Die Briefe des Simon Petrus

2. Petrus 1

Die Briefe des Simon Petrus

Teilhaber der göttlichen Natur

Die große Fürsorge des Apostels, die ihn dazu veranlasste, ein zweites Mal an die hebräischen Gläubigen zu schreiben, um ihnen Anweisungen für ihren Lebensweg zu geben und sie vor dem kommenden Bösen zu warnen, ist ein deutlicher Beweis dafür, dass er keineswegs nach einer Fortsetzung des Apostelamtes suchte. Sowohl der Blick auf den groben Umriss des Briefes wie auch auf die Details lassen diesen Gedanken nicht zu. Vielmehr zeigt Petrus in dem zweiten Brief den schrecklichen Zustand, der hereinkommen wird und dass Gott das Ganze richten wird.

Der zweite Brief des Petrus ist dem Judasbrief in gewissen Aspekten ähnlich. Der Unterschied zwischen dem Brief des Judas und diesem hier, ist, dass während der Geist Gottes durch Petrus hauptsächlich über die Verdorbenheit in der Welt spricht, Judas über die Verdorbenheit in der Kirche spricht, dem Bereich, der den Namen des Herrn trägt. In beiden Briefen finden wir Abtrünnigkeit, besonders im Judasbrief.

Die fürsorgliche Art und Weise, wie der Apostel versucht, diesen Gläubigen zu helfen und die zu leiten, denen er nun ein zweites Mal schreibt, zeigt, dass er in keiner Weise danach strebte, die apostolische Autorität fortzusetzen, denn er übergibt die Gläubigen dem Herrn und seinem Wort. Außerdem greift Petrus die Frage bezüglich Gottes Handeln mit der Erde auf, und er tut dies in einer Weise, die der Erhabenheit und dem Charakter Gottes gebührt.

„Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, denen, die einen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus“ (V. 1). Er schreibt ihnen als „Knecht und Apostel“ und spricht zu den Gläubigen, genauso wie im ersten Brief. „...denen, die einen gleich kostbaren Glauben empfangen haben...“. Während das Geschriebene eine besondere Anwendung auf diejenigen findet, denen er bereits in seinem ersten Brief geschrieben hatte, so hat der zweite Brief doch einen etwas weiteren Anwendungskreis.

Petrus gebraucht gerne das Wort „kostbar“. Er spricht von „kostbarem Blut“ (1. Pet 1,19), „Er ist kostbar“ (1. Pet 2,4.6) und hier nun von „kostbarem Glauben“. Er spricht von dem Glauben, der Tatsache, dass man glaubt. Er sagt, dass man diesen Glauben auf der Grundlage der Gerechtigkeit „unseres Gottes und Heilandes“ empfängt. Wir haben diesen Glauben aufgrund seiner Treue. Er war der HERR Israels und gleicherweise auch der Heiland, der herabkam und durch diese Welt ging. Gott war gerecht und treu, und als Ergebnis – trotz der Sündhaftigkeit der Nationen – haben wir diesen Glauben an Gottes wunderbaren Sohn.

„Gnade und Friede sei euch vermehrt in der Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn“ (V. 2). Eine wohlbekannte Anrede. Gnade ist die gegenwärtige Zuneigung Gottes und Friede ist die gegenwärtige Stellung der Seele. Petrus wünscht, dass diese Segnungen sich vermehren. Das ist die Stellung, in der die Seele sich befindet: in völligem Frieden mit Gott und in der gegenwärtigen Annahme und Zuneigung Gottes. Petrus wünscht, dass die Gläubigen diese Dinge immer mehr erfassen. Warum ist hier nicht die Rede von Barmherzigkeit? Weil wir Barmherzigkeit immer dann finden, wenn eine einzelne Person angesprochen wird und weil ich, obwohl ich Gnade und Friede als Einzelner ebenso brauche, Tag für Tag die Barmherzigkeit für meine Seele benötige, während ich über diese Erde gehe, wo alles gegen mich ist. Wenn die Versammlung angesprochen wird, so ist keine Rede von Barmherzigkeit, da die Versammlung stets in Verbindung mit Christus gesehen wird und durch diese Verbindung mit Christus Barmherzigkeit empfangen hat.

In dem Brief an Philemon schreibt Paulus an diesen und an die „Versammlung in deinem Haus“ und aus diesem Grund wird Barmherzigkeit dort weggelassen. Was wie eine Ausnahme erscheinen mag, beweist in Wirklichkeit, was ich gerade sagte, wenn es aufmerksam gelesen wird.

Diese Gnade und der Friede sollen sich „in der Erkenntnis Gottes“ vermehren. Die Intensivierung dieser Gnade und des Friedens kann nur dann hervorkommen, wenn wir mit Gott gehen. Man zeige mir eine Person, die mit Gott wandelt, und ich werde zeigen, dass diese Person Tag für Tag vermehrt Gnade empfängt. Wenn wir nahe bei Christus sind, werden wir den Frieden empfangen, den zu geben Er gekommen ist, um ihn Tag für Tag zu vermehren. Es gibt nichts, was so schwierig ist, wie in der Gnade zu wandeln, denn auf der einen Seite gibt es die Neigung zur Weltförmigkeit und auf der anderen Seite die Neigung zur Gesetzlichkeit. Und so verwundert es nicht, dass der Apostel diesen Gläubigen, die ja durch schwierige Zeiten gingen, wünscht, dass sich Gnade und Friede vermehren mögen.

