Einführung in den Brief an die Epheser

Einführung in den Brief an die Epheser

1. Einleitende Gedanken

Der Epheserbrief nimmt unter allen Briefen des Apostels Paulus einen besonderen Platz ein. Zum einen ist er einer der wenigen Briefe, der nicht aus einer durch die Empfänger verursachten Notwendigkeit geschrieben wurde. Zum anderen öffnet uns Gott in diesem Brief sein ganzes Herz und zeigt uns seinen ewigen Ratschluss im Blick auf Christus, seine Kinder und seine Versammlung. Mit Recht hat man diesen Brief die „Krönung“ aller Briefe des Paulus genannt. Man kann den Inhalt in drei Punkten wie folgt beschreiben:

  1. Wir lernen, was vor Grundlegung der Welt in Gottes Herz war, um Christus zu verherrlichen.
  2. Wie lernen, dass Menschen, die von Natur tot in Sünden und Übertretungen sind, Teil von Gottes Ratschluss sind – persönlich und gemeinschaftlich.
  3. Wir lernen, wie Gottes Ratschluss und sein Handeln heute schon das Leben dieser Menschen verändert und prägt.

Als Paulus die Ältesten der Versammlung von Ephesus nach Milet rief, erinnerte er sie daran, dass er ihnen den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt hatte (Apg 20, 27). Dieser Ratschluss Gottes ist das große Thema des Briefes an die Epheser. Kein anderer Brief spricht so über die „Herrlichkeit seiner Gnade“ (Eph 1,6). Kein anderer Brief legt so meisterhaft den „unergründlichen Reichtum des Christus“ dar (Eph 3,8). Kein anderer Brief zeigt uns so eindrucksvoll die Breite, Länge, Höhe und Tiefe dieses Ratschlusses Gottes (Eph 3,18) – Dimensionen, die wir nicht erfassen können und doch erfassen sollen.

J. N. Darby schreibt in seiner Synopsis: „Der Brief an die Epheser stellt uns in der ausführlichsten Weise sowohl die persönlichen Segnungen der Heiligen als auch die gemeinschaftlichen Segnungen der Versammlung vor. Zugleich legt uns dieser Brief die Ratschlüsse Gottes im Blick auf die Herrlichkeit Christi dar. Christus selbst wird als derjenige betrachtet, der als das Haupt der Versammlung alle Dinge in eins zusammenbringen und unter seiner Hand bewahren wird ... Wir sehen hier, dass die Versammlung in die innigste Beziehung zu Christus gebracht worden ist, genauso wie das auf die einzelnen Glieder, die zusammen die Versammlung bilden, in ihren persönlichen Beziehungen zum Vater selbst zutrifft. Die Versammlung wird in ihrer himmlischen Stellung gesehen, die ihr durch die souveräne Gnade Gottes geschenkt worden ist.“1

Kein Brief beschäftigt sich so tiefgehend mit der christlichen Stellung wie dieser Brief. Gebürtige Juden und gebürtige Heiden bilden zusammen ein himmlisches Volk mit einer himmlischen Stellung und himmlischen Segnungen. Gott hatte das in der Ewigkeit vor der Zeit im Herzen. Zugleich lernen wir, wie dieser himmlische Charakter der Erlösten, die jetzt die Versammlung Gottes bilden, in den alltäglichen irdischen Beziehungen sichtbar wird und diese prägt.

A. C. Gaebelein schreibt: „Je intensiver wir diesen Brief lesen und studieren, desto mehr werden wir von der Größe und Herrlichkeit der Offenbarung beeindruckt sein, die Gott vor unsere Herzen stellt. Sie ist ein Forschungsobjekt bis in die Ewigkeit. Wie nötig ist doch das Studium dieses Briefes in diesen Tagen für uns! Die geoffenbarten Wahrheiten werden uns in den Tagen des Abfalls bewahren und uns über den materialistischen Zeitgeist erheben. Ohne ernstes und beständiges Nachsinnen über die großartigen Wahrheiten, die uns in diesem Brief dargelegt werden, sind geistliches Wachstum und geistlicher Genuss unmöglich. Möge es dem Heiligen Geist gelingen, den Schreiber und den Leser in eine bessere und tiefere Herzenserkenntnis der wunderbaren Gnade Gottes einzuführen!“2

2. Der Verfasser

Es kann keinen Zweifel geben, dass Paulus der Verfasser des Briefes ist. Über viele Jahrhunderte hinweg gab es an der Echtheit des Briefes keinen Zweifel. Erst vor gut 200 Jahren wurde die Authentizität zum ersten Mal öffentlich bestritten. Man hat verschiedene Argumente angeführt, die angeblich belegen sollen, dass dieser Brief nicht von Paulus stammt und nicht an die Epheser geschrieben worden ist. So wird behauptet, ein pseudonymer Verfasser habe die Autorität des Apostels fälschlicherweise für sich in Anspruch genommen. Ein Argument ist der angeblich abweichende Stil und die etwas andere Sprache.

Wenn man jedoch bedenkt, dass Paulus zu unterschiedlichen Zeitpunkten Briefe an unterschiedliche Adressaten und mit unterschiedlicher Absicht geschrieben hat, greift dieses Argument ebenso wenig wie alle anderen. Die Übereinstimmungen in Stil und Sprache sind jedenfalls deutlich größer als die angeblichen Abweichungen. Die Beweise dafür, dass Paulus den Brief geschrieben hat, sind eindeutig.

2.1. Interne Beweise

Zweimal nennt Paulus sich mit Namen (Eph 1,1; 3,1). Darüber hinaus spricht er mindestens zwei weitere Male von seiner Gefangenschaft (Eph 3,1; 6,21). Wenn wir diese vier Verse zusammennehmen, erhalten wir drei wichtige Aussagen:

  1. Paulus schreibt als „Apostel Christi Jesu“, und das „durch Gottes Willen“: Der Brief enthält wesentliche und typische christliche Wahrheiten. Deshalb weist Paulus auf seine apostolische Autorität hin. Es war der ausdrückliche Wille Gottes, dass Paulus ein „Apostel Christi Jesu“ war (vgl. 1. Kor 1,1; 2. Kor 1,1; Kol 1,1; 2. Tim 1,1). Die Reihenfolge „Christus Jesus“ ist typisch für Paulus. Er hat Ihn als den verherrlichten Christus im Himmel kennengelernt.
  2. Paulus schreibt als ein Gefangener – und zwar nicht der Römer, sondern „Christi Jesu“ bzw. „des Herrn“. Der Grund seiner Gefangenschaft war gerade die Tatsache, dass ihm die Verwaltung des Geheimnisses von Christus und seiner Versammlung anvertraut worden war, in der gebürtige Juden und gebürtige Heiden zu einem Leib zusammengefügt sind. Seine Gefangenschaft hinderte ihn jedoch keineswegs, in der Freiheit des Geistes herrliche Mitteilungen zu machen. Jemand hat einmal gesagt, dass Paulus in diesem Brief „frei wie ein Adler“ in den Weiten des Himmels kreist. Obwohl er einerseits ein Gefangener in Ketten ist, befindet er sich andererseits zugleich im Geist in den himmlischen Örtern.3
  3. Paulus schreibt als „Gesandter (des Evangeliums) in Ketten“: Er hatte als Botschafter einen eindeutigen Auftrag. Durch die gute Botschaft des Evangeliums wurde die Wahrheit, über die Paulus in diesem Brief schreibt, mitgeteilt (Eph 3,6). Er war ein „Verwalter“ dieser Wahrheit (Eph 3,2.9).

Hinzu kommt, dass dieser Brief im Aufbau typisch für einen Lehrbrief des Paulus ist. Er enthält eine Begrüßung, einen Dank, eine Darstellung der Lehre und eine praktische Anwendung der Lehre für das tägliche Leben.

