Der Brief an die Epheser

Kapitel 1

Der Brief an die Epheser

Nach einer sehr kurzen Einleitung, worin Paulus, als Apostel von Jesus Christus durch Gottes Willen, den Heiligen und Treuen in Christus Jesus, die in Ephesus sind, „Gnade und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus“ wünscht, beginnt er sofort mit dem herrlichen Gegenstand, der seine ganze Seele beschäftigt. „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus“ (Vers 3). Unaussprechlich herrliche Worte! Wie treffend wird uns hier die innige Beziehung, in der wir zu Gott stehen, offenbart. Christus steht in einer doppelten Beziehung zu Gott, Seinem Vater, sowohl als vollkommener Mensch zu Seinem Gott, wie auch als Sohn zu Seinem Vater. An diesen beiden Beziehungen haben wir, die Gläubigen, teil. Der Herr selbst hat dies Seinen Jüngern gesagt, bevor Er gen Himmel fuhr. „Ich fahre auf zu Meinem Vater und eurem Vater und zu Meinem Gott und zu eurem Gott.“ Diese herrliche, kostbare Wahrheit ist die Grundlage der Unterweisung des Apostels in diesem Brief. Das Geheimnis aller Segnungen der Gemeinde ist, dass sie gesegnet ist mit Christus selber und gesegnet wie Er; denn die Versammlung ist Sein Leib und genießt in und durch Christus alles, was der Vater Ihm gegeben hat.

Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus hat uns, in Seinem Charakter als Gott und Vater, gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus. Wiewohl ich hier auf Erden wandle, weiß ich, dass ich dort gesegnet bin, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Und wir sind nicht mit einigen, sondern mit allen geistlichen Segnungen gesegnet. Es gibt keine geistliche Segnung, mit der uns Gott nicht gesegnet hätte. Und diese Segnungen sind nicht zeitlich, wie die, welche den Juden verheißen waren. Gott hat Seinen Kindern die höchsten Segnungen gegeben; Er hat sie gesegnet nach der Fülle Seines Herzens. Alles, was herrlich und schön, alles, was unvergänglich ist, hat Er uns mitgeteilt; den ganzen Schatz Seiner Gaben hat Er über uns ausgeschüttet! Diese Segnungen hat Er uns nicht auf der Erde, sondern in den himmlischen Örtern geschenkt. Die Israeliten sind auf der Erde gesegnet. Ihre Wohnung war das Land Kanaan und wird es in Zukunft sein. „Und ihr werdet in dem Land wohnen, das Ich euren Vätern gegeben habe, und ihr werdet Mein Volk, und Ich werde euer Gott sein“, sagt der Herr zu ihnen (Hes 36, 28). Und obschon Gott ihnen auch geistlichen Segen geben wird, sind ihre Segnungen doch hauptsächlich zeitlich. „Und ich werde die Frucht des Baumes und den Ertrag des Feldes mehren, damit ihr nicht mehr den Schimpf einer Hungersnot tragt unter den Nationen“ (Hes 36, 30). Welch ein Unterschied ist also zwischen uns und den Israeliten! Ihr Vaterland ist auf der Erde, und hier sollen sie alles bekommen, was zu einem angenehmen Leben nötig ist; unser Vaterland ist im Himmel, unsere Segnungen sind geistlich, und obschon wir noch auf Erden wandeln, sind wir bereits mit den Segnungen in den himmlischen Örtern gesegnet. Aber das Herrlichste von allem ist, dass diese geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern uns in Christus geschenkt sind. Er allein kennt Gott und ist der Gegenstand der Liebe Gottes; Er allein kennt die volle Bedeutung des Wortes „Mein Vater“. Und durch die Erlösung und die Gabe des Geistes hat Er uns, die glauben, fähig gemacht, dasselbe Vorrecht mit Ihm zu genießen. Wir sind in der Auferstehung mit Ihm eins geworden und gehören deshalb nicht mehr zu dieser Welt. Wohl ist es wahr, dass wir hienieden wandeln und unser Leib von der Erde ist, aber was uns zu Gotteskindern macht, steht in keiner Beziehung zur Welt oder zu den Umständen hienieden; und darum wandeln wir hier als Unbekannte und Fremdlinge. Ganz anders wird es sein, wenn Gott wieder Seine Beziehungen mit Israel anknüpfen wird. Der Tag wird bald anbrechen, an dem es seinen verworfenen Messias erkennen wird. Dann wird es mit allen irdischen Segnungen gesegnet werden. Alle Völker der Erde werden sich vor Israel beugen; und Gott wird sich an Seinem Volk offenbaren als der Herr, Gott, der Allmächtige, der Allerhöchste, doch nicht als der „Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“. Auf diese Weise offenbart sich Gott den Gläubigen der Gegenwart. Sie sind gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus. Ein Israelit kann unmöglich begreifen, was das ist, nicht allein durch Christus gesegnet zu werden, sondern auch Erbe mit Ihm zu sein. Ihr Teil wird unter ihrem Messias sein, gesegnet durch Ihn als ein irdisches Volk. Aber wir, die wir jetzt an Christus glauben, sollen derselben Segnungen teilhaftig werden, die Gott Christus schenkt. Alle Dinge hat Er Seinen Füßen unterworfen; doch dies alles wird Er nicht allein, sondern mit uns besitzen.

