Betrachtung über den Propheten Hesekiel
Kapitel 17
Dieses Kapitel ist daher so wichtig, weil es uns wieder Hesekiel als Vorbild von Christus, wie Er dem Haus Israel die Gleichnisse kundtat, vorstellt. Wir stehen auf dem Boden von Psalm 78 und Matthäus 13. Hesekiel sollte einerseits Rätsel aufgeben und andererseits sollte er in Gleichnissen zu dem Haus Israel reden.
Ein Rätsel wird in der Schrift nicht anders verstanden, als wir es gewöhnlich tun: eine Spitzfindigkeit; eine Sache, die dem menschlichen Verstand so lange verborgen bleibt, bis er den Schlüssel zur Auflösung der Gedanken gefunden hat, die in diesem Fall sehr hoch liegen. So liegt in dem Rätsel Simsons mehr Tiefe als die einfache Antwort in Richter 14,18 ahnen lässt: „Was ist süßer als Honig? Und was ist stärker als der Löwe?“ Die Auferstehung Christi gibt allein die Erklärung der Worte aus Sprüche 30,1.5.16. und Hohelied 3,6.
Psalm 49,5 gibt uns solch ein Rätsel: Ein Mensch, der in Ansehen steht, wird vertilgt und ist gleich dem Vieh. Eine Auflösung findet man nur bei Gott, der den Treuen erlöst und aus der Welt des Scheols befreit. Das Endurteil lautet gemäß dem göttlichen Licht über dieses Rätsel: „Der Mensch, der in Ansehen ist und keine Einsicht hat, gleicht dem Vieh, das vertilgt wird“ (Psalm 49,13.16-21).
Das Rätsel aus Psalm 78,2 stellt uns Israel gegenüber, das unter allen Vorteilen und Segnungen von Seiten Gottes dennoch für eine Zeit beiseitegestellt wird. Die Auflösung gibt Vers 65: „Da erwachte, wie ein Schlafender der Herr, wie ein Held, der vom Wein jauchzt.“
Zum Schluss sei noch das Rätsel in dem „Lied des Fluches“ aus Habakuk 2,6-20 erwähnt: Die Gewalttaten der Menschen werden (und hier ist die Auflösung) „in dem heiligen Palast“ des Herrn enden. Das hebräische Wort „Raadsels“ erklärt das griechische Wort am besten mit Matthäus 13,35: Dinge, „die von Grundlegung der Welt an verborgen waren.“ Die Auflösung all dieser Rätsel finden wir in der Quelle der Gnade Gottes, nämlich in der Person Christi, den das Volk verwarf und sich somit alle Segnungen verscherzte. Das sind die „verborgenen Dinge“, das Ergebnis, das Gott allein fand, ohne einen äußeren Anlass zu haben. Mose sagt in 5. Mose 29,28: „Das Verborgene ist des Herrn, unseres Gottes.“
Kommen wir jetzt zu unserem Kapitel, so gipfelt das Rätsel schließlich in der Frage von Vers 15: „Wird er gedeihen? Wird er, der dies getan hat, entkommen? Da er den Bund gebrochen hat, sollte er entkommen?“ Es folgt dann nicht nur die Beantwortung der Frage, sondern auch die Auflösung des Rätsels von Gottes Seite in den Versen 22ff.
Doch hierin erschöpft sich der Auftrag des Herrn an Hesekiel nicht, denn er muss dem Volk noch ein Gleichnis vorlegen. Die Tatsache als solche deutet bereits ein Gericht von Seiten Gottes an. Der Herr Jesus sagt ebenso in Markus 4,11.12: „Denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen, und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.“ Es hat also – und das ist auch für die Tage der Christenheit beherzigenswert – mit dem Gericht der Verhärtung zu rechnen. Gott sprach erst dann in Gleichnissen zu dem Volk, als von seiner Seite alles getan und das Volk nicht mehr zur Einsicht zu bewegen war. Als sie „den Reichtum seiner Gütigkeit und Gnade und Langmut“ missachtet hatten, wurde ihnen inmitten der Finsternis diese Offenbarung. Inmitten der so genannten Christenheit hat man „den Reichtum seiner Gütigkeit und Geduld und Langmut“ ausgeschlagen. Das Wort Gottes, das Jahrhunderte lang Quelle des Lichts war, spricht dem modernen Menschen eine dunklere Sprache als die stummen Ausgrabungen und Funde.
