Betrachtung über 2. Petrus (Synopsis)

Kapitel 1

Betrachtung über 2. Petrus (Synopsis)

Der Apostel bezeichnet seine Brüder als solche, die einen gleich kostbaren Glauben empfangen hatten wie er selbst, und zwar durch die Treue Gottes gegenüber Seinen den Vätern gegebenen Verheißungen; denn das ist sicher hier die Bedeutung des Wortes „Gerechtigkeit“. Die Treue des Gottes Israels hatte Seinem Volke diesen Glauben (d. h. das Christentum) gegeben, und dieser Glaube war so kostbar für sie. Der Glaube ist hier das Teil, das wir jetzt an den Dingen haben, die Gott gibt, die Er als Wahrheiten im Christentum geoffenbart hat, während die verheißenen Dinge selbst noch nicht gekommen sind. Auf diese Weise sollten die gläubigen Juden den Messias besitzen und damit alles, was Gott in Ihm gab, wie der Herr gesagt hatte, „Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubet an Gott, glaubet auch an mich. In dem Hause meines Vaters sind viele Wohnungen ... ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten“ (Joh 14,1. 2). Das will sagen: Ihr besitzt Gott nicht sichtbar; ihr genießt Ihn, indem ihr an Ihn glaubet. Ebenso ist es mit Mir; ihr werdet Mich nicht leiblich besitzen, aber ihr werdet alles, was in Mir ist, die Gerechtigkeit und alle Verheißungen Gottes, durch den Glauben genießen. So besaßen diese gläubigen Juden, an welche Petrus schrieb, den Herrn: sie hatten diesen kostbaren Glauben empfangen.

Petrus wünscht ihnen, wie gewöhnlich, „Gnade und Frieden“, indem er hinzufügt: „in der Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn“ (V. 2). Die Erkenntnis Gottes und Jesu ist der Mittel- und Stützpunkt des Glaubens; sie nährt und bewahrt ihn vor den eitlen Träumereien der Verführer; in ihr wird der Glaube entfaltet und göttlich erweitert. Mit dieser Erkenntnis aber ist eine lebendige Kraft verbunden (eine göttliche Kraft in dem, was Gott für den Gläubigen ist), wie Er in dieser Erkenntnis dem Glauben geoffenbart ist, und diese göttliche Kraft hat uns alles gegeben, was zum Leben und zur Gottseligkeit gehört. Durch die verwirklichende Erkenntnis, die wir von Ihm besitzen, der uns berufen hat, wird diese göttliche Kraft anwendbar auf und wirksam für alles, was zum Leben und zur Gottseligkeit gehört; es ist „die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch Herrlichkeit und Tugend“.

Wir haben hier also die Berufung Gottes, die uns auffordert, der Herrlichkeit als unserem Ziel entgegenzueilen, indem wir durch die Tugend, d. h. durch geistlichen Mut, über alle Feinde, die wir auf unserem Wege finden, den Sieg davontragen. Es ist nicht ein Gesetz, das einem schon gesammelten Volke gegeben wird, sondern die Herrlichkeit wird zu dem Zweck in Aussicht gestellt, dass man sie durch geistliche Energie erreiche. Überdies finden wir hier göttliche Kraft nach ihrer eigenen Wirksamkeit tätig zugunsten des göttlichen Lebens in uns und der Gottseligkeit. Wie köstlich ist es zu wissen, dass der Glaube von dieser göttlichen Kraft Gebrauch machen kann, die in dem Leben der Seele verwirklicht wird und sie auf die Herrlichkeit, als das Endziel des Weges, hinlenkt! Welch ein Schutz gegen die Anstrengungen des Feindes, wenn wir wahrhaft gegründet und befestigt sind in dem Bewusstsein dieser göttlichen Kraft, die in Gnade zu unseren Gunsten tätig ist! Das Herz wird dahin geleitet, die Herrlichkeit zu seinem Gegenstande zu machen; und die Tugend, die Kraft des geistlichen Lebens, entfaltet sich auf dem Wege dahin. Die göttliche Kraft hat uns alles dazu Nötige geschenkt.

