Einführung in die beiden Briefe des Petrus

Die beiden Briefe des Petrus unterscheiden sich auf den ersten Blick deutlich von denen des Paulus und Johannes. Jeder von diesen drei Aposteln hat einen besonderen Dienst vom Herrn empfangen, der sich in den Schriften dieser Männer Gottes widerspiegelt:

  • Paulus beschreibt zum einen das große Heil Gottes und unsere Stellung vor Gott, die sich darauf gründet. Zum anderen wurde Paulus, dem „Apostel der Nationen“ (Röm 11,13), speziell die Offenbarung des Geheimnisses von „Christus und seiner Versammlung“ zur Verwaltung gegeben (Eph 3,9). Er hatte als einziger Apostel den Herrn Jesus als verherrlichten Menschen im Himmel gesehen. Deshalb verbindet er uns in seinem Dienst mit einem himmlischen Christus.
  • Johannes hatte den Herrn Jesus als Mensch auf dieser Erde erlebt. In seinem Evangelium beschreibt er Ihn als Sohn Gottes, der Mensch geworden ist (Joh 1,14; 20,31. Johannes war es, der die Liebe seines Herrn besonders genossen hatte. Deshalb spricht er in seinen Briefen von der Familie Gottes, in der Kinder Gottes in Liebe miteinander verbunden sind (1. Joh 3,1.2). Wir besitzen ewiges Leben, weil wir aus Gott geboren sind. Der Dienst von Johannes verbindet uns deshalb besonders mit dem Herrn Jesus als dem ewigen Sohn Gottes.
  • Petrus hatte – wie Johannes – den Herrn Jesus als Mensch auf der Erde erlebt. Das prägt ebenfalls seinen Dienst. Doch anders als Johannes verbindet Petrus die Gläubigen mit einem abgelehnten und verachteten Herrn auf der Erde, dem wir nachfolgen. Sein Weg ging durch Leiden zur Herrlichkeit, und dieser Weg ist für uns richtungsweisend. Jetzt teilen wir seine Ablehnung, so wie wir einmal die Herrlichkeit mit Ihm teilen werden. Dabei spricht Petrus nicht über die Entrückung der Gläubigen, sondern vielmehr über die Herrlichkeit des kommenden Reiches. Petrus schreibt auch nicht über die „Versammlung“ nach dem ewigen Ratschluss Gottes. Allerdings spricht er – in Übereinstimmung mit der Offenbarung des Herrn in Matthäus 16 – über das Haus Gottes auf dieser Erde und unseren priesterlichen Dienst.

1. Der Verfasser

Die internen Beweise, dass Petrus der Verfasser beider Briefe ist, sind eindeutig und nicht zu leugnen. Petrus nennt sich selbst in beiden Briefen als Absender (vgl. 1. Pet 1,1; 2. Pet 1,1). In 1. Petrus 5,1 bezeichnet er sich darüber hinaus „als „Mitältester und Zeuge der Leiden des Christus“. Den ersten Brief schreibt er „durch Silvanus“1 (1. Pet 5,12). Im zweiten Brief weist er ausdrücklich darauf hin, dass er zwei Briefe geschrieben hat (2. Pet 3,1) und deutet seinen bevorstehenden Tod an (2. Pet 1,13).

Im ersten Brief nennt er sich „Apostel Christi Jesu“, im zweiten Brief fügt er hinzu, dass er ein „Knecht“ (Sklave) Jesu Christi ist. Darüber hinaus fällt auf, dass er sich im ersten Brief lediglich mit seinem neuen Namen („Petrus“) vorstellt, während er sich im zweiten Brief „Simon Petrus“ nennt. Petrus schreibt also beide Briefe mit apostolischer Autorität, doch gerade in dem letzten Brief – der einem geistlichen Dokument dieses alten Apostels gleicht – vergisst er erstens nicht, welche Vergangenheit er als „Simon“ hatte, und zweitens denkt er daran, dass er immer noch ein Knecht seines Herrn ist.

Über die Person des Petrus selbst müssen wir an dieser Stelle nicht viel sagen. Er ist jedem aufmerksamen Bibelleser aus den Evangelien und der Apostelgeschichte gut bekannt. In den Evangelien lesen wir, wie er sich selbst als Sünder erkannte, von Jesus Christus angenommen wurde und ihm dann etwa drei Jahre lang folgte. Während dieser Zeit machte er Erfahrungen mit dem Herrn (und mit sich selbst), die sein ganzes folgendes Leben prägten. Er war ein impulsiver, hingebungsvoller Mann, der seinen Meister überaus liebte und der doch in manchen Situationen fleischlich und hastig reagierte. Den Tiefpunkt seines Lebens finden wir ohne Frage, als er seinen Herrn im Hof des Hohenpriesters dreimal verleugnete. Doch der Herr ließ seinen Jünger nicht fallen. Er stellte ihn wieder her, und in der Apostelgeschichte finden wir ihn als mutigen Zeugen des auferstandenen Siegers von Golgatha. Wir sehen ihn dort vor allem in seinem Dienst als Evangelist und „Menschenfischer“, so wie er ganz am Anfang vom Herrn einen Auftrag bekommen hatte (Lk 5,10).

2. Authentizität

Für jeden Bibelleser, der von der göttlichen und wörtlichen Inspiration der Bibel ausgeht, ist es keine Frage, dass Petrus die beiden Briefe geschrieben hat, die seinen Namen tragen. Es ist keine Frage, dass sie ein Teil des Wortes Gottes und damit für uns wichtig sind.

Der erste Brief ist in der Kirchengeschichte bereits ab dem zweiten Jahrhundert durch sogenannte Kirchenväter wie Polykarp, Irenäus, Clemens von Alexandrien, Tertullian und Origenes bezeugt, die den Brief zitieren und Petrus als Verfasser nennen. Erst in neuerer Zeit haben Kritiker Einwände vorgebracht, dass Petrus der Autor ist. Ein Einwand bezieht sich auf die vermeintliche sprachliche und gedankliche Nähe zu Paulus. Man behauptet, nur ein enger Vertrauter von Paulus hätte diesen Brief schreiben können. Ein anderer Einwand bezieht sich auf die sprachliche Eloquenz, die man einem ungelehrten jüdischen Fischer wie Petrus nicht zutrauen will. Beide Argumente sind jedoch nicht stichhaltig. Petrus unterscheidet sich in der Zielsetzung seines Briefes durchaus von Paulus, und warum sollte der Heilige Geist sich nicht eines „ungelehrten Menschens“ (Apg 4,13) bedienen, um seine Gedanken aufschreiben zu lassen? Wenn man die Reden von Petrus in der Apostelgeschichte liest, stellt man fest, dass er tiefe geistliche Einsicht in die Schriften des Alten Testamentes hatte und diese hervorragend darlegen konnte. Für einen Menschen, der erstens drei Jahre Unterricht bei dem vollkommenen Lehrer bekommen hatte und der zweitens unter der Leitung des Heiligen Geistes stand, war dies kein Problem (vgl. Apg 4,8). Im Übrigen hatte selbst der Herr Jesus „nicht gelernt“ und besaß dennoch eine große „Gelehrsamkeit“ (Joh 7,15)2.