„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus.“ Herrliche Gnade! Unsere Segnungen sind von der höchsten Art, sie sind geistlich; sie werden uns nicht in Kanaan oder im Land Immanuels, sondern in den himmlischen Örtern geschenkt; und sie werden uns gegeben auf die vorzüglichste Weise, nämlich in Christus. O möchten wir alle diese herrliche Wahrheit mit ganzem Herzen erfassen!

Diese Gnade nun strömt aus dem Herzen Gottes und hat ihren Ursprung in einem Vorsatz Gottes, der über alle Umstände erhaben ist. Vor Grundlegung der Welt hatten wir diesen gesegneten Platz im Herzen Gottes; Er wollte uns einen Ort in Christus geben; Er hat uns auserwählt in Ihm. Welch ein Quell der Freude, welch eine Gnade, so der Gegenstand der Gunst Gottes zu sein! Es ist sehr bemerkenswert, dass der Heilige Geist uns stets vor Augen hält, wie alles in Christus ist. Wir sind gesegnet in den himmlischen Örtern in Christus; „Er hat uns auserwählt in Ihm“; „Er hat uns zuvor bestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus“; „Er hat uns angenehm gemacht in dem Geliebten.“ Das ist einer der Hauptgrundsätze in diesem Brief, dass alles in Christus ist und dass Gott selber der Ursprung und Urheber der Segnung ist. Christus allein entsprach dem Herzen Gottes und an Ihm konnte Gott die ganze Fülle Seiner Liebe offenbaren; und darum, wiewohl die Segnung von Gott selber kommt, besitzen wir sie in Christus.

Das ist die Gnade in ihren großen Grundzügen. Wir kommen nun zur nähern Beschreibung dieser Gnade und finden an erster Stelle den Platz, den wir vor Gott (Vers 4) und vor dem Vater (Vers 5) einnehmen dürfen. „Wie Er uns auserwählt hat in Ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos seien vor Ihm in Liebe“ (Vers 4). Wenn Gott uns in Seiner Gegenwart haben wollte, dann musste Er uns heilig und untadelig vor Ihm in Liebe darstellen. Gott kann allein an solchen, die Ihm sittlich gleichen, ein Wohlgefallen haben. Gott ist heilig in Seinem Wesen, vollkommen in Seinen Wegen, Liebe, was Seine Natur betrifft; und darum müssen wir, um vor Ihm stehen zu können, heilig und tadellos in Liebe sein. In Christus nun sind Liebe, Heiligkeit, Vollkommenheit in jeder Weise vereinigt; Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, darum sind wir auserwählt in Ihm. Welch einen herrlichen Platz hat uns Gott bereitet! Wir sind in Seine Gegenwart gebracht; wir sind in Christus gepflanzt, so dass Gott Sein Wohlgefallen an uns finden kann; Er hat uns Seiner Natur teilhaftig gemacht und so sind wir imstande, Ihn vollkommen zu genießen.

Doch in Vers 5 finden wir noch mehr. Um vor Gott sein zu können, war es notwendig, dass wir heilig und untadelig in Liebe seien. Es war jedoch nicht notwendig, dass wir Kinder würden; wir hätten als Dienstknechte im Himmel sein können. Doch diese Stellung befriedigte das Herz Gottes nicht; sie war nach Seinen Gedanken nicht hoch genug für uns. Er wollte nicht, dass zwischen Ihm und uns ein Abstand sein sollte, und wäre er noch so gering; Er wollte uns so nahe als möglich haben. „Der uns zuvor bestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen Seines Willens.“ Eine innigere Vereinigung mit Gott als durch die Kindesstellung gibt es nicht. Und in dieser innigen Beziehung stehen wir zu Ihm. Was nicht notwendig war, wenn wir Dienstknechte geworden wären, hat Er in Seiner unergründlichen Liebe getan; und darum wird hier beigefügt „nach dem Wohlgefallen Seines Willens“, was wir in Vers 4 nicht finden. Der Vater wollte uns als Seine Kinder besitzen; Er wollte die ganze Liebe, die Sein Herz erfüllt, über uns ausgießen. Er wollte uns für sich selber haben, Er verlangte nach solch einem innigen Verhältnis; nur dies konnte Sein Herz befriedigen. Welch eine unaussprechliche Liebe! Und was diese Liebe noch herrlicher leuchten lässt, ist, dass wir Kinder sind durch Jesus Christus, Er, der Sohn Gottes, an welchem der Vater all Sein Wohlgefallen hat, hat uns nach Seiner Auferstehung Seine Brüder genannt. Wir teilen so mit Ihm den Platz, den Er im Herzen des Vaters einnimmt- wir werden vom Vater geliebt, gleichwie Er Ihn liebt.

Wir, die Gläubigen in Christus, sind also vor Grundlegung der Welt auserwählt, damit wir heilig und untadelig vor Gott in Liebe sein sollten; wir sind zuvor bestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen Seines Willens. Welch ein Trost für das gläubige Herz! Diese herrliche Wahrheit lehrt uns, wie ganz unabhängig die Gnade Gottes von allen unsern Wegen und Werken ist. Sie bewirkt, dass wir uns selbst aus dem Auge verlieren und sie stellt uns Gott in Seiner unendlichen Liebe vor Augen. Hier ist nicht die Frage, wer wir gewesen sind, noch was wir von Natur sind; sondern allein, was Gott ist und was Er für uns ist. Nun, Er hat nicht erst dann an uns gedacht, als wir in Reue über unsere Sünden zu Jesus kamen; nicht erst damals, als Christus vor mehr als 1.900 Jahren für uns starb; o nein! bevor noch ein Mensch auf der Erde war, ja, ehe die Welt bestand, hat Er an uns gedacht, uns geliebt und auserwählt. O, das gibt meinem Herzen einen unbeschreiblichen Frieden; das macht mich los von allen Umständen, ja von allem, was besteht. In solch einer Liebe kann ich vollkommen ruhen und mich ewig freuen.