Neben dem Hinweis auf die Gefangenschaft erwähnt Paulus den Wirkungskreis seines Dienstes (Eph 3,8), das nur ihm offenbarte Geheimnis (Eph 3,1–11) und die nur von ihm gelehrte Wahrheit der Einheit des Leibes Christi (Eph 1,23; 3,6; 4,4; 4,15.16; 5,22.23). Der Brief ist darüber hinaus eine Fortsetzung dessen, was Paulus im Römer- und Kolosserbrief erklärt hat. Im Römerbrief sind die Glaubenden „mit Christus gestorben“ (Röm 6,8); im Kolosserbrief sind sie „mit Christus auferweckt“ (Kol 3,1). Im Epheserbrief hat Gott sie „mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph 2,6).

2.2. Externe Beweise

Die externen Beweise sind ebenfalls eindeutig. Brief und Verfasser sind historisch gut belegt. Ignatius, Polycarp, Irenäus, Tertullian, Origenes und andere Kirchenväter zitieren und erwähnen den Brief als einen Brief von Paulus. Für die ersten Christen war es zu keinem Zeitpunkt eine Frage, dass Paulus diesen Brief geschrieben hat.

3. Ort und Zeit der Niederschrift

Der Brief zeigt deutlich, dass Paulus den Brief als Gefangener geschrieben hat. Man spricht von insgesamt vier Gefangenschaftsbriefen (Epheser, Philipper, Kolosser, Philemon), die in etwa zum gleichen Zeitpunkt geschrieben wurden. In jedem dieser Briefe ist von „Ketten“ oder „Fesseln“ die Rede (Eph 3,1; 4,1; 6,20; Kol 4,18; Phlm 1.9; Phil 1,7.13). Wenn wir den Bericht des Lukas in der Apostelgeschichte lesen, erkennen wir, dass Paulus – außer einer kurzen Haft in Philippi – in Jerusalem (Kap. 21,33 ff.), in Cäsarea (Kap. 23,25 ff.) und in Rom (Kap. 28,16 ff.) inhaftiert gewesen ist. Darüber hinaus nehmen einige Geschichtsforscher an, dass sich Paulus noch an anderen Orten, z. B. in Ephesus, in Haft befand. Clemens von Rom zählt sieben Gefangenschaften des Paulus auf – allerdings ohne irgendeinen Hinweis auf Ephesus.

Drei dieser Briefe (Epheser, Kolosser und Philemon) sind – was Zeit und Ort der Abfassung betrifft – besonders eng miteinander verbunden, weil sie ein und denselben Überbringer haben, nämlich Tychikus (Eph 6,21; Kol 4,7). Kolosser 4,9 erwähnt zusätzlich Onesimus, so dass der Brief an Philemon ebenfalls dazu zählt. Diese drei Briefe entstanden also zur gleichen Zeit und wurden vom selben Ort abgeschickt. Der Philipperbrief wurde wahrscheinlich etwas später geschrieben.

Es besteht unter den Auslegern Einigkeit darüber, dass diese vier Briefe in etwa aus der gleichen Zeit stammen. Über den Ort der Abfassung dieser vier Briefe ist allerdings viel diskutiert worden. Es gibt drei Thesen:

  1. Ephesus: Obwohl wir in der Apostelgeschichte nichts über eine Gefangenschaft in Ephesus erfahren, haben einige Ausleger Ephesus als Ort genannt. Es lohnt nicht, die Argumente an dieser Stelle aufzulisten. Sie scheinen relativ willkürlich zu sein und werden hier nicht im Einzelnen behandelt.4
  2. Cäsarea: Es ist ohne Frage so, dass Paulus dort inhaftiert war, bevor er nach Rom kam (Apg 24,27). Das war etwa in den Jahren 57–59 n. Chr. Erneut nennen einige Ausleger eine Reihe von Gründen, die angeblich für Cäsarea sprechen. Eine Überprüfung der Argumente lässt diese These jedoch ebenfalls wenig wahrscheinlich sein. Es gibt vielmehr gute Gründe, die gegen Cäsarea sprechen.
  3. Rom: Traditionell gehen die meisten Ausleger davon aus, dass alle vier Gefangenschaftsbriefe während der ersten Gefangenschaft des Paulus in Rom geschrieben worden ist (Apg 28,30.31). Die Schilderung in Apostelgeschichte 28 zeigt, dass Paulus den ersten Teil dieser Gefangenschaft nicht im Gefängnis, sondern in einer eigenen Wohnung verbrachte. Wenn man die unterschiedlichen Argumente abwägt, spricht wenig gegen diese traditionelle Auffassung. Wir wissen beispielsweise, dass Lukas bei Paulus war, als er den Kolosserbrief schrieb (Kol 4,14). Der Reisebericht in Apostelgeschichte 27 und 28 zeigt, dass Lukas ihn nach Rom begleitete. Gleiches gilt für Aristarchus (vgl. Kol 4,10 mit Apg 27,2). Einen weiteren Hinweis finden wir in Kolosser 4,3. Paulus schreibt dort: „... und betet zugleich auch für uns, damit Gott uns eine Tür des Wortes auftue, das Geheimnis des Christus zu reden, um dessentwillen ich auch gebunden bin“ (Kol 4,3). Das kann man als Hinweis auffassen, dass Paulus zwar „gebunden“ (gefangen) war, dennoch eine gewisse Freiheit genoss. Das könnte ein Hinweis auf die Zeit sein, die in Apostelgeschichte 28,30.31 beschrieben wird. Darüber hinaus ist die Abfassung in Rom durch die uns überlieferten Subskriptionen in alten Handschriften gut bezeugt

Wenn wir Rom als Ort der Niederschrift annehmen, können wir an einer Datierung in den frühen 60er Jahren festhalten. Der Prozess vor Nero fand wahrscheinlich am Ende der ca. zweijährigen Haft statt. Aus Philemon 22 kann man ableiten, dass der Prozess kurz vor der Tür stand, während Paulus schrieb. Der Philipperbrief scheint etwas später geschrieben worden zu sein, als die Dinge sich schon weiterentwickelt hatten (Phil 1,13.21–23; 4,22). Paulus kann nicht mehr predigen und hofft, dass er bald freigelassen wird. Man geht deshalb davon aus, dass der Epheserbrief im Jahr 61 oder 62 n. Chr. geschrieben wurde, d. h. also einige Jahre, nachdem Paulus bei den Ephesern gewesen war.

4. Empfänger

Der erste Vers sagt nicht nur, wer den Brief geschrieben hat, sondern gibt zugleich die Adressaten an: „Paulus, Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, den Heiligen und Treuen in Christus Jesus, die in Ephesus sind“ (Eph 1,1). Damit ist eigentlich alles gesagt. Eine gewisse Problematik ergibt sich jedoch daraus, dass der Hinweis „in Ephesus“ in einigen alten Handschriften fehlt oder scheinbar nachträglich eingefügt worden ist. Das hat einige Ausleger zu der These veranlasst, der Brief sei nicht (nur) an die Epheser geschrieben. Einige nennen statt Ephesus die Versammlung in Laodizea und verbinden das mit dem Hinweis in Kolosser 4,16. Es gibt jedoch keinen einzigen Handschriftenfund, der diese These belegt.

Andere Ausleger gehen davon aus, dass dieser Brief eine Art „Rundbrief“ an verschiedene Versammlungen in Kleinasien war. Sie führen dazu im Wesentlichen drei Argumente an:

  1. Die Tatsache, dass der Hinweis „in Ephesus“ in einigen alten Handschriften fehlt.
  2. Die Tatsache, dass der Brief so gut wie keine persönlichen Hinweise enthält und auch keinerlei Bezug auf die Abschiedsrede in Apostelgeschichte 20 nimmt. Dieses Argument wiegt ihrer Meinung nach umso schwerer, weil Paulus die Epheser besser kannte als jede andere Versammlung im Neuen Testament.
  3. Die Tatsache, dass – anders als in den übrigen Gefangenschaftsbriefen – Timotheus nicht als Co-Autor genannt wird.