Die Kritik bibelkritischer Theologen betrifft beide Briefe, setzt jedoch vor allen Dingen bei dem zweiten Brief des Petrus an. Weil die frühen Kirchenväter (wie z. B. Polykarp, Irenäus, Clemens von Alexandrien, Tertullian) diesen Brief in ihren Schriften nicht ausdrücklich zitieren, hat es länger gedauert, bis dieser Brief „offiziell“ dem Kanon der Heiligen Schrift zugezählt wurde. Die Tatsache, dass die älteren Kirchenväter ihn nicht zitieren, taugt allerdings keineswegs als „Beweis“ dafür, dass dieser Brief nicht göttlich inspiriert oder dass er nicht von Petrus verfasst worden sei. Von den alten Schriften dieser Männer sind ohnehin nur Fragmente vorhanden. Es mag durchaus andere Schriften von ihnen geben, die wir nicht kennen und in denen sich Zitate aus dem 2. Petrusbrief befinden.

Es ist wahr, dass gerade der zweite Brief des Petrus zu den am schwächsten bezeugten Schriften des Neuen Testamentes zählt3. Die Konzile von Hippo, Laodizea und Karthago (alle im 4. Jahrhundert) betrachten allerdings bereits beide Briefe als kanonisch und von Petrus verfasst. Fachleute sagen, dass selbst der zweite Brief deutlich besser belegt ist als das bestbezeugte der abgelehnten Bücher. Es ist ebenfalls wahr, dass es zwischen dem ersten und zweiten Brief beträchtliche stilistische Unterschiede gibt. Zugleich können jedoch eine ganze Reihe von Ähnlichkeiten und inneren Zusammenhängen hergestellt werden, so dass dieses Argument nicht wirklich zieht. Es lohnt nicht, auf die Argumente der Gegner im Detail einzugehen.

3. Entstehungszeit

Beide Briefe selbst lassen keine direkten Rückschlüsse auf den Zeitpunkt der Niederschrift zu. Im Allgemeinen datieren Ausleger den ersten Brief auf die Jahre 60–64. Der zweite Brief ist kurz vor dem Tod von Petrus geschrieben worden. In Kapitel 2,14 spricht er von seinem bevorstehenden Abscheiden. Über die genauen Umstände des Todes von Petrus berichtet zwar die Kirchengeschichte, was jedoch Tatsache ist und was nicht, wissen wir nicht. Die einzig sichere Aussage stammt von unserem Herrn, der angekündigt hatte, dass Petrus Gott durch seinen Tod verherrlichen würde (Joh 21,19). Petrus wusste also, dass er den Märtyrertod sterben würde. Die meisten Ausleger gehen deshalb davon aus, dass der zweite Brief zwischen den Jahren 63 und 67 geschrieben wurde.

4. Entstehungsort

Über die Frage des Entstehungsortes beider Briefe ist sehr viel spekuliert worden. Im ersten Brief finden wir dazu eine konkrete Aussage, im zweiten Brief wird dazu nichts gesagt. In 1. Petrus 5,13 lesen wir: „Es grüßt euch die Miterwählte in Babylon“. Die „Miterwählte“ scheint seine Ehefrau gewesen zu sein, denn Petrus war verheiratet (Mk 1,30; 1. Kor 9,5). Über die Interpretation der Ortsangabe Babylon gibt es unterschiedliche Ansichten. Viele Ausleger – und nicht nur römisch-katholisch orientierte – verweisen in Verbindung mit der symbolischen Erklärung Babylons in Offenbarung 14,8; 17,1–9; 18,2 auf Rom4. Deshalb wird vielfach angenommen, dass Petrus von Rom aus geschrieben habe, wo er die letzten Jahre seines Lebens mit seinem geistlichen Sohn Johannes-Markus zugebracht haben soll. Es gibt jedoch in der Bibel keinerlei Hinweise darauf, dass Petrus je in Rom gewesen ist. In den Briefen, die Paulus von Rom aus geschrieben hat, gibt es jedenfalls keinen Anhaltspunkt bezüglich eines Aufenthaltes von Petrus in Rom.5

Einfacher und naheliegender ist die Erklärung, dass es sich tatsächlich um die Stadt Babylon am Euphrat handelt, die ca. bis zum Jahr 1000 bewohnt war und in der viele Juden wohnten. Apostelgeschichte 2,9 erwähnt Juden aus Mesopotamien. Es ist daher sehr gut möglich, dass Petrus diese Juden besucht hat und von dort aus seinen ersten Brief schrieb. Über den Entstehungsort des zweitens Briefes wissen wir nichts. Der Brief selbst liefert diesbezüglich keinen Anhaltspunkt, so dass es müßig ist, darüber zu spekulieren, ob Petrus nun in Rom als Märtyrer gestorben ist und von dort aus geschrieben hat oder nicht.

Letztlich sind die Fragen nach Entstehungszeit- und ort von untergeordneter Bedeutung. Sie müssen uns nicht zu intensiv beschäftigen.