Das ist denn auch die herrliche Absicht, die Gott mit dieser kostbaren Offenbarung hat. Er will unser Herz trösten und erfreuen und uns einen völligeren Begriff Seiner Liebe geben. Er will uns mit sich selber beschäftigen, damit wir ganz in Ihm und in Seiner Liebe ruhen möchten. Was kann uns einen umfassenderen Begriff geben von Gottes Liebe als die herrliche Wahrheit, dass Er uns zu Seinen Kindern verordnet hat, ehe die Welt bestand, dass das Erste, was Er mit Bezug auf diese Welt getan hat, unsere Auserwählung ist. So betrachtet, ist die Auserwählung eine der kostbarsten Wahrheiten von Gottes Wort; sie verbindet das Herz mit Gott und lässt uns in Anbetung zu Seinen Füßen niederknien. O geliebte Brüder! möge diese Wahrheit doch den rechten Platz in unsern Herzen einnehmen; möge sie dazu dienen, unser Herz enger mit Gott zu verbinden und Ihn in Seiner Liebe besser zu verstehen und mehr zu genießen.1 Lassen wir uns den Glauben an diese wunderbare Wahrheit nicht nehmen, weil wir sie scheinbar nicht mit der andern Wahrheit in Einklang bringen können, die uns ebenso deutlich in Gottes Wort gelehrt wird, dass Gott will, dass alle Menschen errettet werden. Der Herr verlangt von Seinen Kindern, dass sie glauben und nicht, dass sie begreifen. Lasst uns einfältig Gottes Wort glauben, und was uns jetzt dunkel erscheint, wird uns einmal in voller Klarheit dargestellt werden!

Diese Auserwählung nun ist „zum Preise der Herrlichkeit Seiner Gnade, worin Er uns begnadigt hat in dem Geliebten“ (Vers 6). Gott hat uns zum Gegenstand Seiner Gunst gemacht, und um diese Gunst ganz über uns auszugießen, hat Er uns angenehm gemacht in dem „Geliebten“. Der Heilige Geist braucht hier nicht den Ausdruck „in Christus“, sondern in dem Geliebten“. Nur ein Gegenstand befriedigt Gottes Herz, und das ist Christus, der Geliebte. Um uns vollkommen zu segnen, hat uns Gott zu Gegenständen Seiner Gunst in diesem Geliebten gemacht, „zum Preise der Herrlichkeit Seiner Gnade“. An uns, den Gegenständen Seiner Gunst, hat sich die Herrlichkeit Seiner Gnade entfaltet. Sie wird gesehen und gepriesen. Weiter konnte Gott nicht gehen. Die Höhe und die Tiefe Seiner Gnade sind hier vereinigt. Wie herrlich, dass unsere Herzen sich in der Gnade erfreuen können, dass auch wir „zum Preise der Herrlichkeit Seiner Gnade“ gesetzt sind!

Aber wie fand uns Gott, als Er uns in diese herrliche Stellung bringen wollte? Ach, wir waren Sünder nichts als Sünder, ganz und gar das Gegenteil dessen, wozu Er uns auserwählt hatte. Was musste Gott nun tun? Wie sollte es möglich sein, uns heilig und untadelig vor Ihn zu stellen? Hier ist die Antwort: In demselben Christus, in dem wir vor Grundlegung der Welt auserwählt sind, „haben wir die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Vergehungen“ (Vers 7). Welch ein Trost für unsere Seelen! Wenn wir an unsere Sünden denken, dann empfangen wir die tröstliche Versicherung, dass sie vor dem Angesicht Gottes hinweg getan sind. Das Blut Seines Sohnes ist geflossen und hat alle unsere Sünden aus dem Buch des Gedächtnisses Gottes ausgetilgt. Aber wie konnte Gott Seinen Sohn geben für die, die gegen Ihn in Feindschaft waren, für die, von denen nichts anderes gesagt werden konnte, als dass sie Ihn durch ihre Sünden ermüdet hatten? Der Apostel antwortet: „Wir haben die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Vergehungen nach dem Reichtum Seiner Gnade.“ Ja, nach dem Reichtum Seiner Gnade! Anstatt uns, die wir von Ihm abgeirrt waren und uns dem Teufel übergeben hatten, ins ewige Verderben gehen zu lassen, führt Er Seinen Plan aus. Er schenkt Seinen geliebten Sohn, um uns aus dem Zustand zu ziehen, in den wir durch die Sünde gekommen waren. Er wollte und hat uns heilig und tadellos vor sich in Liebe gestellt und uns zu Seinen Kindern gemacht.