„Da seine göttliche Kraft uns alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt hat durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch Herrlichkeit und Tugend, durch die er uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben entflohen seid, das in der Welt ist durch die Begierde“ (V. 3.4). In den Versen 3 und 4 sehen wir die göttliche Kraft, aber auch die göttliche Natur, die wir bekommen haben. In Vers 3 sind wir Gegenstände der göttlichen Kraft, eine göttliche Tätigkeit wirkt in uns und gibt uns alle Dinge, die das Leben und die Gottseligkeit betreffen. Ewiges Leben ist ein Leben, das sich in Gott erfreut und passend ist für Gott. Gottseligkeit ist ein Charakter, der Gott gleich ist in allen seinen Wegen, eine moralische Ähnlichkeit mit Ihm. Zunächst schenkt Er uns ein Leben, das von Ihm selbst kommt und das mit nichts anderem beschäftigt ist, als mit Ihm, und dann gibt Er uns alles, um Gott ähnlicher zu werden, d. h. in Gottseligkeit zu leben.

Durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch Herrlichkeit und Tugend“ (V. 3). Es ist die sich vertiefende Vertrautheit mit Ihm, der unsere Seele in bestimmter Weise berufen hat. Und wenn es eine Sache gibt, die wir geneigt sind zu vergessen, so ist es unsere Berufung. Wir vergessen nicht so schnell unsere Gaben, unsere Segnungen, aber unsere Berufung. Und was ist unsere Berufung? Gott hat uns zur Herrlichkeit berufen. Das erste Kapitel des ersten Petrusbriefes zeigt, dass wir zum Himmel hin berufen sind, und hier sagt Petrus nun, dass der Gott der Herrlichkeit gekommen ist und uns gerufen hat.

Der Gegensatz zwischen dem Christen heute und Adam – in Unschuld – ist überaus schwerwiegend. Adam in seiner Unschuld war verantwortlich, Gott zu gehorchen und in dem Zustand, in dem er sich befand, zu bleiben. Unsere Verantwortung hingegen ist es, nicht in dem zu bleiben, was wir waren. Wir waren in der Welt; und Sünde und Lust formte unsere Natur, aber Gott sagt: „Ich habe dich aus diesem herausgerufen – berufen durch Herrlichkeit und Tugend.“ Abraham war berufen, ein Pilger zu sein; Mose ein Gesetzgeber; Josua ein Führer. Wir sind zur Herrlichkeit berufen. Seht zu, dass ihr euren Blick darauf gerichtet habt, sagt der Apostel sozusagen. Herrlichkeit ist das Ende unseres Weges, und sie sollte uns schon jetzt unseren Lebensweg kennzeichnen. Tugend ist die geistliche Energie auf dem Weg, deren Ende ebenfalls Herrlichkeit ist.

Was wir darstellen sollen, nennt Petrus hier Entschiedenheit und geistliche Energie. Es gibt nichts Schwierigeres als das, denn es fordert von uns, dass wir unser Fleisch und die Welt ablehnen, so wie Mose es tat: Durch Glauben weigerte sich Mose, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter des Pharao zu heißen, und wählte lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben(Heb 11,24.25).

Derjenige, der solche geistliche Energie hat, weiß wie man „Nein!“ zu den tausend Dingen in ihm und um ihn herum sagt, die das Fleisch anziehen. Wir geben uns zu oft einfach hin; uns fehlt es oft an dieser geistlichen Energie und das Ergebnis ist, dass wir fallen.

Mose lehnte die Erde und ihre Freuden ab. Er weigerte sich, den höchsten Platz in dieser Welt einzunehmen. Er sagte „Nein“ zu den Verlockungen des Fleisches und der Welt und nahm seinen Platz außerhalb bei den verachteten Sklaven ein, die Gottes Volk waren. Man braucht diese Tugend, diesen Mut, um solchen Schritt zu tun! Mose verweigerte das, was die Natur gewählt hätte – den Palast, den Thron und die Krone Ägyptens; er wählte das, was die Natur verworfen hätte, nämlich in Gemeinschaft zu sein mit Sklaven, die Ziegelsteine brannten. Er sah, dass gerade diese Menschen Gottes Volk waren, und das machte den ganzen Unterschied aus.

Wie sehr benötigen wir diesen Mut, um die Welt in allen ihren Formen und Gestalten zu abzulehnen und uns in die Gemeinschaft mit einer kleinen Anzahl solcher zu begeben, die den Herrn lieben und mit Ihm vereint sind.

Es gibt kaum etwas Schwierigeres, als mit den alten Dingen zu brechen, mit denen jeder andere durchs Leben zieht, denn die Macht der Gewohnheit ist groß und man braucht Mut, sich davon loszureißen. Die jüdischen Gläubigen nun, an die Petrus seinen zweiten Brief schrieb, hatten sich getrennt von ihrer Religion, ihrem Tempel, ihren Ordnungen, ihren Regeln – von allem, was ihre Vorväter und ihre Nation festgehalten hatten – und waren einfach zu Jesus gekommen, außerhalb des Lagers. Sie brauchten nun Ermunterung in ihrem Platz außerhalb des Lagers, der voller Spott und Verachtung war. Petrus gibt ihnen diese Ermunterung in reichlicher Weise.

Wenn wir diese Entschiedenheit, diesen Mut und diese Energie nicht in unseren Seelen aufrechterhalten, werden wir früher oder später in die Dinge zurückfallen, die wir einst aufgegeben haben!

