Der Brief an die Epheser

Kapitel 4

Der Brief an die Epheser

Nach der ausführlichen Behandlung des Geheimnisses und des Charakters der Versammlung im dritten Kapitel kommt der Apostel zu dem zurück, was er am Ende des zweiten Kapitels gesagt hat. Die Gemeinde ist das Haus Gottes, aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, sie ist ein heiliger Tempel im Herrn, eine Wohnstätte Gottes im Geist. Sowohl die Gläubigen aus den Juden als auch die aus den Nationen sind zu einem Leib vereinigt. Nun will der Heilige Geist, dass sie dieser hohen Berufung entsprechend, würdig wandeln. „Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit welcher ihr berufen worden seid“ (Vers 1). Wie wir bereits beim zweiten Kapitel bemerkten, ist es der Wille Gottes, dass die Gläubigen, durch den Heiligen Geist zu einem Leib vereinigt, zum Leibe des Christus gebildet, sich als solche auf Erden offenbaren. Die Versammlung ist ein heiliger Tempel im Herrn. In den Tempel zu Jerusalem durfte kein Unheiliger hineinkommen; so auch nicht in die Versammlung. Sie ist die Wohnstätte Gottes im Geist, so dass in ihr alles in Übereinstimmung mit Dem sein muss, der in ihr wohnt. Und obschon sie jetzt von ihrer Berufung abgewichen ist und sich mit der Welt vereinigt hat, bleibt dies doch der Wille Gottes, wonach jeder Gläubige sich zu richten hat. Die Umstände verändern den Willen Gottes nicht, und ein jeder, der mit kindlichem Herzen Gott dienen will, wird nicht fragen: wie sind die Umstände, sondern: was ist der Wille Gottes.

Das erste Erfordernis aber, um dieser Berufung würdig zu wandeln, ist Demut und Sanftmut; und darum sagt der Apostel: „Mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut einander ertragend in Liebe“ (Vers 2). Wo diese Dinge nicht vorhanden sind, können wir unmöglich unserer Berufung entsprechen. Hochmut wirkt Verblendung und Unfähigkeit, die Dinge Gottes zu beurteilen und sich selber und andere zu prüfen. Wer sich davon überzeugen will, lese nur die Kirchengeschichte. Geistlicher Hochmut hat die Kirche dazu gebracht, von der Einfachheit des göttlichen Wortes abzuweichen und die Welt in ihrer Mitte aufzunehmen; Härte, Unduldsamkeit und Unverträglichkeit haben sie in die vielen Sekten zerspalten. Wo Demut wohnt, da ist man Gottes Wort unterworfen und fragt nach, Seinem Willen; wo Sanftmut, Langmut und Verträglichkeit in Liebe ist, da nennt man das Verkehrte nicht gut, aber da trachtet man darnach, die Irrenden mit Liebe zurechtzubringen.

Doch die Ermahnung des Apostels geht weiter: „Euch befleißigend, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“ (Vers 3). Der Heilige Geist ermahnt sie nicht, die Einheit des Geistes herzustellen, sondern zu bewahren. Die Einheit, die wir zu bewahren haben, ist durch den Geist bereits geschaffen. Das bedeutet nicht nur, dass wir für alle Gläubige Liebe haben sollen; denn wie vollkommen wir dies auch tun mögen, es ist noch nicht das Bewahren der Einheit des Geistes. Es will auch nicht sagen, dass wir in allen Dingen miteinander übereinstimmen sollen; denn wiewohl wir darnach streben müssen, so wird dies auf Erden doch nie völlig der Fall sein. Wir erkennen ja nur stückweise, und es gibt Kinder, Jünglinge und Väter sowohl in der Erkenntnis, als auch im Glauben. Was ist denn hier gemeint? Die Einheit des Geistes ist, wie wir bereits feststellten, hergestellt. Sie umfasst alle Glieder des Christus. Alle, die an Christus glauben, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren sind, gehören, wo sie sich auch befinden mögen, zu einem und demselben Leib; sie sind alle in einem Geist zu einem Leib getauft (1. Kor 12,13). Die Frage ist nun nicht, ob sie schwach oder stark, wenig oder mehr gefördert sind, ob sie geringe oder hohe Erkenntnis haben, sondern allein, ob sie wahrhaftig gemäß der Botschaft des Evangeliums an Christus glauben. Trifft dieses zu, dann bilden sie zusammen einen Leib. Diese Einheit des Geistes nun sollen wir bewahren. Es ist nicht genug, dass wir erkennen, dass alle Gläubigen eins sind, auch, nicht, dass wir mit allen umgehen wollen, sondern wir sollen die Einheit des Geistes bewahren; wir müssen sie offenbaren, sie muss gesehen werden; so dass wir nicht in viele Parteien zerteilt, sondern als ein Leib der Welt gegenüberstehen.

Dies ist der Hauptgrundsatz von Gottes Wort in Bezug auf die Gemeinde des Christus. Gott kennt auf der Erde nur eine Versammlung, nur einen Leib; und diese eine Gemeinde, dieser eine Leib ist die Versammlung aller, die an Christus glauben. Und Er will, dass diese alle sich als ein Leib offenbaren. Dies finden wir in den Tagen der Apostel. Damals war an jedem Ort nur eine Gemeinde, und alle diese Gemeinden an den verschiedenen Orten bildeten zusammen die Versammlung, den Leib des Christus auf Erden. Verschiedene Parteien, nach besonderen Personen oder Lehrsätzen benannt, kannte man damals nicht. Alle die da glaubten, waren „an einem Ort beisammen“ (Apg 2,1). Wohl waren auch in jenen Tagen in einigen Gemeinden Anfänge von Spaltungen vorhanden. Der erste Brief an die Korinther zeigt aber klar, mit welchem Ernst der Heilige Geist vor diesem verderblichen Anfang warnt (1. Kor 1,11–13; 3,1–6 und Kapitel 11). Der Apostel verurteilt die Benennungen nach verschiedenen Personen und das Bilden von Parteien als „fleischlich“. Doch stand dieses Übel in Korinth erst im Anfangsstadium. Man hatte sich noch nicht äußerlich voneinander getrennt, und der zweite Brief zeigt, dass die Korinther auf die Mahnungen des Apostels gehört hatten. In der heutigen Zeit sehen wir überall die volle Entfaltung der bösen Keime, die der Apostel damals strafend aufdeckte. Die Gemeinde ist in viele Parteien zerteilt. Der eine Gläubige gehört zu dieser, der andere zu jener Kirchgenossenschaft. Wie konnte es so weit kommen? Weil man aufhörte, Christus als den alleinigen Mittelpunkt der Versammlung anzuerkennen. An Seiner Stelle oder neben Ihn stellt man Lehrsätze, die man angenommen hat, und die man glauben muss, ehe man zu der einen oder andern Kirchgenossenschaft zugelassen werden kann. Man fragt nicht nur, ob jemand an den Herrn Jesus Christus glaubt und wiedergeboren ist, sondern ob er mit der Lehre dieser Kirchgenossenschaft, ausgedrückt in Formen, Zeremonien, Vorschriften und Bestimmungen, entspricht. Die eine Partei schließt die andere aus, weil sie nicht dasselbe glaubt und weil nicht in allen Punkten Übereinstimmung besteht. Ach, die Gemeinde des Christus ist sehr weit vom Wort Gottes abgewichen. Sie ist den verderblichen, fleischlichen Einflüssen, vor denen der Heilige Geist so ernstlich warnt, erlegen und es sind viele, die dieses Abweichen sogar verteidigen.