5. Die Briefempfänger

Die Briefempfänger beider Briefe waren – was ihre irdische Nationalität betrifft – überwiegend Juden. Petrus schreibt ihnen zwei Briefe (2. Pet 3,1). Sie hatten sich bekehrt und jetzt „einen gleich kostbaren Glauben“ mit allen anderen Gläubigen bekommen (2. Pet 1,1). Vier Dinge sind wichtig zu beachten:

  • Petrus schreibt nicht an eine örtliche Versammlung, sondern er schreibt an gläubige Juden, die in verschiedene Landschaften oder Provinzen des damaligen Kleinasiens (heute Türkei) lebten und dort zerstreut waren. Die Anweisungen in beiden Briefen haben also einen überwiegend persönlichen Charakter. Allerdings sehen wir z. B. in 1. Petrus 5,1.2, dass Petrus die Ältesten anspricht, die eine besondere Vorbildfunktion hatten und die beauftragt werden, die Herde Gottes zu hüten, die bei ihnen war. Das ist ein Hinweis darauf, dass diese Gläubigen sich versammelten und Teil einer örtlichen Gemeinde waren, in der es Aufseher und Älteste gab. Dennoch ist der eigentliche Charakter des Briefes persönlich.
  • Petrus schreibt an „Fremdlinge von der Zerstreuung“ (1. Pet 1,1). Das waren sie in zweierlei Hinsicht: Zum einen lebten sie als Juden in einem fremden Land und in einer fremden Kultur. Zum anderen waren sie Fremdlinge, weil sie als Christen in einer heidnischen Umgebung wohnten. Konfessionell gehörten sie weder zu den Juden noch waren sie Heiden. Das brachte ihnen Leiden von allen Seiten ein. Dabei müssen wir nicht so sehr an Christenverfolgung offizieller Prägung denken, wie sie später unter den römischen Kaisern begann. Dennoch galten sie als Menschen jüdischer Herkunft in ihrer Umgebung als Fremdkörper und waren verschiedensten Repressalien ausgesetzt. Als gebürtige Juden hatten diese Menschen vor ihrer Bekehrung darüber hinaus auf den Messias gewartet, der kommen sollte, um sein Reich auf dieser Erde zu gründen. Nun war der Messias gekommen, doch statt auf dieser Erde zu herrschen, war Er abgelehnt und gekreuzigt worden. An dieser Ablehnung hatte sich nichts geändert. Bekehrte Juden mussten deshalb lernen, mit einem Herrn zu leiden, den man auf dieser Erde nicht haben will. Die Zeit zu herrschen war noch nicht gekommen. Diese Umstellung fiel ihnen schwer.
  • Sie waren „Geliebte“. Es fällt auf, dass diese Anrede in beiden Briefen insgesamt siebenmal vorkommt (1. Pet 2,11; 4,12; 2. Pet 3,1.8.14.15.17). Dabei kann man zum einen daran denken, dass sie von Gott geliebt waren. Der Ausdruck bedeutet zum anderen, dass sie von Petrus geliebt wurden. Als echter Hirte liebte er die Herde seines Herrn. Obwohl er als Apostel mit Autorität schreibt, bestand doch diese Band der Liebe zwischen dem Verfasser und den Empfängern.
  • Die Briefempfänger kannten das Alte Testament. Sie waren mit vielen Dingen gut vertraut, die einem Gläubigen aus den Heiden nicht direkt zugänglich waren. Es muss uns deshalb nicht wundern, dass Petrus häufig auf Tatbestände aus dem Alten Testament zurückgreift, ohne diese näher zu erklären. Die Briefempfänger konnten damit unmittelbar etwas anfangen. Petrus zitiert aus allen drei Teilen des Alten Testamentes: aus dem Gesetz, den Psalmen und den Propheten. Allerdings geht Petrus in seinen Aussagen über das hinaus, was im Alten Testament bekannt war. Der Blickwinkel der Schreiber im Alten Testament begann mit der Schöpfung und endete mit dem 1000-jährigen Reich. Petrus hingegen sieht auf die Zeit „vor Grundlegung“ der Welt (1. Pet 1,20) und spricht von der „ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus“ (1. Pet 5,10).

Ob Petrus die Briefempfänger persönlich kannte oder nicht, ist unbekannt. Wir wissen nicht, ob er die genannten Landschaften bzw. Provinzen in Kleinasien je besucht hat. Das Neue Testament berichtet darüber nichts.

Es stellt sich die berechtigte Frage, welche Bedeutung diese Briefe für uns haben, oder ob sie nur für Gläubige aus den Juden gelten. Die Antwort ist eindeutig. Als Teil des Wortes Gottes haben beide Briefe eine Ansprache an jeden, der sie liest. Die Frage könnten wir sonst bei fast allen Briefen stellen, denn in der Regel sind sie an eine bestimmte Gruppe von Gläubigen (oder eine Einzelperson) gerichtet und behandeln spezielle Umstände. Dennoch ist jedes Wort, das von Gott eingegeben ist, „nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt“ (2. Tim 3,16). Wir müssen lernen, die richtigen Nutzanwendungen daraus zu ziehen, ohne die spezielle Situation der ursprünglichen Empfänger dabei aus den Augen zu verlieren.

6. Der Dienst von Petrus

Wir sahen bereits, dass der mündliche Dienst von Petrus – so wie wir ihn vor allem in der Apostelgeschichte finden – dem ursprünglichen Auftrag des Herrn Jesus an Petrus entspricht, dass er ein Menschenfischer sein würde (Lk 5,10). Der schriftliche Dienst von Petrus trägt jedoch einen anderen Charakter. In seinen beiden Briefen kommt er seinem Auftrag nach, einen Hirtendienst an den gläubigen Juden zu tun (vgl. Lk 22,32; Joh 21,15–17). Um diesen Dienst besser verstehen zu können, müssen wir uns den Evangelien zuwenden. Dort finden wir einige Hinweise auf seinen zum damaligen Zeitpunkt noch zukünftigen Dienst, den der Herr selbst ihm gab:

