Die Briefe des Petrus

1. Petrus 2

Die Briefe des Petrus

Die letzten Verse von Kapitel 1 haben uns gezeigt, daß die neue Geburt, die bei jedem Gläubigen stattgefunden hat, eine reinigende Wirkung hat. Deshalb setzt es der erste Vers von Kapitel 2 als selbstverständlich voraus, daß wir die häßlichen Züge, die die Natur des Fleisches in uns sind, ablegen. Von den genannten Dingen betreffen Bosheit, Neid und übles Nachreden hauptsächlich die Beziehungen zu unseren Mitgeschwistern. Petrus erwähnt sie besonders, weil er uns eine Wahrheit vorstellen will, die den Gläubigen in inniger Beziehung zu all seinen Mitgläubigen als einen Stein in einem geistlichen Haus zeigt, und als jemanden, der zu einer priesterlichen Familie gehört. In solchen Beziehungen kann sich nichts gut entwickeln, bevor diese üblen Dinge abgelegt sind.

Allerdings genügt es nicht, Böses abzulegen, wir müssen uns mit Gutem befassen. Wir müssen das Gute nicht nur äußerlich anziehen oder uns damit schmücken, sondern es innerlich als geistliche Nahrung aufnehmen. Es gibt „die unverfälschte Milch des Wortes“, die für das neugeborene Kindlein so passend ist, und wir sollten ernstlich danach verlangen. Wenn wir uns von dem Wort nähren, wachsen wir heran. Aber auch dann noch brauchen wir das Wort, denn es ist sowohl Speise für Erwachsene als Milch für die kleinen Kinder, wie Hebräer 5,12–14 uns sagt.

Hier ergibt sich eine sehr klare Antwort auf die oft gestellte Frage: Warum machen manche Christen auffallend gute geistliche Fortschritte und andere fast gar keine? Weil einige tüchtig und regelmäßig gute geistliche Kost zu sich nehmen. Sie nähren sich mit dem Wort, ob als Milch oder als feste Speise. Andere ernähren sich nur karg mit dem Wort und leiden dann an geistlicher Unterernährung. Andere wieder stopfen sich voll mit leichter und törichter Lektüre. Andere ergehen sich in gefühlvollen Liebesgeschichten, vielleicht ein wenig gewürzt mit dem Evangelium, aber solche wachsen natürlich geistlicherweise ebensowenig, wie ein Kind leiblicherweise gedeiht, das nur Süßigkeiten bekommt.

Noch andere greifen zu anspruchsvollerer geistiger Literatur, wobei sie sich Einflüssen des Unglaubens aussetzen. Ihre Fortschritte sind nicht besser als die eines Kindes, das man mit kräftiger Nahrung aufzieht, der aber kleine Mengen Gift beigefügt sind.

Wir brauchen Nahrung für unseren Geist und unser Herz. Laßt uns achthaben, daß es das Wort ist, von dem wir uns ernähren, in dem Bewußtsein, daß es das Wort ist, durch das wir wiedergeboren sind, wenn wir wirklich die Güte Gottes geschmeckt haben – denn diese Unterweisung setzt voraus, daß wir wahrhaftig bekehrt und wirklich zum Herrn gekommen sind.

Und wer und was ist der Herr, zu dem wir gekommen sind? Er ist der „lebendige Stein“. Das ist ein bemerkenswerter Titel unseres Herrn. Er stellt Ihn vor als den, in dem Leben ist, der Mensch wurde und der durch den Tod und die Auferstehung der Eckstein und das Fundament dieses neuen Bauwerks geworden ist, das Gott baut, und zwar aus Menschen, die durch Ihn und in Ihm leben. Er ist der „Eckstein, auserwählt, kostbar“ (V. 6), „das Haupt der Ecke“ (V. 7; siehe Fußnote). Menschen werden als „lebendige Steine“ in dieses lebendige „Haus“ eingefügt, indem sie zu Christus, dem lebendigen Stein, kommen.