Was sollen wir angesichts dieses Zustandes tun? O, wenn wir fühlen, wie sehr die Gemeinde, wie sehr wir von Gottes Wort abgewichen sind, müssen wir uns in erster Linie vor Gott demütigen. Schuldbekenntnis ist das erste, was der Herr bei uns sehen will, und dann gibt uns Seine Gnade die Kraft, uns vom Bösen abzusondern und nach den Grundsätzen Seines Wortes zu handeln. Wiewohl Schuldbekenntnis das Erste sein muss, ist es doch nicht das Einzige, was wir zu tun haben. Wie könnte unser Bekenntnis aufrichtig sein, wenn wir weiter auf dem verkehrten Weg blieben. Wir müssen jede menschliche Organisation verlassen und uns einfach im Namen Jesu versammeln. Gemeinschaft mit Unbekehrten ist gegen den Willen Gottes (2. Kor 6,14–18); ebenso das Aufstellen von Satzungen, durch welche andere Christen verhindert werden, mit uns zusammenzukommen (1. Kor 1,11–13; 3,1–6). Darum müssen wir uns von jeder Partei trennen. Wir sollen nach Gottes Wort Gott dienen und Ihn verherrlichen mit allen, „die unsern Herrn Jesus Christus lieben in Unverderblichkeit“ (Eph 5,24). Wir haben auch die klare Ermahnung: „Die jugendlichen Lüste aber fliehe; strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2. Tim 2,22). Gott will, dass wir mit allen, von denen wir überzeugt sind, dass sie wiedergeboren sind und im Licht Seines Wortes wandeln, den Tod des Herrn verkündigen und in Gemeinschaft mit ihnen leben.

Die so handeln, bilden keine Sekte, sondern sie stehen auf dem Boden des Wortes Gottes und bewahren die Einheit des Geistes. Sie trachten auch darnach einerlei gesinnt zu sein, einmütig, eines Sinnes (Phil 2,2). Wo aber zwei Brüder nach langem Zwiegespräch in gewissen Punkten geteilter Meinung sind, ist doch keine Rede davon, dass sie sich voneinander trennen müssten. O nein! sie bleiben vereinigt, weil sie Glieder desselben Leibes sind. Wären auch, nur zwei oder drei Kinder Gottes also versammelt, ihr Weg entspricht der Wahrheit, und der Heilige Geist wirkt in ihrer Mitte. Alles mag schwach sein; vielleicht ist keine Gabe zum Reden vorhanden; doch wir kommen nicht zusammen, um eine Rede zu hören, sondern um den Willen Gottes zu tun, des Todes des Christus zu gedenken und miteinander Gemeinschaft zu haben. Und wenn Zwanzigtausend um uns her nach menschlichen Grundsätzen zusammenkommen – welcher Gläubige kann bestreiten, dass der Herr sich doch in der Mitte der zwei oder drei befindet, die in Seinem Namen versammelt sind?

Aber, wird man sagen, es ist doch nicht ausgeschlossen, dass auch Unbekehrte dazu kommen. Das ist wohl möglich, war aber auch in den Tagen der Apostel der Fall. Wir können uns über die Bekehrung eines Menschen irren und durch die Heuchelei einiger gtäuscht werden, doch Gott ist getreu; Er wird solche früher oder später offenbar machen und aus unserer Mitte entfernen. Johannes sagt: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns“ (1. Joh 2,19). Simon, der Zauberer, dachte, dass die Gabe Gottes für Geld zu haben wäre. Hierdurch bewies er, dass er kein Leben aus Gott hatte, und darum wurde er, obschon getauft, nicht als ein Glied der Gemeinde des Christus aufgenommen (Apg 8,9–23). So ist es auch jetzt. Es können sich Heuchler und solche, die sich selbst betrügen, in unsere Mitte schleichen; doch wird sie Gott offenbar machen, so dass sie selber uns verlassen, oder dass wir sie entfernen müssen. Das Letztere hat auch mit jedem zu geschehen, der in der Sünde wandelt, denn Christus und die Sünde können nicht zusammengehen. Der Glaube an den Sohn Gottes ist unvereinbar mit einem Wandel in der Finsternis. Auch hierüber spricht sich Gottes Wort deutlich aus. In 1. Korinther 5 finden wir die Grundsätze, nach denen wir den Ausschluss vollziehen sollen. Und was hat man mit solchen zu tun, die eine Irrlehre verkündigen? Auch diese Frage wird durch Gottes Wort beantwortet. In seinem zweiten Brief sagt Johannes: „Jeder, der weitergeht und nicht bleibt in der Lehre des Christus, hat Gott nicht; wer in der Lehre bleibt, dieser hat sowohl den Vater als auch den Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf und grüßt ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken“ (2. Joh 9–11). Wir wollen also niemanden in unserer Mitte aufnehmen, der eine der Hauptwahrheiten des Christentums leugnet, der über die Person des Christus oder über das durch Ihn vollbrachte Werk eine verkehrte Lehre bringt; und wenn jemand, der bereits in unserer Mitte ist, solch eine Lehre verkündigt, müssen wir ihn aus unserer Mitte entfernen. Alles ist sehr einfach, sobald wir Gottes Wort als Richtschnur unseres ganzen Verhaltens nehmen und ohne Ansehen das Wort zur Anwendung bringen. Denken wir etwa vollkommen zu sein, wenn wir so handeln? O nein! aber wir suchen die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens; und wir trachten darnach, uns in allem nach dem Willen Gottes zu verhalten. Tust du es? Das ist eine ernste Frage für jedes, Gotteskind: Bewahre ich die Einheit des Geistes? Handle ich nach dem Willen Gottes oder nach meinen eigenen Gedanken? Übergebe ich mich selber ganz Seinem Willen? Der Herr gebe, dass wir zunehmen in Einfalt und Glauben; dann werden unsere Herzen bei allen Gebrechen und aller Schwachheit wahrhaft glücklich sein!

Nach der Ermahnung, die Einheit des Geistes in dem Band des Friedens zu bewahren, betrachtet der Apostel diese Einheit von einem dreifachen Gesichtspunkt aus. Zuerst sagt er: „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung“ (Vers 4). Alle, die wiedergeboren sind, gehören zu dem einen Leib des Christus, sie sind Fleisch von Seinem Fleisch und Gebein von Seinem Gebein. Sie sind des Einen Geistes teilhaftig, der in ihnen wohnt und der sie mit dem Herrn droben und unter sich zu diesem einen Leib verbindet. Sie haben alle eine Hoffnung, nämlich die der kommenden Herrlichkeit. In diesem innersten Kreis unserer christlichen Beziehungen können sich nur Kinder Gottes befinden, nur Menschen die wiedergeboren und mit dem Heiligen Geist getauft worden sind.