Dies trifft auch auf die Ägypter zu: „Und die Wolkensäule kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels, und sie wurde dort Wolke und Finsternis, und erleuchtete hier die Nacht; und so nahte jenes nicht diesem die ganze Nacht.“
Hier haben wir nun den Charakter, den wir auch in dem Gleichnis von Hesekiel 17 finden. Für Israel stellt diese Wolke Finsternis dar. Was für Israel Licht war, war die Offenbarung Gottes in ihrer Mitte, die sich schließlich in der Person Jesu Christi ausdrückte. „Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß die Finsternis“ (Mt 6,23).
Doch zugleich erleuchtete die Wolkensäule auch die Macht. „Binde das Zeugnis zu, versiegle das Gesetz unter meinen Jüngern“(Jes 8,16). Die Jünger erkennt der Herr Jesus prophetisch in den Zwölfen, die Ihn während seines Erdenwandels umringten und zu denen Er in Matthäus 13,16 sagte: „Glückselig aber eure Augen, dass sie sehen und eure Ohren, dass sie hören.“ Nehmen wir in sittlicher Hinsicht den Platz der Jünger des Herrn ein, dann gilt auch uns dies „Glückselig“, und das Licht des Wortes Gottes, das uns inmitten der Finsternis leuchtet, umstrahlt unsere Schritte mit zunehmender Herrlichkeit. Zugleich findet auch eine sittliche Trennung statt: „Und so nahte jenes nicht diesem die ganze Nacht.“ Wenn wir als Gläubige jahrelang der Lehre des einen oder anderen ungläubigen Lehrers folgen, können wir uns in geistlicher Weise nicht näherkommen. Die Wolkensäule, die für mich Licht und für ihn Finsternis bedeutet, macht während der „ganzen Nacht“ – bis die Gläubigen aufgenommen sind – ein Zusammentreffen unmöglich.
Es stellt sich jetzt die Frage, ob mit der geschichtlichen Erfüllung, die Gott sofort folgen lässt, die praktische Bedeutung des Gleichnisses verloren gegangen ist. Das wäre so, wenn nicht hinter der historischen noch eine prophetische Erfüllung stünde. Dies trifft – wie ab Vers 22 gezeigt wird – zu. Wir gehen gleichsam mit dem Herrn Jesus in Matthäus 13 in das Haus und hören den drei letzten Gleichnissen vom Königreich zu, wie für jeden Fall der Menschen ein Rettungsmittel Gottes vorhanden ist. „So spricht der Herr, Herr: Den obersten ihrer Schösslinge brach er ab.“
Nun, Gott bot sein Rettungsmittel zu dem gleichen Augenblick an, als der unter die Verantwortung gestellte Mensch vollkommen gefehlt hatte und unter das Urteil von 1. Samuel 16,1ff gefallen war: „Bis wann willst du (Samuel) um Saul trauern, da ich ihn doch verworfen habe, dass er nicht mehr König über Israel sei? Fülle dein Horn mit Öl und geh hin, ich will dich zu Isai, dem Bethlehemiter, senden; denn ich habe mir unter seinen Söhnen einen König ersehen.“ Ebenso führt Gott hier in Hesekiel 17 mit dem obersten Schössling der Zeder Christus und sein herrliches messianisches Reich ein, wenn der König und das Volk Israel die Treue vollkommen gebrochen hat und nur noch ein endgültiges Urteil zu erwarten ist. Dies liegt noch in der Zukunft. Somit liegt auch ein prophetisches Licht, auch für die Jünger des Reiches der Himmel (Mt 13,52), in diesem Gleichnis, das für die ungläubigen Israeliten bedeutet: „Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen“ (Mt 13,14).