Allerdings weisen die genannten Argumente eine Reihe von Schwächen auf. Zu der Angabe „in Ephesus“ ist zu sagen, dass die Mehrheit der gefundenen Manuskripte diesen Hinweis sehr wohl enthält. Keine einzige Handschrift enthält irgendeine andere Ortsangabe. Die beiden anderen Argumente lassen sich mit dem Inhalt dieses Briefes sehr gut widerlegen. In einem Brief, in dem es um die Stellung und Segnungen aller Gläubigen geht, spielen die persönlichen und natürlichen Beziehungen eine untergeordnete Rolle. Paulus schreibt mit apostolischer Lehrautorität, die dadurch nur unterstrichen wird, dass er Timotheus in diesem Fall nicht erwähnt.

In einem gewissen Sinn steht die Versammlung in Ephesus – wie keine andere im Neuen Testament – in diesem Brief stellvertretend für die ganze Versammlung Gottes auf der Erde.

  1. Die Abschiedsrede in Apostelgeschichte 20 gibt einen Einblick in den kompletten Dienst des Paulus. Er erwähnt dort das Evangelium Gottes, das Reich Gottes und den Ratschluss Gottes (Apg 20,24–27). Das betraf nicht nur Ephesus, sondern alle Versammlungen.
  2. In diesem Brief schreibt Paulus über den Ratschluss Gottes im Blick auf Christus und die Versammlung. Das schrieb er nicht nur an die Versammlung in Ephesus, sondern er betrachtet die Versammlung in ihrem größten Umfang, d. h. alle Glaubenden von Pfingsten an bis zur Entrückung.
  3. Der erste Brief in Offenbarung 2 und 3 ist der an Ephesus. Er beschreibt den Beginn des Niedergangs des gesamten christlichen Bekenntnisses. Ephesus steht hier repräsentativ für die Versammlung, nachdem die erste Liebe nachgelassen hat.

Wir gehen deshalb davon aus, dass es so ist, wie es im Text steht, dass die „Heiligen und Treuen in Christus Jesus in Ephesus“ die Empfänger waren. Die ersten Christen haben das nicht anders angenommen. Kirchenväter wie Irenäus, Tertullian, Origenes und andere bestätigen, dass der Brief an die Epheser gerichtet ist.

4.1. Die Stadt Ephesus

Manche Aussagen des Briefes verstehen wir besser, wenn wir den Hintergrund, aus dem die Gläubigen in Ephesus ursprünglich kamen, und die Gepflogenheiten, mit denen sie häufig von Jugend an vertraut waren, ein wenig kennen.

Die Stadt Ephesus war eine alte griechische Siedlung und lag in Kleinasien5. Sie war Hauptstadt von Ionien und gehörte seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. zum Königreich von Pergamon, das 133 v. Chr. dem Römischen Reich zugeschlagen wurde. Die Stadt lag an einer Bucht in der Nähe der Mündung des Kayster Flusses. Die politische Bedeutung der Stadt hielt sich in Grenzen. Dafür war Ephesus wirtschaftlich, kulturell und religiös umso bedeutender.

Ephesus lag an einer Stelle, wo sich drei große Handelsrouten des Römischen Reiches kreuzten. Deshalb war Ephesus eine sehr reiche Stadt. Sie besaß eines der frühesten uns bekannten Bankensysteme. Die Herstellung von kleinen Silbermodellen für die Göttin des bekannten Tempels Artemis brachte der Stadt ebenfalls großen Reichtum.

Architektonisch hatte Ephesus einiges zu bieten. Das in Apostelgeschichte 19,29 erwähnte Theater soll einen Durchmesser von rund 165 Metern gehabt und ca. 25.000 Menschen Platz geboten haben. Der Tempel der Artemis (Diana), die Marmorstraße, das Gymnasium, das Stadion und die Bibliothek von Ephesus waren ebenfalls für ihre Pracht bekannt.

Wie in vielen anderen bekannten Städten spielte die Religion in Ephesus eine große Rolle. Zentrum war der Götzendienst im Tempel der Artemis mit ihrem Standbild. Der griechischen Mythologie folgend soll Artemis eine Tochter des Zeus und eine Zwillingsschwester des Apollos gewesen sein. Sie galt als Fruchtbarkeitsgöttin, und der religiöse Kult war mit Fruchtbarkeitsriten und Prostitution verbunden. Viele Epheser waren der Magie und Zauberei sehr verbunden, und die mit Spiritismus und schwarzer Kunst verbundenen Bücher waren weit verbreitet.

Der in Apostelgeschichte 19 mehrfach erwähnte Tempel wurde im Jahr 355 v. Chr. niedergebrannt und später unter großem Kostenaufwand neu gebaut. Die Bauzeit soll sich auf über 200 Jahre belaufen haben. Der Tempel gilt als eines der sieben Weltwunder der Antike. Über seine Größe gibt es unterschiedliche Angaben. Jedenfalls war es ein imposantes Bauwerk, auf das die Epheser stolz waren. Die Göttin Artemis wurde sowohl von den Römern als auch von den Griechen verehrt. Die Römer nannten sie „Diana“, die Griechen „Artemis“.6

4.2. Paulus in Ephesus

Ephesus wird in Apostelgeschichte 18,19 zum ersten Mal erwähnt. Paulus befindet sich zu diesem Zeitpunkt am Ende seiner zweiten Missionsreise und ist auf dem Weg nach Jerusalem. Er unterredet sich in Ephesus mit den Juden in der Synagoge. Aufgrund seiner Eile bleibt er nicht lange dort. Der weitere Bericht in Apostelgeschichte 18 zeigt, dass er Aquila und Priszilla in Ephesus zurücklässt, die dort einen nützlichen Dienst tun.

Paulus kehrte sehr bald – während seiner dritten Missionsreise – nach Ephesus zurück, um dort das Evangelium zu verbreiten. Den Bericht dazu finden wir in Apostelgeschichte 19. Zunächst predigte er drei Monate in der Synagoge. Als es Widerstand gab, wechselte er in die Schule des Tyrannus (Apg 19,9).

Der Besuch von Paulus erstreckte sich über etwa drei Jahre (ca. 54–57 v. Chr.) und war überaus gesegnet. Der biblische Bericht dazu sagt, dass das Wort des Herrn mit Macht wuchs (Apg 19,20). Dass dieses Wachstum nicht ohne Widerstand blieb, macht der zweite Teil von Apostelgeschichte 19 deutlich (vgl. 1. Kor 15,32).

In Ephesus ereignete sich manches, was Paulus und die Gläubigen wohl nie vergessen haben:

  • Paulus begegnete einigen Jünger des Johannes. Sie kannten nur die Taufe des Johannes. Nachdem Paulus sie belehrt hatte, wurden sie getauft und empfingen den Heiligen Geist (Apg 19,1–7).
  • Paulus lehrte in der Schule des Tyrannus und verkündigte das Evangelium. Die Botschaft verbreitete sich in der ganzen Provinz Asien (Apg 19,8–10).
  • Paulus tat außergewöhnliche Wunder und Zeichen (Apg 19,11.12).
  • Viele, die zum Glauben kamen, waren in dämonische Bindungen verstrickt und erlebten Befreiung. Sie distanzierten sich öffentlich von ihrer Vergangenheit und veranstalteten eine große Bücherverbrennung (Apg 19,13–20).
  • Der Silberschmied Demetrius veranlasste eine öffentliche Demonstration der Silberschmiede gegen Paulus wegen Geschäftsschädigung durch die Verkündigung des Evangeliums (Apg 19,23–40).

Paulus‘ Aufenthalt in Ephesus war ein großer Erfolg für das Evangelium. Zugleich war es eine Zeit voller Widerstand und Kämpfe. Im ersten Korintherbrief, den Paulus in Ephesus schrieb, erwähnt er, dass es offene Türen und zahlreiche Gegner gab (1. Kor 16,8.9).