Alle Verheißungen sind entweder mit diesem Leben oder mit der Herrlichkeit, in der wir bald sein werden, verbunden. Die Verheißungen verbinden uns mit Christus in der Absicht, dass wir „Teilhaber der göttlichen Natur“ werden, „dem Verderben entflohen, das in der Welt ist durch die Begierde“ (V. 4). Wir werden zu Teilhabern der göttlichen Natur durch die Bekehrung, indem wir wiedergeboren werden. Jedoch zeigt uns Petrus hier das Ergebnis, das entsteht, wenn man geschmeckt hat, wer der Herr ist, und wenn man mit Ihm wandelt. Er macht uns zu Teilhabern an der göttlichen Natur in sittlicher Hinsicht, d.h., dass wir in eine Atmosphäre, einen Zustand, gebracht werden, der passend ist für Gott und wir Ihm mehr und mehr ähnlich, und als Ergebnis davon, geistlich werden. Die Seele wird in dem Empfinden darüber, wer Er ist, erhoben. Zunächst erhalten wir die Fähigkeit, Gott zu genießen, d. h., uns in Ihm zu erfreuen, und wenn wir dann mit Ihm wandeln, vertieft sich diese Freude immer mehr.

Je mehr wir in die Worte und Dinge betreffs unseres Herrn Jesus Christus eindringen, d. h., sie verinnerlichen, desto mehr werden wir Teilhaber dieser göttlichen Natur, in einer moralischen, sittlichen Weise. Wenn wir mit dem Herrn leben, wird dies das Ergebnis sein, und wir werden der Verdorbenheit entfliehen, die durch die Begierde in dieser Welt ist. Begierde ist der Eigenwille des Menschen. Der Apostel spricht hier von einem solchen Zustand, aber auch von dem Wandel eines Gläubigen, der eben diesem Zustand entflieht. Jeden Gedanken im Herzen bringen wir unter den Gehorsam des Christus; wir werden von unserem eigenen Willen befreit. Wir werden auch nicht mehr fortgerissen von den Vorstellungen unseres eigenen Herzens. Wir „atmen“ sozusagen die heilige, reine Atmosphäre der Gegenwart Gottes, eine Atmosphäre, in der die Seele ihre Freude darin findet, den Willen Gottes zu tun. Einst waren wir in der Welt und taten unseren eigenen Willen; jetzt aber sind wir befreit und tun Gottes Willen. Wie schön ist der Gedanke, dass wir einmal nach Hause gehen in die Herrlichkeit, wo jeder Makel und jede Spur von Sünde weg sein wird! „Aber“, sagt Petrus gewissermaßen „es kann sein, dass wir auf der Erde noch oft mit Sünde in Berührung kommen. Doch wir haben die neue Natur in uns, die sich in Gott erfreut und auch Raum hat, sich zu entfalten, sodass unser Friede zunimmt, unsere Gnade sich vermehrt und wir dem Verderben entfliehen, das durch die Begierde in der Welt ist.“

Paulus lehrt dasselbe: Wenn wir durch den Geist leben, so lasst uns auch durch den Geist wandeln(Gal 5,25). Wenn also jemand in dem Geist lebt, wird er wie Christus wandeln! Jeder Gedanke im Herzen Christi war auf Gott gerichtet. Was wird es sein, wenn auch bei uns einmal jeder Gedanke, jede Regung unseres Herzens auf Gott gerichtet sein werden? Wenn wir in der Herrlichkeit sind, werden wir diese Atmosphäre in vollkommener Weise genießen, die sich unsere Seelen so sehr wünschen, und wir werden frei darin sein, ohne wachsame Gedanken oder zitternde Furcht haben zu müssen, ohne dass irgendein Philister oder Amalekiter als Gefahr des Fleisches dazwischenkommt. „Nun“, sagt Petrus, „ihr könnt davon schon hier unten etwas kennen.“ Und so gibt er ihnen das, was ihre Herzen erfrischt und ermuntert.

„So wendet ebendeshalb aber auch allen Fleiß an, und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit, in der Enthaltsamkeit aber das Ausharren, in dem Ausharren aber die Gottseligkeit, in der Gottseligkeit aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe“ (V. 5–7). Der Apostel wendet sich jetzt in Vers 5 der praktischen Seite der Gläubigen zu. Nachdem er ihnen etwas zum Trost und zur Erfrischung ihrer Herzen gegeben hat, sagt er jetzt, dass das nicht alles ist, er lenkt den Blick auf ihren praktischen Zustand. „So wendet ebendeshalb aber auch allen Fleiß an und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis.“ Er wusste, wie einfach es ist, träge zu werden, und so ermahnt er sie, allen Fleiß anzuwenden. Die Tugend ist die Energie und der Mut, die wohl weiß, bestimmte Dinge abzulehnen und bestimmte Dinge zu wählen, so wie Mose es tat, der sich „weigerte ein Sohn der Tochter des Pharao zu heißen und lieber wählte mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben“ (Heb 11,25). Und so lesen wir „reicht in eurem Glauben die Tugend dar“, d. h. nicht, dass wir zusätzlich Tugend brauchen, sondern dass unser Glaube dadurch charakterisiert sein soll. Wir haben den Glauben, der uns mit Gott verbindet, und wir glauben an etwas, wenngleich wir es auch nicht sehen. Doch jetzt müssen wir die Tugend in unserem Glaubensleben zeigen, d. h. diesen Mut, der „Nein“ sagt zu den tausend Dingen, die Tag für Tag aufkommen und dann auch unbeirrt weitergehen auf dem Weg, der noch vor uns liegt.