Der große Adler mit seinen Flügeln, Schwingen und Federn weist in erster Linie – so bezeugt es uns Gott selbst – auf Nebukadnezar hin. Doch Nebukadnezar ist nicht der einzige Machthaber, der mit diesem Vogel verglichen wird. In Vers 7 lesen wir abermals von einem großen Adler. Jesaja 13 berichtet von dem „Land des Flügelgeschwirrs, jenseits der Ströme von Äthiopien.“ Offenbar erkennen wir hier eine beschirmende Macht, die viele Völker unter seine Flügel versammelt und außerhalb der Reichweite Israels liegt. Mithin auch weiter als Nil und Euphrat. Diese Macht wird uns in der Schrift als das vierte Tier in dem Nachtgesicht Daniels gezeigt; wir meinen das Römische Reich wie es in Jesaja 13 nach der Aufnahme der Gemeinde in wiedererstandener Form auftritt. Diese Macht, die das Wahrzeichen des Adlers in ihrem Panier bis zu den äußersten Grenzen der damals bekannten Welt trug, hat den eigentlichen Stoß zur Auswanderung der Juden gegeben. So hören wir auch in der prophetischen Ansprache Jakobs über Israel in 1. Mose 49: „Sebulon, am Gestade der Meere wird er wohnen, und am Gestade der Schiffe wird er sein, und deine Seite gegen Sidon hin.“ Merkwürdigerweise wurde bei der Wegführung den Juden nicht der Stempel des „Händlerlandes“ und „der Stadt der Kaufleute“, wie Babylon genannt wurde, aufgedrückt, sondern der Blick zum Westen, „zur Seite gegen Sidon hin“, gestaltete das Handelsvolk der Juden. Demnach können wir behaupten, dass die bildliche Anwendung: „Den obersten ihrer Schösslinge brach er ab und brachte ihn in ein Händlerland, in eine Stadt von Kaufleuten“, nicht als Verdienst Nebukadnezars zu werten ist.
Es folgt nun der merkwürdige Vers: „Und er nahm von dem Samen des Landes und setzte ihn in ein Saatfeld, er brachte ihn zu vielen Wassern, behandelte ihn wie eine Weide.“ Da sich dies unter dem König Zedekia von Juda bewahrheitete, liegen wohl alle weitschweifigen Umschreibungen, das Volk hätte bereits zum Königtum gehört, fehl. Die Gedanken führen von selbst von der Verschleppung, wie wir sie in den vorangegangenen Versen fanden, zur Heimkehr. Die prophetische Aussage dieses Gleichnisses redet von der zukünftigen Zurückführung der Juden in ihr Land, von der wir in unseren Tagen ein Vorspiel sehen, das aber nach der Aufnahme der Gemeinde unter dem Römischen Reich und dessen Oberhaupt seine volle Erfüllung findet. Der Samen des Landes soll in ein Saatfeld gesetzt werden. Da aber zukünftig die Saat des Römischen Reiches misslingt, schaltet sich Gott selbst ein: „Und ich will sie mir säen in dem Lande“ (Hosea 2,23). Die Saat wird zu vielen Wassern gebracht und wie eine Weide behandelt werden. In der buchstäblichen Erfüllung könnte man eher an Babel als an Palästina denken, denn über Babel wird in Jeremia 51,13 geweissagt „Die du an vielen Wassern wohnst, reich an Schätzen bist.“ (Anmerkung des Überarbeiters: Die buchstäbliche Erfüllung finden wir darin, dass Nebukadnezar Zedekia als König über das fruchtbare Juda einsetzt (Vers 5a; 2. Kön 24,17).) Doch auch hier ist der Sinn wieder übertragbar und wir müssen bedenken, dass doch in vergangenen Zeiten wie auch heute noch sich das Sehnen aller Weltmächte auf Palästina bezieht. So werden auch die Volksmassen, die als Wasser in den Betten der Ströme aus aller Welt fließen, bald im Land Palästina zusammenströmen. Nicht die Schweiz, sondern Palästina wird als Zentrum der Diplomatie angesehen und dann das Schlachtfeld der Nationen sein (Jes 18,2).