  • Petrus‘ Dienst ist eng mit den Gläubigen aus den Juden verbunden. Schon bevor er seinen Herrn verleugnete, hatte der Herr Jesus zu ihm gesagt: „...und du, bist du einst umgekehrt, so stärke deine Brüder“ (Lk 22,32). Diese Brüder waren in der direkten Bedeutung des Wortes seine Brüder aus den Juden. Petrus war das „Evangelium der Beschneidung“ und „Apostelamt der Beschneidung“ gegeben (Gal 2,7.8). Dennoch machen seine Briefe unmissverständlich klar, dass die christliche Stellung eine ganz andere ist als die von Israel im Alten Testament. Dass seine Briefe damit auch für gläubige Nicht-Juden wichtig und Mut machend sind, steht außer Frage. Sie gehören ebenfalls im weiteren Sinn zu den Schafen des Herrn Jesus, die Er Petrus in Johannes 21 anvertraut hat.
  • Petrus‘ Dienst ist primär ein Hirtendienst. In Johannes 21 sehen wir, wie der Herr Jesus selbst ihm den Auftrag gibt, sich wie ein Hirte um die Herde zu kümmern. Er sagt ihm: „Weide meine Lämmer“, „hüte meine Schafe“, „weide meine Schafe“ (Joh 21,15–17). Diesen Auftrag hat Petrus ausgeführt. Seine Briefe enthalten deshalb nicht so sehr grundlegende, lehrmäßige Ausführungen, sondern sie haben es vielmehr mit praktischem Christenleben zu tun. Das Wort „Wandel“ oder „wandeln“ kommt allein achtmal im ersten Brief vor.
  • Petrus‘ Dienst ist eng mit dem Thema Nachfolge verbunden. Er hatte die Worte seines Herrn gehört: „Folge mir nach!“ und „Folge du mir nach!“ (Joh 21,19.22). Die Apostelgeschichte liefert den Beweis, dass er dieser Aufforderung gefolgt ist. In seinen Briefen ermuntert er nun andere, es ebenso zu tun (z. B. 1. Pet 2,21). Erneut haben wir es mit der Praxis unseres täglichen Lebens zu tun.
  • Petrus‘ Dienst steht mit dem Reich Gottes in Verbindung. In Matthäus 16,19 gibt der Herr Jesus ihm die „Schlüssel des Reiches der Himmel“. Das bedeutet nicht, dass Petrus entscheiden konnte, wer in den Himmel kommt und wer nicht. Es geht nicht um den „Himmel“, sondern um das „Reich der Himmel“.6 In der Apostelgeschichte hat Petrus dieses Reich zuerst den Juden, dann den Samaritern und schließlich den Heiden geöffnet (Apg 2; Apg 8; Apg 10). Dieses Reich ist auf der Erde. Es ist der Bereich, in dem Menschen mit einem auf der Erde abgelehnten Herrn verbunden sind und bereit sind, für ihn zu leiden (Apg 14,22). Leiden sind eines der Kennzeichen des Reiches Gottes. Damit werden wir speziell im ersten Brief konfrontiert. Es sind Leiden, die ihren Ursprung nicht so sehr in einem Fehlverhalten des Gläubigen haben, sondern vielmehr darin, dass er seinen Weg in Treue geht. Ein weiteres Kennzeichen des Reiches Gottes ist, dass es dort eine „Regierung“ gibt. Davon spricht Petrus ebenfalls. Im ersten Brief geht es um Grundsätze der Regierung Gottes in Verbindung mit den Gläubigen7. Im zweiten Brief stehen mehr die Regierungsgrundsätze Gottes in Verbindung mit den Ungläubigen im Vordergrund. Der erste Petrusbrief beschäftigt sich hautsächlich mit Personen, deren Bekenntnis echt ist (also mit den Gläubigen) und die deshalb leiden. Der zweite Brief spricht von Personen, deren Bekenntnis nicht echt ist. Sie gehören zwar – äußerlich und ihrem eigenen Bekenntnis nach – zum Reich Gottes, haben allerdings kein Leben aus Gott.

Petrus zeigt die Grundsätze der Regierung Gottes jetzt und in der Zukunft. In der Regierung Gottes in der heutigen Zeit ist es so, dass diejenigen, die sich treu zum Namen des Herrn Jesus bekennen, zu leiden haben. Denjenigen, die nur ein äußerliches Bekenntnis haben, geht es häufig gut. Doch der zweite Petrusbrief zeigt uns das Ende dieser Menschen: es ist Verderben. Gottes Regierung in der aktuellen Phase des Reiches ist eine indirekte Regierung. Das bedeutet, dass das Gute nicht sofort belohnt und das Schlechte nicht sofort bestraft wird. Dennoch ist Gottes Regierung gerecht. Auf die wahren Jünger wartet die Herrlichkeit, auf die unechten Bekenner das Gericht. W. Kelly schreibt: „Der Apostel ergänzt hier seinen ersten Brief, indem er die Wirkung dieser Regierung auf die Welt an jenem kommenden Tag und besonders in ihrem Gericht über das Christentum bzw. die verdorbene Christenheit vorstellt“.8 Insofern enthalten beide Briefe neben der direkten Ansprache an die Gläubigen eine erste Warnung für alle, die wohl ein christliches Bekenntnis haben, aber nie den Herrn als Retter angenommen haben.

Beim Lesen seiner Briefe wird man in vielen Passagen an Situationen erinnert, die Petrus selbst erlebt hat. Dazu einige Beispiele aus dem ersten Brief:

  • In Kapitel 1,8 erinnert er daran, dass er – im Gegensatz zu den Briefempfängern – Jesus sehr wohl mit seinen leiblichen Augen gesehen hat. Er kam zu Jesus und blieb bei Ihm.
  • In Kapitel 2,4–10 spricht er von Christus als dem Eckstein und von den Gläubigen als lebendigen Steinen. Das erinnert erstens an Matthäus 16,13–20, wo der Herr Jesus von sich als dem Felsen spricht. Es erinnert zweitens an Apostelgeschichte 4,11. Dort zitiert Petrus aus Psalm 118,22 die Stelle, wo von dem Eckstein die Rede ist. Es erinnert drittens an Johannes 1,42, wo Petrus seinen neuen Namen (Kephas = Stein) bekommt.
  • In Kapitel 2,21–24 schreibt Petrus über die Leiden des Herrn, die Ihm Menschen zugefügt haben und über den Prozess, den man Ihm gemacht hat. So konnte nur ein Augenzeuge schreiben. In der Apostelgeschichte ist es gerade Petrus, der mehrfach auf diesen Punkt zu sprechen kommt (vgl. Apg 5,30; 10,39).
  • In Kapitel 4,8 sagt Petrus, dass die Liebe eine Menge von Sünden bedeckt. Das könnte ein Hinweis auf Matthäus 18,21 sein, wo Petrus den Herrn zum Thema Vergebung befragt.
  • In Kapitel 4,16 geht es um die Leiden als Christ zur Verherrlichung Gottes. Der Vergleich mit Apostelgeschichte 5,40–42 liegt nahe. Dort freuten sich die Apostel, für den Namen Schmach zu leiden.
  • Ganz deutlich ist Kapitel 5,1. Dort bezeichnet sich Petrus selbst als „Zeuge der Leiden des Christus und auch Teilhaber der Herrlichkeit, die offenbart werden soll“. Petrus hatte erlebt, wie Christus gelitten hatte, doch auf dem heiligen Berg (dem „Berg der Verklärung“) hatte er zugleich eine Vision der kommenden Herrlichkeit im Reich bekommen.
  • Die Aufforderung in Kapitel 5,2, die Herde Gottes zu hüten, ist eine Anspielung auf den Auftrag, den Petrus selbst vom Herrn in Johannes 21 bekommt, sich um die Lämmer und die Schafe zu kümmern.
  • Schließlich gibt es eine Parallele zwischen Kapitel 5,8 und Lukas 23,31. Petrus warnt vor dem Teufel als dem brüllenden Löwen. Das hatte er selbst erlebt, als der Satan kam, um die Jünger – besonders Petrus – zu „sichten wie den Weizen“.