In Verbindung mit diesen beiden Dingen, nämlich der Herrlichkeit und der Kraft des Lebens, sind uns sehr große und kostbare Verheißungen geschenkt (V. 4); denn alle Verheißungen in Christo entfalten sich entweder in der Herrlichkeit selbst oder in dem Leben, das dahin führt. Vermittels dieser Verheißungen werden wir zu Teilhabern der göttlichen Natur gemacht; denn diese göttliche Kraft, die sich in Leben und Gottseligkeit verwirklicht, steht in Verbindung mit den großen und kostbaren Verheißungen, die entweder auf die Herrlichkeit oder auf die Kraft in dem dahin führenden Leben Bezug haben; das heißt, es ist göttliche Kraft, die sich in der Verwirklichung der Herrlichkeit und eines himmlischen Wandels entfaltet – eines Wandels, der jene Kraft in der ihr eigenen Natur kennzeichnet. Auf diese Weise werden wir in sittlichem Sinne zu Teilhabern der göttlichen Natur gemacht, indem göttliche Kraft in uns wirkt und die Seele auf das hinlenkt, was göttlich geoffenbart ist. Kostbare Wahrheit! Herrliches Vorrecht, das uns fähig macht, sowohl Gott Selbst zu genießen als auch alles Gute!

Durch dieselbe Wirkung der göttlichen Kraft entfliehen wir dem Verderben, das in der Welt ist durch die Lust; die göttliche Kraft befreit uns von demselben. Nicht nur unterliegen wir ihm nicht, sondern wir sind mit etwas anderem beschäftigt, und die Wirkung des Feindes auf das Fleisch ist beseitigt; die Lüste, von denen wir uns nicht zu reinigen vermochten, sind entfernt; die schlechte Verbindung des Herzens mit dem, was es beschäftigt, verschwindet. Es ist eine wirkliche Befreiung; wir sind in dieser Beziehung Herr über uns selbst; wir sind von der Sünde befreit.

Doch es ist nicht genug, durch den Glauben der inneren Herrschaft der Lüste des Fleisches entronnen zu sein; wir müssen diesem Glauben, welcher die göttliche Kraft und die Herrlichkeit Jesu, die geoffenbart werden soll, verwirklicht, „die Tugend“ hinzufügen. Das ist das erste. Die Tugend ist, wie wir bereits gesagt haben, der sittliche Mut, der die Schwierigkeiten überwindet und das Herz regiert, indem er jede Tätigkeit der alten Natur im Zaume hält, sie ist eine Kraft, durch welche das Herz Herr seiner selbst und fähig ist, das Gute zu erwählen und das Böse als einen besiegten Feind und als unser unwürdig zu verwerfen. Dies ist ohne Zweifel Gnade; allein der Apostel spricht hier von der Sache selbst, wie sie im Herzen verwirklicht wird, und nicht von der Quelle derselben.

Ich habe gesagt, dass dies das erste sei, weil im Praktischen diese Selbstbeherrschung, diese Tugend, diese sittliche Kraft die Befreiung vom Bösen ist und die Gemeinschaft mit Gott möglich macht. Es ist das Eine, das allem übrigen Wirklichkeit verleiht, denn ohne die Tugend ist man nicht wirklich mit Gott. Kann sich die göttliche Kraft im Gehen lassen des Fleisches entfalten? Wenn wir nicht wirklich mit Gott sind, wenn die neue Natur nicht in Tätigkeit ist, so ist die Erkenntnis nichts anderes als ein Aufblähen des Fleisches, die Geduld nur eine natürliche Eigenschaft oder Heuchelei, und so weiter. Wo jedoch diese Tugend vorhanden ist, da ist es sehr köstlich, ihr „die Kenntnis“ hinzuzufügen. Wir haben dann göttliche Weisheit und Einsicht zur Leitung unseres Wandels; das Herz wird erweitert, geheiligt, geistlich entwickelt durch eine völligere, tiefere Bekanntschaft mit Gott, die im Herzen wirkt und sich im Wandel widerspiegelt. Wir sind geschützt vor vielen Irrtümern; wir sind demütiger, nüchterner, wir wissen besser, wo unser Schatz ist und was er ist; wir wissen, dass alles Übrige nur eitel und hinderlich ist. Das, wovon der Apostel hier redet, ist also eine wahre Erkenntnis Gottes.