Diese Freundlichkeit gegenüber Israel ergibt sich jedoch nicht aus einem Verständnis für die Gedanken Gottes über sein Volk; wir sehen eher hierin eine Frage der Politik zum eigenen Nutzen, die damals selbst Nebukadnezar mit Zedekia betrieb: „Damit seine Ranken sich zu ihm hin wendeten und seine Wurzeln unter ihm wären“ (Vers 6). Sie senden nach Jesaja 18,2 Boten auf das Meer, in Rohrschiffchen über die Wasserfläche: „Geht hin, schnelle Boten, zu der Nation, die geschleppt und gerupft ist, zu dem Volk, wunderbar, seitdem es ist und weiterhin, der Nation von Vorschrift auf Vorschrift und von Zertretung, deren Land Ströme beraubt haben. „Geht hin, schnelle Boten, zu der Nation, die geschleppt und gerupft ist, zu dem Volk, wunderbar, seitdem es ist und weiterhin, der Nation von Vorschrift auf Vorschrift und von Zertretung, deren Land Ströme beraubt haben.“ Hier also liegt ihre Sehnsucht, der Schwerpunkt der Diplomatie.
Tatsächlich werden ihre Pläne von Erfolg gekrönt sein: Der Same des Landes (Gott kennt keinen anderen Samen als diesen) geht auf und wird zu einem üppigen Weinstock: „und er wurde zu einem Weinstock und trieb Äste und breitete sein Laubwerk aus.“ Jesaja drückt es in Kapitel 18 wie folgt aus: „Vor der Ernte, sobald die Blüte vorbei ist und die Blume zur reifenden Traube wird.“ Psalm 107,37.38 berichtet uns von dieser Zeit: „Und sie besäen Felder und pflanzen Weinberge, die Frucht bringen als Ertrag. Und er segnet sie, und sie mehren sich sehr, und ihr Vieh lässt er nicht wenig sein.“ All das sind äußerliche Gunsterweisungen von Seiten Gottes, der den Lauf der Dinge überschaut und in Jesaja 18 gesagt hatte: „Ich will stille sein und will zuschauen in meiner Wohnstätte, wie heitere Wärme bei Sonnenschein, wie Taugewölk in der Ernteglut.“
Die Antwort Israels drückt sich in einem letzten Treuebruch aus. Ein zweiter großer Adler mit großen Flügeln und vielem Gefieder gibt sich zu erkennen: Der König des Nordens, der prophetische Erfüller der Rolle, die Assyrien in der Geschichte Israels gespielt hatte.1 Dieser Weinstock streckte von den Beeten seiner Pflanzung seine Wurzeln lechzend zu ihm hin und breitete seine Ranken nach ihm aus, damit er ihn tränke. Dem König des Nordens wird durch seine Klugheit der Trug in seiner Hand gelingen und er wird unversehens viele verderben (Dan 8,25). „Deshalb wendet sich hierher sein Volk, und Wasser in Fülle wird von ihnen geschlürft“ (Psalm 73,10). Indem sie sich bewusst sind, dass ihr Tun diplomatischen Treuebruch bedeutet, wenden sie sich mit den Worten aus Jesaja 23,15 zu ihren westlichen Bundesgenossen: „Wir haben einen Bund mit dem Tod geschlossen und einen Vertrag mit dem Scheol gemacht: wenn die überflutende Geißel hindurch fährt, wird sie an uns nicht kommen; denn wir haben die Lüge zu unserer Zuflucht gemacht und in der Falschheit uns geborgen.“
Der Treuebruch ist auf alle Art schrecklich in Gottes Augen, sei es nun in der Handlungsweise Zedekias gegenüber denen, die im Tal Dura ein Bild errichteten (Dan 3,1), oder aber denen gegenüber, welchen das Bild des Tieres galt, das eine Wunde des Schwertes hatte und dennoch lebte (Off 13,14). Nicht umsonst wird über den Überrest, der bald in Zion vor Gott verkehren wird, ausgesagt: „Hat er zum Schaden geschworen, so ändert er es nicht“, und „Der nicht zum Trug schwört“ (Psalm 15,4; 24,4) Es ist auch der Mühe wert, anhand der Konkordanz die Stellen über die Treulosen aus den Sprüchen nachzuschlagen.