Offensichtlich hat der Apostel Petrus nie sein erstes Gespräch mit dem Herrn Jesus vergessen, das uns in Johannes 1 berichtet wird, und in diesen Versen hier spielt er deutlich darauf an. Johannes 1 stellt uns den Herrn Jesus vor als das Wort, in dem Leben war, das Fleisch wurde, damit Er als Mensch als das Lamm Gottes sterben und danach durch Auferstehung mit dem Heiligen Geist taufen könnte (Verse 1.4.14.29.33). Dann bringt Andreas seinen Bruder Simon zu Jesus als dem Christus. Der Herr, der sich all dessen bewußt war, und der wußte, was vor Ihm stand – was auch immer Simon von Ihm wissen oder nicht wissen mochte – nahm augenblicklich von ihm Besitz und änderte seinen Namen in Petrus, was „ein Stein“ bedeutet. Es war, als ob der Herr zu ihm sagte: „Da du im Glauben zu Mir kommst, bist du – auch wenn dein Glaube bis jetzt nicht alles erfaßt hat und unvollständig ist – von der gleichen Natur wie Ich selbst.“

Petrus hat auch das spätere Gespräch, das uns in Matthäus 16 berichtet wird, nicht vergessen. Bei dieser Gelegenheit hatte Petrus den Herrn Jesus als den Sohn des lebendigen Gottes bekannt, was eigentlich bedeutete, Ihn als lebendigen Stein zu bekennen. In Seiner Antwort erinnerte der Herr Simon daran, daß sein wirklicher Name jetzt Petrus – „ein Stein“ – sei, während Er selbst der Fels war; und daß Petrus als Stein nicht allein bleiben würde, sondern mit anderen in die Kirche oder Versammlung hineingebaut werden sollte. Christus nennt die Versammlung Sein eigen – „meine Versammlung“.

Als der Herr diese Worte zu Petrus sprach, war alles noch zukünftig, denn Er sagte: „Ich will bauen.“ Jetzt schrieb Petrus an andere, die auch zu Christus gekommen und dadurch lebendige Steine geworden waren, und er kann über alles als eine gegenwärtige und bestehende Sache sprechen, obwohl sie noch nicht völlig vollendet war. In Vers 5 sagt er: „... werdet auch ihr selbst ... aufgebaut, ein geistliches Haus ...“ Sie waren ein geistliches Haus, aber dieses Haus war noch nicht fertig, denn andere lebendige Steine wurden beständig hinzugefügt.

Nun, ein Haus ist da für den, dem es gehört und der es bewohnt. So werden wir zusammen aufgebaut als eine Wohnung für GOTT; kein materielles Haus von der Art, wie die Juden es gewohnt waren, sondern ein geistliches Haus. Ferner ist Gott da, wo Er wohnt, zu preisen, und so sind wir aufgrund Seines Werkes und Seiner Anordnung befähigt zu einem heiligen Priestertum, „um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesus Christus“. Diese geistlichen Schlachtopfer sollen stets „Opfer des Lobes“ sein, „das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen“ (Heb 13,15).

Jeder wahre Gläubige ist ein lebendiger Stein in diesem Haus und, als zu diesem heiligen Priestertum gehörend, ein Priester.

Hätten wir uns einem der Söhne Aarons genähert und ihn gefragt, wie er denn ein Priester geworden sei, würde er zweifellos geantwortet haben, er wäre das erstens aufgrund seiner Geburt in der priesterlichen Familie, und zweitens wäre er in das priesterliche Amt eingesetzt worden durch die Waschung mit Wasser, das Besprengen mit Blut und die Salbung mit Öl gemäß der Anordnung in 2. Mose 29. Auch wir sind Priester durch Geburt. Da wir aus Gott geboren sind, sind wir Priester Gottes. Auch wir haben die Waschung durch das Wort erfahren (1,22.23). Wir sind durch Blut erlöst worden, durch das kostbare Blut Christi (1,19), und wir haben den Geist empfangen, der durch das Öl vorgebildet wird; obwohl uns dieses besondere Merkmal in der Stelle, die wir betrachten, nicht vorgestellt wird. Wir sind zu Christus gekommen (2,4), und so sind wir Priester, ebenso wie die Söhne Aarons Priester wurden, indem sie Aaron zugehörten und mit ihm in dem priesterlichen Amt verbunden wurden.