Im zweiten Brief denken wir besonders an Kapitel 1,16–18. Dort erinnert Petrus an das, was er auf dem heiligen Berg erlebt hatte, wo er Augenzeuge der herrlichen Größe des Christus geworden war und Er von Gott dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfing. Ganz sicher wird Petrus die Worte des Vaters nie vergessen haben: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“.

All diese Erlebnisse – sei es mit dem Herrn persönlich, sei es im Dienst, wie in der Apostelgeschichte beschrieben – haben den Dienst von Petrus ganz offensichtlich geprägt.

7. Anlass und Thema des ersten Briefes

Der erste Brief ist vor allem ein Brief der Ermunterung und Stärkung (Lk 22,32). Er sprach damals speziell in die Situation dieser gläubigen Juden hinein. Er spricht bis heute jedes Kind Gottes an9. Er macht uns klar, dass wir uns einerseits mit dem Gedanken an einen abgelehnten Christus vertraut machen müssen und dass wir andererseits von unseren Mitmenschen Leiden und sogar Verfolgung zu erwarten haben (vgl. 2. Tim 3,12).10 Petrus macht klar, dass das nichts Ungewöhnliches ist, sondern der jetzigen Stellung im Reich Gottes entspricht.

Die beiden Schlüsselworte sind „Leiden“ (kommt 16-mal vor) und „Herrlichkeit“ (kommt 15-mal vor). Petrus zeigt den Gläubigen, dass Gott es in seiner Regierung so vorgesehen hat, dass unser Weg durch Leiden zur Herrlichkeit führt. Leiden sind eines der Kennzeichen des Reiches Gottes in seiner jetzigen Form. Herrlichkeit gehört zu den Merkmalen des Reiches in seiner zukünftigen, öffentlichen Form. Das stimmt mit den Worten des Paulus überein, der den Jüngern in Antiochien sagte, dass „wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen“ (Apg 14,22).

Jedes Kapitel des ersten Briefes spricht von den Leiden der Gläubigen. Zugleich erinnert er fortwährend an die zukünftige Herrlichkeit.11 Dabei geht es – wie bereits bemerkt – nicht so sehr um eine offizielle Christenverfolgung, sondern die Leiden der Gläubigen werden unter verschiedenen Gesichtspunkten gesehen, die uns gleichzeitig eine Einteilung zu diesem Brief geben:

  • Kapitel 1: Leiden von Seiten Gottes, die zur Erprobung unseres Glaubens dienen. Ihnen stehen Lob, Herrlichkeit und Ehre bei der Offenbarung des Herrn Jesus gegenüber (Verse 6.7).
  • Kapitel 2: Leiden in Verbindung mit unserem Gewissen vor Gott (Verse 19–23). Hierin folgen wir unserem Herrn.
  • Kapitel 3: Leiden um der Gerechtigkeit willen (Verse 14 und 17). Wer solche Leiden aus Gottes Hand akzeptiert, wird „glückselig“ genannt (Vers 14).
  • Kapitel 4: Leiden um des Namens Christi willen (Verse 13–19). Auch hier werden die Leiden der Offenbarung der kommenden Herrlichkeit gegenübergestellt (Vers 13). Schon jetzt ruht der Geist der Herrlichkeit auf denen, die noch geschmäht werden, weil sie sich zum verworfenen Jesus Christus bekennen.
  • Kapitel 5: Leiden, die direkt durch den Teufel hervorgerufen werden, der wie ein brüllender Löwe umhergeht, um zu verderben (Verse 8.9). Demgegenüber steht die „Krone der Herrlichkeit“, die der Herr Jesus uns geben wird (Vers 4).

Der Schluss des Briefes ist eine treffliche Zusammenfassung: „Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, nachdem ihr eine kurze Zeit gelitten habt, er selbst wird euch vollkommen machen, befestigen, kräftigen, gründen. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (Kapitel 5,10.11).

Doch nicht nur der Weg des Gläubigen ist durch Leiden gekennzeichnet. Es hat einen anderen gegeben, dessen Weg ebenfalls – viel ausgeprägter – durch Leiden zur Herrlichkeit ging. Das ist der Herr Jesus, der selbst als „Fremdling“ auf dieser Erde lebte. Er sagte: „Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lk 24,26). Nie hat ein Mensch so gelitten wie Er. Es gibt dem ersten Brief des Petrus eine besondere „Note“, dass er immer wieder auf die Leiden und die Herrlichkeit des Herrn Jesus hinweist. Er ist das vollkommene Beispiel, das Petrus an verschiedenen Stellen vorstellt:

  1. Im ersten Kapitel erinnert Petrus daran, dass der Geist Gottes schon im Alten Testament durch die Propheten „von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte“ (Kapitel 1,11).
  2. Im zweiten Kapitel spricht er konkret von dem Beispiel, das der Herr Jesus hinterlassen hat: „Denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt“ (Kapitel 2,21).
  3. Im vierten Kapitel fordert er die Empfänger auf: „Da nun Christus für uns im Fleisch gelitten hat, so wappnet auch ihr euch mit demselben Sinn“ (Kapitel 4,1).
  4. Ebenfalls im vierten Kapitel zeigt er klar, dass die Gläubigen jetzt an den Leiden Christi und in Zukunft an seiner Herrlichkeit teilhaben werden: „sondern insoweit ihr der Leiden des Christus teilhaftig seid, freut euch, damit ihr auch in der Offenbarung seiner Herrlichkeit mit Frohlocken euch freut“ (Kapitel 4,13).
  5. Im fünften Kapitel denkt Petrus daran, dass er ein Zeuge „der Leiden des Christus und auch Teilhaber der Herrlichkeit, die offenbart werden soll“, war (Kapitel 5,1).

Allerdings macht Petrus ebenfalls deutlich, dass der Herr Jesus noch in einer anderen Weise gelitten hat: „Denn es hat ja Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er uns zu Gott führe“ (Kapitel 3,18). Das sind die sühnenden Leiden des Heilands, in denen Ihm niemand je nachfolgen kann. In diesen Leiden, die Er in den drei finsteren Stunden am Kreuz erlitten hat, steht Er einzigartig vor uns12. Da bleibt uns nur Dank und Anbetung.

