In Christus gesegnet
Eine Auslegung zum Epheserbrief

Kapitel 3: Die Verkündigung des Ratschlusses Gottes

Im ersten Kapitel dieses Briefes hat Paulus den Inhalt des Ratschlusses Gottes bezüglich der Stellung des Herrn Jesus in der Herrlichkeit und der persönlichen und gemeinschaftlichen Segnungen ehemals verlorener Sünder vorgestellt, und im zweiten Kapitel hat er dessen Verwirklichung durch das Werk Christi für und an uns erläutert. Im dritten Kapitel kommt er nun zur Verkündigung dieses Ratschlusses.

Vers 1: Deshalb ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch, die Nationen –

Zur Zeit der Abfassung des Briefes befand Paulus sich in Rom als „Gefangener Christi Jesu“ (s. Kap. 6,20). Als er nach der Rückkehr von seiner dritten Missionsreise in Jerusalem war, wurde er von den Juden gefangen genommen, die es nicht ertragen konnten, dass einer aus ihrem Volk den Nationen das Evangelium der Gnade verkündigte und damit ihrer Meinung nach „gegen das Volk und das Gesetz und diese Stätte“ lehrte (Apg 21,28). Als er dann zu seiner Verteidigung vorbrachte, dass der verherrlichte Herr ihn gerade dazu berufen hatte, hatte er in ihren Augen sein eigenes Todesurteil gesprochen (Apg 22,21ff.). So begann die lange Gefangenschaft dieses treuen Dieners Christi, eine Gefangenschaft, die tatsächlich keinen anderen Grund hatte als den, dass er im Auftrag seines Herrn den Nationen den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt hatte, was – so weit wir aus dem Wort Gottes wissen – nirgends so ausführlich und vollständig erfolgt war wie in Ephesus (Apg 20,27).

Das Geheimnis des Christus (Kap. 3,2–13)

Die Verse 2–21 bilden wieder einen Einschub in der Gedankenführung dieses Briefes. Hier wird uns die „Verwaltung“, das heißt die Verkündigung und Verwirklichung des göttlichen Ratschlusses hinsichtlich der Versammlung als Leib Christi mitgeteilt.

Vers 2: (wenn ihr nämlich gehört habt von der Verwaltung der Gnade Gottes, die mir in Bezug auf euch gegeben ist,

Dem Apostel Paulus war eine ganz besondere Gnade gegeben worden. Er war nicht nur der erste (d. h. der größte) der Sünder, dem Gott Barmherzigkeit widerfahren ließ zum Vorbild für die, die an ihn glauben werden zum ewigen Leben (1. Tim 1,12–17), sondern er war auch ein auserwähltes Gefäß, dem der verherrlichte Herr das Geheimnis über Seine Versammlung mitteilte. Die Vergebung der Sünden durch den Glauben an den Herrn Jesus wurde schon vor der Bekehrung von Saulus von den anderen Aposteln gepredigt, und auch Paulus tat es. Aber nicht Petrus, der Apostel der Beschneidung, oder einer der anderen Apostel, sondern Paulus allein hatte auch den Auftrag, das „Geheimnis des Christus“ zu verkündigen, und zwar speziell den Nationen. So wurde er der Verwalter dieser besonderen Gnade Gottes in Bezug auf die Nationen.

Vers 3: Dass mir durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan worden ist – wie ich es zuvor in kurzem beschrieben habe,

Der Inhalt des Ratschlusses Gottes wird „das Geheimnis des Christus“ genannt (Vers 4). Die Bezeichnung „Geheimnis“ bedeutet nicht, dass es sich um etwas jetzt noch Unbekanntes handelt, sondern dass etwas bislang Verborgenes jetzt offenbart ist. Die Wahrheit über die Versammlung Gottes war kein Thema, über das die Propheten des Alten Testaments weissagten, sondern wurde erst im Neuen Testament offenbart. Die Empfänger dieser Offenbarung waren die „Apostel und Propheten“ der neutestamentlichen Zeit (vgl. Kap. 2,20; Röm 16,25. 26). In den Versen 22 und 23 von Kapitel 1 und den Versen 13–22 von Kapitel 2 hatte Paulus den Ephesern dieses Geheimnis bereits „in kurzem beschrieben“. Er war das vom Herrn auserwählte Instrument mit dem größten Verständnis dieses Geheimnisses, und er war auch in besonderer Weise dazu ausersehen, den Nationen dieses Geheimnis, in dem der unergründliche Reichtum des Christus zum Ausdruck kommt, zu verkündigen.