Der Herr wendet sich nun zu Hesekiel, um ihm das Gleichnis auszulegen, oder besser gesagt: um gegen das „widerspenstige Haus“ zu zeugen. Man darf wohl sagen, dass der tiefere Hintergrund in dieser Deutung weniger berührt wird, wie ihn der Gläubige, der in die Gedanken Gottes eingeweiht ist und in seiner Gemeinschaft lebt, in diesem Gleichnis wahrnimmt. Hier wird der sittliche Zustand dem Augenblick angepasst, doch kann dieser Abschnitt auch auf uns zum Heil und Segen angewandt werden. Das ist eine besondere Gnade; und die Berührung „des Saumes an dem Kleid“ strahlt, wenn ich es einmal so ausdrücken soll, falls sie auf Herz und Gewissen angewandt wird, eine wirksame Kraft gegen die Macht der Sünde aus.
Zedekia hatte sich in den letzten Jahren der Krisis, kurz bevor sich an ihm das Urteil vollzog und Jerusalem bestraft wurde, das eine und das andere Mal mit den Mächtigen des Landes verschworen. In Jeremia 34,18.19 sehen wir ihn, wie er sich feierlich mit den Fürsten des Landes verbindet, die während der ersten Belagerung Jerusalems aus Angst getrieben ihre Volksgenossen befreien wollten, die aus Armut Sklaven der Feinde geworden waren. Wir lesen von diesem Eid der Entweihung in 2. Chronika 36,13: „Und auch empörte er sich gegen den König Nebukadnezar, der ihn bei Gott hatte schwören lassen.“
Wir müssen bedenken, dass nichts über diese Bündnisse im Gesetz verankert war, auf das sich die Parteien hätten berufen können, als sie sich trennten und Nebukadnezar in sein Land zurückkehrte. Es bestand weder ein asiatisches Recht noch ein Kontrollrat der Vereinten Nationen. Nebukadnezar stützte sich auf die Treue und die Achtung, zu denen jeder unterwürfige Fürst seinem eigenen Gott verpflichtet war, so dass er bei seiner Einweihung als König und der Einstellung Zedekias als Vasall nicht auf den Schwur bei dem babylonischen Marduk zurückgriff; er ließ hingegen bei dem Herrn Israels schwören. Nebukadnezar beruft sich also auf die Wahrhaftigkeit Zedekias gegenüber Gott. Deshalb spricht Gott in Vers 16 erst, dass Zedekia den Eid verachtet und den Bund gebrochen hat, dann allgemein in Vers 18, dass er den Eid verachtet und den Bund gebrochen hat und schließlich in Vers 19: „So wahr, ich lebe, wenn ich nicht meinen Eid, den er verachtet und meinen Bund, den er gebrochen hat, ihm auf seinen Kopf bringe!“
