Der Brief an die Epheser

Kapitel 3

Der Brief an die Epheser

Das ganze dritte Kapitel, das wir nun betrachten wollen, ist ein Zwischensatz zwischen der Unterweisung am Ende des zweiten Kapitels und der Ermahnung am Anfang des vierten. Der Apostel redet hier ausschließlich und ausführlich von dem Geheimnis, worüber er bereits mit einigen Worten im vorhergehenden Kapitel gesprochen hat. Er sagt im dritten und vierten Vers: „Wie ich es zuvor in kurzem beschrieben habe, woran ihr im Lesen merken könnt mein Verständnis in dem Geheimnis des Christus“. Der Heilige Geist hält diesen Gegenstand für so wichtig, dass Er ihm ein ganzes Kapitel widmet; deshalb ist es notwendig, dass auch wir ihm besondere Aufmerksamkeit schenken.

An erster Stelle sagt Paulus, dass dieses Geheimnis ihm durch Offenbarung kundgemacht worden sei. „Wenn ihr anders gehört habt von der Verwaltung der Gnade Gottes, die mir in Bezug auf euch gegeben ist, dass mir durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan worden“ (Verse 2 und 3). Nicht Petrus, dem Apostel der Beschneidung, sondern Paulus wurde dieses Geheimnis offenbart. Gott hatte Paulus auserwählt, um durch ihn der Versammlung dasselbe kundzutun. Die andern Apostel empfingen die Kenntnis dieses Geheimnisses durch Paulus. Schon hieraus sehen wir, dass dieses eine ganz neue Sache war. Die Vergebung der Sünden durch den Glauben an Jesus Christus wurde bereits vor der Bekehrung des Paulus durch die andern Apostel gepredigt, und sie wurde auch durch ihn verkündigt doch gab ihm Gott außerdem eine besondere Offenbarung von einer Sache, die Er bis dahin noch verborgen gehalten hatte: die Offenbarung des Geheimnisses, welches in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden, wie es jetzt offenbart worden ist Seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist“ (Vers 5). Und die Predigt dieses Geheimnisses ist es, die der Apostel meint, wenn er sagt „nach meinem Evangelium“ (Römer 2, 16; 16. 25- 2. Tim 2, 8).

Worin besteht nun dieses Geheimnis? Im Prinzip war zu allen Zeiten für den Glauben eine gute Botschaft da, sei es in der Form einer Verheißung, sei es als eine Offenbarung von Gnade, die jedoch noch nicht erfüllt war. Es war kein Geheimnis, dass ein Erretter gegeben würde; dies war im Gegenteil die erste Offenbarung von Gnade nach dem Fall des Menschen: „Der Same der Frau wird der Schlange den Kopf zermalmen“. Und im Verlauf der Zeiten wird diese Gnade stets deutlicher offenbart in Verbindung mit der Vergebung der Sünden und der durch Glauben erlangten Gerechtigkeit Gottes. Das Lesen des Alten Testamentes wird jeden davon überzeugen. Der Apostel erklärt aber ausdrücklich, dass das Geheimnis des Christus in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden sei. Er sagt nicht, dass es teilweise kundgemacht oder nicht verstanden worden wäre, sondern dass es überhaupt nicht offenbart worden sei.