So in der Erkenntnis Gottes wandelnd, werden das Fleisch, der Wille und die Lüste im Zaum gehalten; ihre praktische Kraft nimmt ab, und sie verschwinden als Gewohnheiten des Herzens; wir nähren sie nicht. Wir sind enthaltsam, legen uns Beschränkungen auf und geben unseren Wünschen nicht Raum: „die Enthaltsamkeit“ wird der Kenntnis hinzugefügt. Der Apostel spricht hier nicht von dem Wandel, sondern von dem Zustand des Herzens im Wandel. Wird das Ich so im Zaume gehalten und der Wille gezügelt, so erträgt man andere mit Geduld, und die Umstände, durch die man gehen muss, werden in jeder Hinsicht nach dem Willen Gottes getragen, mögen sie sein wie sie wollen. Man fügt zur Enthaltsamkeit „das Ausharren“. Das Herz, das geistliche Leben, ist dann frei, seine wahren Gegenstände zu genießen, und das ist ein Grundsatz von hoher Bedeutung im christlichen Leben. Wenn das Fleisch auf die eine oder andere Weise wirkt (selbst wenn seine Wirksamkeit rein innerlich ist), wenn es irgendeine Sache gibt, hinsichtlich deren das Gewissen geübt werden muss, so kann die Seele nicht in dem Genuss der Gemeinschaft mit Gott im Lichte stehen, weil das Licht dann die Wirkung hat, das Gewissen in Tätigkeit zu setzen. Aber wenn das Gewissen nichts hat, was nicht schon im Lichte gerichtet ist, so ist der neue Mensch in Bezug auf Gott in Tätigkeit, sei es in der Verwirklichung der Freude Seiner Gegenwart, sei es in Seiner Verherrlichung durch ein Leben, das durch Gottseligkeit gekennzeichnet wird. Man genießt die Gemeinschaft mit Gott, man wandelt mit Gott, man fügt zu dem Ausharren „die Gottseligkeit“. Steht das Herz so in der Gemeinschaft mit Gott, dann fließen ungehindert Zuneigungen zu denen hervor, die Gott teuer sind und welche, an derselben Natur teilhabend, notwendig die Zuneigungen des geistlichen Herzens hervorrufen, es entwickelt sich „die Bruderliebe“.

Doch es gibt noch einen anderen Grundsatz, der alle übrigen gleichsam krönt, regiert und ihnen ihr Gepräge verleiht, das ist die „Liebe“ im eigentlichen Sinne. Die Liebe ist in ihrer Wurzel die Natur Gottes Selbst, die Quelle und Vollendung aller anderen Eigenschaften, welche das christliche Leben zieren. Der Unterschied zwischen Bruderliebe und Liebe ist von hoher Wichtigkeit. Die letztere ist, wie gesagt, die Quelle, aus welcher die erstere fließt; doch da diese brüderliche Liebe in sterblichen Menschen ist, so kann sie in ihrer Ausübung mit rein menschlichen Gefühlen vermengt werden, mit persönlicher Zuneigung, mit der anziehenden Wirkung persönlicher Vorzüge, Gewohnheiten und angenehmer Charaktereigenschaften. Nichts ist lieblicher als brüderliche Zuneigungen; ihre Erhaltung ist von der höchsten Wichtigkeit in der Versammlung, aber sie könnten ebenso gut ausarten wie erkalten, und wenn die Liebe, wenn Gott nicht den ersten Platz behält, so kann sie Ihn beiseite setzen und ausschließen. Die göttliche Liebe, die Natur Gottes Selbst, leitet und beherrscht die brüderliche Liebe und verleiht ihr ihren Charakter; andernfalls beherrscht uns das, was uns angenehm ist, d. h. unser eigenes Herz. Wenn göttliche Liebe mich leitet, liebe ich alle meine Brüder, ich liebe sie, weil sie Christo angehören. Da gibt es keine Parteilichkeit. Ich werde an einem geistlichen Bruder mehr Genuss haben, aber ich beschäftige mich mit meinem schwachen Bruder mit einer Liebe, die sich über seine Schwäche erhebt und mit Zartheit auf dieselbe Rücksicht nimmt. Ich werde mich aus Liebe zu Gott mit der Sünde meines Bruders beschäftigen, um ihn wiederherzustellen, indem ich ihn, wenn es nötig ist, tadle. Ist die göttliche Liebe in Tätigkeit, so wird die brüderliche Liebe, oder selbst ihr Name, niemals mit Ungehorsam verbunden sein können. Mit einem Wort, Gott wird Seinen Platz haben in allen meinen Beziehungen. Die brüderliche Liebe in einer Weise ausüben, welche die Anforderungen dessen, was Gott ist, und die Rechte Gottes an uns ausschließt, heißt Gott Selbst ausschließen, und zwar auf die offenkundigste Weise, um unsere eigenen Herzen zu befriedigen. Die göttliche Liebe, die der Natur, dem Charakter und dem Willen Gottes gemäß wirkt, ist es also, welche unseren ganzen christlichen Wandel regieren und kennzeichnen sowie alle Regungen unserer Herzen beherrschen soll. Ohne das kann die brüderliche Liebe nur den Menschen an die Stelle Gottes setzen. Die göttliche Liebe ist das Band der Vollkommenheit; denn Gott, welcher Liebe ist, wirkt in uns und macht Sich Selbst zu dem Gegenstand, der alles, was im Herzen vorgeht, regiert.