Es scheint angebracht, an dieser Stelle kurz auf die Bedeutung des Eides für uns hinzuweisen, denn im Grunde besteht auch für uns in diesem Akt ein tiefer Sinn. Wenn wir einen Eid leisten sollen, so geht doch das weltliche Gericht (wir unterstellen, dass der weltliche Eidabnehmer kein Gläubiger ist) von dem Grundsatz aus, dass das Gesetz in seiner Befugnis unzulänglich ist, und man beruft sich als letztes Rettungsmittel auf die Wahrhaftigkeit des Bekenntnisses zu Gott. Sollen wir in diesem Fall den verlangten Eid ablegen? Man beruft sich auf die Worte des Herrn Jesus aus Matthäus 5,34: „Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht.“ Diese Worte haben meines Erachtens nur Bezug auf das leichtfertige Anrufen des Namens Gottes oder „seines Namens“. Ich denke auch, dass ein Gläubiger nicht zur Bekräftigung dessen, was er glaubt, den Eid heranziehen sollte, oder auch nur in einem kraftbetonten Ausdruck wie „Das ist ehrlich wahr“ reden. Sollte man aber zum Eid herangeholt werden und tiefste Überzeugung über eine Frage besitzen, dann könnte das Gericht die Aussage als unsicher hinstellen, käme man der Aufforderung zur Eidablegung nicht nach. Der Gläubige kann sogar mehr als die Forderung des Eides erfüllen, wenn er in der Gemeinschaft des Heilands seine sittliche Stärke beweist. Vorbildlich steht hierfür die Begebenheit aus 1. Mose 21,22ff. Abraham befindet sich zu dieser Zeit auf der Höhe seines Glaubens. Er hatte Hagar entsandt und stand kurz vor der Prüfung seines Glaubens. In dem vollen Ernst des Augenblicks beherrscht er in geistlicher Weise die Umstände und sagt in Vers 24: „Ich will schwören.“ Dieser Eidschwur gibt ihm sodann Freimütigkeit, um mit Abimelech auf den gestohlenen Wasserbrunnen zu sprechen zu kommen. Nun liegt die Forderung auf Abrahams Seite. In Vers 30 nimmt er sich aufgrund des Eidschwurs das Recht heraus, dass Abimelech sieben junge Schafe von ihm entgegennimmt, als Zeugnis dafür, dass er – nicht Abimelech – der rechtmäßige Eigentümer des Brunnens ist. Der Erfolg ist, dass Abimelech moralisch verpflichtet ist, ebenfalls einen Eid zu schwören: Man nannte den Ort deshalb „Beer-Seba“ (Eides-Brunnen), weil beide dort geschworen hatten.
Ich möchte noch die volle Herrlichkeit des Eidschwurs unseres Herrn Jesus vor dem Hohenpriester in Matthäus 26 hinzufügen. Der Herr Jesus ging niemals auf eine falsche Zeugenaussage ein. Kein bekräftigender Ausdruck der Wahrhaftigkeit kam über seine gesegneten Lippen, als Er wie ein Schaf, „das stumm ist vor seinen Scherern“, stand. Er aber hörte „die Stimme des Fluches“ und war Zeuge, „sei es, dass er es gesehen oder gewusst hat“; (3. Mose 5,1) so dass Er nun seine Worte als Messias und Sohn Gottes bekräftigt und sagt: „Ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.“ Die folgenden Verse machen offenbar, dass der Hohepriester die Tragweite des Eidschwurs, der das Zeugnis betraf, besser verstand als manch einer in unserer Zeit.