Als Paulus Ephesus verließ, hinterließ er eine örtliche Versammlung, die in einem guten geistlichen Zustand war. Die Apostelgeschichte berichtet nichts über einen weiteren Besuch des Paulus in Ephesus. Allerdings ließ er auf der Rückkehr von seiner dritten Missionsreise die Ältesten von Ephesus nach Milet kommen. Der Bericht in Apostelgeschichte 20 zeigt uns die beeindruckende Abschiedsrede von Paulus, die zugleich einen Rückblick auf seinen Dienst in Ephesus gibt. Wir erkennen an seinen Worten, welch eine enge Verbindung er zu diesen Gläubigen hatte. Er erinnert an seine Arbeit unter ihnen und an das, was er ihnen mitgeteilt hatte. Er erinnert an seine Liebe zu ihnen. Er hatte Nacht und Tag nicht aufgehört, einen jeden mit Tränen zu ermahnen (Apg 20,31).

In seiner Rede nennt Paulus drei Kernpunkte seiner Predigt, die wir – wenn auch in unterschiedlicher Intensität – in seinem Brief wiederfinden:

  1. das Evangelium Gottes
  2. das Reich Gottes
  3. den ganzen Ratschluss Gottes

Besonders der dritte Punkt wird im Brief an die Epheser ausführlich behandelt. Was Paulus im Römerbrief nur andeutet (vgl. Röm 16,25), wird in diesem Brief vollständig dargelegt, nämlich die „Offenbarung des Geheimnisses“, das bis dahin völlig unbekannt war.

Der Apostel schaut in seiner Rede jedoch nicht nur zurück. Er blickt zugleich nach vorn und ermahnt die Ältesten, ihre Aufsichtspflicht über die Herde nicht zu vernachlässigen. Er spricht von „verderblichen Wölfen“, die von außen kommen würden, um den Gläubigen zu schaden. Zudem würden aus ihren eigenen Reihen Männer aufstehen, um verkehrte Dinge zu reden. Dass Paulus damit Recht behalten sollte, erkennen wir in den beiden Briefen an Timotheus sehr deutlich. Der erste Brief wurde nur wenige Jahre nach dem Brief an die Epheser geschrieben (ca. 63/64 n. Chr.), der zweite wenig später (66/67 n. Chr.). In diesem zweiten Brief muss Paulus traurig feststellen, dass alle, die in Asien waren, sich von ihm abgewandt hatten (2. Tim 1,15). Nimmt man den kurzen Brief, den Johannes den Ephesern einige Jahrzehnte später geschrieben hat, hinzu, erkennt man weiteren Niedergang (Off 2,1–7). Innerhalb der kurzen Zeit nur einer einzigen Generation hatten die Gläubigen in Ephesus ihre erste Liebe verlassen, und die Gefahr bestand, dass „der Leuchter von seiner Stelle“ weggerückt werden würde.

4.3. Die Versammlung in Ephesus

Die in Ephesus zum christlichen Glauben gekommenen Gläubigen waren in erster Linie gebürtige Heiden, die vorher dem Götzendienst ergeben waren. Der Brief macht jedoch deutlich, dass ebenfalls einige gebürtige Juden zu der Versammlung in Ephesus gehörten (Eph 2,11–22). Aus Apostelgeschichte 18,19 und 19,8 wissen wir, dass es in der Stadt eine jüdische Kolonie mit einer Synagoge gab. Häufig gab es in Versammlungen, die aus bekehrten Juden und Heiden bestanden, Probleme im Miteinander. Die einen betonten das Gesetz, die anderen die Gnade. Bei den Ephesern scheint das weniger ein Problem gewesen zu sein.

Dennoch werden die beiden Personengruppen, die jeweils aus ihrem alten kulturellen Umfeld heraus gerettet worden waren, wiederholt genannt. Paulus spricht manchmal von „wir“ und meint ehemalige Juden. Manchmal spricht man er von „ihr“ und meint ehemalige Heiden. Ein Beispiel finden wir in Kapitel 1,12.13. Weitere Beispiele sind in den Kapiteln 2 und 3 zu finden. Einzelne Belehrungen des Briefes kann man nur verstehen, wenn man diesen unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergrund der beiden Gruppen berücksichtigt.

Die zum Glauben gekommenen Juden kannten aus dem Alten Testament das Gesetz, sie kannten ein irdisches Erbteil mit irdischen Segnungen. Sie mussten nun umdenken und lernen, dass sie durch Gottes Gnade in eine viel höhere Stellung gebracht waren und in Christus mit geistlichen und himmlischen Segnungen gesegnet waren. Sie kannten aus dem Alten Testament ein irdisches Heiligtum, während die aus dem Heidentum kommenden Christen mit Götzentempeln vertraut waren. Beide mussten lernen, dass die „Zwischenwand der Umzäunung“ (Eph 2,14) abgebrochen war und beide – Juden und Heiden – einen geistlichen Tempel bildeten. In der Versammlung Gottes gibt es diesen Unterscheid aus Juden und Heiden nicht mehr.

Auch in dem praktischen Teil des Briefes lässt sich der unterschiedliche kulturelle und religiöse Unterschied ausmachen, selbst wenn dort nicht ausdrücklich davon gesprochen wird. Die frühere Lebensweise war völlig unterschiedlich gewesen. Die Juden wussten aus dem Gesetz vor allem, was sie nicht tun sollten, z. B. nicht lügen und nicht stehlen. Sie mussten jetzt lernen, dass Kinder Gottes einer anderen Lebensregel folgen. Sie sollen „Nachahmer Gottes“ sein (Eph 5,1) und so leben, wie Christus gelebt hat. Die Gläubigen aus den Heiden lernen Verhaltensweisen kennen, die ihnen vor ihrer Bekehrung völlig fremd waren.

Paulus war mit den Gläubigen in Ephesus besonders verbunden. In keiner anderen Stadt ist er so lange geblieben wie in Ephesus. Als Paulus Ephesus verließ, hinterließ er eine gefestigte Versammlung, die in der Lehre gegründet war und sich in einem guten praktischen Zustand befand. Dass dies leider nicht so blieb, haben wir bereits gesehen. Schon in seinem ersten Brief an Timotheus gibt er ihm den Auftrag, etlichen zu gebieten, „nicht andere Lehren zu lehren noch sich mit Fabeln und endlosen Geschlechtsregistern abzugeben, die mehr Streitfragen hervorbringen als die Verwaltung Gottes fördern“ (1. Tim 1,3.4). Und im zweiten Brief hatten sich alle in Asien von Paulus abgewandt (2. Tim 1,15).

5. Zweck und Gegenstand

5.1. Der Ausgangspunkt

Es fällt auf, dass der Epheserbrief – anders als in fast allen anderen Briefen – keinen konkreten Zweck nennt, warum er geschrieben worden ist. In dieser Form finden wir das nur noch im Römerbrief. Das verbindet diese beiden Briefe. In allen anderen Briefen ist der Zweck entweder Korrektur oder Prävention. Konkretes Fehlverhalten der Briefempfänger oder sogar Irrlehre wird beispielsweise bei den Korinthern oder den Galatern korrigiert. Vorbeugende Hinweise finden wir beispielsweise in den Briefen an die Kolosser, an die Thessalonicher oder in den Pastoralbriefen (Timotheus und Titus).

In den beiden Briefen, die den Heilsplan Gottes zeigen, ist das anders. In beiden Briefen spricht Paulus von dem Evangelium, der guten Botschaft Gottes für uns Menschen. Er tut das ohne unmittelbaren Anlass, der sich aus der konkreten Situation der Briefempfänger ergeben hätte. Die Epheser befanden sich in einem guten geistlichen Zustand. In Kapitel 1,15 schreibt Paulus: „Weshalb auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben an den Herrn Jesus, der in euch ist, und von der Liebe, die ihr zu allen Heiligen habt ...“7 So kann Paulus seinem Herzen ungehindert Luft machen. Deshalb ist der Brief sehr allgemein gehalten. Er lehrt wichtige Wahrheiten, die zu jeder Zeit und an jedem Ort und für alle Gläubigen wichtig sind.