Es gibt aber auch eine mehr äußere Einheit, eine Einheit des Bekenntnisses. „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Vers 5). Alle, die den einen Herrn bekennen, die einen Glauben haben, nämlich den christlichen Glauben im Gegensatz zum heidnischen oder jüdischen, und die mit der einen Taufe getauft sind, sind eins. Mit der einen Taufe ist hier die christliche Taufe gemeint, die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, im Gegensatz z. B. zu der Taufe des Johannes. Diese Einheit erstreckt sich, also viel weiter als die in Vers 4. Nur wer wiedergeboren ist, kann zum Leibe des Christus gehören; aber hier ist es eine Einheit des Bekenntnisses. ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. In diesem zweiten Kreis befinden sich natürlich alle Kinder Gottes, aber mit ihnen auch viele Menschen, die sich nur rein äußerlich zum Christentum bekennen. Viele von diesen werden am Tag des Gerichts sagen: „Herr, Herr, haben wir nicht in Deinem Namen geweissagt usw.“ und werden doch verworfen werden.

Das dritte Band der Einheit geht noch weiter. „Ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in uns allen“ (Vers 6). Wir bekennen uns zu einem Gott, nicht zu vielen Göttern, wie die Heiden; ein Gott und Vater von allen, der über allen und durch alle und in uns allen ist. Unser Gott und Vater in Christus Jesus ist tatsächlich auch der Herr der ganzen Erde. So sehr viele Menschen dies vergessen mögen, Er gibt Seine Rechte als Schöpfer niemals preis. (Siehe Off 4,11 u. a. Stellen.) Er ist aber nicht „in allen“, sondern „in uns allen“, nämlich in uns, den Gläubigen. Was für ein herrliches Band!

Die Belehrung der Verse 4–6 zeigt uns ausführlich, dass all die Beziehungen, in welchen wir Kinder Gottes stehen, auch all unsern Mitgeschwistem in Christus gemeinsam sind. Es gibt keine, in welche nur ein Kreis von Gläubigen eingeführt worden wäre. Die Ausführungen der Verse 4–6 sind für uns ein kräftiger Ansporn, die Einheit des Glaubens zu bewahren in dem Band des Friedens. Der Herr gebe uns, Seine Wahrheit zu verstehen und Seinen Willen zu tun. Der Apostel gibt uns nun Belehrungen über den christlichen Dienst. Sie stehen in engster Verbindung mit der Einheit des Geistes. Sie fließen gleichsam ganz natürlich aus dem hohen, in unserm Brief geoffenbarten göttlichen Geheimnis heraus, dass die Heiligen der gegenwärtigen Gnadenzeit mit dem Christus, ihrem Haupt zu einem Leib verbunden worden sind. „Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus“ (Vers 7). Christus selbst ist die Quelle des Dienstes, und zwar nicht Christus, wie Er hier auf Erden wandelte, sondern Christus, verherrlicht zur Rechten Gottes. Darum sagt er: „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat Er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben“ (Vers 8). Nachdem Christus den Teufel, die Sünde, den Tod und alles überwunden hatte, ist Er aufgefahren in den Himmel und hat von dort, als das verherrlichte Haupt der Gemeinde, den Menschen Gaben gegeben. Derjenige nun, der aufgefahren ist, ist Derselbe, der in die untersten Teile der Erde hinabgestiegen ist. Vor Seiner Menschwerdung war Er der Höchste beim Vater. Sein Weg zu unserer Erlösung führte Ihn als Mensch zu uns auf diese arme fluchbeladene Erde und bis in den Tod des Kreuzes. Sein heiliger Leib wurde in die in den Felsen ausgehauene, neue Gruft gelegt. Nachdem das Werk der Erlösung vollbracht war, ist Er am dritten Tag auferstanden und nach den vierzig Tagen in den Himmel aufgefahren. Der verherrlichte Christus ist also die Quelle des Dienstes. Er ist es, der die Gaben gibt. Im ersten Brief an die Korinther wird der Heilige Geist als der Geber der Gaben genannt. Scheinbar wäre das mit dem hier Gesagten in Widerspruch, doch bei einigem Nachdenken wird man entdecken, dass alles in vollkommener Übereinstimmung ist, da Christus die Gaben durch den Heiligen Geist austeilt. Der Heilige Geist, in der Gemeinde auf Erden wohnend, kann also als der Geber der Gaben betrachtet werden, während Christus als das Haupt der Versammlung immer die Quelle bleibt, aus welcher durch den Heiligen Geist die Gaben fließen. Ebenso besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen diesem Brief und dem an die Korinther. Dort werden Wunder und Reden in den fremden Sprachen als Offenbarungen des Geistes erwähnt; hier wird nur von den Gaben gesprochen, die zur Bildung und Auferbauung der Gemeinde nötig sind und die mehr mit Christus direkt in Verbindung stehen.

Christus gibt also die Gaben und den Dienst. Wer eine Gabe empfangen hat, besitzt dadurch das Amt oder besser den Dienst. Wenn z. B. ein Glied der Versammlung die Gabe zu lehren empfangen hat, ist es zum Dienst als Lehrer berufen; es ist vor dem Herrn verpflichtet, mit der ihm verliehenen Gabe zu dienen. Die Gemeinde empfängt die Gaben, die zu ihrer Auferbauung und Unterweisung nötig sind, vom Herrn. Der Herr im Himmel beruft die Gefäße Seiner Gnade und gibt ihnen die Kraft, in ihrem Dienst treu zu sein. Die Folge dieses Dienstes ist, dass die Gemeinde aus der Welt gesammelt und, wenn sie versammelt ist, genährt, gelehrt und auferbaut wird. Der Dienst des Wortes kommt also nicht aus der Gemeinde, sondern vom Herrn. Die Gemeinde ist außerstande, jemanden zum Dienst anzustellen; dies wäre ebenso verkehrt, wie wenn die Kinder ihren eigenen Lehrer wählen wollten. Die Versammlung muss in Abhängigkeit vom Herrn die ihr nötigen Gaben erwarten und, wenn der Herr sie gibt, die Diener des Wortes anerkennen, sich durch sie unterweisen lassen und sie mit ihren zeitlichen Gütern unterstützen. Denn wie es gegen Gottes Wort ist, Lehrer und Evangelisten anzustellen, so ist es gegen Gottes Wort, die Gaben, die der Herr gibt, zu verkennen und die Diener des Wortes beiseitezusetzen.

Die christliche Kirche ist von diesen einfachen Grundsätzen abgewichen. Ihre ganze Einrichtung ist menschliche Erfindung und eine Nachahmung des jüdischen Kultus. Was ist doch der sogenannte geistliche Stand anders als eine Nachahmung der jüdischen Priesterschaft? Beim Volk Israel waren das Haus Aarons zur Priesterschaft und der ganze Stamm Levi zum Dienst am Heiligtum berufen. Die christliche Kirche hat sich selbst Priester angestellt. Wo findet man eine solche Lehre oder Anweisung im Neuen Testament? Zwar ist dort auch von Priestern die Rede. Aber wer sind diese Priester? Ist es ein Teil der Gemeinde, sind es einige Auserwählte, die den Dienst tun müssen? O nein! alle Gläubigen sind Priester und sollen Gott „geistliche Opfer“ darbringen (Heb 13,15; 1. Pet 2,5). Dieses allgemeine Priestertum hat die Kirche beiseite gestellt und aus den Dienern des Wortes hat sie einen geistlichen Stand gemacht. Dadurch ist alles in Verwirrung geraten. Der Dienst, wie er im Neuen Testament beschrieben wird, wo jeder Bruder, weil er Priester ist, das Vorrecht hat, Gott zu loben und zu danken, entsprechend der empfangenen Gabe ein Wort zur Erbauung und Ermahnung zu sprechen, ist nicht mehr zu finden. In vielen Kirchen sind die Einrichtung und der ganze Dienst zu einer schlechten Kopie der Zustände des alten Bundes ausgeartet.