Jeder Gläubige heute ist ein Priester. Doch erinnern wir uns, daß es eine Sache ist, ein Priester zu sein, und eine andere, unsere priesterlichen Aufgaben wirklich zu erkennen und auszuüben. Die erste Seite unseres Priestertums ist Gott zugewandt, indem wir Opfer des Lobes darbringen. Sie sind „Gott wohlannehmlich durch Jesus Christus“, denn Er ist der große Hohepriester, wie es der Hebräerbrief so deutlich beschreibt. Alles, was wir darbringen, bringen wir durch Ihn dar. Das allein ist der Grund für die Wohlannehmlichkeit vor Gott, weil Er in Gottes Sicht der auserwählte und kostbare Stein ist, wie Vers 6 zeigt.

Wir dürfen jedoch nie vergessen, daß Er in der Wertschätzung des Menschen durchaus nicht auserwählt und kostbar und erwünscht ist. Ganz im Gegenteil, Er wird abgelehnt und verworfen. Es ist eine Tatsache, daß der Mensch ein ungehorsames Geschöpf geworden ist, woran Vers 7 erinnert. Statt mit den Plänen Gottes übereinzustimmen, wünscht er, seine eigene Pläne durchzusetzen. Statt mit Gottes Haus zufrieden zu sein und damit, daß er berufen ist, als ein lebendiger Stein daran teilzuhaben, möchte er ein eigenes Haus gestalten, das seinen eigenen Ideen entspricht und zu seinem eigenen Ruhm gereicht.

Als der Herr Jesus erschien, versuchten die Menschen, Ihn in ihr Gebäude einzufügen, was ihnen aber mißlang. Hätte Er eingewilligt, mit ihren Ideen übereinzustimmen, dann würden sie Ihm freilich anders begegnet sein. Sie wären sehr erfreut gewesen, wenn Er als einer der ganz Großen dieser Erde die römische Herrschaft unterstützt oder gar weiterentwickelt hätte, oder die griechische Philosophie, oder die jüdische Religion. Nun aber kam Er in Gottes Auftrag, paßte sich ihren Vorstellungen nicht an, vielmehr entlarvte Er ihre Verkehrtheit. Er war ein Stein von solch besonderer Formung, daß es in dem eindrucksvollen Tempel, den der Mensch zu seinem Ruhm errichtet hatte, auch nicht eine einzige Nische gab, in die Er hineingepaßt hätte. Deshalb wurde Er der Stein, „den die Bauleute verworfen haben“, ein „Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“ für die stolzen Menschen, die Ihn ablehnten, während Gott Ihn zum Eckstein in dem göttlichen Bauwerk erhöhte.

Daraus folgt, daß wir, mit Ihm verbunden, Priester Gottes sind und dem Gebäude der Menschen und ihrem Weltsystem ebensowenig angehören wie Er, obwohl uns ein anderer priesterlicher Dienst obliegt, der in einer unmittelbaren Beziehung zu der Welt steht, die wir durchziehen. Wir sind „ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum“, wie Vers 9 es ausdrückt. Wir sind solche, die Gott auserwählt und für sich abgesondert hat. In dem künftigen Zeitalter wird der königliche Wesenszug unseres Priestertums noch deutlicher hervortreten als in gegenwärtiger Zeit, in der wir jedoch berufen sind, Gott zu preisen und Seine Tugenden oder Vortrefflichkeiten in dieser sich gegen Ihn auflehnenden Welt zu verkünden. Das ist unser priesterlicher Dienst vor den Menschen.