Der Ausgangspunkt ist dabei in beiden Briefen völlig verschieden:

  • Im Römerbrief ist der Ausgangspunkt der Zustand des Menschen als Sünder. Paulus zeigt, wie Gott im Evangelium den Bedürfnissen des Menschen begegnet. Die Sünden werden vergeben und der Sünder wird gerechtfertigt. Das Problem der Sünde in uns wird durch das Gericht und den Tod gelöst.
  • Im Epheserbrief ist der Ausgangspunkt nicht das Bedürfnis des Sünders, sondern das Herz Gottes. Gott möchte den Menschen – der tot ist in seinen Sünden – reich beschenken. In Christus öffnet Er ihm sein ganzes Herz und löst nicht nur sein Problem, sondern gibt nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit.

W. Kelly schreibt: „In diesem Brief wird die Gnade Gottes in ihrer ganzen Fülle entfaltet. Hier geht es nicht einfach um die Anwendung seiner Gerechtigkeit auf die Not des Menschen, sondern Gott handelt aus sich selbst heraus und für sich selbst. Das ist der angemessene Beweggrund für Ihn und das Ziel vor Ihm, nämlich seine Herrlichkeit. Folglich wird die Gerechtigkeit in unserem Brief nicht behandelt.“8

Im Epheserbrief lernen wir, von uns selbst und unseren Bedürfnissen wegzuschauen. Wir lernen den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus kennen. Wir erheben unseren Blick weg von der Erde hin zum Himmel. Wir lernen im Epheserbrief nicht so sehr, wie wir zu Gott kommen und wie Gott uns annimmt, sondern wir lernen, was wir für Gott sind (seine Kinder, seine Söhne). Gott kommt nicht zu uns herab, sondern Er hebt uns zu sich empor und segnet uns „in Christus“. Wir sind – was unsere Stellung betrifft – in Ihm jetzt schon in „himmlische Örter“ versetzt. Kein anderer Brief beschäftigt uns so mit der himmlischen Stellung der Glaubenden9 und den damit verbundenen typisch christlichen Segnungen. Das betrifft den einzelnen Gläubigen ebenso wie die Gesamtheit aller Glaubenden.

Gott ist ein gebender Gott. Er liebt es zu geben. Es ist schon großartig zu sehen, wie Gott unseren Bedürfnissen entspricht. Doch es ist weitaus größer zu sehen, wie Gott mit Menschen nach dem Maßstab dessen handelt, was in seinem Herzen ist.10 Deshalb spricht der Epheserbrief von seiner Gnade, seinem Vorsatz, seiner Absicht und seinem Ratschluss. Das Wort „nach“ kommt im ersten Kapitel sechsmal vor und ist immer mit dem verbunden, was in Gott ist (sein Wille, sein Wohlgefallen, sein Vorsatz, seine Macht). Von der Not des Sünders ist so gut wie nicht die Rede. Erlösung und Vergebung werden nur einmal erwähnt – und zwar als Mittel, um uns an dem Ratschluss Gottes teilhaben lassen zu können (Eph 1,7).

Ganz am Ende des Römerbriefes gibt Paulus einen Hinweis auf das, was er im Epheserbrief schreiben wird. Er sagt dort: „Dem aber, der euch zu befestigen vermag nach meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, nach der Offenbarung des Geheimnisses, das ewige Zeiten hindurch verschwiegen war, jetzt aber offenbart und durch prophetische Schriften, nach Befehl des ewigen Gottes, zum Glaubensgehorsam an alle Nationen kundgetan worden ist, dem allein weisen Gott, durch Jesus Christus, ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“ (Röm 16,25–27). Dieser Brief endet nicht mit Grüßen und mit der Gnade, sondern mit diesem Satz, der direkt zum Epheserbrief überleitet. „Nach meinem Evangelium“ bezieht sich auf den Römerbrief. „Nach der Offenbarung des Geheimnisses“ bezieht sich auf den Epheserbrief. Und der Lobpreis am Ende führt uns direkt zu dem Lobpreis am Anfang des Epheserbriefes.

Beim Lesen des Briefes merken wir schnell, dass die Segnungen, die aus dem Herzen Gottes kommen, in zwei große Gruppen eingeteilt werden können. Zum einen sind es ganz persönliche Segnungen, die jeder Glaubende individuell besitzt. Zum anderen sind es gemeinsame Segnungen, die wir kollektiv besitzen.

5.2. Persönliche Segnungen

Der Epheserbrief zeigt uns, welche Segnungen typisch christlich sind:

  • Es sind geistliche Segnungen und keine materiellen Segnungen. Das ist ihr Charakter.
  • Es sind Segnungen, die mit dem Himmel verbunden sind und nicht mit der Erde. Dort sind sie zu finden.
  • Es sind alle Segnungen, die Gott zu geben hat. Das zeigt den Ursprung jeder Segnung. Er hat uns sein ganzes Herz geöffnet und keine einzige Segnung zurückgehalten.
  • Es sind Segnungen „in Christus“. Ohne Christus gibt es keine einzige Segnung. Wir verstehen geistliche Segnungen nur dann, wenn wir sehen, was unser Herr damit zu tun hat. Damit beginnt der Brief (Eph 1,3).

Dann zählt Paulus einige dieser Segnungen auf. Dazu zählt beispielsweise die Tatsache, dass wir Kinder und Söhne Gottes sind. Dazu zählt, dass Gott uns auserwählt hat vor Grundlegung der Welt. Der Besitz des Heiligen Geistes als Siegel und Unterpfand ist eine weitere geistliche Segnung.

5.3. Gemeinsame Segnungen – das Geheimnis des Christus

Paulus bleibt nicht bei den persönlichen Segnungen stehen, sondern geht weiter. Er schreibt über Segnungen, die wir nur gemeinsam bekommen haben und die wir nur gemeinsam genießen können. Wir lernen, dass wir gemeinsam die Versammlung Gottes sind, die im Bild des Leibes, des Hauses und einer geliebten Frau vorgestellt wird. Kein Brief beschreibt die Lehre der Versammlung so wie der Epheserbrief. Das ist das großartige „Geheimnis“, das Paulus in diesem Brief beschreibt. Die Wahrheit von „Christus und seiner Versammlung“ ist nicht deshalb ein Geheimnis, weil niemand sie versteht, sondern weil sie in der Zeit des Alten Testamentes völlig unbekannt war. In Kürze: Gott verbindet Glaubende aus Juden und Heiden in Christus zu einem neuen Menschen. Jeder, der das Wort der Wahrheit hört und das Evangelium des Heils glaubend annimmt, empfängt den Heiligen Geist und ist damit zugleich ein Glied an diesem wunderbaren Leib Christi. Nach Gottes ewigem Ratschluss gehören dazu alle, die in der Zeit der Gnade Christus als Retter annehmen. Sie bilden jetzt die Versammlung, deren Haupt Christus ist. Anders als im Kolosserbrief beschreibt Paulus im Epheserbrief nicht so sehr die Herrlichkeit des Hauptes, sondern er spricht über die Segnungen der Versammlung.11 Dennoch ist klar, dass die Versammlung jede Segnung ihrer Beziehung zu ihrem verherrlichten Haupt verdankt.

Man kann mit einer gewissen Berechtigung sagen, dass dieses Geheimnis – die Beziehung zwischen Christus und seiner Versammlung – das Hauptthema des Briefes ist. Paulus spricht in Verbindung mit dem Ratschluss Gottes immer wieder darüber. In Kapitel 2 wird ausführlich beschrieben, wie Juden und Heiden miteinander versöhnt werden und in Christus ein neuer Mensch sind. Gemeinsam bilden sie einen heiligen Tempel, in dem Gott durch seinen Heiligen Geist wohnt. In Kapitel 3 finden wir eine umfassende Erklärung dieses Geheimnisses, das hier das „Geheimnis des Christus“ genannt wird (Eph 3,4). Gläubige aus Juden und Nationen bilden einen Leib, von dem Christus das verherrlichte Haupt ist. Im praktischen Teil des Briefes kommt Paulus auf dieses Geheimnis zurück.

5.4. Eine Warnung

Es gibt unter vielen bibeltreuen Christen eine gewisse Neigung, die kollektiven Segnungen höher einzuschätzen als die persönlichen Segnungen. Doch zu einer solchen Abstufung berechtigt uns das Neue Testament nicht. Ich möchte hier ein Zitat von W. Kelly wiedergeben, das für sich spricht:

„Obwohl Paulus im Begriff steht, uns zu zeigen, was die Versammlung in ihrer himmlischen Segnung, d. h. in ihren höchsten Beziehungen, ist, beginnt er, wie immer, mit dem Einzelnen. Das war ganz besonders erforderlich. Es besteht ständig die Neigung, die persönliche Seite zugunsten der gemeinschaftlichen beiseite zu setzen. Wenn der Brief an die Epheser richtig verstanden wird, hilft er uns, nicht so zu handeln. Er mag in dieser oder jener Hinsicht missdeutet werden; doch er ist so weit davon entfernt, unsere gemeinschaftliche Stellung in den Vordergrund zu rücken, dass wir nicht ein Wort über die Versammlung als solche vor dem Ende des ersten Kapitels hören. Erst in Vers 22 wird die Versammlung zum ersten Mal genannt, wo gesagt wird, dass Gott Christus „als Haupt über alles der Versammlung gegeben“ hat. Bis dahin jedoch geht es um die Erlösten an sich. Die moralische (innere) Reihenfolge darin ist außerordentlich schön. Gott setzt hier in seiner bewundernswerten Weisheit und Gnade unmittelbar das beiseite, was wir in allen irdischen Systemen finden. Dort ist die Einzelperson nur Teil einer sehr großen Körperschaft, die sich die höchsten Vorrechte anmaßt. Im Wort Gottes ist es nicht so. In ihm hat die persönliche Segnung einer Seele den ersten Platz. Gott möchte, dass wir unsere Stellung völlig klar erkennen und mit Verständnis unseren persönlichen Platz und unsere Beziehung zu Ihm wertschätzen. Wo dieses Ziel erreicht und in rechter Weise bewahrt wird, können wir in Sicherheit dem folgen, was Gott uns zu gelegener Zeit zeigen wird – und nicht anders.“12

6. Römer-, Kolosser- und Epheserbrief im Vergleich

Wie bereits bemerkt, gibt es eine Reihe von Querverbindungen zum Römerbrief einerseits und zum Kolosserbrief andererseits. In allen drei Briefen geht es um fundamentale Heilswahrheiten, um unsere Stellung und unsere Segnungen. Kolosser- und Epheserbrief sprechen darüber hinaus von der Wahrheit der Versammlung Gottes.

Die Bildersprache des Alten Testaments hilft uns, den Zusammenhang zwischen diesen drei Briefen besser zu verstehen.

  • Der Römerbrief findet sein Gegenstück im zweiten Buch Mose in der Rettung des Volkes Israel aus Ägypten. Das Volk befindet sich dort unter der Knechtschaft der Ägypter und des Pharaos. Doch Gott befreit sein Volk erstens durch Blut (Passah) und zweitens durch Macht (Rotes Meer). Das Blut schützte das Volk Israel vor dem gerechten Gericht Gottes. Ebenso sind wir durch das Blut des Herrn Jesus von dem Gericht befreit. Das Rote Meer trennte das Volk Israel von der Macht des Pharaos. Ebenso sind wir durch den Tod Christi von der Macht der Sünde, des Todes und des Teufels befreit. Beide Wahrheiten werden im Römerbrief ausführlich behandelt. Er zeigt uns, dass der Mensch von Natur aus in der Sünde lebt und mit Christus stirbt.
  • Der Kolosserbrief findet sein Gegenstück im Anfang des Buches Josua. Wir lernen vom Durchzug durch den Jordan, dass Christus nicht nur für uns gestorben und wir mit Ihm gestorben sind (Rotes Meer), sondern dass wir ebenso mit Ihm lebendig gemacht und auferweckt worden sind (Kol 2,12.13; 3,1).
  • Der Epheserbrief findet sein Gegenstück in der Fortsetzung des Buches Josua und geht noch einen Schritt weiter. Wir lernen, dass wir, die wir geistlich tot waren, erstens mit Christus lebendig gemacht worden sind, zweitens mit Ihm auferweckt worden sind und drittens in Christus Jesus jetzt mitsitzen in den himmlischen Örtern (Eph 2,5.6). Das ist unsere Stellung, in der Gott uns sieht. Das Volk Israel befindet sich im Land und genießt den Segen, den Gott zugesagt hat. Unser „Land“ sind die „himmlischen Örter“, und unser Segen sind die geistlichen Segnungen, die wir in Christus besitzen und genießen.

Das wird in dem Durchzug des Volkes Israel durch den Jordan bildlich gezeigt. Dieser Durchzug spricht deshalb nicht – wie manchmal gesagt wird – von dem leiblichen Tod des Menschen, sondern von unserer geistlichen Identifikation mit dem Tod und der Auferstehung des Herrn Jesus, wodurch wir jetzt in eine wunderbare Stellung „in Christus“ gebracht worden sind.

Im Land Kanaan hatte das Volk Israel Feinde und Kampf. Das komplettiert das Bild, denn der Epheserbrief spricht ebenfalls von Kampf. Es ist kein Kampf gegen „Fleisch und Blut“, sondern gegen „die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern“ (Eph 6,12). Die Feinde Israels im Land symbolisieren diese geistlichen Mächte, die uns den Genuss unserer Segnungen streitig machen wollen.

Die Unterschiede zwischen den drei Briefen an die Römer, an die Kolosser und an die Epheser sind auffallend. Ausgangspunkt im Römerbrief ist die Not des Sünders, der Gott in Christus begegnet. Ausgangspunkt im Epheserbrief ist das Herz und der Ratschluss Gottes, der Menschen segnet und mit Christus verbindet.

Die Unterschiede zum Kolosserbrief sind vor allem wie folgt:

  1. Der Epheserbrief zeigt uns die Versammlung Gottes in ihrem ewigen und zeitlichen Aspekt als die Fülle des Christus. Die Schönheit des Leibes wird besonders in den Vordergrund gestellt. Im Kolosserbrief geht es vordergründig um die Fülle des Hauptes und seine Schönheit. In Christus wohnte und wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.
  2. Der Epheserbrief zeigt uns die Gläubigen, die nicht nur mit Christus auferweckt sind, sondern in Ihm in die himmlischen Örter versetzt sind. Im Kolosserbrief werden wir noch auf dieser Erde gesehen. Die große Wahrheit ist nicht „Wir in Christus“, sondern „Christus in uns“. Deshalb geht es in diesem Brief um unsere Gemeinschaft mit Ihm auf der Erde, während es im Epheserbrief um unsere Gemeinschaft mit Ihm im Himmel geht.
  3. Der Epheserbrief spricht nicht ausführlich über die Hoffnung der Christen und erwähnt die Rückkehr des Herrn Jesus nicht. Das ist verständlich, weil wir der Stellung nach bereits am Ziel sind. Der Kolosserbrief sieht uns noch auf der Reise. Wir schauen nach vorne und nach oben und tragen die Hoffnung in unserem Herzen.
  4. Der Epheserbrief spricht wiederholt (eigentlich in jedem Kapitel) von dem Heiligen Geist. Der Geist spricht dort über sich selbst, und wir lernen manches über diese göttliche Person. Im Kolosserbrief wird Er – von einer Ausnahme in Kapitel 1,8 abgesehen – nicht erwähnt. Das ist nachvollziehbar, denn Er spricht über die herrliche Person des Herrn Jesus, weil die Briefempfänger gerade das brauchten. Das große Thema ist das Leben, das wir in und mit Ihm haben.

7. Besonderheiten

Beim Lesen des Briefes fällt auf, dass es einige Besonderheiten gibt. Schlüsselworte sind z. B. die Formulierung „in ihm“ oder „in Christus“, die „himmlischen Örter“, die nur in diesem Brief genannt werden, und die „Versammlung“, die in keinem Brief so ausführlich in ihrem ewigen Charakter vorgestellt wird wie in diesem Brief. Eng damit verbunden ist der „Ratschluss“ Gottes. Doch das ist nicht alles:

  1. In Christus: Alle Segnungen, die wir haben, besitzen wir „in Christus“, dem verherrlichten Sohn des Menschen im Himmel. Jeder Mensch, der nicht „in Christus“ ist, hat weder Anteil noch Freude an irgendeiner dieser himmlischen Segnungen. Ohne Christus ist es unmöglich, Gott zu kennen und zu Ihm zu kommen. Nur ein Kind Gottes kann sich an den herrlichen Segnungen erfreuen, die denen gegeben sind, die in Christus sind.
  2. Himmlische Örter: Die himmlischen Örter sind – wie bereits bemerkt – eigentlich weniger eine Ortsbeschreibung, sondern bezeichnen das, was mit dem Himmel verbunden ist und nur im Himmel zu finden ist. Obwohl wir noch auf der Erde leben, sieht Gott es doch bereits so, dass wir mit Christus dort sind, wo Er ist. Dort findet zugleich der typisch christliche Kampf statt, der einen völlig anderen Charakter hat als die Kämpfe, die uns in anderen Briefen gezeigt werden.
  3. Die Versammlung: Die Versammlung nach dem Ratschluss Gottes ist eines der Hauptthemen. Wir lernen, wie Gott diese Versammlung sieht, die aus allen Glaubenden der Gnadenzeit besteht, die mit dem Heiligen Geist versiegelt sind. Alle drei uns bekannten Hauptbilder werden vorgestellt:
    - Der Leib Christi spricht besonders von Einheit. Diese Einheit existiert und soll zugleich praktisch bewahrt werden. Der verherrlichte Herr gibt seiner Versammlung Gaben, damit der Leib wachsen kann.
    - Der Tempel – oder das Haus Gottes – betont die Tatsache, dass Gott durch den Heiligen Geist in der Versammlung wohnt. Dieser Gedanke verbindet sich mit der Heiligkeit Gottes. Wo Er wohnt, muss alles mit seinem Wesen übereinstimmen.
    - Die Braut – genauer gesagt die Frau – des Christus betont besonders die Liebe des Herrn Jesus zu seiner Versammlung (Eph 5,22–33).
  4. Passend dazu kommt das Wort „mit“ ebenfalls mehrmals vor. Es bezieht sich häufig auf das gemeinsame Teil der Glaubenden aus Juden und Nationen. Gemeint ist, dass diese Glaubenden etwas zusammen besitzen. Der Gedanke ist nicht, dass die Nationen in Israel einverleibt wären, sondern dass beide in Christus eins sind und die gleichen Segnungen bekommen haben. Die Nationen sind nicht zu Bürgern Israels geworden, sondern gemeinsam bilden sie etwas Neues, das es vorher nicht gab.
  5. Sechsmal wird von einem „Geheimnis“ gesprochen – häufiger als in jedem anderen Buch des Neuen Testaments. Gemeint ist damit jeweils ein Aspekt der Wahrheit, der im Alten Testament nicht bekannt war, sondern erst im Neuen Testament offenbart wurde. Eines dieser Geheimnisse ist die Tatsache, dass Glaubende aus Juden und Nationen jetzt zusammen die Versammlung Gottes bilden (Eph 3,4–6; 5,22–33). Ein weiteres Geheimnis ist das des Willens Gottes für die Verwaltung der Fülle der Zeiten – das Tausendjährige Reich (Eph 1,9). Schließlich ist von dem Geheimnis der Ehe die Rede, das dann auf Christus und seine Versammlung angewandt wird (Eph 5,32).
  6. Das Wort „Liebe“ oder „lieben“ kommt ebenfalls auffallend häufig vor – insgesamt 21-mal. Die Epheser werden aufgefordert, in Liebe miteinander umzugehen (Eph 4,2; 5,1.2), in Liebe die Wahrheit festzuhalten (Eph 4,15) und in Liebe gewurzelt und gegründet zu sein (Eph 3,17). Später im Sendschreiben an Ephesus (Off 2,1‒6) konnten die Epheser für vieles gelobt werden, allerdings werden sie getadelt, dass sie ihre erste Liebe verlassen hatten.
  7. Auch das Wort „heilig“ finden wir öfters. Der Stellung nach ist jeder erlöste Christ ein „Heiliger“, das heißt, er gehört Gott. Nun geht es darum, dass unser Leben in der Praxis mit unserer Stellung übereinstimmt. Wir sollen so leben, wie es sich für Heilige gehört (Eph 5,3).
  8. Der Epheserbrief ist auch ein Brief der Superlative. Wir finden Ausdrücke wie:
    - „der Reichtum seiner Gnade, die er gegen uns hat überströmen lassen“ (Eph 1,7.8)
    - „die überragende Größe seiner Kraft“ (Eph 1,19)
    - „über jedes Fürstentum“ (Eph 1,21)
    - „wegen seiner vielen Liebe“ (Eph 2,4)
    - „reich an Barmherzigkeit“ (Eph 2,4)
    - „den überragenden Reichtum seiner Gnade“ (Eph 2,7)
    - „mir, dem allergeringsten von allen Heiligen“ (Eph 3,8)
    - „den unergründlichen Reichtum des Christus“ (Eph 3,8)
    - „die mannigfaltige Weisheit Gottes“ (Eph 3,10)
    - „den Reichtum seiner Herrlichkeit mit Kraft“ (Eph 3,16)
    - „die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus“ (Eph 3,19)

8. Überblick und Gliederung

8.1. Überblick

Der Brief folgt einer klaren Gliederung und Struktur und hat – wie der Römerbrief – einen lehrmäßigen Teil (Kapitel 1–3) und einen praktischen Teil (Kapitel 3–6,9). Der lehrmäßige Teil beschreibt die einzigartige Stellung der Christen als ein himmlisches Volk mit himmlischen Segnungen. Der praktische Teil zeigt uns, wie wir jetzt auf der Erde als solche leben, die der Stellung nach zum Himmel gehören. Wir lernen, welche konkreten Auswirkungen unsere Berufung in den alltäglichen Lebensumständen haben soll. Es folgt ein Anhang über den christlichen Kampf, den wir dann zu kämpfen haben, wenn wir die Lehre des Briefes in der Praxis umsetzen.

  • Kapitel 1 zeigt uns den ewigen Ratschluss Gottes in Bezug auf Christus, die Gläubigen und die Versammlung. Wir lernen, dass wir in Christus jetzt schon mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern gesegnet sind und gemeinsam die Versammlung Gottes bilden, die Gott seinem Sohn gegeben hat. Der Heilige Geist garantiert uns diese Segnungen heute schon.
  • Kapitel 2 zeigt uns, wie Gott es geführt hat, dass sein Ratschluss in der Zeit realisiert werden konnte – und zwar wiederum für jeden Einzelnen und gemeinsam. Zunächst lernen wir unseren Zustand als „tot“ in Sünden und Übertretungen kennen und wie Gott uns mit dem Christus nicht nur lebendig gemacht und auferweckt hat, sondern wie wir mit Ihm in himmlische Örter versetzt sind. Doch nicht nur das. Gemeinsam mit allen Glaubenden (aus Juden und Heiden) bilden wir den einen neuen Menschen, die Versammlung Gottes. Wir sind jetzt in Gottes unmittelbarer Nähe gebracht und zu seinen Hausgenossen gemacht worden.
  • Kapitel 3 zeigt uns den besonderen Dienst, der dem Apostel Paulus gegeben war, um die Wahrheit von Christus und seiner Versammlung bekannt zu machen – eine Wahrheit, die im Alten Testament völlig verborgen war. Paulus war das „auserwählte Gefäß“ dafür. Ihm war die Verwaltung dieses Geheimnisses anvertraut, und er hat es vermittelt.
  • Die Kapitel 4 bis 6 zeigen uns, wie wir unsere Berufung im Alltag ausleben. Wir werden in vielerlei Hinsicht ermahnt. Alle Hinweise erfolgen im Blick auf die Berufung in Christus. Zunächst geht es um Beziehungen, die mit dem einen Leib zu tun haben. Danach um Beziehungen, die mit unserem Bekenntnis zu tun haben, und schließlich um Beziehungen, die mit der Schöpfungsordnung Gottes verbunden sind. Das Verhalten des Gläubigen soll mit seiner Stellung übereinstimmen. Wir sollen in unseren irdischen Beziehungen ein Zeugnis der Gnade, der Liebe und der Heiligkeit Gottes sein. Der Maßstab für die praktischen Hinweise ist in diesem Brief, der uns die höchsten Segnungen zeigt, höher als in allen anderen Briefen.