Vers 5 sollte eigentlich heißen: „Aus diesem Grund wendet auch allen Fleiß an, in dem Glauben habt auch Tugend, in der Tugend Erkenntnis“ und so weiter. Alle diese genannten Eigenschaften dieser einen vollkommenen Sache, (nämlich des Glaubens, der ja zuerst genannt ist), zu haben, ist hier der Gedanke. Wir sind vollkommen, wenn es uns an keiner dieser Eigenschaften mangelt. Jemand mag uns einen Apfel zum Probieren geben, weil wir vielleicht gute Beurteiler des Apfelgeschmacks sind. Wir probieren ihn und sagen, dass er sehr gut sei, es ihm jedoch an Süßigkeit fehle. Und so sagen wir vielleicht von einem Gläubigen: „Er ist ein guter Christ, jedoch mangelt es ihm an Enthaltsamkeit.“ Wir sehen also in dieser Stelle, dass die göttliche Natur in allen ihren Eigenschaften in dem Christen zum Vorschein kommen soll.

Wir sind hier gelassen, um Christus darzustellen, um das widerzuspiegeln, was Er war. Wir könnten dies niemals tun, ohne dass wir Teilhaber der göttlichen Natur wären. Aus Gott geboren, empfangen wir Christus. Dann soll sich das Leben Christi zeigen, alle diese oben genannten Eigenschaften des neuen Lebens sollen sich zeigen, nicht ein Charakterzug Christi soll fehlen. Wir sollen ein Brief Christi sein, gekannt und gelesen von allen Menschen (2. Kor 3,3). In unserem Glauben sollen wir Tugend usw. haben. Diese Eigenschaften sollen in uns Bestand haben. Es soll die ganze „Bandbreite“ vorhanden sein, nichts soll fehlen, alle diese Gnaden sollen vorhanden sein und sich zeigen. Sicherlich empfinden wir nun, wie wenig wir ein solches Leben bisher gelebt haben, ja dieses göttliche Leben wirklich leben.

Vielleicht kennen wir jemand, der diese Energie, jene Tugend hat, dabei aber z. B. ein wenig grob ist. Darum sagt Petrus, dass etwas anderes ebenfalls nötig sei, damit die Grobheit sich nicht zeigt. Wir sollen der Tugend Erkenntnis hinzufügen. Es ist eine Erkenntnis, die sich von Gott, von den Wegen und der Gesinnung Gottes ausgehend, zeigt, und die Gott wohlgefällig ist. Eine rein menschliche Erkenntnis bläht nur auf, dies hier aber ist eine Erkenntnis, die demütigt.

Ein Mensch, kann Gott nicht erkennen, ohne dass er in Gemeinschaft mit Ihm ist. Und jemand, der nahe bei Gott ist, wird stets liebevoll und zärtlich im Verhalten sein, obwohl er möglicherweise Energie zum Weitergehen hat. Wir benötigen unbedingt die Gnade des Herrn für die rechte Ausgewogenheit!

„In der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit.“ Es ist nicht nur eine äußerliche Selbstbeherrschung, sondern eine innerliche Pflege der Seele, die uns Tag für Tag Selbstbeherrschung gibt und uns unter Kontrolle hält. Eins ist klar: Wenn wir uns selbst nicht beherrschen können, können wir auch niemand anderes aufrecht oder in Ordnung erhalten. Die Enthaltsamkeit ist eine ruhige Ernsthaftigkeit des Geistes, die in allen Umständen dieselbe ist. Sie ist wie Christus: niemals missmutig gestimmt aufgrund von Versuchungen oder irgendetwas anderem, das uns reizt.

„In der Enthaltsamkeit aber das Ausharren.“ Die Enthaltsamkeit wird mich davor bewahren, etwas zu tun oder zu sagen, das einen anderen verletzen könnte, und Ausharren (oder Geduld) wird mich vor einer aufgebrachten Reaktion bewahren, wenn jemand anderes etwas tut oder sagt, das mich eventuell verletzen könnte. Die Enthaltsamkeit ist mehr aktiv, das Ausharren ist eher passiv. Wenn wir nicht erkennen, was das bedeutet, werden wir nicht begreifen, wie wir die Gesinnung Gottes verwirklichen können. Wenn wir keine Enthaltsamkeit haben, können wir sicher sein, dass wir jemand anderes verletzen, und wenn wir keine Geduld haben, werden wir verärgert sein durch das, was jemand anderes uns eventuell antut.

„In dem Ausharren aber die Gottseligkeit“ – d. h., Gott ähnlicher zu werden. Wenn wir so über diese Erde gehen und die göttliche Natur besitzen, sollen wir darauf achten, diese zu zeigen, sie darzustellen! „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist.“ Wenn wir in Gemeinschaft mit Gott bleiben, werden wir eine gottähnliche Person sein, denn wir alle stellen dar, mit wem oder was wir Gemeinschaft pflegen. Es zeigt sich in tausend Einzelheiten des täglichen Lebens.

Als nächstes finden wir die Bruderliebe und die Liebe. Zwei Dinge, die ähnlich erscheinen mögen, aber doch unterschiedlich sind. Bruderliebe ist eine Sache, die rein menschlich sein, die vergehen und verschwinden kann, denn Bruderliebe ist möglicherweise nur an solche Menschen gerichtet, die liebenswert sind, ja sie kann parteiisch sein. Wenn wir aber die Liebe betrachten, so ist diese unparteiisch und unfehlbar – sie ist göttlich. „Die Liebe vergeht niemals.“ (1. Kor 13,8). In 1. Korinther 13 finden wir acht Dinge, die die Liebe tut, und acht Dinge, die die Liebe nicht tut – und sie vergeht niemals. Es ist genau diese unvergängliche Liebe, die unsere Seelen bei dem Gang durch diese Welt, in der alles gegen uns ist, benötigen.