Verschiedene Einzelheiten fallen uns dabei auf:

  • Der „älteste“, in die Ewigkeit vor Grundlegung der Welt zurückgehende Plan Gottes wird im Wort Gottes als Letztes offenbart (vgl. Vers 9 und Kol 1,25.26).
  • Der Gegenstand dieses Geheimnisses ist nicht in erster Linie die Versammlung, sondern der verherrlichte Christus. Er ist das Haupt, die Versammlung Sein Leib.
  • Die Offenbarung des Geheimnisses erfolgt in wenigen, aber inhaltsreichen Worten. Während die Grundelemente der Wahrheit wie Buße und Vergebung der Sünden an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments ausführlich erklärt werden, setzt der Heilige Geist für das Verständnis des Geheimnisses des Christus eine geistliche Reife voraus, für die auch eine kurze Mitteilung verständlich ist.

Vers 4: Woran ihr beim Lesen merken könnt mein Verständnis in dem Geheimnis des Christus –,

Das Geheimnis des verherrlichten Christus im Himmel und Seiner Beziehung zur Versammlung wurde den Aposteln und Propheten des Neuen Testaments offenbart, aber Paulus hatte das größte Verständnis darüber, und nur er erhielt den Auftrag, es auch zu verkündigen, und zwar speziell den Nationen.

  • Dieses Geheimnis offenbart „den unergründlichen Reichtum des Christus“ und „die mannigfaltige Weisheit Gottes“ (Eph 3,8 und 10).
  • Der auf der Erde erniedrigte und verworfene Sohn des Menschen ist jetzt im Himmel und als Haupt über alles der Versammlung gegeben (Eph 1,22). Sie ist Sein Leib und zugleich die Fülle Dessen (d. h. was zu Seiner Vervollständigung nötig ist), der selbst einmal alles mit Seiner Herrlichkeit erfüllen wird.
  • Er, der am Ende Seines Erdenweges völlig allein war, ist in der Herrlichkeit nicht mehr allein, sondern besitzt einen Leib auf der Erde (Eph 3,6).
  • Der Leib Christi besteht aus erlösten Juden und Heiden. Alle irdischen Unterschiede, seien es die von Gott gegebenen zwischen Mann und Frau und dem Volk Israel und den Nationen, oder die von Menschen eingeführten Unterschiede wie der zwischen Sklaven und Freien, haben in diesem Leib keine Bedeutung oder Berechtigung, denn seine Glieder sind von neuem geborene Menschen und eins mit dem bereits verherrlichten Haupt im Himmel (Eph 2,11–16; 1. Kor 12,13; Gal 3,28; Kol 3,11).
  • Wenn der Leib sich auch noch auf der Erde befindet, ist doch sein eigentlicher Platz im Himmel, wo das Haupt sich schon befindet (Eph 5,27).
  • Alles hat seinen Ursprung in der Liebe Gottes, die alle Erkenntnis übersteigt, und dient zum Preis der Herrlichkeit Seiner Gnade (Eph 3,17. 19).

Vers 5: Das in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden ist, wie es jetzt offenbart worden ist seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist:

Gott, der Schöpfer aller Dinge, hatte diesen Ratschluss von Ewigkeit in Seinem Herzen. Aber der Ratschluss konnte nicht offenbart werden, bevor nicht das ebenfalls von Ewigkeit beschlossene Sühnungswerk Seines geliebten Sohnes am Kreuz von Golgatha vollbracht war. Danach konnte das Geheimnis des Christus den heiligen Aposteln und Propheten durch die Kraft des Heiligen Geistes mitgeteilt werden. Sie waren die vom verherrlichten Herrn dazu ausersehenen Werkzeuge, die gewaltige neue Wahrheit zu verkündigen und dadurch den Grund der Versammlung auf der Erde zu legen (vgl. Kap. 2,20), aber Paulus war außerdem dazu bestimmt, ihr ganzes Geheimnis mitzuteilen, wie er es in diesem Brief auch tut.