Im kommenden Zeitalter werden die Gläubigen die Welt richten, wie 1. Korinther 6,2 uns sagt. Als königliche Priester werden wir dann den Auftrag erfüllen, Seine Gerichtsurteile auszusprechen. Auch heute sind wir königliche Priester und berufen, Seine erhabene Gerechtigkeit in Gnade zu bezeugen, zu verkünden, daß Er Licht und Liebe ist. Wir tun das sogar mehr durch das, was wir sind, als durch das, was wir sagen. Es sind Charakter, Geist und Haltung des königlichen Priesters, die so viel bedeuten.

Vielleicht meinen einige, dies sei eine unmögliche Aufgabe. Nein, sie ist nicht unmöglich. Sie mag schwierig sein, weil wir noch Menschen im Fleisch sind, aber keineswegs unnatürlich, da wir zu einer wiedergeborenen und erlösten Priesterschaft gehören und der Geist in uns wohnt. Sie ist auch deshalb möglich, weil wir selbst Gegenstände der Gnade gewesen sind, die wir jetzt anderen „darstellen“ sollen. Wir sind berufen worden „aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“.

Kannst du dir nicht einen der gläubig gewordenen Juden vorstellen, an die Petrus schrieb, der bei diesem Satz laut gerufen haben könnte: „Finsternis? Aber Petrus, du vergißt, daß wir nie unwissende Heiden waren wie andere!“ Und wir, die wir in einer aufgeklärten, christlich geprägten Zivilisation aufgewachsen sind, mögen dasselbe sagen. „Ich weiß es“, würde der Apostel geantwortet haben, „aber euer Judaismus war trotz allem Finsternis.“ Gott war darin nicht völlig offenbart. Auch wenn das Judentum in seiner ursprünglichen Reinheit gesehen wird, so war es nicht „in dem Licht“ (1. Joh 1,7). Und wie verderbt nimmt es sich bei den Pharisäern aus, überlagert von einem Wust von Überlieferungen und äußeren Bestimmungen. Ja, es war Finsternis.

Alles war Finsternis für uns, ob wir nun aus dem Judentum oder dem Heidentum herausgerufen wurden, oder aus einer verderbten Namenchristenheit; und jetzt sind wir in einem wunderbaren Licht. Wir sind das Volk Gottes und haben Barmherzigkeit empfangen.

Wunderbares Licht! Empfinden wir es so? Die Welt versinkt tiefer und tiefer in Finsternis und Unglauben. Ihre gelehrten Wissenschaftler und Philosophen erfüllen die Luft mit Triumpfgeschrei über ihre Forschungen und Entdeckungen. Doch in Wirklichkeit sind sie gleich Menschen, die nach trügerischen Schatten greifen, und ihre Wissenschaft hüllt sie ein wie ein Nebel. Ihre Entdeckungen befähigen sie, eine Menge kluger und merkwürdiger Dinge in der Welt auszurichten, aber kein Lichtstrahl leuchtet in ihnen bezüglich der Dinge, die über das Grab hinausreichen. Aber wir sind hier in dem Licht der völligen Offenbarung Gottes im Angesicht Christi, im Licht Seiner Gnade, Seiner Ratschlüsse, Seiner Herrlichkeit. Studieren wir diese Dinge, um mehr und mehr Einsicht zu gewinnen und dadurch in uns selbst licht und klar zu werden?

In einer sternklaren Nacht bei Vollmond erfreuen wir uns am Anblick unseres Satelliten, wenn er im Licht der Sonne leuchtet. Wie wunderbar muß das Sonnenlicht sein, das einem dunklen Himmelskörper einen solch strahlenden Glanz verleiht! Nun, die Welt liegt noch im Dunkel, denn sie wendet Gott ihren Rücken zu. Wir sind im Licht Seiner Wahrheit und Gnade – dem Licht der Erkenntnis Seiner selbst. Wie wunderbar dieses Licht ist, läßt sich daran ermessen, daß es finstere und wenig anziehende Menschen, wie wir waren, dazu bringen kann, Seine Vortrefflichkeiten darzustellen, ja, Ihn selbst widerzuspiegeln.