Der folgende Vers geht jedoch noch weiter. „Welche Er gegen uns hat überströmen lassen in aller Weisheit und Einsicht“ (Vers 8). Die Ratschlüsse Gottes in Bezug auf Seinen Sohn werden uns offenbart. Mit andern Worten wird hier gesagt: Ihr seid fähig, Meine Gedanken zu verstehen, ihr seid erlöst von der Angst wegen eurer Sünden und könnt nun Meine Ratschlüsse begreifen. „Indem Er uns kundgetan hat das Geheimnis Seines Willens nach Seinem Wohlgefallen, das Er sich vorgesetzt hat in sich selbst für die Verwaltung der Fülle der Zeiten“ (Vers 9). Und dieses Geheimnis Seines Willens ist: „Alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das was in den Himmeln und das was auf der Erde ist“ (Vers 10). Wir sind also fähig gemacht, zu hören, was Gott uns über alle anderen Dinge zu sagen hat. Er teilt uns nicht nur mit, was für einen Plan Er auf Erden auszuführen gedenkt, wie Er es bei Abraham tat, sondern Er ist überströmend gegen uns in aller Weisheit und Einsicht. Unser Verhältnis zu Gott ist viel inniger. Er behandelt uns als Seine Kinder. Er teilt uns die Absichten mit, die Er in Betreff Seines Sohnes Jesus Christus hat. Welch eine Gnade! Wie treffend wird hierdurch unsere vollkommene Erlösung bewiesen. Von Natur unfähig, die Dinge des Geistes Gottes zu verstehen, können uns jetzt nicht nur die Gedanken Gottes über uns selbst, sondern auch Seine Absichten in Christus mitgeteilt werden. Dass doch niemand sage, kein Interesse zu haben an Geheimnissen! Seid ihr zufrieden mit der Sicherheit eurer Errettung? Seid ihr so gleichgültig, dass ihr kein Interesse an dem habt, was Gott euch mitteilen will? O wie traurig! Denkt doch nicht, dass ihr dieses Geheimnis nicht verstehen könnt! Das Wort „Geheimnis“ Seines Willens bedeutet das, was Gott gut gefunden hat, früher nicht zu offenbaren; wir aber können es jetzt verstehen, weil es offenbart ist. Es sind viele Geheimnisse im Alten Testament, die im Neuen erklärt werden. Wenn Gott uns unterweisen will, sollten wir dann nicht begierig sein, zu lauschen. O, dass das Wort Jesu in unser aller Ohr erschalle: „Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“

Das Geheimnis Seines Willens, das was Gott für den Haushalt der Fülle der Zeiten sich vorgenommen hat, ist, dass Er alle Dinge im Himmel und auf Erden unter ein Haupt zusammenbringt. 2 Wenn alle Zeiten, die Gott für die Welt bestimmt hat, erfüllt sein werden, wenn also der Haushalt der Fülle der Zeiten gekommen sein wird, dann wird das herrliche Friedensreich beginnen. Die Blindheit Israels ist dann verschwunden; die Heiden erfreuen sich der Segnungen Israels; alle Feinde des Christus sind zum Schemel Seiner Füße gelegt. Christus herrscht über die gereinigte Erde. Himmel und Erde sind vereinigt worden. Welch ein herrlicher Zustand! Aber vor allem, welch eine Gnade für uns! Christus empfängt alle Herrlichkeit im Himmel und auf Erden, und wir, Glieder Seines Leibes, sind Erben Gottes und Seine Miterben. „In welchem wir auch zu Erben gemacht worden sind, die wir zuvor bestimmt sind nach dem Vorsatz Dessen, der alles wirkt nach dem Rat Seines Willens, damit wir zum Preise Seiner Herrlichkeit seien“ (Verse 11. 12, Anmerkung). Wir werden mit Ihm die Herrlichkeit teilen, mit Ihm herrschen, mit Ihm die Engel richten. So wie Ihm wird auch uns alles unterworfen sein. Das ist mehr als die Herrlichkeit und Ehre eines Salomo.

Alle, die an Christus glauben, sowohl die aus den Nationen (Heiden), als auch die aus den Juden, sind Erben Gottes. Darauf weist der Apostel hin in Vers 12 und 13. In Vers 12 wird von den Juden gesagt: „Damit wir zum Preise Seiner Herrlichkeit seien, die wir zuvor auf den Christus gehofft haben.“ Paulus und seine Mitgläubigen hatten an Christus geglaubt, während die Masse des jüdischen Volkes im Unglauben lag, in dem es heute noch verharrt. Doch auch die Heiden hatten geglaubt, weil die Umzäunung abgebrochen war. „Auf welchen auch ihr gehofft, nachdem ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils“ (Vers 13). Das Evangelium kann nun auch den Heiden verkündet werden. Die Epheser waren Heiden gewesen und hatten das Evangelium angenommen- und „nachdem sie geglaubt hatten, waren sie versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung“ (Vers 13).

Es besteht unter vielen Christen große Verwirrung über die Frage der Wirksamkeit und der Versiegelung des Heiligen Geistes. Das Erste, was der Heilige Geist bei einem Sünder bewirkt, ist, ihn aus dem Schlaf der Sünde aufwachen zu lassen. Er lässt ihn seine Sünde einsehen und das Verlangen nach einem Erlöser in ihm entstehen. Dann predigt Er ihm das Evangelium, verkündigt ihm einen Erlöser, der ein Werk für Sünder vollbracht hat, so dass jeder, der an Ihn glaubt, errettet werden kann. Dies alles ist die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, um den Sünder zu Jesus zu bringen, aber keineswegs die Versiegelung. Sobald der Sünder an Jesus glaubt, empfängt er das ewige Leben; auch dies ist die Wirksamkeit des Geistes und nicht die Versiegelung mit dem Geist. Nachdem er nun an Christus geglaubt hat, wird er versiegelt mit dem Heiligen Geist der Verheißung. Der Heilige Geist kommt und macht Wohnung bei ihm, macht also seinen Leib zu Seinem Tempel. Derselbe Geist, der so lange an ihm arbeitete, um ihn zu Christus zu bringen, kommt, sobald er an Christus glaubt, um in ihm zu wohnen.