Die Beschäftigung mit diesen Tatsachen erfüllt das Herz mit Freude und Genugtuung. Unsere Gedanken werden nach oben gerichtet, und wir sinnen auf das, was droben ist, „wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes“ (Kol 3,2). Sind wir nicht ständig in Gefahr, vom Geist unserer materialistischen und auf das Diesseits ausgerichteten Zeit angesteckt zu werden und die himmlische Berufung der Gläubigen und der Versammlung aus dem Auge zu verlieren? Die Folgen sind Gleichgültigkeit im Blick auf die Gedanken des Herrn und Gleichförmigkeit mit der Welt um uns her. Doch der Herr möchte uns durch Sein Wort unseren wirklichen Reichtum und unsere wahre Berufung vor Augen stellen.

Vers 6: Dass die [aus den] Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium,

Nicht nur für das irdische Volk Gottes sind diese Segnungen bestimmt, sondern für alle Menschen. Doch bedeuten die Ausdrücke „Miterben“, „Miteinverleibte“ (eigentlich: Mit-Leib) und „Mitteilhaber der Verheißung“ nicht, dass die Nationen jetzt an den früheren Vorrechten des Volkes Israels teilhaben. Wie wir schon bei der Betrachtung von Kapitel 2,11–18 gesehen haben, sind sowohl die Gläubigen aus den Juden als auch aus den Nationen aus ihrer früheren Stellung herausgenommen worden. Beide Gruppen werden gleichermaßen Miterben Christi im Tausendjährigen Reich sein (vgl. Kap. 1,11), beide gehören zu dem einen Leib Christi und beide haben Anteil an der Verheißung Gottes – nicht an den alttestamentlichen Verheißungen an das irdische Volk Israel, sondern an „der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium“, nämlich der Verheißung des ewigen Lebens (Tit 1,2).

In der Zeit des Alten Testaments war Israel das auserwählte und gesegnete irdische Volk Gottes. Die Propheten jener Zeit haben zwar von Segnungen gesprochen, die die Nationen im Tausendjährigen Reich empfangen werden. Doch auch dann wird Israel das auserwählte Volk sein, und Jerusalem der Mittelpunkt, von wo die Segnungen für die Nationen ausgehen werden (Jes 19,23–25; Sach 14,16–21). Aber ebenso wenig wie in der Vergangenheit werden die Nationen in jener noch zukünftigen Zeit auf eine Stufe mit dem Volk Israel gestellt werden, und noch weniger kann von einer Vereinigung zu einem Leib die Rede sein.

In der jetzigen Zeit, in der der Herr Jesus Seine Versammlung bildet, ist es jedoch ganz anders. Die Versammlung, die aus allen besteht, die an Ihn, den jetzt verworfenen, aber im Himmel zur Rechten Gottes verherrlichten Erretter glauben, ist eine neue, himmlische Körperschaft mit himmlischen Segnungen und einer himmlischen Berufung. In ihr sind alle Unterschiede des alten Menschen beseitigt, und sie bildet einen Leib, von dem Christus das bereits verherrlichte Haupt ist.

Vers 7: Dessen Diener ich geworden bin nach der Gabe der Gnade Gottes, die mir gegeben ist nach der Wirksamkeit seiner Kraft.

Hier nennt Paulus sich nur Diener des Evangeliums, wie auch in Kolosser 1,23, obwohl er dort hinzufügt, dass er auch Diener der Versammlung ist (Kol 1,24f.). In Anbetracht der Tatsache, dass das Wort „Evangelium“ wesentlich mehr beinhalten kann als nur die Botschaft der Sündenvergebung und der ewigen Errettung für den einzelnen Sünder, scheint der Apostel hier Evangelium in umfassenderer Bedeutung zu meinen, in der alle Segnungen des Christentums eingeschlossen sind, denn diese sind ja auch eine ‚gute Botschaft'. Diener des Evangeliums konnte er nur durch die Gnade Gottes sein, die ihm zu diesem Zweck zuteil geworden war (vgl. 1. Kor 15,10; 1. Pet 4,11). Es war jedoch nicht nur die Gnade Gottes, sondern auch Seine Kraft, die ihn zu diesem Dienst befähigte. Denn von sich aus war er dazu unfähig, wie der folgende Vers unterstreicht.