Angenommen, jemand weist mich zurück und empfindet meine Bemühungen nur als Einmischung oder Störung. Die Bruderliebe mag nun sagen: „Ich werde nicht mehr zu ihm gehen“, aber Liebe ist eine göttliche Sache und sagt: „Ich denke an den Segen, an das Gute in der Sache und an die Ehre Gottes in Verbindung damit, und so werde ich wieder hingehen und schauen, ob ich nicht vielleicht doch helfen kann.“

Die Liebe nimmt das Böse nicht leichtfertig hin, sondern sucht das wahrhaft Gute des Gegenübers.

Wir haben eine vollkommene Anleitung, anhand derer wir lernen können, ob wir die Kinder Gottes wirklich lieben, in 1. Joh 5,2: Hieran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.“ Wenn wir den Vater lieben, dann lieben wir auch seine Kinder. Wenn wir Ihn selbst lieben, lieben wir auch sein Volk in derselben Weise. Wir werden den Segen des anderen suchen und stets versuchen, Gottes Gesinnung darin ähnlich zu sein. Wir sollen als solche handeln, die direkt von Gott ausgehen, abhängig von Ihm und gehorsam; wir wollen in Gnade hingehen und versuchen, einer Person zu helfen, wie auch immer ihr Zustand sein mag. Der Herr möge uns helfen, durch diese Worte einen Nutzen zu haben und danach zu streben, diese lieblichen, sittlichen Eigenschaften in unserem Glauben zu haben, denn es wird viele schöne Ergebnisse hervorbringen.

Wenn wir diese verschiedenen Eigenschaften nicht ausleben, können wir sicher sein, dass wir Rückschritte machen, denn es gibt keinen Stillstand im Glaubensleben. Wenn wir keine Fortschritte machen, machen wir Rückschritte. Denn wer hat, dem wird gegeben werden... wer aber nicht hat, von dem wird selbst das was er hat, weggenommen werden(Mt 13,12). Wenn wir nicht diesen Wunsch haben, weiter mit dem Herrn voranzugehen, was dann? Dann gibt es nur ein Zurückkehren zu den Dingen, von denen uns der Herr zuvor weggerufen hatte. Der Herr möge uns den Fleiß ins Herz schenken, um diese Eigenschaften in unserem Glaubensleben zu zeigen und in der Erkenntnis seiner selbst zuzunehmen.

„Denn wenn diese Dinge bei euch vorhanden sind und zunehmen, so stellen sie euch nicht träge noch fruchtleer hin in Bezug auf die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus“ (V. 8). Der Apostel erwähnt die acht Eigenschaften, die er in den Versen 5–7 aufgezählt hat, so häufig, dass deren Bedeutung und Wichtigkeit kaum überbetont werden können. Er zeigt nun die Ergebnisse davon auf, wenn man diese Eigenschaften besitzt, oder eben nicht.

Das Ziel jedes Handelns Gottes mit unserer Seele ist, dass wir Christus besser kennen. Wenn also ein Christ sich beständig in den Eigenschaften dieser drei Verse übt, so wird man in ihm ein Abbild von Christus finden. Petrus hatte daher das Empfinden, dass alles, was einen Gläubigen nicht zu einer tieferen Erkenntnis Christi führt, bloßer Verlust ist.

Das, was uns näher zu Christus bringt, bewirkt einerseits, dass wir empfinden, wie weit wir noch davon entfernt sind, Christus gleich zu sein, aber es zieht uns gleichzeitig weg von der Welt, sodass wir in sittlicher und moralischer Weise für unseren Weg durch diese Welt gerüstet sind.

Viele Gläubige haben das Empfinden, dass sie passend gemacht sind für den Himmel, aber nicht für die Erde, weil sie sich nicht genug bei dem Herrn aufhalten, um den verschiedenen Umständen in dieser Welt gegenübertreten zu können. Wir empfinden unser Unvermögen und unsere Torheit und dass wir als Zeugen für Christus versagt haben. So werden wir nur dann, wenn wir Christus besser kennen, passend sein, um durch diese Welt zu gehen.

„Denn bei welchem diese Dinge nicht vorhanden sind, der ist blind, kurzsichtig und hat die Reinigung von seinen früheren Sünden vergessen“ (V. 9). Vielleicht sind wir geneigt, zu denken, dass hier die Rede von einem Ungläubigen ist, oder von jemand, der rückfällig geworden ist. Aber nein! Es ist jemand, der sich seines ewigen Heils durchaus sicher ist. „Aber er ist blind“, mag jemand einwenden. Das ist durchaus wahr, denn wenn die Dinge des Herrn vor ihn gestellt werden, so sieht er sie nicht, und er hat auch vergessen, dass er von seinen früheren Sünden gereinigt worden ist. Hat er vergessen, dass seine alten Sünden von ihm weggereinigt worden sind? Nein! Er hat vergessen, dass er gereinigt worden ist von seinen alten Sünden, d. h. von seinen Gewohnheiten und seinem Lebensstil vor seiner Bekehrung und so hat er sich diesen jetzt wieder zugewandt. Er ist zurück in die Welt gegangen und hat komplett das Empfinden dafür verloren, was Christsein bedeutet, nämlich dass es eine himmlische Sache ist, und die Berufung des Christen, die Berufung einer himmlischen Person. Er ist gefallen und hat die Dinge aus den Augen verloren, zu denen uns der Herr berufen hat. Es ist ein Fall in Richtung der Welt, ihrer Wege, ihrer Prinzipien und ihrer Religion. Die ganze Wahrheit wurde losgelassen. Schritt für Schritt wurde der Maßstab verringert, bis der Fall so tief war, dass der Herr die Seele auf eine überraschende, ja alarmierende Weise erwecken muss.