Und nicht allein das, sondern der Dienst selbst hat seinen Charakter völlig verloren. Der Herr gibt die Gaben, d. h. die Diener des Wortes, Seiner Gemeinde und nicht einem Teil der Seinen. Ist jemand Lehrer, dann ist er dies in der ganzen Gemeinde des Christus und ist berufen, überall, wohin er kommt und Gläubige antrifft, mit seiner Gabe zu dienen. Wo ist in der Heiligen Schrift die Rede vom Lehrer einer Gemeinde an einem bestimmten Ort? Gott kennt nur Lehrer und Hirten nicht einer, sondern der Gemeinde des Christus. Und wo findet man in Gottes Wort, dass die, welche Gaben empfangen haben, der Versammlung Rechenschaft ablegen und von ihr abhängig sein müssen? Gewiss hat die Gemeinde in sittlichen Dingen und wenn Irrlehrer auftreten, nach dem Willen Gottes bezüglich, der Zucht zu handeln; aber im Übrigen hat sie kein Recht, sich in den Dienst des Predigers des Wortes zu mischen und ihn durch Bestimmungen in seinem Werk zu hindern. Ein Diener des Wortes soll allein vom Herrn abhängig sein und sich frei bewegen können. Wenn er es gleichwie Paulus für notwendig erachtet, zwei Jahre an einem Ort zu bleiben, oder wenn er bald hier, bald dort ist, so sollte ihn niemand auf seinem Weg hindern. Sicherlich hat er auf die Ermahnung der Brüder zu hören und sie vor dem Herrn wohl zu erwägen, doch ist er allein Gott Rechenschaft schuldig und er hat, wenn er treu ist, so zu handeln, wie er glaubt, dass es des Herrn Wille ist.

Der Apostel nennt nun im elften Vers die Gaben, die durch den Herrn der Ekklesia gegeben sind. Es handelt sich nicht um eine vollständige Liste aller Gaben, denn in andern Briefen werden noch verschiedene andere aufgezählt; jedoch finden wir hier die Gaben, welche zur Auferbauung und Belehrung der Versammlung unbedingt notwendig sind und ohne die wir alle nicht zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus gelangen könnten. Obschon die andern Gaben -Wunderkräfte, Arten von Sprachen usw. – eine Offenbarung der Kraft des Geistes sind, sind sie zur Auferbauung der Gemeinde nicht notwendig. Wir brauchen uns, da sie jetzt infolge des Verfalls der Gemeinde nicht mehr gegeben werden können, nicht zu beunruhigen, als würde uns zu unserer Vervollkommnung etwas mangeln.

„Und Er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten, und andere als Evangelisten, und andere als Hirten und Lehrer“ (Vers 11). Die Apostel und Propheten können die grundlegenden Gaben genannt werden. Gott gebrauchte sie, um ein breites und tiefes Fundament zu legen, auf welchem die Gemeinde auferbaut werden sollte. Sie werden zuerst genannt, weil sie als Werkzeuge zur Gründung der Versammlung Gottes dienten. Es gab auch schon Evangelisten und Lehrer; aber die Apostel und Propheten waren die zwei ersten Gaben, die das Fundament der Gemeinde bilden mussten; darum lesen wir in Kapitel 2, dass die Versammlung aufgebaut ist „auf der Grundlage der Apostel und Propheten“. Die Apostel empfingen von Gott die Offenbarung betreffs der gesamten Lehre des Evangeliums und hatten zugleich die Macht, alles in der Gemeinde zu regeln. Sie waren mit besonderer Autorität ausgerüstet und gaben Weisungen für die Ordnung in den Versammlungen (l. Kor. 4, 7–17 und Kap. 11). Die Propheten empfingen, wie die Apostel, Offenbarungen von Gott betreffs der Lehre, doch hatten sie nicht die gleiche Machtbefugnis und gaben keine Anordnungen für die Versammlungen. Die Apostel konnten nicht überall sein, und darum gab Gott auch Propheten, um Seine Wahrheit den Gemeinden zu offenbaren. Sie waren ebenso gut inspiriert wie die Apostel, und ihre Schriften haben dieselbe Autorität. Zwei der Evangelien sind nicht von Aposteln verfasst, aber sie sind inspiriert wie die andern. Ebenso war es mit der mündlichen Mitteilung. Wenn die Apostel oder die Propheten in der Versammlung redeten, war das, was sie sagten, von Gott eingegeben; es waren Offenbarungen Gottes. Darum sagt Paulus in 1. Korinther 14,30: „Wenn aber einem andern, der dasitzt, eine Offenbarung wird, so schweige der erste.“ Wenn einer der Brüder in der Versammlung sprach und ein anderer von Gott eine neue Offenbarung empfing, dann musste der erste schweigen. Dies kann gegenwärtig nicht mehr stattfinden, da niemand mehr eine neue Offenbarung empfängt, weil die ganze Offenbarung der Wahrheit uns nun im Wort Gottes mitgeteilt ist.

Die Apostel und die Propheten waren also die Organe, durch welche Gott sowohl die Wahrheit als auch die Weisungen über die Ordnung in der Versammlung den Seinigen mitteilte. Und warum haben wir diese Organe jetzt nicht? Weil die Offenbarung vollendet ist; alles, was offenbart werden muss und kann, ist offenbart. Die ganze Lehre der Seligkeit, die prophetische Mitteilung dessen, was in den kommenden Zeitaltern geschehen wird, bis der Neue Himmel und die Neue Erde sein werden, und die ganze Ordnung der Gemeinde finden wir im Wort Gottes. Es kann nichts mehr hinzugefügt werden. Darum gibt Gott keine Apostel und Propheten mehr. Was die Ekklesia im Anfang durch mündliche Mitteilung der Apostel und Propheten empfing, haben wir auf viel vollkommenere Weise in der Heiligen Schrift.

Die Apostel und Propheten sind also die grundlegenden Gaben; durch sie offenbart Gott die Wahrheit, auf der die Ekklesia gegründet ist; die andern Gaben dienen dazu, auf diesem Fundament weiter zu bauen. Die Gaben sind: Evangelisten, Hirten und Lehrer.

Ein Evangelist ist jemand, der durch die Predigt des Evangeliums Seelen zu Jesus, dem Heiland der Sünder bringt. Er, in erster Linie, ist nach der Art seiner Gabe nicht an einen Ort gebunden. Er hat bald hier, bald dort zu sein, wohin der Herr ihn zur Verkündigung der Heilsbotschaft leitet. Philippus war ein solcher Evangelist. Diese Heilsbotschaft richtet sich sehr oft an Menschen, die sich noch völlig in der Welt, vielleicht sogar im dunkeln Heidentum befinden. So wird sich der Evangelist wohl oft an Orten oder in Gegenden bewegen, in welchen bisher noch keine Versammlung besteht. In diesem Stück unterscheidet er sich von den übrigen hier erwähnten Gaben, deren Wirkungskreis die Versammlung Gottes selbst ist. Nicht desto weniger ist der Evangelist ein Glied am Leib des Christus (Vers 16). Ein treuer Evangelist wird daran denken und wenn irgend möglich dieser Tatsache auch dem Wort Gottes gemäß Ausdruck geben, indem er mit seinen Brüdern am Tisch des Herrn des einen Brotes teilhaftig ist. Ebenso wird er gewiss darüber Sorge tragen, dass da, wo durch seinen Dienst Seelen für den Herrn gewonnen worden sind, diese, sei es durch ihn selbst, sei es durch andere Brüder mit den entsprechenden Gaben, über den Weg unterwiesen werden auf welchem sie dann in der Nachfolge des Herrn zu wandeln haben.