Seit der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten sind alle, die an Christus glauben, durch diesen Geist versiegelt. Vor Pfingsten wohnte der Heilige Geist nicht in den Gläubigen. Wohl wirkte Er in ihnen, wohl befähigte Er sie für viele Dinge, doch Er wohnte nicht in ihnen. Jesus sagt: „Wer an Mich glaubt, gleichwie die Schrift gesagt hat aus dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen“, und Johannes fügt bei: „Dies aber sagte Er von dem Geist, welchen die an Ihn Glaubenden empfangen sollten, denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war“ (Joh 7, 38. 39). Bevor Jesus Sein Erlösungswerk vollbracht hatte und verherrlicht war, konnte der Heilige Geist niemanden versiegeln und in keinem Menschen wohnen. Seit Seiner Ausgießung am Tag der Pfingsten aber wohnt Er in der Versammlung als solcher und in jedem, der glaubt. Können wir da noch um den Heiligen Geist bitten, wenn Er in uns wohnt? Es wäre wirklich handgreiflicher Unglaube und eine große Torheit der Jünger gewesen, wenn sie, als Christus in ihrer Mitte war, Gott gebeten hätten, Ihn zu senden. Und nachdem nun der Heilige Geist vom Himmel gesandt und uns gegeben ist, um in uns eine Quelle des Wassers zu werden, das ins ewige Leben quillt, ist es eine Verleugnung Seiner Niederkunft vom Himmel und Seiner Innewohnung in uns, wenn man heute noch um den Heiligen Geist bittet. Es ist sehr notwendig, zu bitten, durch den Geist nach dem inwendigen Menschen gestärkt zu werden, um Ihn nicht zu betrüben oder Ihm zu widerstehen; doch ganz und gar verkehrt wäre es, ein einziges Wort auszusprechen, wodurch wir die Gegenwart des Heiligen Geistes leugnen. Ebenso verkehrt ist es, um eine Ausgießung des Heiligen Geistes zu bitten. Sicherlich ist es dem Herrn wohlgefällig, wenn wir für die Wirksamkeit des Geistes zur Bekehrung der Ungläubigen beten; jedoch um die Ausgießung des Geistes zu bitten zeigt den Unglauben der Wahrheit gegenüber, dass Er schon ausgegossen ist. Gott bat der Gemeinde den Geist gegeben und Er kann dieser Gabe nichts hinzufügen.

Der Geist Gottes wohnt in uns. Welch eine herrliche Wahrheit! Durch Ihn sind wir in Gemeinschaft mit Gott, durch Ihn rufen wir „Abba, Vater!“ – durch Ihn verstehen wir das Erlösungswerk, durch Ihn haben wir die Kraft, Gott zu verherrlichen. Er ist „das Unterpfand unseres Erbes, bis zur Erlösung des erworbenen Besitzes, zum Preise Seiner Herrlichkeit“ (Vers 14). Der Heilige Geist ist für jeden Gläubigen das Unterpfand seines Erbes, bis das Eigentum, das Christus sich erworben hat, Ihm gegeben wird, und Seine Macht keinen einzigen Widersacher bestehen lassen wird. Und wenn Christus das alles in Besitz nehmen wird, werden wir mit Ihm als Miterben daran teilhaben. Der Geist nun ist das Unterpfand, dass wir das Erbe erhalten sollen, und durch Ihn genießen wir bereits heute schon die Freude der zukünftigen Herrlichkeit. Man verliert den Genuss dieser herrlichen Dinge, wenn man nicht an die Innewohnung des Geistes glaubt. Welch ein unaussprechlicher Verlust! Aber zugleich welch ernster Gedanke, dass Gottes Geist, Gott selber in uns wohnt. Welch hoher Gast! Wie behandeln wir diesen Gast? Stellen wir uns ganz zu Seiner Verfügung? Unterwerfen wir uns Seiner Wirksamkeit oder betrüben wir Ihn durch Unachtsamkeit oder gar Untreue? Und werden wir durch Ihn stets weiter in die Wahrheit Gottes eingeführt? Die Wiedergeburt ist der Anfang des Weges, und wir dürfen uns keineswegs damit begnügen. Wenn wir gläubig geworden sind, müssen wir andere Wahrheiten und vor allem Christus selber kennen lernen. Möchten wir alle, geleitet durch den Heiligen Geist, wachsen in der Erkenntnis und Gnade Dessen der uns so unaussprechlich liebt!

Der erste Teil dieses Kapitels hat uns also die Gnade gezeigt, als die einzige Ursache der Stellung, in die Gott Seine Kinder gebracht hat – die Ratschlüsse Gottes betreffs der Herrlichkeit des Christus als Haupt über alles – die Tatsache, dass wir in Christus Erben sind – und endlich die Gabe des Heiligen Geistes an die Gläubigen als Unterpfand des Erbes und als Bewahrung der Erben, bis sie mit Christus in den Besitz des Erbes gesetzt werden. Von Vers 15 bis an den Schluss des Kapitels finden wir ein Gebet des Apostels für die Gläubigen. Er wendet sich hier an den „Gott“ unseres Herrn Jesus Christus.3 Gott wird „der Vater der Herrlichkeit“ genannt, weil Er die Quelle und der Urheber aller Herrlichkeit ist. Und Christus wird uns vorgestellt als Mensch. Gott hat Ihn aus den Toten auferweckt und Ihn zu Seiner Rechten gesetzt; alles, was mit Christus geschah, wird hier betrachtet als der Ausfluss von Gottes Macht. Christus konnte sagen: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde Ich ihn aufrichten“ – denn Er war Gott; aber hier wird Er uns als Mensch vorgestellt, und Gott hat Ihn auferweckt.