8. Anlass und Thema des zweiten Briefes

Der zweite Brief ist ein geistliches Vermächtnis des Apostels Petrus. Er ermuntert die Gläubigen zur Wachsamkeit vor drohenden Gefahren13. Der Brief behandelt – ähnlich wie der erste Brief – wichtige moralische Grundsätze des praktischen Lebens der Gläubigen auf der Erde in ihren Beziehungen. Er ergänzt und verstärkt damit auch die Belehrungen des ersten Briefes. Petrus kommt erneut dem Auftrag seines Herrn nach, für die Herde Gottes Sorge zu tragen. Petrus nährt die Gläubigen, indem er über den Herrn Jesus spricht und ihnen praktische Hilfestellungen für den Glaubensweg gibt. Er hütet die Gläubigen, indem er sie vor drohenden Gefahren warnt, um sie zu schützen.

Der Brief ist deshalb erstens ein Brief liebevoller Ermunterung und Erinnerung:

  1. um auf das Ziel hinzuweisen (Kap 1,11)
  2. um die lautere Gesinnung aufzuwecken (Kap 1,12–15; 3,1–3)
  3. um geistlichen Eifer und Fleiß hervorzubringen (Kap 3,14)
  4. um geistliches Wachstum zu fördern (Kap 3,18)

Der Brief ist zweitens ein Brief liebevoller Warnung:

  1. vor eigener Trägheit (Kap 1,8)
  2. vor falschen Lehrern und falscher Lehre (Kap 2,1)
  3. vor Spöttern, die die Wiederkunft des Herrn Jesus infrage stellen (Kap 3,3)
  4. vor der Gefahr, aus der eigenen Festigkeit zu fallen (Kap 3,17)
  • Kapitel 1 zeigt, dass Gott alle Vorsorge für ein Leben in Gottseligkeit getroffen hat. Der Christ ist – trotz Verführung und falscher Lehre um ihn herum – in der Lage, ein glückliches Leben zu führen. Vor uns liegt das Reich Gottes in Herrlichkeit, an dem wir teilhaben werden. Auf dem „heiligen Berg“ hatte Petrus dieses Reich im Vorgriff gesehen. Diesen Moment hat er nie vergessen.
  • Kapitel 2 macht klar, dass vor der Aufrichtung des Reiches in Macht und Herrlichkeit Verfall und Niedergang fortschreiten werden. Petrus schreibt ausführlich über die falschen Lehrer und deren verderblichen Lehren, die uns aus der Fassung bringen möchten. Sie propagieren Ausschweifung und Weltlichkeit, die das Christentum über viele Jahrhunderte hinweg gekennzeichnet haben und eine Gefahr für die Gläubigen darstellen.
  • Kapitel 3 warnt vor Spöttern, die am Ende da sein werden und das Kommen des Herrn Jesus in Herrlichkeit leugnen. Sie lehren, dass alles so bleibt, wie es immer war. Gleichzeitig leugnen sie den Autoritätsanspruch des Herrn Jesus. Sie werden das Gericht Gottes kennenlernen. Petrus nimmt ihre Leugnung zum Anlass, grundsätzliche Aussagen über den „Tag des Herrn“ (das kommende tausendjährige Reich)14 und über die Ewigkeit nach der Zeit zu machen. Der Brief endet mit einigen zu Herzen gehenden Schlusshinweisen des Apostels, vor allem mit der Aufforderung, in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus zu wachsen (Kap 3,18).

Petrus schreibt den Brief in dem Bewusstsein, diese Erde bald zu verlassen. Im ersten Brief hatte er die verfolgten und leidenden Gläubigen ermuntert, in schwierigen Umständen durchzuhalten und auf die kommende Herrlichkeit zu sehen. Wenn man leidet, ist die Gefahr groß, dass man dem Druck nachgibt und einknickt. Deshalb hatten die Gläubigen Gnade nötig (1. Pet 5,12). Der zweite Brief endet ebenfalls mit Gnade (Kap. 3,18). Doch jetzt geht es nicht mehr darum, in der Gnade zu stehen, sondern in der Gnade zu wachsen. Im zweiten Brief ist es nicht so sehr die Bedrohung durch Verfolgung, sondern durch Verführung. Im ersten Brief tritt der Teufel als brüllender Löwe auf (Kap. 5,8). Im zweiten Brief tritt er als listiger Verführer auf (Kap. 2,1.18.19).

Wie Paulus in seinem geistlichen Vermächtnis an Timotheus, spricht Petrus von falschen Lehrern und ihren Lehren. Er ermuntert die Briefempfänger, in der gegenwärtigen Wahrheit fest zu stehen (Kap 1,12) und allen Fleiß aufzuwenden, um geistlich zu wachsen. Angesichts der Verführung durch falsche Lehrer ist es unerlässlich, geistlich hellwach zu sein und einen klaren Standpunkt zu haben.

Der Brief gleicht einem dunklen Gemälde vor einem hellen Hintergrund. Petrus schreibt einerseits über den Irrtum, der sich breitzumachen droht. Er spricht von Niedergang und Verfall. Er schreibt über Menschen die eine zentrale Wahrheit des Neuen Testaments – die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit – leugnen. Doch trotz dieser düsteren Prognosen leuchtet das Licht der machtvollen Rückkehr des Herrn Jesus auf diese Erde (sein Kommen in Herrlichkeit) umso heller.

9. Der 2. Petrusbrief und der Judasbrief

Jedem aufmerksamen Leser des Neuen Testamentes wird auffallen, dass der 2. Petrusbrief (Kapitel 2) und der Judasbrief einander ähnlich sind. Diese Ähnlichkeit hat Kritiker auf den Plan gerufen, die den Vorwurf erheben, einer der Autoren habe vom anderen abgeschrieben. Einige gehen sogar so weit zu behaupten, es habe ein drittes Dokument gegeben, das beide Schreiber parallel genutzt hätten.

Ohne Zweifel gibt es auf den ersten Blick gewissen Ähnlichkeiten, viele Ausdrücke gleichen sich, manche angeführten Begebenheiten aus dem Alten Testament sind identisch. Gleichzeitig fallen jedoch deutliche Unterschiede auf, und gerade darin liegen wichtige Belehrungen für uns. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, dass Petrus nicht von Judas abgeschrieben hat oder umgekehrt. Das würde der unumstößlichen Wahrheit der göttlichen Inspiration der Bibel widersprechen. Den falschen Behauptungen das Ohr zu öffnen, ist deshalb nicht nur irrig, sondern geradezu gefährlich. Es ist durchaus möglich, dass der eine Schreiber das Dokument des anderen kannte, trotzdem hat keiner der Beiden vom anderen abgeschrieben. Gott hat jedem der beiden Schreiber einen bestimmten – und zwar voneinander abweichenden – Auftrag gegeben. Die dabei entstandenen Ähnlichkeiten sind vom Heiligen Geist gewollt – die Unterschiede ebenso.