Verse 8 und 9: Mir, dem allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Nationen den unergründlichen Reichtum des Christus zu verkündigen und alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses [sei], das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott, der alle [Dinge] geschaffen hat;

Im Licht Gottes sah Paulus, auf was für einem schrecklichen Irrweg er sich befand, als er die Versammlung verfolgte (vgl. 1. Kor 15,9; 1. Tim 1,13. 15). Doch durch Gottes Gnade war er dazu berufen worden, als Apostel der Nationen den Heidenvölkern das Evangelium und den dadurch Erretteten den ganzen Ratschluss Gottes, ja, den unergründlichen Reichtum des Christus zu verkündigen. Er tat dies in aufopfernder Hingabe, immer im Bewusstsein der Gnade, die ihm selbst zuteil geworden war, und immer mit dem Wunsch, so viele wie möglich in den Genuss der wunderbaren Gnade Gottes zu bringen.

Hier erklärt Paulus nochmals, dass das Geheimnis in der Zeit des Alten Testaments noch nicht bekannt war. Es war noch verborgen in Gott und keineswegs in den Schriften offenbart. Aber jetzt, wo es ihm enthüllt worden ist, wünscht er, dass alle dieses Geheimnis kennen lernen möchten. Sein Herz ist davon erfüllt, und sein Leben ihm geweiht. Möchten auch wir es besser verstehen! Viele Gläubige geben sich mit einem Zustand zufrieden, der sich kaum von dem der alttestamentlichen Gläubigen unterscheidet. Wie viele verstehen kaum etwas von wahrem Christentum und dem wirklichen Wesen der Versammlung Gottes! Wie wenige kennen die Heilsgewissheit, die wahre christliche Freude und die geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern! Daher gibt es so viel Seufzen und Klagen, aber auch so viel irdische und weltliche Gesinnung. Möchten unsere Augen und Herzen mehr für den unergründlichen Reichtum des Christus geöffnet sein!

Verse 10 und 11: Damit jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen [Örtern] durch die Versammlung kundgetan werde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach [dem] ewigen Vorsatz, den er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn;

Nicht nur wird jetzt verlorenen Sündern das Evangelium der Gnade gebracht und nicht nur werden Erlöste in den Reichtum des Geheimnisses des Christus eingeführt, sondern auch „den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern [wird] durch die Versammlung kundgetan die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz, den er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn“. Die himmlischen Wesen und Mächte waren Zeugen der Schöpfung (Hiob 38,7), der Gesetzgebung am Sinai (Gal 3,19), des Weges des Sohnes Gottes von der Krippe bis zu Seiner Himmelfahrt (Lk 2,13; 22,43; 24,4; Apg 1,10; vgl. 1. Tim 3,16). Sie sind auch staunende Bewunderer der Weisheit – vor allem aber der jede menschliche Erkenntnis übersteigenden Liebe – Gottes, die sich in der Versammlung offenbart, die Er sich erkauft hat durch das Blut Seines eigenen Sohnes. Wenn diese erhabenen himmlischen Geschöpfe die Weisheit und Liebe Gottes anschauen wollen, müssen sie ihren Blick auf die Erde richten und uns betrachten! Welche Gnade, aber auch welche Verantwortung für uns! Wie wenig hat die Versammlung diesem Gedanken Gottes entsprochen! Anstatt sich als die von Ihm gewollte Einheit zu offenbaren, ist sie zerrissen und zum Teil mit der Welt vereinigt. Doch wie groß auch die Verirrungen der Christen sein mögen, Gott wird doch Seinen ewigen Vorsatz, den Er in Christus Jesus gefasst hat, vollenden. Einmal wird die Versammlung ohne Flecken und Runzel, heilig und tadellos vor Christus stehen und Seine Macht und Herrschaft mit Ihm teilen.

Vers 12: In welchem wir die Freimütigkeit haben und [den] Zugang in Zuversicht durch den Glauben an ihn.

