Prophetische Übersicht über die Psalmen

Psalm 120-136

Psalm 120

Die Psalm 120 bis 134 formen die Serie der sogenannten „Stufenlieder“.1 Sie bildeten offenbar ein kleines Liederbuch, welches die Kinder Israel während ihrer Pilgerreise hinauf nach Jerusalem verwendeten. Dies geschah dreimal im Jahr anlässlich der Feierlichkeiten zu Passah, zu Pfingsten und des Laubhüttenfestes (5. Mos 16,16; Ps 122,4). Prophetisch beschreiben sie den Prozess, welchen die Israeliten (insbesondere die zehn Stämme) zu durchlaufen haben werden, wenn sie in ihr Land zurückkehren.2 Zu Beginn von Psalm 120 befinden sich die Stämme Israels noch weit von ihrem Land entfernt. („Ich weile in Mesech“, ein Ort nördlich von Israel; „ich wohne bei den Zelten Kedars“, ein Ort östlich von Israel; Ps 120,5). Doch dann wacht in ihren Herzen der Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Herrn auf. Vertrauen sie diesen Wunsch jedoch denen an, die sie umgeben, erfahren sie lediglich Ablehnung.3 In dieser Not rufen sie zu dem Herrn. Dabei wird ihnen bewusst, dass sie sich an einem Ort befinden, an den sie nicht gehören.

Psalm 121

Während die zehn Stämme Israels noch auf unterschiedlichste Orte dieser Welt zerstreut sind, beginnen sie ihre Augen hinauf auf ihr Heimatland zu richten. Sie wünschen sich Hilfe von oben, um dorthin gebracht zu werden (Ps 121,1). Der Herr wird sie als Schöpfer und Hüter bei jedem Schritt ihres Weges zurück in ihr Land bewahren (Ps 121,2–8). Vergleiche Jeremia 31,9 und Mt 24,31 („Engel“).

Psalm 122

Während die Stämme aus den unterschiedlichsten Richtungen nach Israel reisen, treffen sie unterwegs ihre Brüder, die zu demselben Ziel unterwegs sind. Sie ermutigen einander mit der Aussicht, Jerusalem bald zu erreichen (Ps 122,1–5). Gemeinsam beten sie für den Frieden dieser Stadt (Ps 122,6–9).

Psalm 123

Die zurückkehrenden Stämme werden von denjenigen verhöhnt, in deren Gebieten sie während der Zerstreuung wohnten. Sie halten Ausschau nach der Hilfe und Gnade des Herrn, um vor diesen Spöttern bewahrt zu werden, die sich lustig machen über ihre Glaubensübung in ihr Heimatland zurückzukehren.

Psalm 124

Die zurückkehrenden Stämme schreiben ihre Bewahrung während ihrer Reise ganz allein dem Herrn zu. Unterwegs litten sie nicht nur unter dem Hohn ihrer Spötter (Ps 123), sondern wurden auch mit Männern konfrontiert, die aufstanden, sie zu vernichten (Ps 124,1–5). Am Ende preisen sie den Herrn, durch dessen Hilfe, sie den Fallen der Feinde entkommen konnten (Ps 124,6–8).

Psalm 125

Als sich die Stämme dem Land Israel nähern, geraten die Berge um Jerusalem in ihr Blickfeld. Ja sie sehen den Herrn auf Zion ruhen (Ps 125,2)! Das ermutigt sie sehr. Im Glauben blicken sie auf die Zeit, wenn alles Böse besiegt sein und Gerechtigkeit herrschen wird.

Psalm 126

Dieser Psalm wirft einen Blick auf die zehn Stämme, nachdem sie das Land Israel erreicht haben. Ihre lange Verbannung findet schließlich ein Ende und sie wurden durch den Herrn wiederhergestellt4 (Ps 14,7). Ihre Münder sind von glücklichem Lachen erfüllt. Sie freuen sich gemeinsam mit den zwei Stämmen (den Juden). Die umliegenden Nationen sind gezwungen anzuerkennen, dass der Herr Großes für Israel getan hat, wenn sie beobachten, wie diese Nation an einem Tag geboren wurde (Ps 126,1–3). Doch da das Volk Israel die Gefahr spürt, die von nach wie vor existierenden Feinden ausgeht, betet es um vollständige Errettung und Segnung innerhalb des Landes (Ps 126,4–6).

Psalm 127

Die Psalm 127 und 128 beziehen sich auf die Zeit, zu der alle Stämme Israels unter dem sicheren Schutz des Herrn im Land weilen (Hes 38,11). Ihre Aufgabe wird in jener Zeit darin bestehen, die Stadt Zions wiederaufzubauen (Jes 61,4; Jer 30,18; Jer 31,38–40; Amos 9,14), die zuvor vom König des Nordens verwüstet wurde (Ps 73,18–20; Ps 74,1–8; Ps 75,4; Ps 79,1–3.7; Ps 80,13–17). Angesichts ihrer immer noch existierenden Feinde sind sie sich bewusst, dass sie den Herrn benötigen, um die Stadt zu unterhalten (Ps 127,1–2). Während sie ihre Häuser wiederaufbauen, sehen sie die Freude voraus, im Land Familien zu gründen und Kinder aufzuziehen (Ps 127,3–5).

Psalm 128

Dieser Psalm beschreibt das friedevolle Leben des gottesfürchtigen Israeliten, der ins Land zurückgekehrt ist und dort nun sicher bleiben kann. Darüber hinaus beschreibt er die Freuden innerhalb der Familie in diesen Tagen (Jes 62,8–9; Jes 65,21–23). Alles wird in stiller, friedevoller und göttlicher Ordnung sein, da der Herr dann in Zion bleiben wird (Ps 128,5).

Psalm 129

Während die Israeliten des wiederhergestellten Volkes den Frieden in ihrem Land genießen, der in der Gegenwart des Herrn in Zion begründet ist, denken sie über das Elend nach, das ihnen ihre Feinde zufügten. Um sie zu züchtigen, benutzte Gott in der Vergangenheit häufig ihre Feinde (insbesondere die Assyrer; Jes 10,5). (Israels „Jugend“ bezieht sich auf die ersten Tage im Land zu alttestamentlicher Zeit). Diese Bedrängnisse, einschließlich des Angriffs durch den König des Nordens und seiner Armeen (Dan 11,40–43; Ps 73,18–19; Ps 74,1–8; Ps 75,4; Ps 79,1–3; Ps 80,13–17) hatte Gott benutzt, um sein Volk zu der notwendigen Buße (wovon das Pflügen spricht) zu führen (Ps 129,1–3). Siehe auch Joel 2,12–17. Außerdem erinnern sie sich an ihre Knechtschaft unter dem Antichristen („die Gottlosen“) während der Großen Drangsalszeit. Doch damals sahen sie auch die Macht des Herrn, mit der Er das Gericht über diesen brachte (Ps 129,4). Schließlich blicken sie mit Vorfreude auf die Zeit, zu welcher vollständige Errettung von Zion ausgehen wird und alle Bedränger einschließlich Gog (Russland) besiegt sein werden (Ps 129,5–8).

Psalm 130

Dieser Psalm stellt vor, wie sich der große Sühnungstag5 (3. Mos 23,26–32; Jes 53,1–12) auf nationaler Ebene völlig erfüllt. Die zwölf Stämme weinen gemeinsam vor dem Herrn in vollständiger Buße über ihre Sünden. In aufrichtiger, tiefer Demütigung lernen sie, dass es Vergebung bei Jehova gibt (Ps 130,1–4). Sie entwickeln eine stille Zuversicht und Hoffnung auf den Herrn und verlassen sich auf seine Gnade in allem, das noch geschehen wird (Ps 130,5–8).

Psalm 131

Psalm 131 zeigt die Demut, die sich nach der tiefen Gewissensprüfung und dem Selbstgericht des vorherigen Psalms in den Herzen der zwölf Stämme Israels offenbaren wird (Zeph 3,11–13).

Psalm 132

Historisch wurde dieser Psalm von König Salomo nach der Vollendung des Tempelbaus gedichtet.6 Die Herrschaft Salomos steht typologisch für die kommende Herrschaft Christi im Tausendjährigen Reich. In diesem Psalm durchstreift er gedanklich die Übungen seines Vaters David, der Bundeslade (einem Bild von Christus) eine passende irdische Wohnstätte in Zion zu geben. Prophetisch werden die zurückgekehrten Stämme Israels ähnliche Übungen durchschreiten, um eine Behausung zu finden, in welcher der Herr inmitten seines Volkes in Zion wohnen kann. Die Lösung dieser Frage wird in dem Bau des zukünftigen Tempels des Tausendjährigen Reiches bestehen (Ps 132,1–5). Der Psalm beschreibt auch, wie die Lade nach Israel zurückkehrte, nachdem „Ikabod“ (die Herrlichkeit ist gewichen) über das Volk gelegt war (Ps 132,6–9).7 Das entspricht der Rückkehr der Herrlichkeit des Herrn zu seinem Volk (Hes 43,1–5; Hag 2,7). Zudem wird dem Versprechen des Herrn an David gedacht werden, dass sein Nachkomme für immer auf seinem Thron sitzen würde (2. Sam 7,12–16). Schließlich wird Christus, der Sohn Davids, seinen Platz in Zion als König Israels8 einnehmen (Ps 132,10–18).

Psalm 133

Da ihr Messias nun inmitten seines Volkes wohnt, ist alle Feindschaft zwischen den zwei Stämmen (die Juden: Juda und Benjamin) und den zehn Stämmen vorüber. Der Streit und der Neid, der lange Zeit zwischen ihnen stand (Jes 11,13), ist hinweggetan (Ps 133,1). Der Geist Gottes (durch das Öl symbolisiert; Ps 133,2) wird auf die wiederhergestellte Nation ausgegossen (Joel 3,1–2) und der Segen des Herrn (durch den Tau symbolisiert; Ps 133,2) wird sie benetzen.

Psalm 134

Dieser Psalm schließt die Serie mit der Aussage ab, dass die Erde von Zion aus gesegnet werden wird. Zion ist deshalb der Ort des Segens auf der Erde, weil der Herr dort wohnt. Es begann im vorherigen Psalm mit Segen, der auf Israel herunterkommt (Ps 133,3). Nun folgt Segen, der von Israel als Danksagung9 hinaufsteigt (Ps 134,1–2). Schließlich wird Segen, der durch Israel in die Welt hinausfließt, genannt (Ps 134,3).

Psalm 135

Die Psalm 135 und 136 bilden keine eigene Serie. Sie sind mehr ein Anhang10 zur vorherigen Serie, den Stufenliedern. Sie bilden eine kurze Ergänzung, die Israels Lobpreis für die Gnade des Herrn, sie zurückgeführt zu haben, wiedergeben.

Die zwölf Stämme Israels befinden sich wieder in ihrem Land. Sie stehen in den Vorhöfen des Herrn und werden aufgerufen, den Herrn wegen ihrer Errettung und Wiederherstellung zu preisen (Ps 135,1–4). Sie werden an seine Allmacht erinnert, durch welche Er sie befreite, indem Er ihre Feinde schlug (Ps 135,5–12).11 Sobald die Stämme zu ihrem Land zurückgeführt sind, werden sie vom Herrn an der Grenze gerichtet (Hes 11,9–10; 20,34–38) Dabei werden die Widerspenstigen (die Götzendiener) ausgesiebt (Ps 135,13–18). Wenn alles Gericht beendet ist, wird Israel ermahnt, den Herrn zu preisen, der nun in Zion wohnt. Die Heiden („die ihr den HERRN fürchtet“) sind in diesen Ruf miteingeschlossen (Ps 135,19–21).

Psalm 136

In Psalm 135 fanden wir den Aufruf an die Israeliten, den Herrn wegen ihrer Errettung zu preisen. In diesem Psalm finden wir nun deren Antwort darauf. Sie feiern die Errettung mit einem Lobpreis der Güte des Herrn. In diesem Lobpreis durchschreiten sie gedanklich noch einmal ihre ganze Befreiung und ihre Rückführung in ihr Heimatland. Erneut wird diese Befreiung typologisch mit der alttestamentlichen Befreiung aus Ägypten in Verbindung gebracht. Vergleiche Jesaja 11,15–16; 51,9–11; Jeremia 16,14–15. Der Refrain dieses Lobgesangs lautet „denn seine Güte währt ewig“. Er taucht 26-mal auf.

Fußnoten

  • 1 Die darauffolgenden Psalm 135 und 136 bilden einen Anhang zu dieser Serie.
  • 2 J. N. Darby: „Notes and Jottings“, S. 202.
  • 3 Diese Ablehnung widerfährt ihnen nicht vom Antichristen. Dieser wurde bereits gerichtet und ist seitdem aus dem Weg geschaffen. Siehe J. N. Darby: „Synopsis of the Books of the Bible“ über Psalm 120.
  • 4 Die englische Darby-Übersetzung merkt zu der Formulierung „die Gefangenschaft“ in Ps 126,1 an: „Hier eigentlich: die „Wende“ oder „Rückkehr“ im Sinne absoluter Wiederherstellung und Aufrichtung vollständigen Segens“.
  • 5 In dieser Psalmserie („die Stufenlieder“) kann die Erfüllung der letzten drei der jährlichen Feste Israels nachverfolgt werden (3. Mos 23,23–44). Das Fest des Posaunenhalls: Israel (insbesondere die zehn Stämme) kehrt zurück in sein Land (Ps 120–126); der große Sühnungstag: Israel tut Buße (Ps 130); das Laubhüttenfest: Israel freut sich mit dem Herrn im Tausendjährigen Reich (Ps 130–133).
  • 6 Vergleiche 2. Chr 6,41–42 mit Ps 132,8–11.16.
  • 7 Vergleiche 1. Sam 4,21. (Anm. des Übers.)
  • 8 Psalm 132 stellt uns Christus als König (der Sohn Davids) vor. Psalm 133 stellt uns Christus als Priester vor.
  • 9 Das englische (und auch das hebräische) Wort für „segnen“ kann auch „danksagen“ bedeuten. (Anm. des Übers.)
  • 10 Siehe J. G. Bellet: „Short Meditations on the Psalms“, S. 150; F. W. Grant: „The Numerical Bible. The Psalms“, S. 459; J. N. Darby: „Notes and Comments“, Bd. 3, S. 253.255.
  • 11 Israels alttestamentliche Rettung aus Ägypten bildet einen Schatten ihrer zukünftigen Errettung. Siehe die Bemerkungen zu Psalm 78.
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