Aber worin besteht denn dieses Geheimnis? Es besteht in erster Linie in der Kundgabe der gegenwärtigen Herrlichkeit des Christus. Anstatt nach den Weissagungen des Alten Testamentes Sein Königreich aufzurichten, hat Er für eine Zeit den Schauplatz dieser Erde verlassen. Ihn, den die Menschen verworfen und gekreuzigt haben, Ihn hat Gott auferweckt und zu Seiner Rechten gesetzt in den himmlischen Örtern. Er ist dort gesetzt über alle Fürstentümer und Gewalt und Macht und Herrschaft und jeglichen Namen der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen. Er ist nach dem Willen Gottes gesetzt als Haupt über alle Dinge, sowohl über das was in den Himmeln als über das, was auf der Erde ist, somit als Haupt über das ganze Weltall. Das ist der erste und wichtigste Teil des Geheimnisses. Der zweite, als eine Folge des ersten ist die innige Verbindung der Versammlung mit Christus als Sein Leib, gleichsam als ein Bestandteil Seiner selbst, als Seine Fülle. Im Alten Testament finden wir Christus dargestellt als Sohn Davids, als des Menschen Sohn, als Gottes Sohn, als König, aber nirgends finden wir dort eine Offenbarung über den Umfang Seiner gegenwärtigen Herrlichkeit und über die Fülle der Ihm von Gott übertragenen Herrschaft über alle Dinge. Dieser Herrschaft teilt Er mit der Gemeinde. Nicht Christus oder die Gemeinde allein, sondern Christus und die Gemeinde, vereinigt in himmlischer Herrlichkeit und herrschend über alle Dinge: das ist das Geheimnis. „Dieses Geheimnis ist groß, ich aber sage es in Bezug auf Christus und auf die Versammlung“ (Eph 5, 32). Darum, wie wir im ersten Kapitel sahen, als Gott Ihn aus den Toten auferweckt und Ihn zu Seiner Rechten in den himmlischen Örtern gesetzt hatte, weit über jede Obrigkeit, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen, und alles Seinen Füßen unterworfen hatte, hat Er Ihn der Versammlung als Haupt über alles gegeben.

Es ist darum von größter Wichtigkeit, die Natur und den Charakter der Versammlung zu kennen. Sie ist, wie wir bereits in Kapitel 2 bemerkten, der Leib des verherrlichten Christus. Die Meinung vieler, dass alle Gläubigen, von Adam bis zum Ende, die Gemeinde des Christus ausmachen, ist ganz im Widerspruch zu Gottes Wort. Das Wort Gottes versteht unter der Ekklesia alle die, welche mit Christus, nachdem Er zur Rechten Gottes gesetzt war, vereinigt sind und die durch den Heiligen Geist zu einem Leib getauft sind. Die Versammlung des Christus ist die Vereinigung von allen, die durch den Glauben an den gestorbenen und auferstandenen Erlöser und die Macht des Heiligen Geistes mit Christus völlig eins geworden sind. Dergleichen gab es vor Pfingsten nicht. Die Versammlung ist also etwas ganz Neues, unbekannt im Alten Testament, wo kein Wort über eine Vereinigung mit einem von Menschen verherrlichten und in die himmlischen Örter erhöhten Christus gesagt wird.

Ein anderes Merkmal der Versammlung lässt uns dies noch deutlicher erkennen. Bei der Behandlung des vorhergehenden Kapitels sahen wir bereits, dass Gott durch den Tod des Christus die Zwischenwand der Umzäunung, die zwischen Juden und Heiden bestand, abgebrochen hat. Und hier erklärt der Apostel ausdrücklich, dass ihm durch Offenbarung kundgetan wurde das Geheimnis, „dass die aus den Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber Seiner Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium“ (Vers 6). Wohl wird im Alten Testament von der Segnung gesprochen, die über die Völker kommen soll; aber immer bleibt Israel dabei das auserwählte Volk. Jerusalem ist der Mittelpunkt, von wo aus die Segnungen über die Völker fließen sollen. Aber nie werden die Völker mit Israel auf dieselbe Linie gestellt, und noch viel weniger wird über eine Vereinigung von Juden und Heiden zu einem Leib geredet. Das ist dem Alten Testament völlig unbekannt und wurde erst dem Apostel Paulus offenbart. Da die Gemeinde aus Juden und Menschen aus den Nationen gebildet ist, die durch den Glauben an den auferstandenen Christus mit Ihm vereinigt worden sind, so konnte sie vor dem Tod und der Auferstehung des Christus nicht entstehen, weil ja die Zwischenwand der Umzäunung erst durch Seinen Tod beseitigt worden ist.

