Die Psalmen
Eine Auslegung für die Praxis

Psalm 143

Bei der Niederschrift des Psalms hatte David die heiligen Ansprüche der göttlichen Person, die er anredete, in besonderer Weise vor Augen. Er kannte den HERRN als den allein wahren und treuen Gott, der die Heiligkeit und die Gerechtigkeit aufrechterhält und jedes Vergehen und alle verwerflichen Gedanken richten wird. Daher war er sicher, dass der gerechte Gott, der ohne Ansehen der Person richtet, mit seinen Feinden ins Gericht gehen würde (Vers 12). Gerechterweise konnten dann seine eigenen Verfehlungen nicht einfach beiseitegelassen und übergangen werden. Denn das alles durchdringende Auge Gottes sah auch auf seinem Weg jede Unreinheit der Seele und jeden Flecken in seinem Betragen (Verse 1 und 2). Die schlimme Lebenslage, die ihn zurzeit körperlich niedergeworfen, aber auch Herz und Geist schwer getroffen hatte, ließ ihn die züchtigende Hand Gottes spüren. Er bekannte, den heiligen Ansprüchen Gottes nicht genügt zu haben. Wenn er hier die einzelnen Verfehlungen nicht nannte, hieß das nicht, dass er sie vor Gott verschweigen wollte. Wenn er über andere urteilte und seine Feinde sogar dem göttlichen Gericht übergab, dann nahm er für sich selbst weder Verschonung noch Tadellosigkeit in Anspruch, als ob er besser sei als die Übrigen und vor Gott völlig rein und gerecht dastünde. Wie jeder andere musste er mit einer rechtmäßigen Bestrafung für falsches Verhalten rechnen. Aufgrund von Vorzügen und Verdiensten als Knecht des HERRN konnte er keine Bevorzugung oder gar Straffreiheit erwarten. Denn gegenüber Gottes heiligen Ansprüchen gibt es nichts, was dagegen aufzurechnen wäre. Der Wert einer Persönlichkeit und ihre guten Taten werden mit dem Unwert der Vergehungen nicht abgeglichen, denn „aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden“ (Röm 3,20.27; Gal 2,16; Eph 2,9). „Denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht“ (Vers 2; Hiob 9,2; 1. Joh 1,8).

Nur die göttliche Gnade konnte den Psalmdichter vor den furchtbaren Folgen einer Sünde schützen. Doch ebenso sicher stand fest, dass nur das gnädige Erbarmen des HERRN ihn vor seinen übermächtigen Feinden zu retten vermochte. Sowohl vor deren Macht als auch vor der göttlichen Heiligkeit brachte ihn das Eingreifen der Gnade in Sicherheit. Im Vertrauen darauf wandte sich der Psalmdichter an den HERRN und bat flehentlich um Erhörung (Vers 1). Bei alledem stellte er die Ehre und die Heiligkeit Gottes über seine eigenen Belange. Gottes Gerechtigkeit hatte über seine Rettung vor den Folgen der Sünde zu entscheiden, und mit gleicher Strenge hatte sie über das Geschick seiner Feinde zu befinden (Vers 2). Denn die Menschen „sind allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“(Ps 14,3; 51,7; 130,3; Hiob 14,4; Röm 3,12). „Denn unter den Menschen ist kein Gerechter auf der Erde, der Gutes tut und nicht sündigt“ (Pred 7,20). Die Sündhaftigkeit jedes Menschen ist in der Heiligen Schrift ausdrücklich festgestellt. Wenn jemand sich so uneingeschränkt unter dieses Urteil gestellt hat wie hier der Psalmdichter, dann werden ihn die nun folgenden Verse des Psalms zum Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit ermutigen, und er darf sicher sein, dass Gott bereit ist, ihm zu vergeben. Er darf sich an Gott, den Richter aller, wenden und von Ihm die Rettung aus der Ausweglosigkeit erbitten. Denn wer seine Sünden bekannt hat, wird Vergebung erlangen (Ps 32,5). Gottes Wort versichert bußfertigen Menschen: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1. Joh 1,9). Im Glauben an die göttliche Barmherzigkeit wagte es der Dichter, den HERRN an Seine Treue und Gerechtigkeit zu erinnern (Vers 1) und Ihn um Erhörung zu bitten (Verse 2 und 7f). Mit gleicher Glaubenszuversicht betete der Prophet Daniel: „Neige, mein Gott, dein Ohr und höre!... Denn nicht um unserer Gerechtigkeiten willen legen wir unser Flehen vor dir nieder, sondern um deiner vielen Erbarmungen willen. Herr, höre! Herr, vergib! Herr, merke auf und handle; zögere nicht, um deiner selbst willen, mein Gott!“ (Dan 9,18.19).