„Darum, Brüder, befleißigt euch umso mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen; denn wenn ihr diese Dinge tut, so werdet ihr niemals straucheln. Denn so wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ (V. 10.11). Hier gibt der Apostel noch einmal die ernste Ermahnung „befleißigt euch“ und es ist eine Sache, die wir unbedingt brauchen, diesen heiligen Fleiß der Seele aufrecht zu erhalten, mit der Absicht im Herzen, das zu tun, wozu uns der Herr berufen hat. Sicher dachte Petrus hierbei auch wieder an den ernsten Fall, den er selber erlebt hatte.

„Aber“, mögen wir vielleicht sagen, „wie können wir unsere Berufung und Erwählung festmachen?“ Wer hat uns berufen? Unser Vater. Wer hat uns erwählt? Unser Vater. Dies hat zunächst noch nichts mit anderen Menschen zu tun. Mit wem aber sollen wir ganz persönlich unsere Berufung und Erwählung fest machen, etwa mit dem, der uns berufen hat? Keineswegs, sondern mit uns selbst und mit solchen Menschen, die uns umgeben, d. h. mit jedem, der sagen könnte: „Bist du eine berufene Person? Du siehst kein bisschen danach aus. Du bist eine erwählte Person? Keiner würde das denken.“ Wir sollen es vor jedem Menschen erkennbar werden lassen, dass wir von Gott berufen sind. Unsere Berufung und Erwählung fest zu machen bedeutet also, dass wir uns dessen bewusst werden, dass wir das ewige Leben besitzen, so wie Johannes es darstellt, und dasselbe genießen. Paulus nennt dies „...das wirkliche Leben ergreifen(1. Tim 6,19). Wir können also unsere Berufung und Erwählung fest machen, indem wir die Dinge tun, die Petrus hier erwähnt, und so werden wir niemals straucheln oder fallen, wie es Petrus (einmal, ja sogar ein zweites Mal), passierte. Wir werden einen reichen Eingang haben in das ewig währende Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.

„Denn so wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ (V. 11). Dies ist noch weit mehr, als dass nur unsere Seelen aufrechterhalten und von dem Herrn bewahrt werden und wir nicht straucheln, denn es gab so manchen Fall in der Geschichte eines Kindes Gottes, den allein Gott in seinem Herzen kennt.

Aber ist es nicht etwas Wunderbares, wenn der Weg eines Kindes Gottes vom Tag seiner Bekehrung an, bis der Herrn es heimholte, nie ein Schritt zurück ging, es kein Straucheln gab, sondern von Anfang bis Ende ein Weg völliger Hingabe offenbar wurde? Hier finden wir keine Erwähnung von Vergebung oder Versöhnung, jedoch kehrt Petrus zu seinem großen Thema, den Regierungswegen Gottes, zurück und sagt, dass wenn jemand diese Dinge tut und darin zunimmt, er nicht nur vor dem Straucheln bewahrt, sondern auch einen wunderbaren, „reichen“ Eingang in das Reich haben wird. Petrus denkt hier an den Ort, an das Teil und die Belohnung, die der Gläubige Gottes in dem kommenden Reich des Herrn hat. Denn obwohl die Gnade Gottes jedem von uns denselben Platz in der himmlischen Herrlichkeit geben wird, so gibt es doch auch das Königreich und einen Platz im Reich, als eine Belohnung für den Dienst, der auf der Erde getan worden ist. Die Gnade gibt uns also einen gemeinsamen Platz in der himmlischen Herrlichkeit, aber die Regierung Gottes gibt uns einen jeweils unterschiedlichen, gerechten und konsequenterweise ungleichen Platz in dem Reich des Herrn Jesus Christus, unserem jeweiligen Dienst entsprechend.

Es ist eine Frage des Lohns, den der Gläubige einst von dem Herrn bekommen wird. Es ist wie mit zwei Schiffen, die abfahren, um denselben Hafen in der Ferne zu erreichen und auf dem Weg dieselben Stürme durchfahren. Das eine Schiff wird schwer beschädigt, ist schlecht bemannt, schlecht kommandiert und obwohl es den Hafen erreicht, ist die Ladung verloren, die Segel sind zerrissen und die Masten weggeblasen – ein herrenloses Wrack – von einem Dampfer in den rettenden Hafen gezogen. Das andere Schiff aber erreicht den Hafen mit allen Segeln und wehenden Fahnen, alles geordnet und mit sicherer Ladung.

Petrus sagt also, dass, wenn wir diese Dinge nicht in Erinnerung halten, wir vom Weg abkommen und es am Ende ein Empfinden von Verlust geben wird. Es kommt ein Augenblick, an dem die Seele zutiefst empfinden wird: „Wäre ich doch nur mehr Christus hingegeben gewesen, anstatt weltlich zu sein, kalt, oberflächlich und halbherzig!“ Damit seine Schafe gerade davor bewahrt bleiben, spricht Petrus diese beschützende Warnung aus.

„Deshalb will ich Sorge tragen, euch immer an diese Dinge zu erinnern, obwohl ihr sie wisst und in der gegenwärtigen Wahrheit befestigt seid. Ich halte es aber für recht, solange ich in dieser Hütte bin, euch durch Erinnerung aufzuwecken, da ich weiß, dass das Ablegen meiner Hütte bald geschieht, wie auch unser Herr Jesus Christus mir kundgetan hat“ (V. 12–14). Manchmal mögen wir es vielleicht nicht für wert erachten, dieselben Dinge immer wieder und wieder zu erwägen; nicht so Petrus. Denn wenn unsere Herzen an diese Dinge erinnert werden – Gott sei Dank! – wird es für uns eine gesegnete Frucht in den kommenden Tagen sein. Benötigen wir nicht auch Erweckung? Ja, auch das brauchen wir neben der Erinnerung, denn Satan tut alles, um unsere Seelen zu ermüden und zu beschweren. Der Herr möge uns dahin führen, wachsam und bezüglich der List des Feindes mehr auf der Hut zu sein.