Wird denn im Alten Testament mit keinem einzigen Wort über die Ekklesia gesprochen? Unsere Antwort muss unbedingt verneinend sein. Weder in den geschichtlichen Büchern, noch in den Psalmen, noch in den Propheten wird der Versammlung Erwähnung getan, und ein Hauptgrund, warum so Wenige das Alte Testament richtig verstehen, ist die Meinung, die Gemeinde habe schon damals bestanden. Allerdings, wenn man durch das Licht des Neuen Testamentes die Natur und den Charakter der Versammlung kennt, wird man im Alten Testament Vorbilder der Gemeinde finden. Solche Vorbilder sind u. a. Adam und Eva, Rebekka, Joseph und Asnath, Boas und Ruth. Doch darf man nie vergessen, dass diese Vorbilder nur von dem gefunden und begriffen werden können, der die Briefe des Paulus gelesen und verstanden hat. Die Personen selber, die als Vorbilder dienten, hatten nicht die leiseste Ahnung von der Sache, die sie darstellten. Gott aber wusste es, und Er hat zu unserer Belehrung und unserm Trost diese Begebenheiten so mitteilen lassen, dass durch sie herrliche Vorbilder der Versammlung dargestellt wurden.

Menschen aus den Nationen sind also Miterben und Miteinverleibte und Mitteilhaber Seiner Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium. Der irdische Teil der Verheißungen Gottes an Abraham und die Verheißung Gottes in Christus sind nicht nur verschieden, sondern stehen einander gegenüber. Abraham wurde gesagt: „Ich will dich zu einer großen Nation machen“ (1. Mose 12). Ist das die Erwartung der Ekklesia? Keineswegs; denn wiewohl die Gemeinde sich noch auf Erden befindet, ist es gegen ihre Berufung, nach Größe und Ansehen in dieser Welt zu trachten. Sie wird nie ein großes und mächtiges Volk auf Erden sein; sie wird es durch die Gnade Gottes mit Christus im Himmel sein. Israel hingegen wird die Tore seiner Feinde besitzen (1. Mose 22) und über alle Völker der Erde erhoben werden, Unsere Segnungen sind in Christus mit den himmlischen Örtern, die von Israel mit dieser Erde verbunden. Gott wird einmal alle Seine Verheißungen an Israel erfüllen und dieses Volk reichlich segnen; und durch dasselbe werden die Segnungen über alle Völker kommen. jetzt aber, zur Zeit der Verwerfung Israels, werden die Völker nicht durch Israel gesegnet; die Gläubigen aus den Nationen sind Miterben und Miteinverleibte. Miterben mit wem? Mit Christus und mit den Juden in Christus. Jeglicher Unterschied ist verschwunden; der ärmste Sünder aus den Nationen wie der tiefstgefallene aus den Juden wird von Gott angenommen, aus seinem sündigen Zustand erlöst, zu einem Glied am Leib des Christus und zu einem Teilhaber Seiner Verheißung in Christus gemacht.