Wir sind nun so weit in unserer Betrachtung fortgeschritten, dass wir uns von der Anwendung dieses Gleichnisses trennen wollen und uns anhand der Verse 22 bis zum Schluss noch zu dem wenden, der im vorigen Abschnitt der Gegenstand des Herzens war und auf den einmal aller Augen gerichtet sein werden. Er wird hier „der Wipfel der hohen Zeder“ genannt, während Zedekia in Vers 3 „den Wipfel einer Zeder“ darstellt. Der Herr Jesus bildet also den Wipfel der hohen Zeder und Gott nimmt etwas von diesem Wipfel, also knickt den ganzen Wipfel. Diese Bildsprache hat uns viel zu sagen, denn wir erkennen hier, so glaube ich, eine Andeutung auf das Reich der Himmel mit dessen himmlischen und irdischen Teil, worin unser Herr als verherrlichtes Haupt auch bei seinem Regierungsantritt hier auf Erden Mittelpunkt des Himmels bleibt. Wenn Er in Vers 23 von Gott auf den hohen Berg Israels gepflanzt wird, hat Er auch den höchsten Platz im Himmel inne.
Wie schön, dass Gott hier alles offenbart, was Er einst ausführen wird. Gott stellt uns Ihn nicht in Kraft und Majestät vor, sondern zeigt, wie Er unseren Herrn „abbricht“ und auf einen hohen und erhabenen Berg pflanzt. Er wird von dem obersten der Schösslinge der Zeder genommen. Nach unserer Zeitrechnung befindet Er sich bereits zweitausend Jahre in der Herrlichkeit bei seinem Vater, der Ihn auferweckte. „Was er lebt, lebt er Gott.“ Gott sieht Ihn dort als „den obersten der Schösslinge“ an. Der alte Baum Israels wird, nachdem der Geist Christi auf der Erde (nach der Aufnahme der Versammlung) in dem Herz und Gewissen des Überrestes gewirkt hat, Schösslinge hervorbringen.
Die Empfindungen unseres Heilandes auf der Erde, die Er durch den Geist Gott zum Ausdruck bringt, stimmen mit denen der sündigen Menschenkinder, die persönlich wie auch als Nation vor Gott stehen, überein, so dass Gott die Gläubigen auch in der Herrlichkeit vollkommen mit Ihm eins gemacht sieht. Gott nennt unseren Herrn „den obersten der Schösslinge an der hohen Zeder des Israels Gottes. Auch wir werden hierbei eingeschlossen, denn Gott sieht auf den sittlichen Wert der Empfindungen, die durch das Werk des Geistes an Herz und Gewissen entstehen, und setzt sie denen gleich, welche einst durch den Geist in seinem Sohn auf der Erde gewirkt wurden. Doch Er behält den vornehmsten Platz. Wird ein Zeugnis, wo lange Jahre Durst und Hunger herrschte, zu neuem Leben erweckt, so verbindet Gott diesen jungen Schössling in Ewigkeit mit „dem obersten der Schösslinge.“
Vers 22 bezeichnet den Herrn Jesus als einen zarten Schössling. Das Wort Schössling ist hier nicht erwähnt. Darby und Noordtzij übersetzen buchstäblich „etwas Zartes“. Nun, junge Schösslinge sind ohne Zweifel zart, doch wenn von diesen jungen Schösslingen noch etwas abgebrochen wird, das ausdrücklich zart genannt wird, geliebte Freunde, wie muss dann unser Heiland, der hier nicht zu Lebzeiten auf dieser Erde, sondern in seiner Auferstehungsherrlichkeit betrachtet wird, voller Zärtlichkeit sein! Ist nicht jedes Gefühl der Reue und Buße zart? Und wird nicht das, was der Heilige Geist in den Herzen der Menschen wirkt, oft durch Rauheit und Lieblosigkeit seitens der Gläubigen entzweigeschlagen? Die Empfindungen unseres Heilandes, der beim Vater in der Herrlichkeit weilt, sind bei alledem weit zarter, als man sie beschreiben könnte.
Können wir bei all der Härte der Menschen Ihn in der Herrlichkeit genügend würdigen und genießen? Der Überrest wird dazu bald in der Lage sein. Als der wahre Salomo wird Er bald „zärtlich und der einzige seiner Mutter“ sein. Demgemäß wird Ihn seine Mutter, das wahre Israel Gottes, aus dem Er als Messias hervorging, würdigen und schätzen.