Nun, wenn diese Dinge sich bei uns finden, so wird die Erkenntnis Jesu nicht unfruchtbar sein in unserem Herzen. Wenn sie dagegen fehlen, so sind wir blind; wir sind kurzsichtig, und unser Blick ist beschränkt durch die Enge eines Herzens, das von seinem eigenen Willen beherrscht und von seinen Begierden abgelenkt wird. Wir vergessen, dass wir von unseren vorigen Sünden gereinigt worden sind; wir verlieren die Stellung, die das Christentum uns gegeben hat, aus dem Auge. Dieser Zustand ist nicht der Verlust der Gewissheit, sondern das Vergessen der wahren christlichen Stellung, in die wir eingeführt worden sind – der Reinheit im Gegensatz zu den Wegen der Welt.

Deshalb sollten wir allen Fleiß anwenden, um das Bewusstsein unserer Erwählung frisch und fest zu haben, damit wir in geistlicher Freiheit wandeln. Wenn wir das tun, werden wir nicht straucheln, und ein reichlicher Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes wird unser Teil sein. Hier wie überall sehen wir den Geist des Apostels mit der Regierung Gottes beschäftigt, indem er dieselbe anwendet auf die Handlungen Gottes mit den Gläubigen rücksichtlich ihres Verhaltens und der praktischen Folgen dieses Verhaltens. Er redet nicht von Vergebung, oder von dem Heil in unbedingtem Sinne, sondern von dem Reiche, von der Offenbarung der Macht Dessen, der da recht richtet, dessen Zepter ein Zepter der Gerechtigkeit ist. Wandeln wir in den Wegen Gottes, so haben wir teil an diesem Reiche, indem wir in dasselbe eintreten mit Gewissheit, ohne Schwierigkeit, ohne jedes Zaudern der Seele, welches alle diejenigen erfahren, die den Heiligen Geist betrüben, ein böses Gewissen haben und sich Dinge erlauben, die nicht zum Charakter des Reiches passen, oder die sich eine Nachlässigkeit zuschulden kommen lassen, welche zeigt, dass ihr Herz nicht dort ist. Wenn dagegen das Herz mit dem Reiche innig verbunden ist und unsere Wege zu dem Reiche passen, so steht unser Gewissen in Übereinstimmung mit der Herrlichkeit desselben. Der Weg liegt offen vor uns, wir schauen in die Ferne und gehen ohne Hindernis auf unserem Pfade vorwärts. Nichts zieht uns ab, während wir auf dem Wege wandeln, der zum Reiche führt, und beschäftigt sind mit Dingen, die zu demselben passen. Gott hat keinen Tadel wider eine Seele, die also wandelt. Der Eingang in das Reich ist ihr weit geöffnet, entsprechend den Regierungswegen Gottes.