Während Engel in die Wege Gottes mit Seinem Sohn „hineinzuschauen begehren“ (1. Pet 1,12), dürfen diejenigen, die an Ihn glauben, mit Freimütigkeit und Zuversicht von dem ihnen eröffneten Zugang zu dem heiligen Gott Gebrauch machen! Schon in Kapitel 2,18 hatte Paulus das große Vorrecht der Gläubigen erwähnt, durch den Heiligen Geist Zugang zum Vater zu besitzen. Der Herr Jesus hat jedoch denen, die an Ihn glauben, nicht nur den Weg zum Vater geebnet (Joh 14,6), sondern ihnen auch die Zuversicht geschenkt, um freimütig davon Gebrauch zu machen. Wir besitzen nicht nur Frieden mit Gott, sondern auch die Freimütigkeit, mit Ihm zu reden und Ihm alles zu sagen, ja, vertrauensvoll mit Ihm umzugehen, wie ein Sohn mit seinem Vater. Zeigt uns dies nicht, dass alles, was uns im Wort Gottes mitgeteilt wird, auch die erhabensten Offenbarungen, dazu dienen sollen, uns inniger mit Ihm zu verbinden und uns das Vorrecht der Gemeinschaft mit Ihm größer zu machen?

Vers 13: Deshalb bitte ich, nicht mutlos zu werden durch meine Drangsale für euch, die eure Ehre sind.

Sein treues Bekenntnis zu dem verherrlichten Christus hatte den Apostel Paulus ins Gefängnis geführt. Wenn die Gläubigen, an die er schrieb, sahen, welche Konsequenzen seine Verkündigung für ihn selbst gehabt hatte, konnten sie mutlos werden. Vor solcher Mutlosigkeit möchte er sie warnen, aber er begnügt sich nicht damit. Er weist sie darauf hin, dass die Drangsale, in denen er sich um des Evangeliums willen befand, ihn durchaus nicht mutlos machten, sondern eher ein Anlass zur Freude waren (vgl. 2. Kor 12,10; 1. Pet 4,13). Da der Heilige Geist die Gläubigen nicht nur mit Christus, dem Haupt, sondern auch miteinander verbunden hat, dienten die Trübsale von Paulus nicht nur zu seiner eigenen, sondern auch zu ihrer Ehre. Als Glieder des einen Leibes sind sie sowohl im Segen als auch im Leiden auf das Innigste verbunden.

Das Gebet des Paulus (Kap. 3,14–21)

Paulus richtet seinen Blick wieder aufwärts zum Gebet. Im Anschluss an das Gebet zu „dem Gott unseres Herrn Jesus Christus“ in Kapitel 1,15–23 hat er im Wesentlichen von der Weisheit und dem Ratschluss Gottes gesprochen. Das nun folgende Gebet beschließt diesen erhabenen Teil des Briefes und leitet zugleich zum zweiten, praktischen Teil über, der mit Kapitel 4 beginnt.

Der Zweck des ersten Gebets war, unsere Aufmerksamkeit auf die unumschränkte Herrlichkeit und Macht zu richten, die Christus von Gott empfangen hat, und die wir mit Ihm teilen werden. Der Zweck des zweiten Gebets ist, uns dahin zu bringen, die Liebe zu genießen, die wir in Ihm kennen gelernt haben. Die Liebe, die uns die Herrlichkeit geschenkt hat, ist größer als die Herrlichkeit (vgl. Joh 17,24).

Vers 14: Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus,

Nun wendet Paulus sich an den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Während der Name „Gott“ von Majestät und Herrlichkeit spricht, zeigt uns die Bezeichnung „Vater“ Seine Liebe. Er hat nicht nur Seinen Sohn vor Grundlegung der Welt geliebt, sondern Seine Liebe zu Ihm auch als Mensch mehrfach bezeugt (Joh 17,24; Mt 3,17; 17,5), im höchsten Maß jedoch durch Seine Auferweckung und Seine Verherrlichung zu Seiner Rechten. In dieser Stellung, die unser Herr Jesus Christus als verherrlichter Mensch vor Seinem Gott und Vater einnimmt, sind alle, die an Ihn glauben, auf Grund des Erlösungswerkes mit Ihm einsgemacht. Der Vater liebt uns so, wie Er Seinen Sohn liebt! Diese Liebe des Vaters ist noch herrlicher als Seine Macht, die der Gegenstand des ersten Gebetes von Paulus war.

Vor Ihm, „dem Vater unseres Herrn Jesus Christus“, beugt Paulus nun seine Knie.