Das Werk eines Lehrers ist nicht das Evangelium den Unbekehrten zu bringen, sondern die Gläubigen über die Wahrheiten des Wortes Gottes eingehend zu belehren, so dass sie dieselben genießen und sich daran erfreuen können.

Ein Hirte hat die Aufgabe die Herde zu weiden. Er wird Seelenspeise darreichen, mit den Einzelnen über den Zustand ihres Herzens reden, ihnen in ihren Schwierigkeiten und Mühseligkeiten beistehen, ihnen aber auch Verkehrtheiten vor Augen führen.

Diese Gaben sind zuweilen in einer Person vereinigt, werden jedoch meistens gesondert gefunden. Ein Lehrer kann zugleich Evangelist und Hirte sein, doch kann auch jemand Lehrer oder Evangelist sein, ohne eine Hirtengabe der Seelsorge zu besitzen.

Es ist wichtig, dass ein jeder darauf bedacht sei, mit der besonderen Gabe zu dienen, die der Herr ihm verliehen hat. Alle diese Gaben sind, wie schon erwähnt, nicht einer besonderen örtlichen Versammlung, sondern der ganzen Versammlung Gottes und zwar vom Herrn gegeben. Das Wort ermahnt uns aber, bei der Ausübung der Gaben nicht über das Maß des Glaubens zu gehen, die Gott einem jeglichen zugeteilt hat (Römer 12,3). Dann finden wir noch, dass Gott einem jeden auch ein besonderes Maß des Wirkungskreises zugeteilt hat (2. Kor 10,13). Dies alles bestimmt Gott, nicht der Mensch. Der dienende Bruder aber hat darauf zu achten.

Wir bemerkten schon, dass die Gaben dazu dienen, auf dem durch die Apostel und Propheten gelegten Fundament weiter zu bauen. Solange der Herr die Ekklesia auf dieser Erde lässt, wird Er ihr fortdauernd Evangelisten geben, damit die Seelen, die ihr aus der Welt noch zugefügt werden sollen, bekehrt werden. Er wird ihr Hirten und Lehrer geben, damit alle Seelen, aus welchen sie besteht, in der Wahrheit unterwiesen und in der Gnade gefördert werden.

Welche Gnade, dass wir auch inmitten des größten Verfalls der Christenheit auf die Treue des Herrn rechnen dürfen, Der die nötigen Gaben zur Auferbauung des ganzen Leibes geben wird. Ja, wir können Ihm vertrauen und von Ihm die Gaben erwarten. Wenn Er sie uns schenkt, sollen wir sie auch dankbar annehmen.1

Aber, was ist der Zweck dieser Gaben? Der Apostel sagt uns, dass sie gegeben seien „zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus“ (Vers 12). Viele Christen sind der Ansicht, dass die Evangelisation der Hauptzweck des Dienstes sei. Wir sehen hier, dass diese Auffassung sich nicht mit dem Wort deckt. Der Evangelist gewinnt Seelen für den Herrn. Er führt die Seelen, gleichsam die Materialien herzu, die zur Aufrichtung des Baues (zur Auferbauung) notwendig sind. Dies ist ein wichtiger, keineswegs aber der ausschließliche Teil des Segens. Die Gaben sind gegeben „zur Vollendung der Heiligen“, und diese Vollendung geht viel weiter. Selbstverständlich muss der Mensch, die Seele, zuerst für den Herrn gewonnen werden. Sie muss durch die Wiedergeburt aus der Welt heraus für den Herrn abgesondert, in die Stellung der „Heiligen“ gebracht werden. Dann aber arbeitet der Heilige Geist, um die Seele mehr und mehr zur Gleichförmigkeit mit Christus umzugestalten. Die Mittel, die Er dazu gebraucht, sind „das Werk des Dienstes und die Auferbauung des Leibes des Christus“. Gott will nicht nur, dass wir aus der Welt genommen und der Ekklesia hinzugefügt werden. Nein! Er will unsere Vervollkommnung. Er will, dass alle Heiligen, alle Glieder des Leibes des Christus, zur Reife eines erwachsenen Mannes gelangen, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus: „bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“ (Vers 13). Christus ist in Seiner ganzen Fülle offenbart, und dieser Offenbarung entsprechend müssen Seine Glieder gebildet werden. Was kann herrlicher sein, als Christus zu erkennen, in welchem die Fülle der Gottheit wohnt und an welchem Gott all Sein Wohlgefallen hat? Möchte dies unser einziger Wunsch, unser heißes Verlangen sein. Die Erkenntnis des Christus wird uns Kraft geben in jedem Streit und unser Herz mit seliger Freude erfüllen; wir sollen zum vollen Wuchse des erwachsenen Mannes hingelangen, „dass wir nicht mehr Unmündige seien, hin und her geworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch die Betrügerei der Menschen, durch Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum“ (Vers 14).

Der Weg, um vor allem Irrtum, vor jedem Wind der Lehre bewahrt zu bleiben, ist also das Hinanwachsen zur Reife eines erwachsenen Mannes, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus. Und warum? Weil die Erkenntnis des Christus, das Ihm gleichförmig werden uns lehrt, die Wahrheit zu verstehen und dem Irrtum mit tiefer Abscheu auszuweichen. In der Gemeinschaft mit Christus kann man unmöglich von jedem Wind der Lehre umhergetrieben und verleitet werden. Der hier im Wort angegebene Weg ist der einzige Weg wirklicher Bewahrung. Das Aufstellen von Glaubensbekenntnissen, wodurch, die Irrtümer verurteilt werden, nützt nichts. Wir wissen, dass schon sehr früh allerlei Ketzereien in der Gemeinde Eingang fanden und dass man Glaubensbekenntnisse aufgestellt und Strafandrohungen erlassen hat, um ihnen zu wehren. Hat das geholfen? O nein! Man hindert vielmehr die Schwachen, den Weg des Glaubens zu finden. Wie oft wurden wahrhaft ernste Gläubige mit Schwärmern und Sektierern auf einen Boden gestellt, gefoltert und getötet. Es gibt nur eine Kraft, um uns in der Wahrheit und der Liebe zu erhalten und diese Kraft ist Christus. Wo der Name des Christus wirklich erhoben wird, da mögen Schwachheit und Unwissenheit vorhanden sein, doch Seine Kraft wird in Schwachheit vollbracht werden.

Doch die Erkenntnis des Christus bewahrt uns nicht nur vor Irrtum, sondern sie lässt uns auch die Wahrheit in Liebe festhalten. Sie lehrt uns, einen Unterschied zu machen zwischen wirklichen Irrlehren und Unwissenheit aus Mangel an Licht. Mit Irrlehren kann die Gemeinde nicht streng genug verfahren, aber mit Unwissenden, mit denen, die infolge Mangels an Licht verkehrte Ansichten haben, hat sie mit aller Liebe zu handeln. „Die Wahrheit festhaltend in Liebe“, muss sie jene in Liebe und Geduld unterweisen, damit alle „heranwachsen zu Ihm hin, der das Haupt ist, der Christus, aus welchem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe“ (Verse 15. 16). Christus ist das Haupt. Lasst uns alle heranwachsen zu Ihm hin. Das Werk des Dienstes soll nach dem Wort Gottes seinen wahren Platz einnehmen, sodass jeder Teil, oder jedes Glied nach seinem Maß an der Auferbauung mitwirkt. Aus dem Haupt wird dann der ganze Leib wohl zusammengefügt und verbunden durch alle helfenden Gelenke sein Wachstum bewirken zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.