Bevor der Apostel sein Gebet spricht, gibt er der Gemeinde in Ephesus ein herrliches Zeugnis. „Nachdem ich gehört habe von dem Glauben an den Herrn Jesus, der in euch ist, und von der Liebe, die ihr zu allen Heiligen habt“ (Vers 15). Das Letztere war die Folge des Ersten. Der Glaube an den Herrn Jesus – nicht an diese oder jene Wahrheit, sondern an Seine Person – erweckt die Liebe zu allen Heiligen. Wenn Christus für uns der Mittelpunkt ist, wenn Er uns teuer ist, dann werden alle Heiligen, weil sie die Seinen sind, uns auch teuer sein. Er liebt sie alle, die schwächsten wie die stärksten, die unerfahrensten wie die tüchtigsten, mit derselben Liebe. Er erkaufte sie mit Seinem Blut und machte sie zu Gotteskindern, und sie werden einmal alle an Seiner Herrlichkeit teilhaben. Und hierin wollen wir Ihm nachfolgen. Sollen wir einander lieb haben, weil wir dieselben Gedanken und Gewohnheiten, denselben Charakter haben? Oder sollen wir nur mit solchen Gemeinschaft haben wollen, die uns angenehm im Umgang sind, oder bei denen wir uns wenig zu verleugnen haben? Ach, dies wird unter Christen, vor allem in unsern Tagen, oft gefunden; aber das ist keine Liebe zu allen Heiligen. In solchen Zuneigungen liegt nur Liebe zu uns selber. Unser Fleisch liebt das, was ihm angenehm ist und gibt jenen den Vorzug, die sich durch unsern Charakter zu uns hingezogen fühlen. Wir müssen einander betrachten, wie Gott uns in Christus angenehm gemacht hat vor Ihm; tun wir das nicht, dann ist keine Gemeinschaft möglich, dann kann keine Liebe zu allen Heiligen bestehen.

Man muss das richtig verstehen. Gottes Wort tadelt es keineswegs, Freunde zu haben. Unser Herr selber ging mit einigen Seiner Jünger vertraulicher um als mit andern; als die Seinen aber waren sie Ihm alle gleich lieb. So muss es auch bei uns sein. Wir sollen Liebe haben zu allen Heiligen; doch ist es natürlich, dass wir nicht jedem, weil er ein Heiliger ist, alles mitteilen können. Ich werde nicht jedem meine Schwierigkeiten und Beschwerden offenbaren, da nicht jeder sie verstehen und mir raten könnte; meine Liebe aber soll für alle die gleiche sein. Jemand mag sehr unwissend sein, er mag viele verurteilen und wenig Mitgefühl haben; er mag nicht imstande sein, nur einen Rat zu erteilen – wenn aber seine Seele Christus liebt und er Ihn über alles schätzt, soll ich ihn dann nicht lieb haben können und ihn höher achten als mich selbst? Sicherlich, denn das, womit er meine Seele erfrischen und erbauen kann, ist mehr, als wenn ich in ihm nur einen treuen Freund und Berater hätte. In einem jeden der Heiligen findet man das, was das Herz entzückt und erquickt. Wir sollen eine wahre, ungeheuchelte Liebe zu allen Kindern Gottes pflegen. Gott ist für sie, und Christus wohnt in ihnen; und das sollen wir bedenken, wenn wir die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn wertschätzen. O lasst uns doch nach diesem göttlichen Grundsatz handeln! Wie betrübend ist die Entzweiung, die Geringschätzung, die Zwietracht unter Christen! Und das Traurigste von allem ist, dass man das Schmerzliche dieses Zustandes vielerorts nicht fühlt, ja zuweilen verteidigt. Lasst uns da nicht mitmachen, sondern, soweit es in unserer Macht steht, die Liebe zu allen Heiligen pflegen und üben!

Da der Apostel von dem Glauben der Epheser an den Herrn Jesus, der in ihnen war, und von der Liebe zu allen Heiligen vernommen hatte, hörte er nicht auf für sie zu danken, aber zugleich vergaß er nicht, ihrer beständig in seinen Gebeten zu gedenken. Obschon ihr Zustand so gut war, bittet er für sie: „Dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis Seiner selbst“ (Vers 17). Die Epheser kannten Gott als ihren Vater in Christus, doch dies war dem Apostel nicht genug; er wollte, dass sie in der Erkenntnis zunähmen und Väter in Christus würden, und dazu hatten sie den Geist der Weisheit und der Offenbarung nötig, um das, was folgen würde, verstehen zu können. Viele sind zufrieden mit dem Bewusstsein, dass sie bekehrt sind und einmal in den Himmel kommen werden. Sie genießen wenig von Christus und von der Liebe Gottes und sind darum nicht imstande, Gott zu verherrlichen. Sie sind selbstsüchtig; denn obwohl sie die Gewissheit haben, errettet zu sein, kümmern sie sich wenig darum Gott zu verherrlichen und die Segnungen kennen zu lernen, die in Christus sind. Wir sehen hier, dass der Heilige Geist das Gegenteil will. Er bewirkte in Paulus das Verlangen für die Gemeinde in Ephesus, dass sie mehr und mehr in der Gnade und Erkenntnis des Herrn Jesus zunehme.