Der Apostel wünscht deshalb, die Gläubigen an diese Dinge zu erinnern, obwohl sie dieselben wussten; und er nimmt sich vor, solange er noch in seiner irdischen Hütte weilt, ihre lauteren Herzen aufzuwecken, damit sie diese Dinge in Erinnerung behielten. Denn bald sollte er sein irdisches Gefäß ablegen, wie der Herr ihm gesagt hatte; und indem er so an sie schrieb, trug er Sorge, dass sie sich stets daran erinnern konnten. Man sieht klar, dass Petrus weder an die Erweckung anderer Apostel dachte, noch eine kirchliche Nachfolge erwartete, die den Platz der Apostel (als Hüter des Glaubens oder als im Besitz einer genügenden Autorität stehend, um eine Grundlage für den Glauben der Gläubigen zu bilden) einnehmen würde. Er musste selbst Vorsorge treffen, dass die Gläubigen nach seinem Abscheiden etwas von ihm vorfänden, das sie an die Unterweisungen, die er ihnen gegeben, erinnerte. Zu diesem Zweck schrieb er seine Briefe. Die göttliche Wichtigkeit und die Gewissheit dessen, was er lehrte, waren dieser Mühe wert. „Wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus nicht kundgetan“, sagt er, „indem wir künstlich erdichteten Fabeln folgten, sondern als die da Augenzeugen seiner herrlichen Größe gewesen sind.“

Der Apostel spricht hier, wie aus seinen Worten klar genug hervorgeht, von der Verklärung. Ich bemerke das, um dadurch deutlicher zu zeigen, dass er in seinen Gedanken bezüglich des Kommens des Herrn nicht über Seine Erscheinung in Herrlichkeit hinausgeht. Für den Augenblick war der Herr für alle, die an Ihn glaubten, verborgen. Das war eine große Prüfung für ihren Glauben; denn die Juden waren, wie wir wissen, gewohnt, einen sichtbaren und glorreichen Messias zu erwarten. Zu glauben, ohne zu schauen, war die Aufgabe, die sie zu lernen hatten. Aber ihr Glaube fand eine mächtige Stütze in der Tatsache, dass der Apostel, der sie lehrte, mit seinen beiden Genossen mit eigenen Augen die geoffenbarte Herrlichkeit Christi gesehen hatte. Dieselbe hatte sich vor ihren Augen entfaltet, und zwar zugleich mit der Herrlichkeit von früheren Gläubigen, die an Seinem Reiche teilhaben. Dort auf dem heiligen Berge hatte Jesus von Gott, dem Vater, als Zeugnis Ehre und Herrlichkeit empfangen; eine Stimme war von der prachtvollen Herrlichkeit aus an Ihn ergangen, aus der Wolke, die für den Juden die wohlbekannte Wohnung Jehovas, des höchsten Gottes, war, und hatte Ihn als den geliebten Sohn anerkannt. Diese Stimme hatten die drei Apostel gleichfalls gehört (ebenso wie sie Seine Herrlichkeit sahen), als sie mit Ihm auf dem heiligen Berge waren 1.

Wir sehen also, dass der Apostel hier mit der Herrlichkeit des Reiches und nicht mit dem ewigen Wohnen im Vaterhause beschäftigt ist. Es ist eine Offenbarung für Menschen, die auf der Erde leben; es ist die Macht des Herrn, die Herrlichkeit, die Er von Gott, dem Vater, als Messias empfängt, anerkannt als Sohn und vor den Augen der Welt mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Es ist ein ewiges Reich, in welches die Gläubigen nach dem Wunsche des Apostels einen weiten Eingang haben sollten. Was Petrus gesehen hatte und wovon er zeugt, ist die Macht und Herrlichkeit, die Christus von Gott empfing. Wir werden allerdings diese Herrlichkeit besitzen, aber sie ist nicht unser Teil im eigentlichen Sinne. Unser Teil ist, im Innern des Hauses, die Braut des Lammes zu sein, und dieses Teil entfaltet sich nicht angesichts der Welt. Doch lassen sich im Blick auf die Versammlung diese beiden Dinge nicht trennen. Wenn wir die Braut sind, so werden wir sicher auch an der Herrlichkeit des Reiches teilhaben 2.