Oh, stünden wir doch mehr in dem unbewölkten Glanz des wunderbaren göttlichen Lichts!

In Vers 11 von Kapitel 2 läßt der Apostel Petrus dieses „wunderbare Licht“ Gottes auf das tägliche Leben der heiligen und königlichen Priester fallen, an die er schreibt und die er hier anspricht als „Fremdlinge und als die ihr ohne Bürgerrecht seid“.

Natürlich waren sie Fremdlinge in den Ländern ihrer Zerstreuung, wie der erste Vers des Briefes es uns sagte, aber darauf spielt er hier nicht an. Jeder Christ ist ein Fremdling und ein Pilger. Dieser Hinweis braucht uns nicht zu überraschen, denn die gleiche Tatsache, durch die wir in eine solche Nähe und ausgezeichnete Beziehung zu Gott gebracht sind, bedeutet zugleich eine dementsprechende Trennung von der Welt. Die Welt steht Gott radikal feindselig gegenüber, und wir können es nicht gleichzeitig mit beiden halten. Das eine schließt das andere aus. Für uns ist es die Beziehung zu Gott und die Gemeinschaft mit Ihm, und damit Fremdlingschaft und ein Pilgerleben in dieser Welt. Die Welt nahm ihren Anfang mit Kain, der „unstet und flüchtig“ (1. Mo 4,12) war. Wir können den Sachverhalt wie folgt skizzieren:

  • Ein Flüchtling ist jemand, der von seinem Zuhause geflohen ist.
  • Ein Umherirrender ist jemand, der kein Zuhause hat.
  • Ein Fremdling ist jemand, der seinem Zuhause fern ist.
  • Ein Pilger ist jemand, der unterwegs ist nach Haus.

Die Gegenwart Gottes ist eigentlich das wahre Zuhause für uns. Wir sind abgetrennt von dem Weltsystem, in dem wir Fremde sind, zurückgelassen für eine Zeit, um die Vortrefflichkeiten Gottes aufzuzeigen. Doch wir wandern nicht ins Ungewisse, denn wir sind auch Pilger, was bedeutet, daß unsere Reise ein Ziel hat, eine höhere Bestimmung, auf die wir ausgerichtet sind.

Die Welt verzehrt sich in fleischlichen „Lüsten“ oder „Begierden“, deren Befriedigung sie folglich preisgegeben wird. Der Christ hat ein anderes Begehren geistlicher Art, das überhaupt nicht dem Fleisch entspringt, und der einzige Weg, es zu fördern, liegt darin, sich der fleischlichen Begierden zu enthalten. Dies ist eine sehr persönliche Sache.

Vers 12 befaßt sich mit unserem Leben im Verhältnis zu anderen. Die Heiden standen natürlich diesen jüdischen Fremden in ihrer Mitte sehr kritisch gegenüber und neigten dazu, sie zu verleumden. Wenn einige von ihnen Christen wurden, mußten sie noch mehr damit rechnen, von ihnen beschuldigt zu werden, wie auch heute Christen sich sehr schnell öffentliche Anklagen zuziehen, wenn sie der Welt nur den geringsten Anlaß dazu geben. Deshalb sollte ihr gesamtes Betragen gerecht und ehrbar sein. Gerade die Juden mochten wegen ihres berüchtigten Gewinnstrebens diese Ermahnung besonders nötig haben. Aber brauchen wir sie nicht durchaus alle? Wenn wir Gerechtigkeit vertreten, werden sogar unsere Widersacher letztlich Gott verherrlichen. Sie mögen das in einer Weise tun, die ihnen selbst Segen einbringt. Sie werden es sicherlich tun, wenn Gott sie durch Gericht heimsucht.

Die Verse 13–17 wenden diese Ermahnung auf einzelne Verhaltensweisen an. Diese zerstreuten Juden-Christen waren möglicherweise versucht, viele der heidnischen Autoritäten, die über ihnen waren, zu verabscheuen, seien es Könige oder Statthalter oder die vielen Verordnungen, Gesetze und Bestimmungen, die erlassen wurden und von denen manche so ganz anders waren, als Gott sie durch Mose geboten hatte und woran ihre Väter und sie sich gewöhnt hatten. Dennoch sollten sie sich unterwerfen. Sie hatten die Regierung als gottgegebene Institution anzuerkennen. Deshalb hatten sie und haben auch wir ihr um des Herrn willen untertan zu sein. Der Christ ist natürlich frei, denn er steht in der Freiheit des Christus. Dennoch darf er seine Freiheit nicht als „Deckmantel der Bosheit“ benutzen – oft in der Form, daß er seine schlechte Laune an anderen ausläßt –, vielmehr soll er seine Freiheit wahrnehmen, um Gott zu dienen, und der Dienst für Gott erfordert Unterwürfigkeit unter die Regierenden, was die Schrift an dieser Stelle ausdrücklich festlegt.

Was „Knechten Gottes“ geziemt, faßt Vers 17 noch einmal kurz und prägnant zusammen: Allen Menschen – Ehre! Der Brüderschaft, das sind alle Gläubigen – Liebe! Unserem Gott – Furcht! Dem König als dem Repräsentanten aller menschlichen Autorität – Ehre! Wenn wir das tun, tun wir den Willen Gottes und bringen unsere törichten Widersacher zum Schweigen.

Nachdem der Apostel so alle Christen zur Unterwürfigkeit ermahnt hat, wendet er sich in Vers 18 im besonderen an die Knechte. Das benutzte Wort bedeutet nicht eigentlich „Sklaven“, sondern „Hausknechte“. Auch sie sollen unterwürfig sein, vor allem ihren Herren, denen sie dienen. Letztere mögen oft Weltmenschen sein und launenhaft. Der Knecht mag folglich vielfach zu Unrecht leiden müssen. Wenn ein Christ selbst Unrecht tut und deshalb zu leiden hat, so ist es noch kein Verdienst für ihn, wenn er dabei Geduld aufbringt. So denkt Gott darüber, obwohl heutzutage die Leute – und sogar Christen – sehr unduldsam sind bei einem geringen Tadel ihrer Fehler. Doch es ist wohlgefällig bei Gott, Leiden für Gutestun „um des Gewissens vor Gott“ willen geduldig zu ertragen. Natürlicherweise ist uns kaum etwas mehr entgegen. Wie entrüsten wir uns, wenn wir Gutes tun und das nur zu Schwierigkeiten für uns führt!

Was kann uns da helfen? Zwei Dinge. Erstens das Beispiel Christi. Zweitens Sein Sühnopfer und dessen Ergebnisse.

Die Verse 21–23 beschreiben ersteres. Niemand tat je Gutes wie der Herr Jesus. Niemand wurde je so falsch beurteilt, geschmäht und verfolgt wie Er. Ferner beging Er keine Sünde, kein Trug fand sich je in Seinem Mund. Es gab in Ihm und Seinem Leben nichts, was den geringsten Tadel gerechtfertigt hätte. Doch litt niemand wie Er, und niemand ertrug je Leiden mit solcher Sanftmut und Vollkommenheit. Er erfüllte das Wort aus Jesaja 53: „Er wurde mißhandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, gleich dem Lamme, welches zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf.“ In alledem war Er ein Beispiel für uns, denn wir sind auf Seinen Weg gerufen, um Seinen Fußstapfen zu folgen. Die Betrachtung Christi in all der Herrlichkeit Seiner Vollkommenheit kann ihre Wirkung auf uns nicht verfehlen, unsere Gedanken und unsere Wege den Seinen ähnlich werden zu lassen. Wenn wir berufen sind zu leiden, werden auch wir uns Ihm, der recht richtet, übergeben, statt zu versuchen, uns selbst zu rächen.