„Ich will mich aber befleißigen, dass ihr auch zu jeder Zeit nach meinem Abschied imstande seid, euch diese Dinge ins Gedächtnis zu rufen“ (V. 15). Wie anhaltend und beständig ist Petrus doch in dieser Sache! „...diese Dinge ins Gedächtnis zu rufen“. „Diese Dinge“ – davon spricht er fünfmal. Wir können den Wert und die Bedeutung der „Dinge“ aus den Versen 5–7, auf die der Apostel fünfmal Bezug nimmt, gar nicht genug betonen! Der Herr möge es schenken, dass wir sie immer in Erinnerung haben, ja dass sie in unsere Herzen eingraviert sind. Petrus wusste, dass es keine apostolische Nachfolge geben würde, niemand würde da sein, der sein Werk nach seinem Tod fortführen würde. Daher hinterließ er den Gläubigen in seinem Brief das, was ihnen stets zum Segen und zur Hilfe für ihre Seelen sein würde.

Durch alle Zeiten hindurch hat das Volk Gottes in besonderer Weise an den Briefen des Petrus festgehalten. Warum? Ich denke deshalb, weil die Inhalte der Briefe uns genau dort begegnen, wo wir in der Welt stehen und uns in wunderbarer Weise Christus vorstellen, der zu uns kommt und uns das gibt, was wir in dieser Welt brauchen. Wir sehen Satan als den brüllenden Löwen im ersten Brief und als Schlange im Gras im zweiten Brief, und wir finden in den Briefen das, was beiden Fällen entgegen gehalten werden kann und was uns vor seinen Angriffen bewahrt.

„Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus nicht kundgetan, indem wir ausgeklügelten Fabeln folgten, sondern als solche, die Augenzeugen seiner herrlichen Größe geworden sind. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als von der prachtvollen Herrlichkeit eine solche Stimme an ihn erging: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Und diese Stimme hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren“ (V. 16–18). Die Vorstellung der Juden war ein Königreich des Messias in Macht, Herrlichkeit und Majestät, in dem alle Feinde ausgetrieben waren. Jedoch kam der Herr nicht in dieser Weise, und so verwarfen sie Ihn. Aus ihrer Sicht war Er nun tot und begraben und nicht in der Herrlichkeit aufgenommen. Aber, sagt Petrus, wir haben das Königreich des Herrn gesehen und waren „Augenzeugen seiner herrlichen Größe“.

Die Szene, auf die Petrus hier Bezug nimmt, wird in Matthäus 17, Markus 9 und Lukas 9 erwähnt. In diesen Kapiteln hatte der Herr seinen Jüngern die Wahrheit vorgestellt, dass Er verworfen werden würde. „Ich werde leiden und verworfen werden“, sagte Er „und derjenige, der mir folgt, muss dasselbe erwarten.“ Aber Er wird zurückkommen in dreifacher Herrlichkeit, in seiner Herrlichkeit als Sohn Gottes, die Er von Ewigkeit an hatte, in seiner Herrlichkeit als der Messias, der König der Juden und in seiner Herrlichkeit als Sohn des Menschen, so wie es in Psalm 8 dargestellt ist. Nachdem Er seinen Jüngern von seiner Verwerfung erzählt hatte, sagte Er: „Es sind einige von denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie den Sohn des Menschen haben kommen sehen in seinem Reich“ (Mt 16,28), und so zeigte Er den Jüngern auf dem Berg der Verklärung ein kleines Bild des Reiches. Auf diese Darstellung nimmt Petrus hier in seinem Brief Bezug. Er hatte dieses wunderbare Bild von dem Messias, Mose dem Gesetzgeber und Elia dem Reformator auf dem Berg gesehen, und sein Herz war davon erfüllt gewesen. Er wollte diese Szene damals bewahren. Das war sein Gedanke, aber er brachte den Messias auf dieselbe Stufe mit Mose und Elia und dies konnte Gott nicht zulassen. Deshalb kam die Stimme, wie Petrus sagt, „...von der prachtvollen Herrlichkeit... Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Es ist zu bemerken, dass Gott in dem Evangelium die Worte hinzufügte „ihn hört.“ Damals hatte Petrus diese Worte nötig, als er seinen Meister erniedrigte, während er Mose und Elia erhöhte. Jedoch lernte Petrus daraus, und so lässt er hier diese Worte weg, als er den Vater zitiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Petrus die Wahrheit gelernt. auf keine andere Stimme als auf die Stimme Jesu zu hören.

Petrus lernte etwas von der Herrlichkeit der Person des Sohnes und ebenso wurde er in die himmlische als auch die irdische Seite des Königreiches eingeführt. Mose und Elia stellen die himmlische Seite dar; Mose war gestorben und Elia war, ohne durch den Tod zu gehen, aufgefahren. Genauso wird es sein, wenn der Herr für sein Volk kommt. Er wird diejenigen auferwecken, die gestorben sind, so wie Mose, und Er wird diejenigen die leben aufnehmen, ohne dass sie durch den Tod gehen werden, so wie Elia. Petrus, Jakobus und Johannes sind ein Bild jener Gläubigen auf der Erde, die, obwohl sie die Herrlichkeit Christi sehen, dennoch durch die gesamte Zeit des 1000-jährigen Reiches hindurch auf der Erde sein werden.

Petrus hatte also dieses Bild des kommenden Reiches gesehen, und in wunderbarer Weise festigt er jetzt den Glauben der jüdischen Gläubigen, indem er ihre Gedanken auf jenes Ereignis richtet.