Für einen Juden, der gewohnt war, diese Herrlichkeit zu erwarten (welche Vorstellungen er sich auch davon machen mochte), war die Tatsache, dass der Apostel dieselbe gesehen hatte, von unschätzbarer Wichtigkeit. Es war die himmlische Herrlichkeit des Reiches, so wie sie der Welt geoffenbart werden wird, eine Herrlichkeit, die geschaut werden wird, wenn der Herr in Macht zurückkehrt (vgl. Mk 9,1). Es ist gleichsam eine mitgeteilte Herrlichkeit, die von der prachtvollen Herrlichkeit ausgeht. Überdies bezieht sich das Zeugnis der Propheten auf die Herrlichkeit, die geoffenbart worden ist; sie haben von dieser Herrlichkeit und von diesem Reiche geredet, und der Glanz der Verklärung hat ihren Worten eine herrliche Bestätigung gegeben. „Wir besitzen“, sagt der Apostel, „das prophetische Wort befestigt“ (V. 19). Dieses Wort hatte in der Tat die Herrlichkeit des zukünftigen Reiches angekündigt sowie das Gericht der Welt, welches der Aufrichtung desselben auf Erden Bahn brechen sollte. Diese Ankündigung war ein Licht in der Finsternis dieser Welt, dieses wahrhaft „dunklen Ortes“, wo es kein anderes Licht gab, als das Zeugnis Gottes durch die Propheten hinsichtlich dessen, was ihr begegnen sollte, sowie hinsichtlich des kommenden Reiches, dessen Glanz die Finsternis der Trennung von Gott, in welcher die Weit liegt, endgültig vertreiben wird. Die Weissagung war eine Lampe, die während der Finsternis der Nacht leuchtete. Doch es gab für die, welche wachten, noch ein anderes Licht.

Für den jüdischen Überrest wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln; die Bösen werden dann wie Asche unter den Füßen der Gerechten zertreten werden (Mal 4,2+3). Der in seinen Vorrechten unterwiesene Christ kennt den Herrn in einer anderen Weise, obgleich er an diese ernsten Wahrheiten glaubt. Er wacht während der Nacht, die schon weit vorgerückt ist. Er sieht in seinem Herzen durch den Glauben den Anbruch des Tages und das Aufgehen des glänzenden Morgensterns. Er kennt den Herrn – wie alle diejenigen Ihn kennen, die an Ihn glauben vor Seiner Offenbarwerdung – als Den, welcher zur reinen und himmlischen Freude der Seinigen erscheint, ehe der Glanz des Tages zu leuchten beginnt. Alle, welche wachen, sehen den Anbruch des Tages; sie sehen den Morgenstern. So haben wir unser Teil in Christo nicht nur an dem Tage und so wie die Propheten von Ihm gesprochen haben (alles das bezieht sich auf die Erde, obwohl die Segnung von oben kommt), sondern wir besitzen das Geheimnis von Christo und unserer Vereinigung mit Ihm sowie von Seinem Kommen, um uns zu Sich aufzunehmen als der Morgenstern, ehe der Tag erscheint. Wir sind Sein während der Nacht; wir werden bei Ihm sein nach der Wahrheit jenes himmlischen Bandes, das uns mit Ihm verbindet, als für Ihn abgesondert, während die Welt Ihn nicht sieht. Wir werden zu Ihm versammelt werden, ehe die Welt Ihn sieht, damit wir Ihn Selbst genießen, und die Welt uns mit Ihm sehe, wenn Er erscheint.

Unser glückseliges Teil ist es, bei Ihm Selbst zu sein, „bei dem Herrn allezeit“ (1. Thes 4,17). Die Weissagung erleuchtet den Christen und trennt ihn von der Welt, dadurch dass sie Zeugnis ablegt von dem Gericht derselben und von der Herrlichkeit des kommenden Reiches. Das Zeugnis des Geistes an die Kirche tut das nämliche durch die Anziehungskraft Christi Selbst, des glänzenden Morgensterns, der schon unser Teil ist, während die Welt noch im Schlafe liegt.