Der Psalmdichter verließ sich darauf, dass Gott es gut mit ihm meinte und ihn am Leben erhalten wollte (Vers 11; Ps 56,2–5), auch wenn er Sünde einzugestehen hatte. Dagegen wollten die Feinde sein Leben zu Boden treten und es auslöschen (Vers 3). Die ständige Bedrohung zermürbte ihn (Vers 4). Doch David war überzeugt, dass der HERR ihn nicht in diese schwere Prüfung geführt hatte, um ihm das Leben wegzunehmen. Keineswegs würde der HERR den Feind triumphieren lassen. In dieser schweren Stunde lenkte David seine Gedanken auf die Größe Gottes hin, die sich in vergangener Zeit durch herrliche Werke offenbart hatte (Vers 5; Ps 77,6.12ff). Er kannte seinen Gott als den, der „aus der Finsternis und dem Todesschatten“ herausführt ins „Licht der Lebendigen“ (Ps 56,14; 107,14). Offen gab er zu, dass er selbst am Ende seiner Kräfte war. Geist und Seele waren ermattet, sein Herz war wie betäubt. Wenn sich der HERR jetzt vor ihm verbarg und ihm die Hilfe verweigerte, dann bedeutete dies sein Ende. Bei realistischer Einschätzung erwartete ihn nichts anderes als der Tod (Vers 7b). Doch sein Glaube rechnete mit dem HERRN; zu Ihm breitete er seine Hände aus (Verse 6 und 7). Die Erinnerung an die Hilfe des HERRN bei früheren Gelegenheiten, die vielfältigen Beweise Seines Eintretens für den Umkommenden, der um Barmherzigkeit rief, ermutigten ihn dazu (Ps 44,2; 92,5.6). Undenkbar war es für ihn, dass der HERR ihm kein Zeichen Seiner Huld gewähren würde oder zu spät auf sein dringendes Flehen antworten würde. Der Gott der Treue konnte Sich nicht von ihm abgewandt haben, obwohl die elenden Umstände solche Gedanken nahelegten.

Im zweiten Teil des Psalms (Verse 8 bis 12) hat es den Anschein, dass der Tiefpunkt der schlimmen Umstände überwunden war, denn der Dichter hatte neuen Mut und dachte an eine bessere Zukunft (Vers 8). Offenbar sah er wieder einen gangbaren Weg vor sich. Dazu erbat er Unterstützung und die Wegweisung für seine Schritte. Seine Seele lag nicht mehr niedergedrückt am Boden, sie war gekräftigt und konnte sich wieder zum HERRN erheben (Vers 8b; Ps 25,1; 86,4). Der allwissende Gott kannte ja den weiteren Weg, der für David zunächst noch in Dunkel gehüllt war. Doch Gott würde seine Gedanken lenken und den Weg für die notwendigen Schritte ebnen. Davids Glaube hatte Zuflucht zum HERRN genommen, und die gewonnene Zuversicht schloss auch die Rettung vor den Feinden ein (Vers 9). Die hinter ihm liegenden schweren Tage hatten ihn in die Nähe Gottes geführt. Diese enge Verbindung wollte der Dichter durch einen Gott wohlgefälligen Wandel aufrechterhalten (Vers 10; Ps 86,11; Kol 1,10). Dazu erbat er die Leitung durch den Geist Gottes. Angesichts seiner eigenen Schwachheit wünschte er, dass er durch diesen gekräftigt und gelenkt wurde. Sein Weg sollte den heiligen Anforderungen Gottes entsprechen, und speziell im Hinblick auf seine Feinde und die noch drohenden Gefahren (Ps 5,9; 27,11). So übergab er Gott sein Herz und auch sein ganzes Leben. Der Weg der Gottlosen ist der falsche Weg, der in die Irre führt und im Verderben endet (Ps 146,9b). Der Weg der Frommen dagegen ist ein gerader, geebneter Weg, der von Gott gebahnt ist (Spr 15,19; Jes 26,7). Auf dem Pfad der Übereinstimmung mit Gott werden die von Ihm verheißenen Segnungen zur Wirklichkeit (vgl. Ps 119,1–6). Unter dem Einfluss des Geistes Gottes wird das Denken und Verhalten des Gläubigen Gott gemäß gelenkt (Neh 9,20; Gal 5,16 in Bezug auf uns heute). Durch den Geist wird der Gottesfürchtige geheiligt. So bekommt er die Kraft, frei zu werden von allem, was dem Willen Gottes nicht entspricht. Das Gebet des Apostels war, dass dann Gott die Gläubigen vollenden möge „in jedem guten Werk, damit ihr seinen Willen tut, in euch das bewirkend, was vor ihm wohlgefällig ist“ (Heb 13,21).

Gott ist die Quelle alles Lebens; es ist allein Gottes Sache, es zu geben und zu erhalten. Nicht nur um seiner selbst willen erbittet David das Leben, sondern auch um des Namens Gottes willen. Es sollte der Verherrlichung des Namens Gottes dienen, wenn David aus der Bedrängnis herausgeführt wurde (Vers 11; Ps 138,7f). Davids Zuversicht beruhte auf der Barmherzigkeit Gottes und auf Seiner Güte. Doch auf der anderen Seite musste die Rettung durch Gottes Macht und auf der Grundlage Seiner Gerechtigkeit geschehen (Ps 31,2; 2. Mo 34,5–7). Denn in allem, was Gott tut, handelt Er Seinem ganzen Wesen gemäß. Er wird ohne eine Ausnahme die Heiligkeit Seines Namens wahren und gleichzeitig Seine Herrlichkeit offenbaren. Am Schluss des Psalms beschreibt der Dichter seine Stellung Gott gegenüber mit den Worten: „Ich bin dein Knecht“ (Vers 12b). Er wünschte, in der Abhängigkeit eines Knechtes Seinem Gott zu dienen. Für ihn gab es nichts Höheres, als ein Knecht Gottes zu sein. Seine Gegner, die Bedränger seiner Seele (Vers 12), hatten kein Verständnis für sein Verhalten und für seine Beziehung zu Gott. An allen, die Ihn nicht kennen, wird Gott Gericht üben. Zugunsten Seines Knechtes aber wird Er die Größe Seiner Güte und Erbarmungen auf herrliche Weise offenbaren.

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