W. Kelly schreibt dazu: „Ich hoffe, zeigen zu können, dass Judas nichts von Petrus und noch weniger Petrus etwas von Judas übernommen hat, sondern dass beide inspirierte Männer waren, die unter der unmittelbaren Anleitung und Kraft des Heiligen Geistes schrieben... Es ist klar und nachweisbar, dass der Geist Gottes große Sorgfalt anwandte, selbst wenn der eine der beiden Schreiber die Schrift des anderen kannte, unterscheidende Einzelheiten von wesentlicher Bedeutung durch sie mitzuteilen, selbst wenn sie manches Gemeinsame vorstellen. Darum verrät der Kritiker, der zu dem Schluss kommt, der eine habe vom anderen abgeschrieben, in Wirklichkeit nur seine blinde Inkompetenz. Die Unterschiede sind wenigstens genauso auffallend wie die Ähnlichkeiten und zeigen hinreichend, dass Judas nichts von Petrus übernommen hat. Genauso folgt Petrus wie Judas seiner eigenen besonderen Linie – mehr nicht“.15

Wir staunen darüber, wie der Heilige Geist, obwohl er beide Schreiber mit einem ähnlichen Thema beschäftigt, doch beide unterschiedlich leitet, um einem ganz bestimmten Gesichtspunkt zu betonen. Mit ähnlichen Formulierungen werden verschiedene Dinge ausgedrückt. Das Grundthema ist identisch, es geht um den Verfall, dem der größte Teil der Christenheit unterliegt. Die Akzente liegen jedoch unterschiedlich.

Der Hauptunterschied liegt darin, dass Petrus an Gläubige aus den Juden schreibt, unter denen falsche Lehrer auftraten. Er beschäftigt sich vornehmlich mit den Anfängen der Fehlentwicklung, die mit Sünde und Ungerechtigkeit verbunden sind. Judas schreibt mehr allgemein an die Gläubigen und nicht speziell an Juden. Sein Schwerpunkt ist nicht der Anfang der Fehlentwicklung, sondern vielmehr der Endzustand kurz vor dem Kommen des Herrn. Er spricht nicht nur von Sünde und Ungerechtigkeit, sondern von Abfall und Rebellion gegen Gott. Was im 2. Petrusbrief noch als zukünftig beschrieben wird, ist im Judasbrief zum Teil schon Wirklichkeit geworden. Der Judasbrief ist – unter diesem Gesichtspunkt betrachtet – noch ernster als der 2. Petrusbrief und folgt diesem in seiner moralischen Reihenfolge16.

10. Gliederung

Beide Briefe lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise einteilen. Eine gute Möglichkeit ist die folgende:

Erster Brief

1. Segnungen und Verantwortung (Kapitel 1,1–2,10)
1.1. Grußwort (Kapitel 1,1.2)
1.2. Ein besonderer Lobpreis (Kapitel 1,3–12)
1.3. Das Verhalten des Gläubigen in Licht und Liebe (Kapitel 1,13–2,3)
1.4. Lebendige Steine im Haus Gottes (Kapitel 2,4–10).

2. Der Gläubige in seinen Beziehungen auf der Erde (Kapitel 2,11–3,12)
2.1. Als Fremdling in Beziehung zur Welt (Kapitel 2,11.12)
2.2. Als Bürger in Beziehung zur Obrigkeit (Kapitel 2,13–17)
2.3. Als Knecht in Beziehung zu seinem Herrn (Kapitel 2,18–25)
2.4. In ehelichen Beziehungen (Kapitel 3,1–7)
2.5. In geschwisterlichen Beziehungen (Kapitel 3,8–12)

3. Der leidende Christ (Kapitel 3,13–4,19)
3.1. Leiden um der Gerechtigkeit willen (Kapitel 3,13–17)
3.2. Die Predigt Noahs (Kapitel 4,18–22)
3.3. Wie sich das neue Leben äußert (Kapitel 4,1–11)
3.4. Leiden und Herrlichkeit (Kapitel 4,12–19)

4. Die Herde Gottes (Kapitel 5,1–9)
4.1. Hirtendienst und Demut (Kapitel 5,1–7)
4.2. Widertand (Kapitel 5,8.9)

5. Schlussworte (Kapitel 5,10–14)

Zweiter Brief

1. Das christliche Leben in Gottseligkeit (Kapitel 1)
1.1. Grußworte (Verse 1.2)
1.2. Aufforderung zum geistlichen Wachstum (Verse 3–14)
1.3. Das prophetische Wort als Lampe (Verse 15–21)

2. Warnung vor falschen Lehrern (Kapitel 2)
2.1. Die Quelle des Bösen (Verse 1–3)
2.2. Aus der Vergangenheit lernen (Verse 4–11)
2.3. Merkmale der Verführer (Verse 12–22)

3. Ein Blick in die Zukunft (Kapitel 3)
3.1. Spötter und ihr Spott (Verse 1–6)
3.2. Die Zukunft der Erde (Verse 7–13)
3.3. Schlussappelle (Verse 14–18)