Und um welche Dinge bittet der Apostel? „Damit ihr, erleuchtet an den Augen eures Herzens, wisst, welches die Hoffnung Seiner Berufung ist, und welches der Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes in den Heiligen, und welches die überschwängliche Größe Seiner Kraft an uns, den Glaubenden“ (Verse 18. 19). Wir finden da drei Dinge, die mit den ersten vierzehn Versen dieses Kapitels im Zusammenhang stehen. Der Herr will, dass das, was uns hier mitgeteilt wird, von uns erkannt und genossen werde. An erster Stelle finden wir „die Hoffnung Seiner Berufung“. Offenbar denkt der Apostel an die Verse 4 und 5. Wir sind auserwählt, um heilig und tadellos zu sein vor Gott in Liebe, verordnet zur Sohnschaft nach dem Wohlgefallen Seines Willens. Das ist unsere Berufung, die wir jetzt in Hoffnung besitzen; wir werden alles, was in Christus ist, besitzen. Seliges Bewusstsein, einmal in Übereinstimmung mit der heiligen, liebenden Wesenheit Gottes vor Ihm zu stehen!

An zweiter Stelle wünscht der Apostel, dass wir wissen, welches der Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes ist. Er gebraucht dazu sehr merkwürdige Worte – „den Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes in den Heiligen“. Wir müssen uns vor der unrichtigen Auslegung hüten, dass die Heiligen das Erbe seien. Im Alten Testament finden wir wohl, dass Israel das Erbe Gottes genannt wird, doch im Neuen Testament finden wir, dass die Heiligen „Erben Gottes und Miterben des Christus „sind. Nicht die Versammlung als solche, vielmehr das Weltall ist das Erbe Gottes. Christus selbst ist der rechtmäßige Erbe, und diese Erbschaft wird die Gemeinde mit Ihm in Besitz nehmen, wenn Er kommen wird, um auf Erden zu herrschen. Gott nimmt also alles, was im Himmel und auf Erden ist, in den Heiligen in Besitz; und darum wird für uns gebetet, dass wir verstehen sollten „den Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes in den Heiligen“. Welch eine unaussprechliche Gnade! Wir sollen das Erbe Gottes besitzen und Gott nimmt es in uns in Besitz. Endlich bittet der Apostel, dass die Epheser verstehen sollten, „welches die überschwängliche Größe Seiner Kraft an uns ist, den Glaubenden, nach der Wirksamkeit der Macht Seiner Stärke, in welcher Er gewirkt hat in dem Christus, indem Er Ihn aus den Toten auferweckte; (und Er setzte Ihn zu Seiner Rechten in den himmlischen Örtern)“ (Verse 19. 20). Das Kreuz, obschon das Notwendigste von allem für die Verherrlichung Gottes und für unser Bedürfnis, offenbart uns Gottes Macht nicht. Es zeigt uns, was Gott Schwachheit nennt; „Christus ist gekreuzigt worden in Schwachheit (2. Kor 13, 4). Aber wenn wir die Auferstehung anschauen, dann ist jede Spur von Schwachheit für immer verschwunden, und wir sehen nichts als die triumphierende Macht Gottes. Gott war so vollkommen verherrlicht in Bezug auf unsere Sünden, dass Er den verachteten, verworfenen und verlassenen Menschen aus dem Grab auferweckte und ihn zu Seiner Rechten im Himmel setzte. Wir sehen hier den bewunderungswürdigen Gegensatz zwischen dem Grab, in welchem Christus lag, und der Herrlichkeit mit der Er nun bekleidet ist – bekleidet als Mensch, weit über allen Geschöpfen, selbst über denen, die in gewissem Sinn über dem Menschen waren und keine Sünde oder Fall kannten; „über jedem Fürstentum und jeder Gewalt und Kraft und Herrschaft und jedem Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen“ (Vers 21). Wohl wird der Sohn des Menschen kommen mit allen heiligen Engeln, doch Er ist über sie erhaben. Als Gott war Er immer über ihnen, aber hier wird vom Menschen Christus Jesus geredet. Er hat durch die Auferstehung die Menschheit über die Engel gestellt. Das ist nicht allein die überschwängliche Größe Seiner Kraft an Christus, sondern an uns in Christus. Welch eine Gnade! Kann es noch eine Schwierigkeit geben? Würden wir nicht lachen über Unmöglichkeiten, wenn wir wüssten, dass wir über die Macht verfügen könnten, welche die Welt ins Dasein rief? Nun, hier ist eine größere Macht – die Macht, die Christus aus den Toten auferweckte. Das Wort Gottes versichert es uns. Warum sind wir so schwach? Weil wir so wenig glauben. Der größte Teil der Kinder Gottes hat nie davon gehört. Aber selbst die, die es hörten – wie wenig leben sie darin! Ach, wir vergessen das Gebet des Apostels für uns, wenn wir in schwierigen Verhältnissen sind, wenn Versuchungen oder Anfechtungen von unsichtbaren Feinden an uns herankommen. O, welche Kraft, welchen Mut, welche Standhaftigkeit und Ausdauer hätten wir, würden wir Gebrauch machen von der Kraft Gottes, die Christus aus den Toten auferweckt hat! Keine noch so schwierige Sache würde uns erliegen lassen, kein Feind uns überwinden. Die Kraft, die Christus aus den Toten auferweckte, vermag alles.