Der glänzende Morgenstern ist Christus Selbst, wenn Er (vor dem Tage, der durch Seine Erscheinung bewirkt wird) bereit ist, die Versammlung aufzunehmen, damit sie Seine eigene, besondere Freude mit Ihm teile. So heißt es in Offenbarung 22,16: „Ich bin der glänzende Morgenstern.“ Das ist Christus für die Versammlung, so wie Er für Israel „die Wurzel und das Geschlecht Davids“ ist. Sobald daher der Herr sagt: „Ich hin der glänzende Morgenstern“, antworten der Geist, der in der Versammlung wohnt und ihr Seine Gedanken eingibt, sowie die Braut, die Versammlung selbst, die ihren Herrn erwartet: „Komm!“ (Off 22,17). So verheißt der Herr auch den Gläubigen in Thyatira (Off 2,28), dass Er ihnen den Morgenstern geben werde, d. h. die Freude mit Ihm Selbst im Himmel. Das Reich und die Macht waren ihnen schon verheißen, gemäß der Rechte Christi (V. 26+27); aber das besondere Teil der Versammlung ist Christus Selbst. So erwartet sie Ihn, gleichsam in Hinzufügung zu den Erklärungen der Propheten über das Reich.

Der Apostel warnt dann die Gläubigen vor dem Gedanken, dass die Weissagungen der Schrift Ausdrücke des menschlichen Willens seien und erklärt werden müssten, als wenn eine jede ihre eigene Auslegung hätte, als wenn jede Prophezeiung für sich selbst genügend wäre, um ihren vollständigen Sinn zu erklären. Sie sind alle Teile eines Ganzen und haben ein und dasselbe Ziel, nämlich das Reich Gottes. Jedes Ereignis war ein vorbereitender Schritt zu diesem Ziel hin und ein Glied in der Kette der Regierung Gottes, die dahin führte. Die einzelnen Weissagungen sind unmöglich auszulegen, wenn man den Endzweck des Ganzen nicht kennt, das geoffenbarte Ziel der Ratschlüsse Gottes in der Herrlichkeit Seines Christus. Denn heilige Männer haben jene Aussprüche getan, getrieben vom Heiligen Geiste; ein und derselbe Geist leitete und ordnete das Ganze zur Entfaltung der Wege Gottes vor den Augen des Glaubens – Wege, die in der Aufrichtung des Reiches enden werden, dessen Herrlichkeit auf dem Berge der Verklärung erschienen ist.

Fassen wir das Gesagte noch einmal kurz zusammen, so haben wir in diesem Kapitel folgende drei Dinge:

Erstens die göttliche Kraft für alles, was zum Leben und zur Gottseligkeit gehört – eine Erklärung von unendlichem Werte, das Unterpfand unserer wahren Freiheit. Die göttliche Kraft wirkt in uns, sie gibt uns alles, was nötig ist, um uns fähig zu machen, in einem christlichen Leben zu wandeln.

Zweitens ist die Regierung Gottes da in Verbindung mit der Treue des Gläubigen, damit uns ein reichlicher Eingang in das ewige Reich dargereicht werde und wir nicht straucheln. Das große Ergebnis dieser Regierung wird vollständig geoffenbart werden in der Errichtung des Reiches, dessen Herrlichkeit die drei Apostel auf dem heiligen Berge gesehen hatten.

Drittens haben wir etwas, das für den Christen noch besser ist als das Reich. Petrus spielt nur darauf an, denn es war nicht der eigentliche Gegenstand der Mitteilungen des Geistes an ihn, wie dies bei dem Apostel Paulus der Fall war; es ist die Aufnahme der Versammlung durch Christum und zu Ihm hin – ein Punkt, der weder in den Verheißungen noch in den Weissagungen zu finden ist, der vielmehr die unaussprechliche Freude und die köstliche Hoffnung des von Gott belehrten Christen ausmacht.

Fußnoten

  • 1 In Lukas 9 wird uns der höhere Teil der Segnung vor Augen gestellt. „Sie fürchteten sich, als sie in die Wolke eintraten.“ Gott hatte mit Mose von Angesicht zu Angesicht aus der Wolke geredet, hier aber gehen sie in dieselbe hinein. Es tritt in Lukas mehr der himmlische und ewige Charakter hervor.
  • 2 Vgl. Lukas 12, wo die Freude innerhalb des Hauses mit dem Wachen, das Erbe mit dem Dienst in Verbindung steht.
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