Prophetische Übersicht über die Psalmen

Einführung in das zweite Buch der Psalmen

In diesem Buch (Ps 42–72) sind die prüfenden Umstände, in denen sich die Juden des gottesfürchtigen Überrestes befinden, noch wesentlich schärfer als im ersten Buch. Im Land wird der Antichrist aufgestanden sein und von der abgefallenen Masse der Juden als (falscher) Messias angenommen worden sein (Joh 5,53; Dan11, 36–39). Mehr noch: Der Antichrist wird ein Götzenbild im Tempel aufgerichtet haben, den Gräuel der Verwüstung (Mt 24,15; Off 13,14–15), und er wird das ganze Land zwingen, dieses Bild anzubeten. Wenn der gottesfürchtige Überrest um seines Gewissens Willen die Anbetung dieses Bildes verweigert, wird er den bitteren Hass des Tieres und des Antichristen zu spüren bekommen. Sie werden die schlimmste Verfolgung, die diese Welt je gesehen hat (Mt 24,21–22; Dan 12,1; Off 12,13) über alle in ihrem Reich hereinbrechen lassen, die sich weigern, sich vor dem Bild zu beugen – aber besonders über den gottesfürchtigen Überrest. Das ist die große Drangsal, die während der letzten 3,5 Jahre der siebzigsten Jahrwoche Daniels stattfinden wird. Der Schlüssel zum zweiten Buch der Psalmen ist Jesaja 66,5.

Angesichts der Tatsache, dass die Stadt Jerusalem und das Land Israel dem Gräuel des Götzendienstes, den der Antichrist einführen wird, verfallen werden und angesichts des Umstandes, dass dieser eine furchtbare Verfolgung in Gang setzen wird, wird der gottesfürchtige Überrest gezwungen sein aus Jerusalem zu fliehen (Mt 24,15–21), um in den Gebirgen, Klüften und Höhlen der Erde Schutz zu suchen. Im ersten Buch wurden die Juden des Überrestes gesehen, wie sie mit der Masse in das Haus Gottes gingen, doch nun ist es ihnen nicht länger möglich, den Tempel zu besuchen (Ps 42,5; Ps 55,15). Sie werden als von ihren Brüdern Vertriebene dargestellt. Die Psalmen des zweiten Buches beachreiben die Gefühle des gottesfürchtigen Überrests während dieser Zeit (die letzten 3,5 Jahre siebzigsten Jahrwoche Daniels).1

Der Geist Gottes hat bestimmte Psalmen ausgewählt, bei denen der jeweilige Schreibende zu unterschiedlichen Zeiten und Orten vom Haus Gottes entfernt gewesen ist. Die Überschriften der Psalmen dieses Buches deuten darauf hin, dass die meisten von ihnen zu einer Zeit abgefasst wurden, als David (ein Vorbild auf Christus) noch nicht von seinem Volk als König anerkannt wurde. Sie wurden geschrieben als er und seine wenigen treuen Gefolgsleute (ein Vorbild auf den gottesfürchtigen Überrest) sich auf der Flucht vor Saul und später vor Absalom befanden (beide ein Vorbild auf den Antichristen). Diese Psalmen formen den Hintergrund für die prophetische Anwendung, wenn der gottesfürchtige Überrest von seinen Brüdern, den abgefallenen Juden, vertrieben werden wird. Praktisch jeder Psalm, in dem die Juden des Überrestes in Verfolgung und Unterdrückung gesehen werden, enthält einen Hinweis darauf, dass sie sich außerhalb Jerusalems (und damit weit entfernt vom Tempel und seinen Privilegien) befinden: Psalm 42,5.7; Psalm 43,3–4; Psalm 44,12.15.20 („am Ort der Schakale“: die Wildnis); Psalm 52,2; Psalm 55,7–8.10.15; Psalm 56,1.9; Psalm 57,1.10; Psalm 60,2–3; Psalm 61,3; Psalm 63,1–3; Psalm 65,5–6; Psalm 66,13–15; Psalm 68,7.14 (Darby übersetzt „zwischen den Schafhürden“: Solche sind in den abgelegenen Regionen des Landes zu finden); Psalm 69,9; Psalm 71,20. Folglich sind die Gebete der Juden des Überrestes nicht wie im ersten Buch an den HERRN (Jehova) gerichtet, sondern an Gott (Elohim). Dies entspricht ihre Distanz zum Heiligtum. Sie können die Segnungen ihres Bundes mit Gott nicht genießen. Der Ausdruck „Elohim“ wird 164-mal verwendet. Gelegentlich taucht auch der Ausdruck „Herr“ in diesem Buch auf. Doch in der Regel ist es „Herr“ (Adonai), was zu unterscheiden ist von „HERR“ (Jehova) in Kapitälchen. Diese sich an Gott richtenden Psalmen (die sogenannten elohistischen Psalmen), Ps 42–83, leiten zum Teil schon über in das dritte Buch, in dem der Herr die Feinde Israels richtet und wiederherstellt (Ps 83,19). Die darauffolgenden Psalmen (Ps 84–150) richten sich abermals an den HERRN (Jehova), was die Errichtung Seiner Bundesbeziehung mit seinem Volk Israel in Wirklichkeit unterstreicht (2. Mos 6,2–4).