Fußnoten

  • 1 Silvanus ist ein anderer Name für Silas. Silas wird vermutlich sein semitischer Name gewesen sein (abgeleitet von Saul), während Silvanus wahrscheinlich die lateinische Form seines Namens ist. Wir finden ihn mehrfach in der Apostelgeschichte und als Begleiter von Paulus auf seiner zweiten Missionsreise.
  • 2 „Ungelehrt“ zu sein oder „nicht gelernt“ zu haben bedeutet nicht, dass jemand „dumm“ ist und keine Kenntnis hat. Gemeint ist, dass jemand keine professionelle Ausbildung genossen hat und als „Laie“ gilt. Petrus ist ein gutes Beispiel für das, was Paulus in 1. Korinther 1,26–31 schreibt.
  • 3 Ein Grund dafür mag sein, dass zumindest der zweite Brief in eine Gegend geschickt wurde, die nicht an den Hauptreiserouten lag. Darüber hinaus mag die Verfolgung der gläubigen Briefempfänger die normale Verbreitung der Briefe behindert haben.
  • 4 Dabei ist zu bedenken, dass die Offenbarung deutlich später geschrieben wurde als die Briefe von Petrus, so dass die symbolische Bedeutung von Babylon in Verbindung mit Rom noch gar nicht bekannt war. Im Übrigen würde eine solche symbolische Bedeutung nicht zu dem Stil von Petrus passen und schon gar nicht in einem Schlusswort.
  • 5 A.C. Gabelein merkt dazu folgendes an: „Doch der schlüssigste Beweis gegen die Hypothese, dass mit Babylon Rom gemeint sei, ist die Tatsache, dass der Apostel Paulus völlig darüber schweigt, dass Petrus in Rom gewesen sei. Paulus sandte im Jahre 58 n. Chr. seinen Brief an die Gemeinde in Rom. In jenem Brief grüßte er viele Gläubige, die in Rom waren. Wenn Petrus dort gewesen wäre, warum erwähnte er dann nicht auch ihn? Er ging im Jahre 61 als Gefangener nach Rom, aber wir lesen mit keinem Wort, dass er dort Petrus getroffen hätte. Schließlich trifft Paulus, als er seinen allerletzten Brief aus Rom schrieb, die vielsagende Feststellung: »Lukas ist allein bei mir« (2. Tim 4,11). Dieses Schweigen über Petrus in den paulinischen Briefen kann nur mit der Tatsache erklärt werden, dass Petrus überhaupt nicht in Rom war“ (A.C. Gaebelein: The First Letter of Peter, in: The Annotated Bible)
  • 6 Es ist leider ein weit verbreiteter Irrtum, diese „Schlüssel des Reiches“ mit den „Schlüsseln zum Himmel“ zu verwechseln. Es geht nicht um das „Himmelreich“ (den Himmel), sondern um ein Reich, das hier auf der Erde besteht, in dem himmlische Grundsätze gelten.
  • 7 Es gibt im Handeln Gottes mit den Menschen zwei große Prinzipien. Das eine ist das Prinzip der Gnade, die Gott uns unverdientermaßen gibt. Das andere ist das Prinzip der Verantwortung (oder Regierung), d. h. Gott lässt uns – im Positiven wie im Negativen – das ernten, was wir säen. Er richtet „ohne Ansehen der Person nach eines jeden Werk“ (1. Pet. 1,17). An manchen Stellen steht mehr das Prinzip der Gnade im Vordergrund, an anderen Stellen mehr die Seite der Verantwortung. Beide Seiten widersprechen einander nicht. Wir sind – was unseren Weg durch diese Welt betrifft – der Regierung Gottes unterworfen, obwohl die Gnade uns gleichzeitig jeden Tag segnet. Das ist ein deutlicher Unterschied zu der Stellung des Volkes Israel im Alten Testament und unter Gesetz. Welchen Charakter die Regierung Gottes mit uns hat, kann man z. B. 1. Petrus 3,10–12 entnehmen.
  • 8 W. Kelly: The Second Letter of Peter. In der zukünftigen Phase des Reiches in Macht und Herrlichkeit gibt es keine indirekte, sondern vielmehr eine direkte Regierung Gottes. Das bedeutet, dass Sünde unmittelbar bestraft werden wird (vgl. z. B. Ps 101,8).
  • 9 Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass dieser Brief nach der Entrückung der Gläubigen der Gnadenzeit für den zukünftigen gläubigen jüdischen Überrest ebenfalls von Bedeutung und zur Ermunterung sein wird. Ihre Empfindungen finden wir besonders in den Psalmen beschrieben, und es ist bemerkenswert, dass gerade die Psalmen den Gedanken der Regierung Gottes deutlich vorstellen.
  • 10 Bei Verfolgung müssen wir nicht nur an das denken, was wir heute im allgemeinen Sprachgebrauch unter „Christenverfolgung“ verstehen, die viele Christen in manchen Ländern der Erde tatsächlich täglich erleben. Verfolgung kann sich auch durch Spott und Hohn äußern. In Galater 4,29 lesen wir, dass Ismael seinen Bruder Isaak verfolgte. Das Alte Testament zeigt, dass diese Verfolgung darin bestand, dass er ihn verspottete (1. Mo 21,9).
  • 11 Wenn Petrus über die Herrlichkeit spricht, meint er in der Regel die Herrlichkeit im 1000-jährigen Reich, so wie er sie auf dem „Berg der Verklärung“ gesehen hatte. Eine Ausnahme ist Kapitel 5,10.
  • 12 Es ist wichtig, dass wir zwischen den sühnenden Leiden des Herrn Jesus und seinen Leiden während seines Lebens unterscheiden. Was der Herr Jesus während seines Lebens gelitten hat, hat Vorbildcharakter für uns. Darin folgen wir ihm. Die sühnenden Leiden „beschränken“ sich auf die drei Stunden der Finsternis. Darin kann dem Herrn niemand für uns dem Herrn folgen. Das tat er als Stellvertreter „für uns“.
  • 13 Eine gewisse Parallelität zu dem geistlichen Vermächtnis von Paulus im 2. Timotheusbrief ist nicht zu übersehen, obwohl sich beide Briefe andererseits deutlich voneinander unterscheiden. Dabei fällt auf, dass beide Apostel – den leiblichen Tod vor Augen – in ihren letzten Worten nichts von einer „apostolischen Nachfolge“ sagen. Diese ist eine Erfindung der Menschen und findet keinerlei Anhaltspunkt im Wort Gottes. Petrus erwähnt vielmehr das „prophetische Worte“ und die „Weissagung der Schrift“ (Kap 1,19–21) und erinnert daran, was die Apostel gelehrt hatte (Kap 3,2.15). Paulus hat es ähnlich getan (vgl. Apg 20,32; 2. Tim 3,16.17).
  • 14 Der „Tag des Herrn“ ist nicht mit dem Sonntag zu verwechseln, den Johannes in Offenbarung 1,10 den Tag nennt, der dem Herrn gehört. Der „Tag des Herrn“ von dem Petrus spricht, weist auf die Zeit hin, in dem der Herrschaftsanspruch des Herrn Jesus auf dieser Erde öffentlich anerkannt werden wird. Es ist der „Tag“ von dem eine Reihe alttestamentlicher Propheten geweissagt haben. Diese Zeit beginnt mit Gericht und geht dann in das 1000-jährige Reich über.
  • 15 W. Kelly: Lectures Introductory to the Bible (Letter of Jude)
  • 16 Noch ernster wird es in den Briefen des Johannes. Hier geht es nicht um Verfall von innen heraus, sondern um zerstörerische Angriffe von außen, durch Menschen, die sich offen von Gott lossagen und den Vater und den Sohn leugnen.

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