Paulus nun war ein Diener dieses Evangeliums geworden, welches die Vereinigung von Juden und Heiden zu einem Leib, der Versammlung, zum Gegenstand hatte; er war ein Diener geworden „nach der Gabe der Gnade Gottes, die ihm gegeben war“, und diese Gnade war ihm verliehen „nach der Wirksamkeit Seiner Kraft“ (Vers 7). Und welches war die Wirkung dieser Wahrheit auf den Apostel? Er sagt: „Mir, dem allergeringsten von allen Heiligen ist diese Gnade gegeben worden, unter den Nationen den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen“ (Vers 8). Die Kenntnis des unergründlichen Reichtums des Christus hatte bei dem Apostel solch eine Demut bewirkt, dass er, der mehr getan hatte als alle andern Apostel, sich den allergeringsten unter allen Heiligen nennt. Diese Kenntnis erfüllte ihn zugleich mit einem brennenden Verlangen, denn er sagt weiter: „alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses sei, das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott, der alle Dinge geschaffen hat“ (Vers 9). Durch diese Worte erklärt der Apostel nochmals ausdrücklich, dass dieses Geheimnis im Alten Testament nicht bekannt war; es war noch verborgen in Gott und keineswegs in den Schriften offenbart. Und Paulus wünschte hier, dass alle dieses Geheimnis kennen lernen möchten. Sein ganzes Herz ist davon erfüllt, sein ganzes Leben ihm geweiht. Und fürwahr! was ist herrlicher als die Einheit der Versammlung mit Christus! Worin wird die Gnade Gottes mehr offenbart, als dass die verlorenen Sünder aus den Juden und den Nationen Glieder am Leib des Christus werden? O möchten wir es doch alle verstehen! Viele geben sich, ach, mit dem Zustand zufrieden, in dem die Gläubigen des Alten Testamentes sich befanden; viele begreifen nichts von den wahren Kennzeichen des Christentums und von der Natur Lind dem Charakter der Versammlung. Daher kommt es, dass so wenige die wahre Freude schmecken und die himmlischen Segnungen in Christus genießen; daher soviel Seufzen und Klagen, daher soviel irdische und weltliche Gesinnung. Ach, geben wir uns doch nicht mit weniger Segnungen zufrieden als Gott uns gibt. Wenn der Herr uns sagt, dass unsere Stellung viel herrlicher ist als die der Gläubigen im Alten Testament, dann ist es Hochmut und keineswegs Bescheidenheit, wenn wir uns weigern, dies anzunehmen. Der Herr öffne die Augen aller für den unausforschlichen Reichtum des Christus.

Aber was ist die Absicht Gottes in der Offenbarung dieses Geheimnisses? Der Apostel sagt es, uns: „Auf dass jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die gar mannigfaltig Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz. den Er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Verse 10, 11). Welch eine herrliche Stellung nimmt also die Versammlung ein! Sie macht, auf dieser Erde weilend, den erhabensten aller geschaffenen Wesen die Weisheit Gottes bekannt. Die Engel hatten die erste Schöpfung geschaut; sie hatten die Regierung Gottes, Seine Vorsehung, Seine Gnade, Sein Gericht gesehen; aber hier ist etwas Neues, etwas, das vor Grundlegung der Welt in Gott verborgen gewesen war. Es ist die Ekklesia, eins mit Christus, mit Ihm an die Spitze der ganzen Schöpfung gesetzt. Wenn die himmlischen Wesen die völlige Liebe und die mannigfaltige Weisheit Gottes anschauen wollen, müssen sie ihren Blick auf diese Erde richten und uns betrachten. Welch unaussprechliche Gnade! Aber zugleich welch ernste Verantwortlichkeit! Ach, die Gemeinde hat ihrer Berufung nicht entsprochen; anstatt sich als ein Ganzes zu offenbaren, hat sie sich auseinander reißen lassen und sich mit der Welt vereinigt, und sicher schauen die Engel mit Betrübnis hernieder auf diese zerstörte Einheit. Doch wie groß auch die Irrungen und Fehler der Christen sein mögen, Gott wird den ewigen Vorsatz, den Er in Christus Jesus, unserm Herrn, gefasst hat, zur Ausführung bringen; Er wird einmal die Versammlung als eine reine Jungfrau zur Bewunderung darstellen. Gott wird sie die Macht und Herrschaft des Christus teilen lassen.