Vers 15: Von dem jede Familie in [den] Himmeln und auf [der] Erde benannt wird,

Der Vater unseres Herrn Jesus Christus ist zugleich Derjenige, der über allem und allen steht (vgl. Kap. 4,6). Jede Familie in den Himmeln und auf der Erde kennt und benennt Er, seien es die Engel oder die Menschen, seien es die Gläubigen des Alten Bundes, der jetzigen Gnadenzeit oder der zukünftigen Drangsalszeit und des Tausendjährigen Reiches. Mit ihnen allen hat Er Seine Pläne und Absichten, doch in ganz besonderer Weise offenbart sich Seine Herrlichkeit in Seinem Ratschluss bezüglich Christus, Seinen Erlösten und Seiner Versammlung (Kap. 1,6. 12. 14; 3,16). Wenn wir auch im Rahmen dieser Offenbarung der Herrlichkeit Gottes den höchsten Platz einnehmen und auf das Innigste mit Dem verbunden sind, der im Mittelpunkt der Ratschlüsse Gottes steht, haben wir es gleichwohl mit einem Vater zu tun, der der Ursprung von allem ist. Alle „Familien“ stehen zu dem Vater unseres Herrn Jesus Christus in einer besonderen Beziehung, weil sie durch Ihn dazu bestimmt sind, entsprechend ihrer Stellung dem Sohn Lob und Ehre darzubringen.

Vers 16: Damit er euch gebe, nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen;

Zunächst ist es erforderlich, durch den in uns wohnenden Heiligen Geist mit der täglich notwendigen Kraft gestärkt zu werden an dem „inneren Menschen“. Der Maßstab dieser Stärkung ist der Reichtum Seiner Herrlichkeit, die Er in diesem Brief besonders vor uns entfaltet (vgl. Kap. 1,18). Der innere Mensch ist nicht einfach im Gegensatz zum äußeren (d. h. dem menschlichen Körper) zu sehen, sondern bezeichnet wie in Römer 7,22 und in 2. Korinther 4,16 das neue Leben, die neue Natur im Gläubigen, oder auch den neuen Menschen (vgl. Eph 4,23. 24; Kol 3,10). Hier geht es um die praktische Wirksamkeit derselben göttlichen Kraft Gottes in uns, die sich in Kapitel 1,19 an uns und in Kapitel 6,10 durch uns erweist.

Vers 17: Dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid,

Hier haben wir den herrlichen und erhabenen Gegenstand dieses Gebets: Christus, der verherrlichte Mensch zur Rechten Gottes als Erfüller Seines ganzen Ratschlusses und als Gegenstand Seines Wohlgefallens. Er ist das Zentrum von allem – und Er soll durch den Glauben Seinen dauernden Wohnsitz in den Herzen der Erlösten haben (vgl. Kol 1,27)! Hier geht es nicht mehr um Segnungen, sondern um Denjenigen, in dem alle Segnungen zu uns kommen!

Damit Er in unseren Herzen wohnen kann, benötigen wir das feste, wie ein Baum gewurzelte und wie ein Gebäude gegründete Bewusstsein der Liebe des Vaters zu den Seinigen, das sich in der Liebe zu Ihm und zu den Geschwistern sowie in der daraus resultierenden praktischen Gemeinschaft äußert. Dies ist sehr wichtig. Der Christ ist kein Einzelgänger, sondern wie gerade der Epheserbrief zeigt, Glied eines geistlichen Leibes, dessen Haupt Christus in der Herrlichkeit ist.

Vers 18: Damit ihr völlig zu erfassen vermöget mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Höhe und Tiefe sei,