Der Heilige Geist hat uns deutlich die göttlichen Grundsätze des Dienstes vorgestellt – Hauptwahrheiten, die in der Christenheit leider verleugnet werden. Die Grundsätze, auf die man sich gegenwärtig stützt, sind so ganz und gar menschlich, und leider sind viele Diener des Wortes nicht einmal wahre Christen, ja oft entschiedene Leugner der Hauptwahrheiten des Christentums. Welch ein bemühender Niedergang, welch ein schrecklicher Verfall! Solch ein Schaden sollte keinen wahrhaft Gläubigen unberührt lassen. Aber ach, viele entschuldigen diesen Zustand, indem sie sagen, dass Umstände und Zeiten alles notwendig verändern. Nichts ist trauriger als diese Gleichgültigkeit! Was einmal die Wahrheit für die Gemeinde war, das ist noch heute für sie bindend. Gottes Grundsätze haben sich nicht verändert, und jeder, der nicht nach diesen Grundsätzen handelt, ist dem ausdrücklich geoffenbarten Willen Gottes gegenüber ungehorsam. O, wir bitten euch, liebe Brüder und Schwestern, vergleicht doch den Zustand, in dem ihr euch auf diesem Gebiet befindet, mit Gottes Wort. Tut dies mit Gewissenhaftigkeit und vor allem mit betendem und nach Gottes Licht verlangendem Herzen. Wenn ihr dann überzeugt werdet von der Verkehrtheit der menschlichen, unbiblischen Grundsätze, nach denen alles in den verschiedenen Benennungen und Parteiungen eingerichtet ist, so habt auch den Mut des Glaubens, diese zu verlassen und euch in Einfalt des Herzens nach dem Willen Gottes mit allen denen zu versammeln, die Ihn „aus reinem Herzen anrufen“ (2. Tim 2,22).

In Verbindung mit der Lehre unseres Briefes wendet sich der Apostel nun dem Wandel des Christen zu. Die Ermahnung am Anfang dieses Kapitels und die Ausführungen der Verse 1 bis 16 stehen im Zusammenhang mit der Lehre von der Einheit der Gemeinde. Sie haben Bezug auf das Verhalten der Kinder Gottes unter sich als Glieder des einen Leibes, dessen Haupt der Christus ist. Sie entfalten auch die gottgemäße Grundlage des christlichen Dienstes. Im 17. Vers beginnt nun der Apostel über die Einzelheiten des christlichen Wandels zu sprechen.

Die erste Ermahnung ist, dass wir, Christen, nicht wie die übrigen Nationen (Heiden) vorangehen sollen, die in der Eitelkeit ihres Sinnes wandeln. Der Heilige Geist warnt uns hier vor einem Wandel in Gleichförmigkeit mit der Welt, die uns umgibt. Im ersten Augenblick mögen uns diese Ermahnungen unnötig und sonderbar erscheinen. Wir müssen aber vor allem bedenken, dass die Epheser, an welche der Apostel schrieb, aus dem finsteren Heidentum herausgerissen worden waren. Zwischen dem Heidentum und der bekennenden Christenheit besteht der Unterschied, dass das Erstere sich in dichter Finsternis befindet, während in der Christenheit das Licht des Wortes Gottes leuchtet, wenn es auch von vielen verachtet und gemieden wird. Man tut nicht ohne weiteres im Licht, was man in der Finsternis täte. Dann müssen wir nie vergessen, dass das natürliche Menschenherz immer und überall dasselbe bleibt. All das Geschehen der hinter uns liegenden Zeit hat dies in erschreckender Weise bestätigt. So erkennen wir die Notwendigkeit der uns hier gegebenen Ermahnungen. Zudem sind auch wir nur allzu sehr geneigt, uns von den Meinungen und Ansichten der Welt fortreißen zu lassen. Sobald wir im Glaubenspfad nachlässig werden, hat die Welt mehr Einfluss auf unsere Herzen.

Wir stehen dann in Gefahr, mehr oder weniger nach ihren Grundsätzen zu handeln. „Dieses nun sage und bezeuge ich im Herrn, dass ihr forthin nicht wandelt, wie auch die übrigen Nationen wandeln, in Eitelkeit ihres Sinnes, verfinstert am Verstand, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens“ (Verse 17, 18). Der Apostel berührt hier die Wurzel des verwerflichen Wandels der Heiden. Ihr Sinnen und Trachten ist eitel, wie es bei jedem der Fall ist, der Gott nicht kennt. Und was war die Frucht? Sie waren „verfinstert am Verstand, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen war, wegen der Verstockung ihres Herzens, und, da sie alle Empfindung verloren, gaben sie sich selbst der Ausschweifung hin, alle Unreinigkeit mit Gier auszuüben“ (Vers 18, 19). Kein Wunder, denn sie kannten den Sohn Gottes nicht, in welchem allein das Leben zu finden ist.

„Ihr aber habt den Christus nicht also gelernt“ (Vers 20). Obschon wir in Gefahr sind, durch die uns umringende Welt mit fortgerissen zu werden, wissen wir sehr gut, dass wir dort nichts mehr zu tun haben. Wir haben den Christus nicht also kennen gelernt, wenn wir von Ihm gehört haben und in Ihm unterrichtet worden sind. Wir kennen die Wahrheit, die in Jesus ist, und darum wissen wir, dass uns ein heiliger Wandel geziemt. Diese Wahrheit lautet: „ Dass ihr, was den frühern Lebenswandel betrifft, abgelegt habt den alten Menschen, der nach den betrügerischen Lüsten verdorben wird, aber erneuert werdet in dem Geist eurer Gesinnung und angezogen habt den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Vers 22–24).