„Und so besitzen wir das prophetische Wort umso fester, auf das zu achten ihr wohltut, als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ (V. 19). Prophetie bezieht sich immer auf die Erde. Das zukünftige Handeln Gottes mit der Erde wird hier beschrieben, wenn Er all das was gottlos ist, hinwegtun und für die Herrschaft des Herrn Jesus Christus zubereiten wird. Die Versammlung jedoch, als eine himmlische Sache, gehört in keiner Weise zu der Erde und so sagt Petrus, dass wir „wohltun, wenn wir auf das prophetische Wort achten“, denn dann werden wir sehen, dass die Welt, durch die wir gehen, gerichtet werden wird. Im Licht dieser Erkenntnis werden wir durch die Welt als einem gerichteten Schauplatz gehen, ohne uns mit ihr in irgendeiner Weise zu vermischen.

Was ich in der Schrift finde ist, dass der Herr über die Erde regieren wird. Jedoch wird Er zuerst die Erde zurechtbringen, und so sehe ich, dass ich ohne das prophetische Wort, ohne Prophetie, nicht recht leben kann. Prophetie ist eine sehr gute Sache, denn es wird mir gezeigt, was Gott mit der Erde tun wird, nämlich den ganzen Schauplatz reinigen und passend für Christus machen. Jedoch wäre es ein großer Fehler, lediglich die Prophetie vor unsere Herzen zu stellen, denn Prophetie ist nicht Christus, und nichts reicht für das Herz aus als nur Christus.

Das Alte Testament sprach nicht von dem, wovon Petrus nun redet: „...bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ (V. 19). Ich denke nicht, dass der Apostel hier meint, bis Christus als die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht mit Heilung in ihren Flügeln(Mal 3,20), wie Maleachi es sagte. Jene Worte aus Maleachi beziehen sich auf den Tag des Herrn, nicht auf das Evangelium, wie viele es meinen und predigen. Der Tag ist noch nicht gekommen, aber, fragen wir uns, ist dieser Tag nicht schon in unseren Herzen „angebrochen“? Gehören wir nicht gerade zu diesem Tag? Ja, natürlich tun wir das, wenn wir Christen sind. Der Tag ist in unseren Herzen angebrochen, und in Verbindung damit der Morgenstern, Christus selbst, der Gegenstand der Hoffnung des Gläubigen in der himmlischen Herrlichkeit. Es ist so, als ob Petrus sagen würde, dass Prophetie schön und gut sei, jedoch ist es der Herr selbst, der kommt. Das ist es, was unsere Herzen erfüllt. Er ist „die Wurzel und das Geschlecht Davids“ für den Juden. Er ist der „glänzende Morgenstern“ für unsere Herzen (Off 22,16). Wie Gott es dem Überwinder in Thyatira sagt: Und ich werde ihm den Morgenstern geben.(Off 2,28), das heißt, dem Überwinder ist das Teil der himmlischen Freude mit Christus sicher, schon bevor das 1000-jährige Reich anbricht. Dies ist es, wonach wir uns jetzt sehnen. Der Tag ist in unseren Herzen angebrochen, wir wissen, dass unser Teil mit Christus dort im Himmel ist, und wir wissen, dass, bevor Er zum Gericht über die Erde kommt, Er für uns kommen wird, damit wir auf ewig bei Ihm sind. Wir erwarten kein einziges Ereignis mehr vor dem Kommen des Herrn für uns; wir warten auf nichts anderes, als auf den Morgenstern – das Kommen des Herrn. Er wird für sein Volk kommen und dies sollte sozusagen der Morgenstern für das Leben des Gläubigen sein.

„Indem ihr dies zuerst wisst, dass keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung ist. Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht, sondern heilige Menschen Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist“ (V. 20.21). Wir dürfen die Schrift nicht einschränken. Der Wert der Schrift liegt darin, dass alles mit Christus verbunden ist, und die Prophetie wäre nicht vollständig, wenn nicht alles mit Christus, seinem kommenden Reich und seiner kommenden Herrlichkeit in Verbindung gebracht würde. Solche, die auf die Erfüllung der Prophetie warten, bevor der Herr für uns kommt, verpassen die Freude des Wartens auf Christus. Sie mögen vielleicht meinen, einen Zusammenhang zwischen der Prophetie und so manchem Ereignis, das an uns vorüberzieht, zu erkennen, aber sie kennen nichts davon, was es bedeutet, auf den glänzenden Morgenstern zu warten.

Wenn der Herr uns aus diesem Schauplatz herausgenommen haben wird, was wird dann geschehen? Jede Prophezeiung der Schrift wird sich erfüllen, und wenn Er seinen rechtmäßigen Platz erhält, werden wir an seiner Seite sein, also mit Ihm über diese Erde, wo Er einst für uns starb, wo sein kostbares Blut für uns vergossen wurde, regieren. Welche gesegnete Tatsache, Ihn schon jetzt zu kennen und Ihm jetzt, auf diesem Schauplatz der Verwerfung, treu zu sein. Wir wissen, dass die Zeit bald kommt, in der Er seinen rechtmäßigen Platz auf dieser Erde haben wird. Aber bevor dieser Tag kommt, wird Er für uns gekommen sein und wird uns aufgenommen haben, damit wir bei Ihm selbst in dem Haus des Vaters sind. Das ist es, wonach wir Ausschau halten und daher sage ich, dass unser Teil das Beste ist, denn Prophetie ist zwar gut, aber Christus selbst ist besser, und Christus selbst ist unser Teil.

Der Herr möge es geben, dass wir auf Ihn warten und Ausschau halten nach Ihm, der der glänzende Morgenstern ist!

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