Gott hat Christus auferweckt, Ihn zu Seiner Rechten gesetzt und alles Seinen Füßen unterworfen. Er ist der Erbe von allem. Und wir, die wir an Ihn glauben, sind eins mit Ihm; darum wird hinzugefügt, dass Christus, dessen Füßen alles unterworfen ist, der Versammlung gegeben ist als das Haupt über alle Dinge (Vers 22). Es wird nicht gesagt „als Haupt über die Versammlung“, sondern „der Versammlung als Haupt über alles gegeben“. Die Gemeinde teilt mit Christus Seine Macht als Haupt über alle Dinge, wohl als Sein Leib, aber doch in unverbrüchlicher Einheit mit Ihm. Der Gläubige ist ein Glied des Leibes des Christus, er hat nicht allein das Leben, sondern ist eins mit Dem, der das Haupt über alles ist. Wiewohl Eva nicht direkt die Herrschaft empfing, hatte sie doch teil daran. Sie war eins mit Adam, der die Herrschaft empfangen hatte. So empfängt auch die Gemeinde die Herrschaft, als die Eva des himmlischen Menschen, des letzten Adam. Sie ist „die Fülle Dessen, der alles in allem erfüllt“. Sie ist die Fülle von Christus, die Christus als Mensch, auferstanden aus den Toten, vollendet. Er wäre ebenso wenig vollendet als Mensch in Seiner Herrlichkeit ohne die Gemeinde, wie Adam es ohne Eva gewesen wäre. Unaussprechlich herrlicher Gedanke! So untrennbar, wie unser Leib mit dem Haupt vereinigt ist, so innig sind wir mit Christus vereinigt. Nichts vermag uns von Ihm zu scheiden. Er hat uns lieb und fühlt sich untrennbar mit uns verbunden. So war es der Wille Gottes vor Grundlegung der Welt. Er hat die Versammlung auserwählt, die Braut, die Frau Seines Sohnes zu sein; und bald wird sie mit Ihm in Herrlichkeit und Ehre offenbart werden!

Fußnoten

  • 1 Anmerkung: Wir müssen hier kurz auf den großen Missbrauch hinweisen, der von vielen mit der Lehre der Auserwählung getrieben wird. Indem sie törichterweise diese Wahrheit mit der Predigt des Evangeliums verbinden, machen sie diese Wahrheit, die ein reicher Quell des Trostes und der Freude ist, zu einem Stein des Anstoßes für viele. Die Apostel haben nie der Welt die Auserwählung verkündigt; das wäre auch völlig zwecklos gewesen, da man nicht durch den Glauben an die Auserwählung, sondern durch den Glauben an Christus errettet wird. Der Welt verkündigten sie die frohe Botschaft von der Seligkeit, dass in Christus Jesus für alle, die glauben, Vergebung der Sünden gibt. Aber sobald einer an den Herrn Jesus als seinen Heiland glaubt, sagten sie ihm: „Gott hat nicht erst jetzt an dich gedacht, sondern schon vor Grundlegung der Welt; Er hat dich in Christus auserwählt!“ Nichts ist denn auch gefährlicher, als vor der Welt von der Auserwählung zu reden. Ach, wie viele warten auf ein Gefühl, dass sie auserwählt sind, anstatt an Christus zu glauben; wie viele sagen, dass sie nicht glauben können, weil sie nicht auserwählt seien und werfen so die Schuld ihres Unglaubens auf Gott. Wie traurig ist solch ein Zustand; wie ganz gegen die Schrift eine solche Ansicht! Wie kann man denn die Gewissheit haben, auserwählt zu sein, wenn man nicht an Christus glaubt? Der Herr sagt: „Wer an Mich glaubt, hat ewiges Leben.“ Die Gabe des ewigen Lebens ist also abhängig vom Glauben; und solange einer das Leben nicht hat, ist bei ihm auch das Bewusstsein der Auserwählung unmöglich. Ach, möchten doch jene, die vor Unbekehrten von der Auserwählung reden, bedenken, welch unberechenbaren Schaden sie vielen Seelen zufügen. Gewiss, soweit es die menschliche Verantwortung betrifft, wird Gott einmal die Seelen von ihrer Hand fordern. Er wird zu ihnen sagen: Warum habt ihr ihnen die Auserwählung anstatt des Evangeliums verkündigt? Warum habt ihr ihnen Hindernisse in den Weg gelegt, anstatt sie zu veranlassen, zu Christus zu kommen?
  • 2 Der erste Mensch, Adam, war nach den Gedanken Gottes dazu bestimmt, das Haupt über alle Werke der Hand Gottes auf dieser Erde zu sein. In Christus, als dem Menschensohn, wird dieser Vorsatz Gottes seine Erfüllung finden. Diese Seine Herrlichkeit beschreibt uns der 8. Psalm. Sie umfasst dann nicht nur Israel und das Land Kanaan, sondern die ganze Erde und übertrifft die Machtfülle eines Salomons oder eines Nebukadnezars. Adam hätte aber, auch wenn er nicht gefallen wäre, nie über die Engelscharen und über die Dinge in den Himmeln etwas zu gebieten gehabt. Unser Herr wird aber auch über diesen sehr bedeutenden, wenn auch für uns bisher noch unsichtbaren Teil der Schöpfung Gottes als Haupt gesetzt sein. Wir finden dies auch im 21. Vers unseres Kapitels: „über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft“.
  • 3 In Kapitel 3, 14 wendet sich der Apostel an den „Vater“ unseres Herrn Jesus Christus.
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