8.2. Gliederung

Wie immer, gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Brief zu gliedern. Folgende Struktur ist eine Möglichkeit, den Brief einzuteilen:

Prolog und Begrüßung (Kapitel 1,1.2)

Teil 1: Das Werk Gottes – die christliche Stellung (Kapitel 1,3–3,21)

  1. Das Geheimnis wir offenbart Kapitel 1,3–23)
    1.1. Gesegnet mit jeder geistlichen Segnung (Kapitel 1,3–14)
    1.2. Das erste Gebet des Paulus (Kapitel 1,15–23)
  2. Das Geheimnis wird realisiert (Kapitel 2,1–22)
    2.1. Juden und Heiden lebendig gemacht – versetzt in himmlische Örter (Kapitel 2,1–10)
    2.2. Juden und Heiden nahe gebracht – das Haus Gottes (Kapitel 2,11–22)
  3. Das Geheimnis wird verwaltet (Kapitel 3,1–21)
    3.1. Das Geheimnis offenbart und verkündigt (Kapitel 3,1–13)
    3.2. Das zweite Gebet des Paulus (Kapitel 3,14–21)

Teil 2: Unsere Antwort auf das Werk Gottes – der christliche Wandel (Kapitel 4,1–6,9)

  1. Einleitung – die Einheit des Geistes (Kapitel 4,1–6)
    1.1. Würdig wandeln und die Einheit des Geistes bewahren (Kapitel 4,1–3)
    1.2. Der göttliche Mittelpunkt der Einheit (Kapitel 4,4–6)
  2. Der Bereich des einen Leibes (Kapitel 4,7–16)
    2.1. Der Geber der Gaben (Kapitel 4,7–10)
    2.2. Die Gaben und ihr Ziel (Kapitel 4,11–16)
  3. Der Bereich des Bekenntnisses – Gerechtigkeit und Liebe (Kapitel 4,17–5,21)
    3.1. Der alte und der neue Mensch (Kapitel 4,17–24)
    3.2. Der Wandel als Erlöste (Kapitel 4,25–32)
    3.3. Der Wandel in Licht und Liebe (Kapitel 5,1–14)
    3.4. Der sorgfältige Wandel (Kapitel 5,15–21)
  4. Der Bereich der Schöpfung (Kapitel 5,22–6,9)
    4.1. Die Ehe – Frauen und Männer (Kapitel 5,22–33)
    4.2. Die Familie – Kinder und Väter (Kapitel 6,1–4)
    4.3. Das Arbeitsleben – Knechte und Herren (Kapitel 6,5–9)

Teil 3: Der Kampf des Christen (Kapitel 6,10–20)

Epilog und Schlussworte (Kapitel 6,21–24)

Fußnoten

  • 1 J. N. Darby: The Epistle to the Ephesians
  • 2 A. C. Gaebelein: The Letter to the Ephesians (in: The Annotated Bible)
  • 3 Der Begriff „himmlische Örter“ ist ein Kernbegriff in diesem Brief. Wir finden ihn nur hier (Eph 1,3.20; 2,6; 3,10; 6,12). Das Wort „Örter“ steht im Grundtext nicht. Es geht nicht so sehr um einen „Ort“, sondern um das „Himmlische“ im Gegensatz zu dem „Irdischen“, und gerade das fällt uns erdgebundenen Menschen oft sehr schwer zu erfassen.
  • 4 Man verbindet das z. B. mit der Aussage in 1. Korinther 15,32, wo Paulus schreibt, dass er in Ephesus mit „wilden Tieren“ gekämpft hat. Das wird von einigen wörtlich aufgefasst, als sei er dort in der Arena gewesen. Das ist jedoch sehr unwahrscheinlich, denn zu dieser Zeit war es unüblich, dass Christen zum Kampf mit wilden Tieren verurteilt wurden – und schon gar nicht als römischer Bürger, wie Paulus es war. Der Ausdruck ist vermutlich bildlich aufzufassen.
  • 5 Der Name „Kleinasien“ wird historisch von der römischen Provinz Asien abgeleitet (nicht zu verwechseln mit dem uns heute bekannten Kontinent Asien) und liegt im westlichen Teil der heutigen Türkei.
  • 6 Es ist interessant, dass der Heilige Geist gerade den Ephesern, die diesen Tempel gut kannten, von einem ganz anderen Tempel schreibt, nämlich dem Tempel Gottes, in dem Jesus Christus selbst Eckstein ist (Eph 2,19–21). Der Tempel der Göttin Artemis wurde im Jahre 262 n. Chr. durch die Goten völlig zerstört. Der Tempel Gottes hingegen wird nicht einmal durch des Hades Pforten überwältigt werden (Mt 16,18).
  • 7 Allerdings mag Paulus dennoch eine gewisse Sorge oder „geistliche Vorahnung“ gehabt haben. In seiner Abschiedsrede warnt er die Ältesten der Versammlung vor Gefahren von innen und von außen (Apg 20,29.30). Wie Recht er damit hatte, zeigt der Brief des Johannes an die Versammlung in Ephesus (Off 2,1–7). Der Vorwurf dort lautet, dass die Gläubigen ihre „erste Liebe“ verlassen hatten (gemeint ist die „beste Liebe“) und die Herzen nicht mehr ausschließlich für Christus schlugen. Einen versteckten Hinweis darauf mag man im letzten Vers des Epheserbriefes erkennen, wo Paulus von denen spricht, die den Herr Jesus „in Unverderblichkeit“ lieben. Darüber hinaus fällt auf, dass Paulus in keinem anderen Brief so oft von „Liebe“ spricht wie im Epheserbrief. Ein weiterer Beleg dafür ist die Aussage in 1. Timotheus 1,5: „Das Endziel des Gebotes aber ist: Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ Das schrieb Paulus, kurz nachdem er den Brief an die Epheser geschrieben hatte (etwa im Jahr 62 n. Chr.). Es war wohl nötig, die Epheser an dieses Ziel zu erinnern.
  • 8 W. Kelly: Lectures Introductory to the Books of the New Testament
  • 9 Unsere „Stellung“ bedeutet, uns so zu sehen, wie Gott uns „in Christus“ sieht.
  • 10 F. B. Hole illustriert das an folgendem Beispiel, das den Sachverhalt sehr gut trifft: „Ein wohlwollender reicher Mann könnte einem armen Straßenjungen, der wegen eines kleinen Vergehens angeklagt ist, große Freundlichkeit erweisen. Er könnte ihn zum Beispiel nicht nur durch die Zahlung einer Geldstrafe vor dem Zugriff des Gesetzes retten, sondern ihn auch aus der Unwissenheit befreien, indem er ihn zur Schule schickt, und aus der Armut, indem er seinen Lebensunterhalt bezahlt. Das wäre Freundlichkeit in Bezug auf seine Not. Aber wenn er Pläne machte, ihn ganz in seine Nähe zu holen, in eine Stellung von großem Reichtum und Einfluss, entspräche das nicht der augenblicklichen Not des Jungen, sondern der Freude und den Zielvorstellungen seiner eigenen gütigen Gesinnung. Das mag zur Verdeutlichung dienen.“ (F. B. Hole: The Letter to the Ephesians)
  • 11 Im Kolosserbrief war es notwendig, den Schwerpunkt auf die Herrlichkeit des Hauptes zu legen, weil die Kolosser in der Gefahr standen, das Haupt nicht festzuhalten (Kol 2,19). Diese Gefahr bestand bei den Ephesern nicht.
  • 12 W. Kelly: The Epistle to the Ephesians