In diesem Christus „haben wir die Freimütigkeit und den Zugang in Zuversicht durch den Glauben an Ihn“ (Vers 12). Wir sehen hier, wie der Apostel, erfüllt mit der herrlichen Offenbarung über die Ekklesia von den erhabensten Ratschlüssen Gottes zu den einfachsten Anfängen des Christentums übergehen kann. Dies lehrt uns, wie alles, was uns mitgeteilt wird, all die erhabenen Offenbarungen Gottes dazu dienen müssen uns mehr mit Ihm zu verbinden und von unserm großen Vorrecht Gebrauch zu machen mit Ihm Gemeinschaft zu haben. Wir haben nicht nur Frieden, sondern auch „die Freimütigkeit“, mit Gott zu reden und Ihm alles zu sagen, und wir haben „den Zugang in Zuversicht durch den Glauben an Ihn“; wir können vertraulich mit Gott umgehen, gleichwie ein Sohn mit seinem Vater verkehrt. „Deshalb bitte ich, nicht mutlos zu werden durch meine Drangsale für euch, welche eure Ehre sind“ (Vers 13). Das ist eine andere Frucht dieser wunderbaren Wahrheit. Während der Apostel in den Händen der Ungläubigen im Gefängnis war, schrieb er unter der Leitung des Geistes Gottes über die Herrlichkeit der Gemeinde, die Gott ihm offenbart hatte. Darum sollten die Epheser nicht nachlassen, als sie seine Bedrängnis sahen, sondern im Gegenteil gestärkt werden. Und der Heilige Geist hat die Heiligen so innig verbunden, nicht allein mit Christus, sondern auch miteinander, dass das Leiden des Paulus auch ihre Ehre und nicht nur die des Paulus war. Als Glieder desselben Leibes waren sie auch in der Gemeinschaft der Leiden aufs Innigste verbunden.

Wie im ersten Kapitel, so schließt der Apostel auch hier diesen Teil seiner Ausführungen mit einem Gebet von sehr herrlichem Inhalt. Im ersteren betete er zu dem Gott unseres Herrn Jesus Christus; hier betet er zu dem Vater. „Dieserhalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (Vers 14). Gott hat Seinen Sohn zum Mittelpunkt aller Seiner Ratschlüsse gemacht, Ihn in die höchsten Himmel erhoben und alles Seinen Füßen unterworfen. Doch es ist klar, dass die Liebe des Vaters zu Christus größer ist, als alle Herrlichkeit und Macht. So ist es auch mit uns. Wir werden an der Herrlichkeit des Christus teilhaben, wir werden mit Ihm über alles herrschen. Das ist ein unaussprechliches Vorrecht; aber dennoch – dies alles befriedigt das Herz nicht. Es gibt etwas, das herrlicher ist als alle Macht, und das ist die Liebe des Vaters. Die Absicht des ersten Gebets ist, unsere Augen auf die unbeschränkte Macht zu richten, die Christus gegeben ist und die wir mit Ihm teilen sollen; und der Zweck des zweiten ist, dass wir die Liebe genießen, die das Geheimnis der Herrlichkeit ist. Darum sagt der Herr in Johannes 17, wo Er für die Heiligen betet: „Die Herrlichkeit, die Du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben“, und weiter: „dass die Welt erkenne, dass Du mich gesandt und sie geliebt hast, gleichwie Du mich geliebt hast“. Die Welt wird wissen, dass der Vater uns lieb hat. Darum ist die Herrlichkeit, die offenbart werden soll, nicht das Ende von allem. Die Liebe bestand vor der Herrlichkeit sie lässt die Herrlichkeit entstehen und erhält sie. Die Liebe hat uns diese Herrlichkeit geschenkt. Unter all den Gedanken Gottes ist nichts so wunderbar, als dass Gott solche Geschöpfe, wie wir sind, mit derselben Liebe lieben kann, mit der Er Seinen Sohn liebt. Diese Liebe nun ist der Gegenstand dieses Gebetes. Der Heilige Geist will, dass wir sie kennen, uns in ihr erfreuen und uns in sie vertiefen.

