Prophetische Übersicht über die Psalmen

Psalm 73-78

Psalm 73

Der gottesfürchtige jüdische Überrest ist verwirrt, wenn er auf seine abgefallenen Brüder schaut. Während er aus Israel fliehen musste, leben sie in Gesetzlosigkeit im Land und häufen Wohlstand an (Jes 2,7–8). Obwohl sie während der Drangsalszeit in das Land zurückgekehrt sind (Ps 73,10), leben sie in offener Ablehnung gegen Gott und zeigen kein Interesse an seiner Person (Ps 73,1–12). Der Überrest beschwert sich über sein Los. Er war bemüht, in Aufrichtigkeit vor Gott zu leben – doch augenscheinlich hat ihm dies nichts genützt. Er wurde stattdessen verhöhnt und verfolgt (Ps 73,13–16). Aber in der Hinwendung zu Gott findet der Überrest Trost im Heiligtum1. Der gottesfürchtige Überrest sieht dann schnelles Verderben über die abgefallene Masse der Juden im Land kommen und erkennt es als eine Strafe für ihre Gesetzlosigkeit und ihren Abfall von Gott (Ps 73,18–20). Das ganze Land wurde durch die einmarschierten Armeen des Nordens verwüstet (Dan 11,40–43). Der Überrest schämt sich nun seines anfänglichen Neides auf die Abgefallenen und vertraut angesichts seiner Rettung vor den durchmarschierenden Armeen des Nordens ganz auf den Herrn (Ps 73,21–28).

Psalm 74

Die Juden des Überrestes fühlen sich verworfen. Sie beobachten die Verwüstung durch die einmarschierenden Truppen des Königs des Nordens und sehen, wie der Tempel mit Feuer verbrannt wird (Ps 74,1–11). Angesichts dieser Zerstörung schreien sie für ihr Volk zu Gott. Sie flehen zu Ihm, dessen Macht die Welt ins Dasein rief, doch an dem einmarschierenden Feind Gericht zu üben. Und sie beten gleichzeitig, vor den „raffsüchtigen Truppen“ (Ps 74,192) bewahrt zu werden (Ps 74,12–23).

Psalm 75

Dieser Psalm enthält die Antwort des Herrn auf das Flehen der Juden des Überrestes im vorherigen Psalm. Er teilt ihnen (wahrscheinlich durch Propheten aus ihrer Mitte) mit, dass Er zur „bestimmten Zeit“ in Gericht zu den Feinden kommen wird, die das Land verwüstet haben. Er richtet diese Gläubigen auf, indem Er ihnen vor Augen stellt, dass Er hinter den Kulissen nach wie vor alle Fänden in der Hand hält – auch wenn das Land mit seinen Bewohnern (die abgefallenen Juden, die den Antichristen angenommen haben) zerstört wurden. Er ist derjenige, der die Säulen der Erde hält (Ps 75,3–4). Das „Horn“, das erhöht wurde (der Antichrist), wurde weder vom Osten her besiegt, noch vom Westen oder Süden, sondern von den eimarschierenden Truppen des Nordens (Ps 75,5–6)3. Die Juden des Überrestes lernen, dass Gott wirklich der Richter ist. Er ist es, der dieses Gericht über die Masse des abgefallenen jüdischen Volkes gesandt hat und dazu hat Er die Truppen des Nordens benutzt. Trotz allem, was passiert ist, können sie sicher sein, dass der Herr eingreifen wird und auch über diese Feinde das Gericht ausgießen wird (Ps 75,8–11).