Am Kreuz hat Christus unser ganzes Elend auf sich genommen und den alten Menschen zunichte gemacht. Unser alter Mensch ist mit Ihm gekreuzigt; wir sind mit Ihm gestorben (Rö 6). Doch wir sind in der Auferstehung mit Ihm vereinigt und im Geist unserer Gesinnung erneuert und haben den neuen Menschen angezogen. Christus ist der zweite Mensch, der letzte Adam; Er ist das Haupt der neuen Schöpfung. Nachdem wir mit Ihm gestorben sind, werden wir eins mit Ihm in Seiner Auferstehung, so dass wir sagen können: Das Alte ist vergangen, siehe, alles ist neu geworden. Wir stehen nicht mehr als die alten Menschen, sondern als neue Geschöpfe in Christus Jesus vor Gott. Auf diese Wahrheit stützt sich unser Wandel. Wie herrlich für uns, dies zu verstehen! Es ist nicht mehr das „tue das und du wirst leben“; sondern wir empfangen das Leben, das ewige Leben, Christus selber; wir sind von Sünde und Tod erlöst und neue Geschöpfe in Christus geworden; wir sind der göttlichen Natur teilhaftig; und darum können wir durch die Kraft dieses neuen Lebens Früchte des Lebens hervorbringen. Wir brauchen nichts mehr zu tun; alles ist für uns vollbracht, und wir sind so angenehm vor Gott wie Christus selber. Und was den Wandel betrifft, so ist das Leben des Christus unsere Kraft; in Ihm ist uns alles gegeben, was zum Leben und zur Gottseligkeit gehört. Welch ernster Beweggrund, um Gott zu verherrlichen und die weltlichen Grundsätze zu verleugnen! Christus ist für uns gestorben, und wir sollten noch der Sünde dienen? Wir sind mit Christus gestorben; sollten wir dann noch der Welt dienen? Wir sind neue Geschöpfe in Christus Jesus; sollten wir uns nicht als solche offenbaren? Sicherlich gibt es keine mächtigere Triebfeder zu einem heiligen Wandel als das Verstehen unserer Stellung in Christus. Und darum wird überall im Neuen Testament unsere Stellung in Christus zur Grundlage für die Ermahnungen zu einem heiligen Wandel gemacht. So auch hier. Der Apostel sagt, dass die Gläubigen den neuen Menschen angezogen haben, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit. Gerechtigkeit ist das, was auf allen Gebieten vor Gott recht und angenehm ist. So sprach der Herr Jesus, als Er kam, um sich von Johannes taufen zu lassen und dieser ihm wehrte: „Lass es jetzt so sein; denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“, d. h. alles zu tun, was vor Gott recht und angenehm war. Die Gerechtigkeit führt uns zum wahren Verständnis und zur Befolgung unserer Verpflichtungen als Kinder Gottes vor Gott.

Heiligkeit ist das Verwerfen in Herz und Wandel alles dessen, was nicht in Übereinstimmung mit der Natur Gottes ist. Was Er hasst, sollen auch wir hassen. In dieser Gerechtigkeit und Heiligkeit ist der neue Mensch nach Gott geschaffen. Der neue Mensch, der Mensch in Christus“ ist der göttlichen Natur teilhaftig; und Gott ist heilig und gerecht. Das ist ein Zustand, ganz und gar verschieden von dem Adams vor dem Fall. Adam war rein und unschuldig; er kannte die Sünde nicht; er hatte keinen Begriff vom Unterschied zwischen Gut und Böse. Diese Erkenntnis erhielt er erst nach dem Fall. Gott sagte: „Der Mensch ist geworden wie unser einer, zu erkennen Gutes und Böses.“ Das ist das Gewissen. Vor dem Fall hatte der Mensch kein Gewissen; nach dem Fall besaß er es als Beweis, dass er gefallen war. Adam war also nicht geschaffen in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit. Obschon Gott in Seine Nase den Odem des Lebens eingehaucht hatte, war er von der Erde vom Staub, also irdisch (1. Kor 15,47) und keineswegs der göttlichen Natur teilhaftig. Der Gläubige ist deshalb nicht in den Zustand Adams vor dem Fall zurückgebracht, sondern ist in Christus eine neue Schöpfung geworden. Er hat ein Leben, das nie angetastet werden wird, das er nie verlieren kann; denn er hat das ewige Leben– Christus selber. Damit ist auch der Gläubige der göttlichen Natur teilhaftig; er ist nach Gott geschaffen in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Weil wir den alten Menschen abgelegt und den neuen angezogen haben, hören wir nun die Ermahnung: „Deshalb, da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder von einander“ (Vers 25). Viele Gläubige denken, die Mitverbundenheit der Kinder Gottes mit dem Herrn als Haupt und unter sich zu einem Leib sei eine Lehre oder eine schöne und hehre Tatsache, habe aber wenig oder nichts mit unserm praktischen Wandel zu tun. Unser Vers zeigt uns mit manchen andern, dass sie tief in unser praktisches Leben hineingreift. Wir sind Glieder voneinander, darum müssen wir einander in Aufrichtigkeit begegnen, uns nicht anders zeigen, als wir wirklich sind. Der Herr will, dass wir wahr sind in unsern Handlungen, wahr in unsern Gesprächen, wahr in unserm Verhalten Ihm und den Menschen gegenüber.

In Vers 26 und 27 sagt der Apostel: „Zürnt, und sündigt nicht. Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, und gebt nicht Raum dem Teufel.“ Das ist eine sehr wichtige Ermahnung für uns. Wir sehen vor allen Dingen, dass es einen Zorn gibt, der keine Sünde ist. Der Herr Jesus blickte auf die Juden umher mit Zorn (Markus 3,5). Es darf und soll uns eine heilige Entrüstung sein, wenn wir z.B. den Namen Jesu lästern hören oder jemanden öffentlich gegen Gott sündigen sehen. Es ist sehr traurig, dass es Christen gibt, die alles unbeeindruckt und in Gleichgültigkeit anhören und ansehen können. Solche Dinge müssen sicherlich im Herzen eines jeden Jüngers des Herrn einen gottgemäßen Zorn hervorrufen. Doch, wenn wir rechtmäßig über die Sünde entrüstet sind, dann kommt so leicht Hass gegen den Sünder in unser Herz, und deshalb sagt der Apostel: „Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn!“ Wenn der Zorn so lange anhält, ist es ein Beweis, dass die rechtmäßige Entrüstung sich in Bosheit oder Hass verwandelt hat. Und ist dies der Fall, dann hat der Teufel bei uns Raum gefunden; darum folgt hier sogleich die Ermahnung: „Gebet nicht Raum dem Teufel“.

Die folgende Ermahnung wird uns vielleicht sonderbar vorkommen. Manche werden fragen, ob es nötig sei, Christen zu sagen: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr“? Ja, Geliebte, Gott kennt uns besser als wir uns selber kennen. Obschon keine Versammlung so gut und in solcher Blüte stand, wie die zu Ephesus, war diese Ermahnung doch notwendig. Das Fleisch bleibt Fleisch, und wenn der Christ die Gemeinschaft mit Gott verlässt, ist er zu allem imstande. Darum müssen wir jeden Tag in Gottes Gemeinschaft handeln, uns in der Gottesfurcht üben. Jeden Tag haben wir aufs neue Glauben nötig. Die Gemeinschaft und der Glaube von gestern können mir heute nichts nützen. „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen das Gute, dass er dem Dürftigen mitzuteilen habe“ (Vers 28). Welch schöne Aufgabe! Welch erhabener Beweggrund für unser tägliches Werk! Der Heilige Geist öffnet vor dem, dessen Hände früher das Gut anderer entwendeten, einen glücklichen Weg, auf dem die Gnade ihre Kraft beweisen kann. Wer ein Dieb war, bevor er den Herrn kannte, kann nun Gemeinschaft haben mit dem Geist und Wandel des großen Apostels (Apg 20,33–35), ja, mit dem Meister selber, der gesagt hat: „Geben ist seliger als Nehmen.“ Der Christ sollte nicht in Selbstsucht arbeiten, sondern auch sein Herz dem Dürftigen zuwenden, und den Wunsch und Willen haben, wohl zu tun und mitzuteilen. Welch herrliche Grundsätze offenbart uns das Evangelium! Möchten wir sie wirklich zur Ausübung bringen!