Der Apostel beugt seine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, „von welchem jede Familie in den Himmeln und auf Erden benannt wird“ (Vers 15). Im Alten Testament, wo Gott offenbart wird als der HERR und Israel als Sein auserwähltes Volk, stand der Herr lediglich mit einem Geschlecht in Verbindung. „Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde Ich alle eure Missetaten an euch heimsuchen“ (Amos 3,2). Doch als der Vater unseres Herrn Jesus Christus steht Er in Beziehung zu jeder Familie in den Himmeln und auf der Erde, weil der Herr Jesus alles geschaffen hat und alles zu Seiner Herrlichkeit gemacht ist. Darum kommt jede Familie in den Himmeln und auf der Erde – Obrigkeiten, Gewalten, Engel, Juden und Nationen, wie auch die Versammlung Gottes – unter den „Vater unseres Herrn Jesus Christus“. Dies stellt die Versammlung auf einen sehr bemerkenswerten Standpunkt, über alles, was örtlich oder zeitlich ist. Wir mögen den höchsten Platz einnehmen in dieser Entfaltung göttlicher Herrlichkeit, gleichwohl haben wir es mit einem Gott und Vater zu tun, der die Quelle aller andern Dinge ist. Alle Geschlechter stehen zu dem Vater unseres Herrn Jesus Christus in Beziehung, weil sie durch Ihn bestimmt sind, gemäß ihrer Stellung dem Sohn Gottes Lob und Ehre zu bringen. Und wir, die wir den Leib des Christus bilden, sind mit Ihm, welcher der Mittelpunkt der Ratschlüsse Gottes ist, aufs Innigste verbunden; wir nehmen einen Platz ein, den kein Engel teilen kann und sind auf die engste Weise mit dem Vater vereinigt, nach welchem jede Familie in den Himmeln und auf der Erde benannt wird.

Der Apostel betet nun zu dem Vater unseres Herrn Jesus Christus: „Dass Er euch gebe, nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit mit Kraft gestärkt zu werden durch Seinen Geist an dem inneren Menschen: dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, dass ihr völlig zu erfassen vermögt mit allen Heiligen welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, dass ihr erfüllt sein mögt zu der ganzen Fülle Gottes“ (Vers 16–19). Die Absicht des Geistes ist, dass die Heiligen zuerst begreifen sollten, welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei, um danach die Liebe des Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. Um dieses doppelte Ziel zu erreichen, mussten sie durch den Geist mit Kraft gestärkt werden am inwendigen Menschen; dann würde Christus, welcher der Mittelpunkt der Herrlichkeit ist, durch den Glauben in ihren Herzen wohnen, und als notwendige Folge würden sie in der Liebe gewurzelt und gegründet sein. Christus, der alles mit Seiner Herrlichkeit erfüllt, erfüllt das Herz mit einer Liebe, mächtiger als die Herrlichkeit, womit Er selbst umgeben ist, und Er stärkt uns nach dem Reichtum dieser Herrlichkeit, die Er vor unseren Augen entfaltet.

„Auf dass ihr völlig zu erfassen vermögt, welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei.“ Die Breite, Länge, Tiefe und Höhe wovon? Nicht von der Liebe des Christus; von dieser spricht Paulus im folgenden Vers besonders. Aber wovon denn? Ich glaube, dass das, was uns hier der Apostel in solch erhabenen Worten vor Augen stellt, das Geheimnis ist, von dem er eben gesprochen hat. Er hat gezeigt, dass jede Familie in den Himmeln und auf der Erde nach dem Vater unseres Herrn Jesus Christus benannt wird. Hiermit steht sein Gebet in Verbindung. Es steht in Beziehung zu den himmlischen Ratschlüssen Gottes, des Vaters, früher verborgen, doch jetzt offenbart. Alle Dinge sind zur Herrlichkeit Seines Sohnes, und die Heiligen teilen mit Christus den höchsten Platz und sind mit Ihm über alle diese Dinge gesetzt.

Aber es gibt etwas, das noch herrlicher ist als dieses; und darum fügt Paulus hier bei: „... und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, dass ihr erfüllt sein mögt zu der ganzen Fülle Gottes.“ Wie herrlich unsere Zukunft auch sein mag, so ist doch die Liebe herrlicher als dies alles; der beste Wein wird bis zuletzt aufbewahrt. „Die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus zu erkennen“, das mag widersprechend erscheinen, aber es ist herrliche Tatsache. Es will nicht sagen, dass wir die Liebe jemals völlig erkennen würden, sondern dass wir mehr und mehr erkennen, was alle Erkenntnis übertrifft. In vollen Zügen trinken wir von der Liebe Gottes und sind immer mehr erstaunt, dass wir sie bisher so wenig ergründet und daraus geschöpft haben. Allerdings, ebenso wenig wie wir Gott ergründen können, vermögen wir Seine Liebe zu ermessen. Sie ist unendlich, gleichwie Gott unendlich ist. Und in diese unendliche, unergründliche und deshalb nicht zu umfassende Liebe dürfen wir uns versenken. „Und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, dass ihr erfüllt sein mögt zu der ganzen Fülle Gottes.“ Wie wunderbar herrlich! Wir sollen in alle Ewigkeit diese Liebe genießen und werden nach Millionen von Jahren noch ebenso fern vom Ende sein, als da wir begannen.