Psalm 76

Die Herrlichkeit des Herrn ist im Land erschienen (Ps 76,5) und der Herr ist aus dem Himmel zurückgekehrt (Ps 76,9), um die Armeen zu richten, die sich dort versammelt haben (Ps 76, 2–10). Vergleiche Daniel 11,45 und Joel 2,20. Gott lässt sich durch den „Grimm des Menschen“ preisen, indem Er den Hass des Königs des Nordens und seiner verbündeten Armeen benutzt hat, um Seinen Willen zu erfüllen. Dieser Wille umfasste das Gericht an den abgefallenen Juden, die den Antichristen angenommen hatten. Doch nun hat der Herr ebenfalls über diese „Könige der Erde“ das Gericht gebracht (Ps 76,11–12).

Psalm 77

Die Juden des Überrestes sind nun erlöst. Die Drangsal ist vorüber. Sie schauen nun im Nachhinein zurück auf die Güte Gottes, der ihre Gebete erhört hatte und sie durch die Zeit ihrer schwersten Erprobung führte (Ps 77,2–4). Obwohl sie nun erlöst sind, befinden sie sich noch nicht in dem Genuss ihrer Bündnissegnungen. Es gibt auch keinen Lobpreis in diesem Psalm. Stattdessen haben sie nach wie vor noch viele Zweifel und Ängste (Ps 77,5–10). Aber durch ihre Hinwendung zu Gott wird ihr Vertrauen wiederhergestellt. Sie realisieren mehr und mehr, dass sie durch das Gericht Gottes von ihren Feinden befreit wurden (Ps 77,11–21).

Psalm 78

In seiner prophetischen Anwendung ist dieser Psalm eine gleichnishafte Schilderung der Rückkehr der zehn Stämme4 in das Land Israel nach der Drangsal (Mt 24,29–31). Der Psalm ist eine Nacherzählung der Geschichte der Wanderung Israels von Ägypten nach Kanaan. Diese historische Reise wird in den Propheten häufig in Verbindung gebracht mit der zukünftigen Reise der Stämme Israels zurück in ihr Verheißenes Land (Jes 11,15–16; 51,9–11; Jer 16,14–15; Hes 20,34–36 etc.). Es existiert somit eine eindeutige Parallele zwischen diesen beiden Reisen. Die Kinder Israels zogen aus Ägypten heraus, reisten durch die Wüste, in der sie erprobt wurden und erreichten am Ende das Verheißene Land. Die zurückkehrenden Stämme Israels werden ebenfalls aus allen Teilen der Welt hervorkommen, von der Ägypten ein Bild ist (Hes 20,34). Auch sie werden durch die Wüste ziehen, in der sie geprüft werden (Hes 20,35–39), um schließlich in das Verheißene Land geführt zu werden (Hes 20,40–44). Damit kehren die Stämme in ihr Heimatland zurück, nachdem sie für beinah 2800 Jahre über die ganze Erde verstreut waren. Während dieser Reise wird vor ihrem inneren Auge zweifellos ihre eigene Geschichte mit all ihrem Versagen vorüberziehen. Dies zeigt dieser Psalm. Sie werden zugeben, dass sie auf dem Boden der Verantwortlichkeit gänzlich versagt haben. Und sie werden lernen, dass die Wiederherstellung Israels ausschließlich auf Grundlage der souveränen Gnade Gottes geschieht (siehe Ps 78,65–69). Der Psalm endet mit einem wunderschönen Bild von Christus: David regiert als König über sein Volk in dem, was typischerweise vom Tausendjährigen Reich spricht.

Fußnoten

  • 1 Das Heiligtum ist hier nicht der Tempel, den der Antichrist für seinen Götzendienst übernommen hat (wovor der gottesfürchtige Überrest fliehen musste), sondern vielmehr die Gegenwart Gottes im Gebet.
  • 2 Dies ist eine Übersetzungsvariante gemäß der Fußnote in der Darby-Übersetzung.
  • 3 Der Antichrist flieht, wenn die Armeen einmarschieren (Sach 11,17; Jes 22,19; Joh 10,12)
  • 4 C. E. Lunden: „Prophetic Scriptures“, S. 87 und „Until the Day Break and the Shadows Flee Away“, S. 21.
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