„Kein faules Wort gehe aus eurem Mund, sondern das irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, dass es den Hörenden Gnade darreiche“ (Vers 29). Unsere Gespräche müssen das Ziel haben, andere zu erbauen und Gnade darzureichen; wenn wir nichts Rechtes zu sagen haben, ist es besser zu schweigen. Wie viel sündigen wir in dieser Hinsicht. Was ist der Gegenstand unserer Unterhaltung, wenn wir einander besuchen? Reden wir über die Fehler derer, die nicht anwesend sind, oder über die eiteln Dinge dieser Welt? Könnte der Herr Jesus persönlich in unserer Mitte gegenwärtig sein? Ist unser Ziel, zum Nutzen anderer zu leben und ihnen etwas Nützliches zu sagen? Lasst uns bedenken, dass „bei der Menge der Worte Übertretung nicht fehlt“ (Sprüche 10,19), und dass „der Mund des Gerechten ein Born des Lebens ist“ (Sprüche 10,11).

Die folgenden Ermahnungen haben eine sehr wichtige und herrliche Wahrheit als Grundlage. Der Heilige Geist wohnt in uns allen. In Kapitel 2,22 hat der Apostel gesagt, dass wir mit aufgebaut werden zu einer Behausung Gottes im Geist, und darum ermahnt er uns in Kapitel 4, würdig der Berufung zu wandeln, mit der wir berufen worden sind. Aber es gibt auch eine persönliche Innewohnung des Heiligen Geistes. Wir sind durch den Geist versiegelt auf den Tag der Erlösung. Darum wird unser Leib verwandelt werden zur Gleichförmigkeit mit dem Leib der Herrlichkeit des Christus. Der Geist, der in uns wohnt, ist die Quelle der Kraft, die den Gläubigen fähig macht zu allem, was Gott wohlgefällig ist. Durch Ihn ist der Gläubige imstande, das Böse zu lassen und das Gute zu tun. Der Heilige Geist kann aber nur dann in unsern Herzen wirksam sein, wenn wir uns von Ihm leiten lassen und Ihn durch keine Fehler betrüben. Darum sagt der Apostel: „Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, durch welchen ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung“ (Vers 30). Wenn wir Ihn nicht betrüben, wenn wir Ihn frei in uns wirken lassen, dann wird „alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung von uns weggetan samt aller Bosheit“. Dann werden die Früchte des Geistes in uns offenbar; wir werden „gegeneinander gütig und mitleidig sein, einander vergebend, gleichwie auch Gott in Christus uns vergeben hat“ (Vers 31, 32).

Es ist notwendig, hier auf den Unterschied hinzuweisen, der zwischen den Worten des Apostels Paulus hier und denen Davids in Psalm 51 besteht: „Nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir.“ Selbst wenn der Apostel vor dem Betrüben des Heiligen Geistes warnt, denkt er nicht daran, dass der Geist weggenommen werden könnte; Er versichert uns im Gegenteil, dass wir durch Ihn versiegelt worden sind auf den Tag der Erlösung. Woher dieser Unterschied? Weil die Beziehung des Geistes zu den Gläubigen, nachdem Jesus gestorben, auferstanden und in den Himmel gefahren ist, eine ganz andere geworden ist. Zu jener Zeit wurde der Geist nicht gegeben, um für immer in den Gläubigen zu wohnen. Er kam nur für eine Zeitlang auf die Gottesmänner, wirkte in ihnen und durch sie. Er segnete sie und erfüllte sie mit Freude und Kraft. Eine Innewohnung, wie der Christ sie jetzt hat und kennt, war es aber nicht und konnte es nicht sein, bevor Christus verherrlicht war. Darum werden wir ermahnt, den Heiligen Geist nicht zu betrüben; aber niemals wird angenommen, dass Er uns verlassen könnte. Die Worte des Apostels zeigen uns auf der einen Seite die Gefahr des Sündigens wider den Heiligen Geist und dass wir Ihn betrüben könnten, und erst auf der anderen Seite die Sicherheit des Gläubigen, selbst unter solch traurigen Umständen. Er ist zu Gott gebracht, versöhnt, gewaschen, geheiligt, gerechtfertigt, er hat das ewige Leben und soll nicht verloren gehen; er ist versiegelt mit dem Heiligen Geist, und wer könnte dieses Siegel brechen? Sicherlich, Gott wird den Gläubigen, wenn er in Sünden fällt, züchtigen, selbst bis zum Tode; denn Er wird es weder mit der Sünde leicht nehmen, noch ihn mit der Welt verdammen. In voller Übereinstimmung mit diesem Wort ermahnt uns Petrus zu einem Wandel in heiligem Gehorsam: „Und wenn ihr Den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht“. Er ist zugleich, weit davon entfernt, unser Vertrauen zu erschüttern, denn er fährt fort, „indem ihr wisst, dass ihr nicht mit verweslichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid ..., sondern mit dem kostbaren Blut des Christus“ (1. Petrus 1,17–19). Gebe der Herr, dass wir alle diese wichtigen Wahrheiten verstehen.

Fußnoten

  • 1 Es dürfte nützlich sein hier über die Ältesten und die Diakonen eine Bemerkung zu machen. Viele Christen verstehen den Unterschied nicht, der zwischen Gaben und Ämtern besteht. Älteste und Diener (siehe 1. Tim. 3, 1–13) sind Ämter, nicht Gaben. Die Ämter waren an einen bestimmten Ort gebunden, Ein Ältester von Jerusalem war es nicht in der Gemeinde zu Ephesus. Wer eine Gabe hatte, konnte und sollte überall, wohin er kam, den Seelen mit seiner Gabe dienen. Älteste und Diakone wurden durch Händeauflegung von den Aposteln oder ihren Beauftragten eingesetzt. (Apostelgeschichte 6, Vers 6; Kap. 14, 23, Titus 1, Verse 5–9.) Wir hörten schon, dass die Gaben vom Herrn und vom Heiligen Geist verliehen werden. Hier, wo die Gaben zur Bildung und Auferbauung der Versammlung genannt werden, hören wir nichts von Ältesten und Diakonen. Haben wir denn jetzt keine Ältesten und Diakonen mehr? Ich will eine andere Frage stellen: Könnt ihr mir die Personen angeben, die von Gott die Befugnis erhalten haben, sie anzustellen und ihnen die Hände aufzulegen? Die Gemeinde hat diese Aufgabe nicht. In der Schrift kann jeder deutlich lesen, dass die Apostel oder ihre Beauftragten allein dies taten. Nein, wir können keine Ältesten anstellen, weil uns die apostolische Macht dazu fehlt. Es ist darum viel besser, in Demut und Bescheidenheit unsern Weg zu gehen, als uns eine Autorität anzumaßen, die niemand gottgemäß mit dem Wort begründen könnte. Anderseits sind die Eigenschaften, welche für das Amt eines Ältesten oder eines Dieners befähigen, im Wort klar niedergelegt und richten sich als Ermahnung an das Herz eines jeden Bruders, dem das Wohl der Versammlung Gottes am Herzen liegt. Da, wo die Geschwister dieselben in dem Leben eines Bruders verwirklicht sehen, ist es gewiss gottgemäß, wenn sie selbst auch die Ermahnungen zu Herzen nehmen, die das Wort ihnen bezüglich ihres Verhaltens z. B. einem Ältesten gegenüber gibt. Dies kann auch heute durchaus geschehen, selbst in einer Zeit, in welcher die Autorität die zur „Einsetzung“ dieser Ämter nötig wäre, nicht mehr vorhanden ist.
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