Die Juden des gottesfürchtigen Überrestes müssen nicht nur die Not ertragen, dass sie von ihren jüdischen Brüdern, den abgefallenen Juden, verworfen werden. Sie müssen darüber hinaus auch die Unterdrückung durch die Heiden erfahren; im Besonderen durch die arabischen Nationen, in deren Ländern sie gezwungen waren zu fliehen. Die Heiden, die sie unterdrücken, werden hier meist als „der Feind“ und manchmal als „der Bedränger“ oder als „Gewalttätige“2 bezeichnet3: Psalm 42,10–11; Psalm 43,2; Psalm 44,11–15; Psalm 54,5; Psalm 55,4; Psalm 56,2–3; Psalm 59,2–3; Psalm 64,2–3; Psalm 68,2.

Das zweite Buch schildert insbesondere die Leiden des gottesfürchtigen Überrestes während der Großen Drangsal, wenn dieser von seinen Brüdern vertrieben werden wird. Und dennoch schauen einige Psalmen dieses Buches auf die Befreiung des Überrestes und auf die Aufrichtung des Reiches Christi.

Dieses Buch ist als Exodus-Teil der Psalmen bezeichnet worden. In 2. Mose durchlebten die Kinder Israels grundsätzlich etwas ganz Ähnliches wie der gottesfürchtige Überrest in der Zukunft es erleben wird. Die Kinder Israels befanden sich in einem fremden Land (Ägypten) jenseits vom Verheißenen Land (Kanaan) unter der grausamen Herrschaft eines bösen Königs (Pharao). Wie wir gesehen haben, werden die Juden des gottesfürchtigen Überrestes in diesen Psalmen ebenfalls vorgestellt als solche, die fern sind vom Verheißenen Land wegen des bösen Königs (des Antichristen), der über sie herrscht. In den ersten Kapiteln von 2. Mose besaßen die Kinder Israels keine Erkenntnis über den Herrn als Jehova. So werden auch die Juden dieses Überrestes vielmehr zu Gott statt zu dem HERRN rufen. Als die Juden in Ägypten unter ihrer Unterdrückung seufzten, hörte der Herr es und errettete sie und richtete schließlich den grausamen König (den Pharao). Das Buch 2. Mose beginnt mit dem Ächzen und Stöhnen des Volkes Gottes und endet mit ihrer Befreiung und damit, dass die Herrlichkeit des Herrn in eine irdische Wohnstätte einzieht (2. Mos 40,34–35). Das zweite Buch der Psalmen beginnt ebenfalls mit dem Seufzen des leidenden Überrestes und endet mit seiner Befreiung in dem herrlichen Reich Christi.

Die verschiedenen Serien im zweiten Buch der Psalmen sind diese: Psalm 42–49, Psalm 50–51, Psalm 52–60, Psalm 61–684, Psalm 69–72. Jede dieser Psalmgruppen (außer Psalm 50–51, welche eigentlich einen Anhang zur vorherigen Gruppe darstellt) beginnt mit den Leiden der Juden des vertriebenen Überrestes und endet mit dem Kommen des Herrn in Herrlichkeit, der sie befreien und sein Reich aufrichten wird.

Fußnoten

  • 1 J. N. Darby: „Collected Writings“, Bd. 6, S. 181; Bd. 30, S. 129.
  • 2 Diese drei Begriffe verwendet die Elberfelder. Im Original steht hier nur ein Begriff („enemy“). (Anm. des Übers.)
  • 3 Vgl.: JND: Synopsis der Bücher der Bibel, Ps. 42–44.
  • 4 Vgl.: JND: „Notes and Comments“, Bd. 3, S. 137.
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