So ist es denn auch kein Wunder, dass dieses herrliche Gebet mit Lob und Anbetung Dessen schließt, in dem die Liebe wohnt. Wir sind Sein Tempel. Seine Kraft wirkt in uns (Kapitel 1, 19) und vermag über alles hinaus zu tun, über die Maßen mehr als was wir erbitten oder erdenken. „Dem aber, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als wir erbitten oder erdenken, nach der Kraft, die in uns wirkt, Ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung in Christus Jesus, auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter hin! Amen“ (Verse 20, 21). Die Gemeinde des Christus wird verherrlicht im Himmel, in alle Ewigkeit dem Vater unseres Herrn Jesus Christus Lob und Danksagung darbringen. Es wird also nie eine Zeit kommen, wo sie nicht ihren besonderen Platz einnehmen wird. Die Versammlung wird nicht nur auf wunderbare Weise in die Liebe des Christus und in die Fülle Gottes eingeführt, sondern sie wird auch in allen kommenden Zeitaltern eine ganz einzigartige und gesegnete Gemeinschaft zwischen ihr und Gott genießen; mit andern Worten, die Ekklesia wird in alle Ewigkeit als Gemeinde bestehen bleiben und ihren besondern Platz unter den Seligen einnehmen. In Übereinstimmung damit haben wir in Offenbarung 21 in den ersten vier Versen eine kurze, aber herrliche Beschreibung des Zustandes im neuen Himmel und auf der neuen Erde. Vom neunten Vers von Kapitel 21 bis zum fünften Vers von Kapitel 22 finden wir die Beschreibung der Gemeinde während des Tausendjährigen Reiches. Dann werden die Nationen, die errettet werden, in ihrem Licht wandeln, die Könige der Erde werden ihre Herrlichkeit und Ehre zu ihr bringen, und die Völker werden durch die Blätter des Baumes genesen. Dies kann im neuen Himmel und auf der neuen Erde nicht mehr geschehen; dort sind keine Nationen und keine Könige mehr, dort sind nur Selige. Beim genauen Lesen der ersten Verse von Kapitel 21 sehen wir deutlich, dass hier von dem ewigen Zustand und keineswegs von dem des Tausendjährigen Reiches gesprochen wird. „Und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ Dies kann sich unmöglich auf das Tausendjährige Reich beziehen, wo doch noch Spuren von Tod und Trauer und Geschrei und Schmerz sein werden, wo noch nicht alle Dinge neu gemacht worden sind. Und welches ist nun in der Beschreibung des ewigen Zustandes die Stellung der Gemeinde? Das neue Jerusalem kommt aus dem Himmel hernieder von Gott, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut; und von ihr wird gesagt: „Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott.“ Die Versammlung ist die Hütte, die Wohnung Gottes bei den Menschen. Wenn also das Tausendjährige Reich beendet sein wird, wenn die Gottlosen vor dem großen weißen Thron gerichtet, der Tod und der Hades in den Feuersee geworfen, der Himmel und die Erde vergangen sein werden, dann wird die Hütte Gottes, die Ekklesia, bei den Menschen sein. Sie wird bis in alle Ewigkeit das herrliche und bewunderungswürdige Vorrecht genießen, Gottes Wohnung zu sein. Ja, Ihm, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als was wir erbitten oder erdenken, nach der Kraft, die in uns wirkt, Ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung in Christus Jesus „auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter hin! Amen!“

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht