,11–16). Sein Weg führte sie zu Seinem Heiligtum, dorthin, wo Er Selbst unter ihnen wohnen wollte (Vers 54; 2. Mo 15,17; Ps 114; 74,2). Um ihretwillen vertrieb Er andere Nationen und gab ihnen deren Gebiet zum Erbteil (Vers 55; Ps 44,3; 80,9; 105,44). Aber ihr Verhalten war und blieb enttäuschend. Sie waren uneinsichtig und undankbar, lehnten sich auf gegen Ihn und hielten Seine Gebote nicht (Vers 56).

Die Treulosigkeiten Israels setzten sich fort über viele Generationen hinweg (Verse 10.17.32.41.56–58). Bei aller Langmut Gottes konnte diese Haltung auf die Dauer nicht ungestraft bleiben. In Seinem Grimm unterwarf Er das Volk zur Zeit des Propheten Samuel einer schweren Züchtigung. Er verließ Seine Wohnung unter ihnen und gestattete, dass die Feinde die Bundeslade wegführten und durch diesen Handstreich Israel den Inbegriff der Kraft und Herrlichkeit wegnahmen (Verse 59 bis 61; 1. Sam 4,4–11.21). Sowohl ihre wehrfähigen jungen Männer als auch das Volk und seine Priester gab Er der Gefangenschaft, der Niederwerfung, dem Tod und dem Feuer preis. Die Freude und das Glück von Hochzeiten, von Bräutigam und Braut, gab es nicht mehr (Verse 62 bis 64; Ri 2,11–19; Jer 7,34; 16,9; 25,10; Hes 20,27–33). Wegen ihrer Sünden wandte Gott Sich mit Abscheu von Israel ab. Sie hätten ein Zeugnis für Ihn sein sollen und ein Damm gegen das Böse in der Welt. Aber anstatt ihre Aufgabe als „Israel“ (= Kämpfer Gottes) und als Seine Knechte wahrzunehmen, hatten sie sich gegen Ihn gewandt wie ein trügerischer Bogen, dessen Energie sich unversehens in die falsche Richtung wendet (Hos 7,16). Fortgesetzt bewiesen sie, dass auf sie keinerlei Verlass war (Vers 57). Nach Gottes Gebot durfte der Gottesdienst nicht irgendwo im Lande, sondern nur an dem von Ihm bestimmten heiligen Ort stattfinden. Genauso wenig durften sie andere Götter neben Ihm haben (Vers 58; 2. Mo 20,3f; 5. Mo 12,5f; 32,21). Sie aber bauten sich nach ihrem Belieben im Lande Opferstätten und Höhenheiligtümer und dienten den Götzen. Auf nur einen Gott und auf nur einen Ort der Anbetung wollten sie sich nicht beschränken lassen. Die von Gott erwartete Darstellung ihrer Einheit als Gottesvolk war ihrer Freiheitsliebe hinderlich. Doch die unerlaubten Freiheiten, die sie sich herausnahmen, öffneten dem Feind Gottes und der Menschen die Tore. Die Verweltlichung schritt fort und der Götzendienst breitete sich aus, bis Satan die Oberhand hatte. Aber Gott duldet keine Rivalen. Er ist der alleinige Gott. Durch Gerichtsschläge machte Er ihnen deutlich, wie ernst Er die Sünde des Eigenwillens auf dem Gebiet des Gottesdienstes nimmt (2. Kön 17,7–20). Solche Sünden richten sich nicht gegen Menschen, sondern direkt gegen Ihn Selbst.

Dass die Bundeslade in Feindeshand geriet, war ein deutliches Zeichen dafür, dass Israels Verbindung zum HERRN abgerissen war. Denn die Lade stellte die Tatsache der Verbindung mit Gott dar und außerdem Seinen Thron und Seine Gegenwart (1. Sam 4,11; 5,1.2; 6,1). Indem Gott die Wegführung der Bundeslade zuließ, hatte Er gleichzeitig den damaligen ersten Standort des Heiligtums aufgegeben: „die Wohnung in Silo, das Zelt, das Er unter den Menschen aufgeschlagen hatte“ (Vers 60; Jer 7,12). Und mit Seiner Wohnung gab Er zugleich das ganze Volk den feindlichen Bedrängern preis (Verse 61 bis 64). Die harten Bestrafungen und der Aufruf des Propheten Samuel zur Umkehr veranlassten damals Israel zu dem Bekenntnis: „Wir haben gegen den HERRN gesündigt“ (1. Sam 7,6). Unterdessen hatte die Macht des HERRN die Lade des Bundes nach Israel zurückgebracht. Aber sie wurde nicht wieder an ihrem früheren Platz in Silo aufgestellt, sondern verblieb bis zur Zeit Davids in Kirjat-Jearim (1. Chr 13,3f; Ps 132,6f). Aufgrund seines Versagens verlor der Stamm Ephraim, in dessen Gebiet Silo lag, seine führende Stellung in Israel und blieb insoweit verworfen (Vers 67 und Verse 9 bis11). Ephraim war zwar weiterhin der mächtigste Stamm unter den zehn Stämmen des Nordreichs mit der späteren Hauptstadt Samaria. Doch wegen seines Götzendienstes endete das Reich der zehn Stämme bereits im Jahr 722 vor Christus, also wesentlich früher als das Reich Judas.

Menschen mögen versagen und Satan mag versuchen, durch ihre Untreue und Gottlosigkeit die Beschlüsse Gottes unmöglich zu machen. Doch Gott hat geeignete Mittel, dessen ungeachtet zum Ziel zu kommen. Da Ephraim versagt hatte, ließ Er den Stamm Juda an dessen Stelle treten (Vers 68). In den von Gott geplanten Heilswegen nimmt Juda mit David, dem Sohn Isais, eine besondere Stellung ein. Gott hat Juda und den Berg Zion erwählt, in der Zukunft der Sitz Seiner Herrschaft über die ganze Erde zu sein (Ps 87,2.5). Von dort aus wird Christus, nachdem Er auf diese Erde zurückgekehrt sein wird, als König der Könige und Herr der Herren regieren. David war von Gott erwählt worden, der Stammvater Jesu, des Sohnes des Menschen, des Messias Israels, zu sein (Verse 68 bis 72; Ps 89,20–30; 1. Sam 13,14; 16,11–13). Gemäß Gottes Vorsehung werden nicht Satan und seine Gefolgsleute letztlich die Herrschaft erringen, sondern Jesus, der wahre Sohn Davids, der wahre Hirte Seiner Schafe (Jes 40,10.11; Hes 34,23; 1. Pet 5,4). Durch Ihn wird Israel auf der Erde wieder zu seinem Erbteil gelangen. Durch Ihn erlangen auch alle gläubigen Christen ihr himmlisches Erbteil; in Bezug auf sie hat es dem Willen Gottes gefallen, „alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist, in ihm“ (Eph 1,10). Dass der Stamm Juda – mit ihm auch David und seine Nachkommen – damals an die Stelle Ephraims getreten ist, entsprach dem Ratschluss Gottes. Sein Plan machte es notwendig, dass Juda den Vorrang vor allen Stämmen gewann, weil Christus als Sohn des Menschen aus ihm hervorgehen sollte (Mt 1; Heb 7,14).

Ein notwendiger und zugleich gesegneter Teil dieses Plans war es, dass David damals die Bundeslade von Kirjat-Jearim an den von Gott bestimmten Ort hinaufführte und dass die Lade in der Stadt Davids, in Jerusalem, ihren Ruheplatz fand. Denn von dort aus wird Christus in der Zukunft auf der Erde herrschen (Ps 68,17; 132,13f, 2. Sam 6,1–18; 1. Chr 17,7–14; Heb 1,5.6). Dort ist dann ein Heiligtum errichtet, das nicht seinesgleichen hat und nie zerstört werden wird (Vers 69). Wenn es um die Durchsetzung des Heilsplans Gottes geht, kann letztlich kein noch so listiger und rühriger Feind, auch kein Mensch und kein Ereignis die Ausführung des göttlichen Vorhabens verhindern (Jes 42,13). Der Ratschluss Gottes und Seine Ziele haben ihren Ursprung in der Liebe, Gnade und Weisheit des Allmächtigen. Diese Wesenszüge sind auf dem langen Weg bis hin zur vollständigen Verwirklichung des göttlichen Plans immerfort wahrzunehmen. Des Öfteren sucht der Feind Menschen gegen Gott aufzuwiegeln, um die Durchführung der göttlichen Pläne zu stören oder gar zu vereiteln. Dann „erwacht der Herr wie ein Held“ und schlägt Seine Feinde aus dem Feld (Verse 65 und 66). Gleichgültige, glaubenslose Menschen verachten die bevorzugte Position, in die Gottes Güte sie gebracht hat, und lehnen Seine Gnadengeschenke ab. Dann setzt Er Gutgesinnte an ihre Stelle. Dem Grundsatz nach handelte Gott auf eine ähnliche Weise, als Er die wahren Christen an den bevorzugten Platz Israels stellte, den sie zeitweise als Zeugnis Gottes auf der Erde einnehmen sollten (Röm 11). David setzte Er an den Platz Sauls. In späterer Zeit nahm Matthias als Apostel den Platz des Verräters Judas ein (Apg 1,20.25f). Das bedeutet jeweils für den einen Gnade, für den anderen aber Verurteilung und Gericht. Der Psalm stellt besonders heraus, dass Gott trotz des Versagens von Menschen Seinen Plan bezüglich derer, die Ihn lieben und Ihn fürchten, erreichen wird.

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