Mit Ehrfurcht gesprochen: Gott ist aber nicht egoistisch, denn Er genießt diesen zarten Schössling nicht für sich allein samt den himmlischen Wesen. Sobald nämlich der Boden auf dieser Erde durch die Gerichte so weit zugerichtet ist, pflanzt Er eigenhändig diesen Schössling auf einen hohen und erhabenen Berg, „auf den hohen Berg Israels.“
In den Psalmen, in denen wir die Empfindungen aller Umstände in dem Leben unseres Herrn finden, wird auch ausdrücklich das erwähnt, was der Herr in dieser Lage, wo Er von Gott auf den hohen und erhabenen Berg gepflanzt wird, empfindet. In Psalm 52 ruft Er aus: „Ich aber bin wie ein grüner Olivenbaum im Haus Gottes; ich vertraue auf die Güte Gottes immer und ewig. Ich werde dich preisen in Ewigkeit, weil du es getan hast;“ und weiter lesen wir in Psalm 92: „Aber du wirst mein Horn erhöhen gleich dem eines Wildochsen; mit frischem Öl werde ich übergossen werden... Der Gerechte wird sprossen wie die Palme, wie eine Zeder auf dem Libanon wird er emporwachsen.“ So führt der Geist Gottes uns in die Gedanken seines Sohnes ein, den hierin gestern, heute und in Ewigkeit zu erkennen, für uns ewiges Leben bedeutet.
In den nächsten Versen werden wir mit den segensreichen Folgen dieser Pflanzung auf der Erde bekannt gemacht. Jemand schrieb: „Himmlischer Wind bläst durch die Zweige der Zeder.“ Die Erde wird dann vom Himmel her regiert und folgt demnach himmlischen Gesetzen. Die Wege Gottes verlaufen nicht länger im Heiligtum, sondern alle Säume des Feldes kennen sie nun und können sie deuten. Gott, der in seinem Sohne verherrlicht wurde, verherrlicht dann den Sohn in sich selbst. Auf dem Kreuz machte der Sohn des Menschen Gottes Herrlichkeit offenbar, und nun gibt Gott seinem Sohn wiederum Gelegenheit, alle Fragen in Bezug auf Fürsten, Völker und Personen zu entscheiden und in der ganzen Herrlichkeit seines Charakters als Sohn des Menschen hervorzutreten. Der hohe Baum ist erniedrigt und der niedrige Baum erhöht; das sittliche Ergebnis, das uns auf allen Blättern der Sprüche angekündigt ist, wird alsdann in Christus – verbunden mit dem Überrest – geschaut. Der grüne Baum verdorrt und der dürre Baum ist zur vollen Blüte gebracht: Hier haben wir den Überrest, der mit dem wahren Boas verbunden ist. Die Bäume des Feldes werden es sehen – die Nachbarvölker, die in Gemeinschaft mit Gott leben und seine Gedanken in Bezug auf die Wiederherstellung Israels kennen, sollen die Namensgeber von dem mit Christus in Verbindung gebrachten blühenden Baum sein: Sie werden ausrufen: „Noomi ist ein Sohn geboren“ und Christus den wahren Obed nennen, der „Dienstknecht“ und „Anbeter“. Er geht im Dienst vor, Ihm gebührt das alleinige Lob sowohl aus dem Mund des himmlischen wie des irdischen Volkes.
Fußnoten
- 1 Anmerkung des Überarbeiters: Die meisten Ausleger (vgl. z.B. „Notes on Ezekiel“ von William Kelly) sehen in diesem zweiten Adler den König von Ägypten, zu dem sich Zedekia wandte, um mit seiner Hilfe das Joch Babels abzuschütteln (siehe Hes 17,15 und 2. Kön 24,20. Dies scheint die schlüssigere Auslegung zu sein.