Aber selbst dann sind wir nicht, wie Er war, denn wir haben Sünden, und Er hatte keine. Wir hatten deshalb das Sühnopfer nötig, von dem Vers 24 spricht. Er, der keine Sünde tat, hat „selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen“. Das geht weit über das hinaus, was uns betrifft. Hier können wir Seinen Fußstapfen nicht folgen.

Jeder einzelne Teil dieses wunderbaren Verses verdient unsere genaue sorgfältige Aufmerksamkeit. Er selbst wurde der Sündenträger, und kein anderer. Er trug unsere Sünden! Jesaja 53 hatte gesagt, daß Er unsere Leiden tragen und unsere Schmerzen auf sich laden würde. Ebenso war prophezeit: „Um unserer Übertretungen willen war er verwundet“ und „um unserer Missetaten willen zerschlagen“; und „wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen“, und daß Seine Seele „das Schuldopfer“ stellen würde. Diese Sünden waren unsere Sünden, denn der Vers spricht ausdrücklich von dem Werk Christi, doch nicht in Hinsicht auf Gott, um Ihn zu versöhnen, sondern in Hinsicht auf den Gläubigen, dessen Sünde Christus trug – seine Sünden, nicht etwa die Sünden jedes Menschen.

Außerdem trug Er unsere Sünden an Seinem eigenen Leib! Er wurde unser Stellvertreter. Wir hatten in unserem Leib gesündigt, und Er wurde ein wahrer Mensch, jedoch ohne Sünde, und trug unsere Sünden an Seinem heiligen Leib als einem Sündopfer. Dieses Opfer brachte Er auf dem Holz, denn die Sühnung wurde ausschließlich durch Seinen Tod bewirkt. Er trug unsere Sünden nicht während Seines Lebens, sondern auf dem Kreuz, und durch Seine Striemen werden wir geheilt, wie es Jesaja 53 verkündet hatte.

Da trug Er unsere Sünden, befreite Er uns von den Striemen, die unsere Sünden verdienten, nicht, daß wir in unseren Sünden weitermachen sollten. Vielmehr sollten wir von jetzt ab dem alten Leben der weltlichen Verdorbenheit und den Sünden, die es beherrschten, abgestorben sein und in praktischer Gerechtigkeit leben. Unsere Sünden sind gesühnt worden und unterliegen nicht mehr dem richterlichen Urteilsspruch, damit wir von ihrer Macht freigemacht sind und sie praktisch nicht mehr ausüben.

Es mag hilfreich sein, diesen Vers mit der in Römer 6 dargestellten Wahrheit zu vergleichen. Dort geht es um Sünde – als beherrschende tyrannische Macht – hier um Sünden. Dort sollen wir uns der Sünde für tot halten, Gott aber lebend. Hier sollen wir den Sünden abgestorben sein und der Gerechtigkeit leben. In beiden Fällen ist das Kreuz Christi die Quelle zu allem erneuerten Leben. In Römer 6 nimmt der Gläubige das Vertrauen des Glaubens in seine Erfahrung auf, hier geht es um die praktischen Folgen, die daraus hervorgehen. Der konsequente Gläubige wird gleichsam wie tot aller Sünde gegenüber, an der er früher Gefallen hatte. Jetzt lebt er dem Willen Gottes, und das bedeutet praktische Gerechtigkeit. Und alles beruht auf der Tatsache, daß Christus, der für ihn als Opferlamm starb, jetzt als der Hirte und Aufseher seiner Seele lebt. Wir gingen „in der Irre wie Schafe“ – eine letzte Anspielung auf Jesaja 53 –, aber jetzt haben wir einen lebendigen Hirten, der uns auf Pfaden der Gerechtigkeit leitet um Seines Namens willen.

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