Die Breite, Länge, Höhe und Tiefe des ganzen Ratschlusses Gottes in Christus für die Seinigen kann ein einzelner Gläubiger allein gar nicht ganz erfassen, denn zum Verständnis der Einheit des Leibes und zum Genuss der Gemeinschaft brauchen wir die übrigen Heiligen, weil es sich um kollektive und korporative geistliche Segnungen handelt. Die Breite weist auf die Tatsache hin, dass in der Versammlung kein Unterschied mehr zwischen Israel und den Nationen besteht; alle Menschen sind durch das Evangelium angesprochen. Auch die Länge des Ratschlusses steht im Gegensatz zu den Gedanken Gottes mit Seinem irdischen Volk Israel, das von Grundlegung der Welt an und nur für die Zeit auf der Erde erwählt ist, nicht für die Ewigkeit wie die Erlösten der jetzigen Zeit, die schon vor Grundlegung der Welt auserwählt sind, und zwar für alle Ewigkeit. Mit der Höhe werden wir auf den Platz hingewiesen, den der Herr Jesus jetzt schon zur Rechten einnimmt, aber auch auf das Haus des Vaters, in das Er uns bei Seinem Kommen heimholen wird. Könnte es einen höheren Platz geben, als bei Gott zu sein? Schließlich stehen wir auch vor der unergründlichen Tiefe, zu der der Herr Jesus, der Sohn Gottes, sich erniedrigen musste, um uns, die in der Tiefe der Sünde gefangen lagen, zu befreien. Dazu musste Er Mensch werden, ein gehorsamer Knecht Gottes sein und endlich am Kreuz durch Seinen Tod den Tiefpunkt der Erniedrigung und Schwachheit erreichen (Phil 2,6–8; Eph 4,9).

Die Liebe des Christus

Vers 19: Und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt sein möget zu der ganzen Fülle Gottes.

Nicht nur dies, sondern auch die Liebe des Christus zu uns, den Seinigen (wie auch zum Vater), übersteigt unser Erkenntnisvermögen. Und doch dürfen wir uns immer wieder von neuem, ja ständig, damit beschäftigen. Dass es mehr und mehr der Fall sein möge, ist der Wunsch des Apostels, damit wir erfüllt sein mögen „zu der ganzen Fülle Gottes“. Die Präposition „zu“ mag zunächst auffällig erscheinen, wird aber bei einigem Nachsinnen verständlich. Niemals können Menschen mit der ganzen Fülle Gottes erfüllt sein. Nur in Einem wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, in dem Menschen Christus Jesus (Kol 1,19; 2,9). Aber wenn wir durch den Glauben auch neues, göttliches Leben empfangen haben, so bleiben wir doch immer endliche Geschöpfe. Das Erfülltsein „zu der ganzen Fülle Gottes“ zeigt jedoch die Richtung an, so wie ein Gefäß, das in das Wasser des Ozeans eingetaucht wird, davon vollkommen gefüllt wird und doch nur einen winzigen Teil davon erfassen kann!

Verse 20 und 21: Dem aber, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als was wir erbitten oder erdenken, nach der Kraft, die in uns wirkt, ihm [sei] die Herrlichkeit in der Versammlung in Christus Jesus auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter hin! Amen.)

Mit einer Doxologie (d. h. einem Lobpreis) beschließt Paulus den ersten, lehrmäßigen Teil des Briefes. Er richtet sie an den, „der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als was wir erbitten oder erdenken“. Unser Glaube und unsere Gebete mögen schwach sein, doch unser Gott und Vater ist nicht nur allmächtig, sondern stellt Seine Allmacht auch in unserem Glaubensleben unter Beweis. Seine Macht kennt keine Grenzen! Er hat Seine Kraft bereits an uns erwiesen, als Er uns aus dem Tod zum Leben geführt und mit Christus auferweckt hat (Kap. 1,19; 2,5. 6). Diese Kraft wirkt nun auch in uns durch den Heiligen Geist, den wir empfangen haben. Je mehr wir unser Leben Ihm praktisch ausliefern, desto mehr kann diese göttliche Kraft in uns wirken!

Doch das Lob, das Ihm gebracht wird, soll kein persönliches bleiben, sondern ein gemeinschaftliches Lob „in der Versammlung“ sein. Die Versammlung entsprechend dem Ratschluss Gottes ist der herausragende Gegenstand dieses Briefes (Kap. 1,22; 3,10; 5,23. 25ff. 32). Wie wir viele unserer Segnungen nur gemeinsam erfassen und genießen können, so ist auch unser Lob und unsere Anbetung für Ihn in der Versammlung, in deren Mitte Er wohnt, für uns das Höchste und für Ihn das Wohlgefälligste. Jetzt dürfen wir damit beginnen und es in alle Ewigkeit fortsetzen (vgl. Off 5,14).

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